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Author Topic: "Katar ist mein Knast."  (Read 597 times)

KarlMartell

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"Katar ist mein Knast."
« on: October 06, 2013, 09:26:30 am »
FUSSBALL

König und Knecht


Katar, Gastgeber der Weltmeisterschaft 2022, lockt mit viel Geld Spieler und Trainer
ins Land. Auch Zahir Belounis, Stéphane Morello und Abdeslam
Ouaddou sind in das Emirat gegangen. Nun erleben sie einen Alptraum.

Zahir Belounis sitzt in seinem Haus
in Katar auf dem Sofa und überlegt,
ob es nicht vernünftig wäre, sich
umzubringen.
„Ich liege oft nachts im Bett und heule.
Heule wie ein Mädchen. Ich denke dann,
Selbstmord ist die einzige Möglichkeit für
mich, die Sache zu beenden. Dass es keinen
anderen Weg gibt, um frei zu sein.“
Grundlos lächelt er. Belounis wohnt
jenseits der Wolkenkratzer von Doha,
nahe der Landmark Shopping-Mall, es ist
Ende September, früh um elf, und das
Thermometer zeigt bereits 40 Grad. Zahir
Belounis ist Franzose, 33 Jahre alt und
Fußballprofi, ein Stürmer, er hat in der
Schweiz gespielt, dritte Liga.
Vor sechs Jahren ist er nach Katar gekommen,
auf die öde Halbinsel am Persischen
Golf, in das reichste Land der Welt,
Gastgeber der Weltmeisterschaft 2022.
„Ich dachte damals, ich hätte den Jackpot
gewonnen. Heute stehe ich vor dem
Nichts. Mein Leben ist ruiniert.“
Er hält die Hände zwischen den Knien,
seine Pupillen wandern umher wie Suchscheinwerfer,
er ist unrasiert, die Wangen
sind eingefallen, das Gesicht eines verzweifelten
Mannes. Auf dem Tisch vor
ihm liegen Briefe, Akten, Urkunden.
Belounis zeigt seinen Vertrag, abgeschlossen
mit dem Verein der katarischen
Armee, als Berufsfußballer im Rang eines
Senior Civil Technician, eines leitenden
Technikers. Unterschrieben hat er für fünf
Jahre, der Vertrag endet am 30. Juni 2015.
Ihm stehen 24 400 Rial im Monat zu, umgerechnet
macht das 4950 Euro.
Es findet sich auf den vier Seiten keine
kleingedruckte Zeile, es gibt keine Lücke,
keine Stolperfalle, trotzdem hat er seit
27 Monaten kein Geld bekommen.
„Ich bin kein berühmter Spieler, ich
bin nicht reich. Freunde aus Frankreich
überweisen mir Geld, damit wir über die
Runden kommen. Meine Ersparnisse sind
in fünf, sechs Monaten aufgebraucht.
Keine Ahnung, wie es dann weitergehen
soll.“
Er würde gern mit seiner Frau und den
Kindern ins nächste Flugzeug steigen und
sich einen neuen Verein suchen, aber dieser
Weg ist versperrt. In Katar gilt das
Kafala-System, jeder Gastarbeiter hat einen
Bürgen, in der Regel ist das der Arbeitgeber,
und ohne dessen Zustimmung
darf er nicht aus dem Land.
Belounis bekommt kein Ausreisevisum,
sein Club lässt ihn nicht ziehen.
Er hantiert an seinem Mobiltelefon
her um, er wartet
auf einen Anruf von der französischen
Konsulin, vom Anwalt,
irgendwer muss ihm
doch helfen können. Das
Handy bleibt stumm.
„Ich bin hier gefangen“,
sagt Belounis. „Katar ist
mein Knast.“
Katar inszeniert sich gern
als aufgeklärte Monarchie,
als Land, in dem Tradition
auf Moderne trifft, das sich
als Sportnation einen Namen
machen möchte. Bis zur Weltmeisterschaft
in neun Jahren
will das Emirat weit über 100
Milliarden Euro investieren
für Straßen, Hotels, Stadien.
Es ist ein Trugbild, das da
in der Wüste flimmert. Katar
ist ein Staat von 300000 wohlhabenden
Bürgern und 1,7
Millionen Immigranten, die
die Arbeit machen. Vergangene Woche
veröffentlichte die britische Zeitung
„Guardian“, dass 70 Nepalesen seit Anfang
2012 starben, weil sie auf den Baustellen
schuften mussten wie Sklaven.
Und nach Angaben von Human Rights
Watch sitzen sieben Europäer und Amerikaner
gegen ihren Willen in Katar fest.
Einer von ihnen ist Zahir Belounis, der
Fußballer.
Freitags und samstags spielt die Qatar
Stars League, eine Liga mit 14 Mannschaften.
Vier Ausländer dürfen für jedes Team
auf dem Platz stehen, häufig sind es verglühende
Sterne aus Europa und Südamerika,
die sich noch mal die Taschen vollmachen.
Der Spanier Raúl ist gerade die
große Nummer, sechs Millionen Euro soll
er im Jahr verdienen.
Raúl wird in Katar hofiert wie ein König.
Belounis gedemütigt wie ein Knecht.
Er hat für den Armee-Club in der zweiten
Liga gespielt, nach drei Jahren unterschrieb
er seinen aktuellen Vertrag, der
Verein mietete ihm ein Haus und stellte
ein Auto vor die Tür. Er war Kapitän und
führte seine Mannschaft in der Saison
2010/11 zum Aufstieg.
Belounis räuspert sich, blickt zu Boden.
„Dann fing der Alptraum an“, sagt er.
Für die erste Liga wurde sein Club neu
gegründet, er heißt al-Dschaisch. Belounis
sagt, er habe in der Saisonpause im
Internet gelesen, dass zwei neue Spieler
verpflichtet werden sollen, ein Brasilianer
und ein Algerier. „Ich dachte: Hey, wir
werden eine gute Truppe sein.“ Aber
dann habe ihn der Manager zu sich gerufen
und gesagt, man brauche ihn nicht
mehr, er müsse den Verein wechseln, für
ein Jahr zurück in die zweite Liga.
„Ich war enttäuscht. Aber ich habe mitgemacht.
Weil er garantiert hat, mein Vertrag
bleibe gültig. Er hat mir versprochen,
mein Gehalt zu übernehmen, obwohl ich
woanders spiele. Er hat gelogen.“ Jeden
Monat habe er auf sein Geld gewartet,
jede Woche bei al-Dschaisch angerufen,
stundenlang auf der Geschäftsstelle ausgeharrt.
Nichts geschah.
Vergangenen Oktober hat sich Belounis
einen Anwalt genommen, und im
Fe bruar hat er vor dem Verwaltungs -
gericht in Doha geklagt, Fall 47/2013. Er
verlangt unter anderem eine Entschädigung
in Höhe von 364 350 Rial, das sind
74000 Euro. Für diese Summe würde Raúl
sich wahrscheinlich nicht die Stutzen
hochziehen.
„Ich habe nichts Böses getan“, sagt Belounis.
„Nichts, nichts, nichts. Ich verlange
nur das, was mir zusteht.“
Wenn Belounis spricht, überschlagen
sich seine Worte hin und wieder, und im
nächsten Augenblick bricht seine Stimme
weg. Der Generalsekretär des Clubs habe
gesagt, er bekomme sein Ausreisevisum
erst, wenn er die Klage fallen lasse. Man
habe ihm ein Schreiben zur Unterschrift
vorgelegt, in dem es hieß, er, Zahir Belounis,
kündige seinen Vertrag. Wenn er
kündigt, muss der Verein ihn nicht auszahlen.
Der Club habe ihm sein Auto abgenommen
und vor vier Wochen ausrichten lassen,
er müsse bald 4000 Euro im Monat
für das Haus bezahlen. „Wie soll das gehen?
Die wollen mich weichkochen.“
Belounis hat die französische Botschaft
eingeschaltet, und er wollte in einen Hungerstreik
treten, aber davon hat ihm sein
Anwalt abgeraten. Er hat sogar den französischen
Präsidenten um Hilfe gebeten,
er traf François Hollande für 20 Minuten,
als der im Juni in Katar eine Schule einweihte.
„Der Präsident meinte, ich solle
stark bleiben. Er meinte, er werde schon
eine Lösung finden. Es ist nichts passiert.“
Seit einem Jahr hat Zahir
Belounis nicht mehr Fußball
gespielt, zuerst hat er sich
noch fit gehalten, aber das
macht er jetzt nicht mehr. Er
schläft lange, zieht die Vorhänge
im Haus selten auf, er
guckt viel fern und hat angefangen
zu rauchen, 20 Zigaretten
am Tag.
Er steht auf, nimmt den
Wagen seiner Frau und fährt
ins Zentrum zu Stéphane Morello,
einem der wenigen
Freunde, die ihm geblieben
sind. Die zwei wollen besprechen,
was sie als Nächstes unternehmen
in ihrem Kampf
um Gerechtigkeit.
Auch Morello ist Franzose,
51 Jahre alt, im Mai 2007 ist
er in Doha eingetroffen, am
2. August verpflichtet ihn das
Nationale Olympische Komitee
als Trainer des SC al-
Schahanija, die Mannschaft spielte in der
zweiten Liga. 11 280 Rial im Monat, 2285
Euro, Taschengeld in Katar. Seit drei Jahren
versucht er, Katar zu verlassen.
In seinem Haus müsste dringend jemand
Staub wischen, im Wohnzimmer
hängt Picassos „Guernica“ schief an der
Wand. Stéphane Morello trägt einen Anzug
aus Leinen, er raucht Kette. „Die Katarer
– das ist die reinste Mafia“, sagt er.
Sein Vertrag mit dem Olympischen Komitee
galt nur für ein Jahr, verlängerte
sich aber automatisch immer wieder um
ein Jahr, wenn keine Partei spätestens 30
Tage vor Ablauf gekündigt hatte.
Nach dem ersten Jahr wechselte Morello
den Verein, das Olympische Komitee
Katars vermittelte ihn an al-Schamal,
einen Absteiger aus der Qatar Stars League.
Am 22. Oktober 2008 fing er an, am
7. Januar 2009 feuerte ihn der Club. Der
Club, nicht das Olympische Komitee, sein
eigentlicher Arbeitgeber.
Morello bat das Komitee, einen neuen
Club für ihn zu suchen; er forderte es auf,
sein restliches Gehalt auszuzahlen, aber
es war wie in einer Geschichte von Franz
Kafka: Man schickte ihn von einem Büro
in das andere und wieder zurück. Keiner
fühlte sich zuständig.
Am 27. Juni 2010 war seine Geduld am
Ende, er kündigte von sich aus den Vertrag
nach Artikel 51 des Arbeitsgesetzes
und verlangte vom Generalsekretär des
Olympischen Komitees, in den nächsten
14 Tagen ausreisen zu können. Er bekam
keine Genehmigung.
Mittlerweile unterrichtet Stéphane Morello
an einer Grundschule 25 Stunden
pro Woche Französisch und Mathematik,
„mehr oder weniger illegal“, wie er sagt.
„Ich weiß nicht, warum Katar mir das antut“,
sagt er. „Ich weiß nur, dass ich in
die Heimat zurückmöchte.“
Dabei soll ihm ein Marokkaner helfen,
der in einer ähnlichen Lage war, es aber
geschafft hat, aus Katar rauszukommen.
Abdeslam Ouaddou läuft über die Place
Stanislas in Nancy, am 21. November 2012
ist er zurückgekommen aus Katar. „Ein
barbarisches Land. Nie wieder werde ich
dort einen Fuß auf den Boden setzen“,
sagt er. „Wenn Katar die WM austragen
darf, wird es eine WM der Sklaven händler
sein. Eine WM der Schande.“
Sein Fall liegt beim Weltverband des
Fußballs, bei der Fifa, Referenznummer
12-02884/mis.
Ouaddou hat einen geschorenen Kopf,
ist dünn wie ein Strich und komplett in
Schwarz gekleidet. 68 Spiele für die Nationalmannschaft
hat er gemacht, als Verteidiger,
er hat in England für den FC Fulham
gespielt und mit Olympiakos Piräus
in der Champions League.
Im Juli 2010 wechselte er zum SC Lachwija
nach Katar, sofort in der ersten Saison
gewann der Club die Meisterschaft, und
Ouaddou war es auch, der die Trophäe
überreicht bekam. Dennoch musste er danach
zum SC Katar wechseln; ohne Ablösesumme,
ohne Leihgebühr. Und ohne Mitspracherecht.
Ouaddou wollte nicht gehen,
aber der Manager sagte ihm, es sei der ausdrückliche
Wunsch des Prinzen, und der
Wunsch des Prinzen sei nicht verhandelbar.
Sein Vertrag galt noch zwei Jahre, aber
schon nach der ersten Saison beim SC
Katar sortierte man ihn aus. Ouaddou
weigerte sich, einen Auflösungsvertrag
zu unterzeichnen, weil er in Form war,
weil er spielen wollte. Als erste Maßnahme
suspendierte die Clubführung ihn
vom Mannschaftstraining.
Dann strich sie Ouaddou aus dem Kader,
er bekam kein Trikot. Als sich die
übrigen Spieler und die Vereinsoberen
zum Mannschaftsfoto versammelten, stellte
er sich demonstrativ dazu, in T-Shirt,
breitbeinig, die Hände in den Hüften; als
Zeichen, dass er sich nicht unterkriegen
lässt. Die Funktionäre tragen weiße Gewänder
und lachen.
Ouaddou wollte ausreisen, bekam aber
kein Visum. Am 27. September schaltete
er die Fifa ein, aber erst als er ankündigte,
an die Öffentlichkeit zu gehen, gab der
Club nach. „Der Generalaufseher des
Clubs hat etwas zu mir gesagt, das ich
nie vergessen werde: Ouaddou, du bekommst
dein Visum, aber ich verspreche
dir, es wird fünf oder sechs Jahre dauern,
bis die Fifa ein Urteil in deiner Angelegenheit
fällen wird. Wir haben in der Fifa
großen Einfluss.“
Abdeslam Ouaddou zuckt mit den
Schultern, läuft durch Nancy und wartet.
Ein Jahresgehalt steht noch aus; vorletzten
Dienstag hat ihm die Fifa ein Fax geschickt,
es heißt, die Ermittlungen seien
beendet, immerhin das.
Er sagt, er habe Belounis geraten, auch
die Fifa einzuschalten, wisse aber nicht,
ob es ihm nütze. „Mein Name hat mich
gerettet. Ich konnte weg, weil ich ein bekannter
Spieler bin. Zahir ist das nicht.“
Ouaddou hat keinen neuen Verein gefunden,
er unterstützt nun den Internationalen
Gewerkschaftsbund. In dieser
Woche wird er in Wien am „Welttag für
menschenwürdige Arbeit“ eine Rede halten,
wird über „moderne Sklaverei in Katar“
sprechen. Er setzt sich auch für die
Kampagne „Re-run the vote“ ein, die erreichen
will, dass die Fifa die WM 2022
neu vergibt.
Sein BlackBerry klingelt, aber Ouaddou
geht nicht ran. Er sagt, er erhalte
Drohanrufe, die Nummer sei stets unterdrückt,
und jemand warne ihn davor,
Stimmung gegen Katar zu machen, sonst
kriege man ihn. Zwei- oder dreimal die
Woche telefoniert er mit Zahir Belounis.
„Er ist depressiv. Ich versuche, ihn davon
abzuhalten, auf dumme Ideen zu kommen.“
Auch mit Stéphane Morello spricht
er regelmäßig.
An einem Freitagabend kurz vor Sonnenuntergang
soll Morello für ein Foto zur
Corniche von Doha kommen, aber er
taucht nicht auf. Stattdessen schickt er eine
SMS; er wolle sich nicht fotografieren lassen,
niemand müsse wissen, wie er aussehe.
Er habe Angst, er müsse sonst büßen.
Zahir Belounis erscheint pünktlich. Er
setzt sich auf eine Mauer, hinter ihm dümpeln
Daus auf dem Wasser, die Skyline
der Stadt flirrt, man hört das Rattern eines
Abbruchhammers.
„Katar hat die WM verdient – schreiben
Sie das“, sagt Belounis. „Schreiben
Sie das, bitte. Ich weiß nicht, wie lange
ich noch in diesem Land leben muss. Vielleicht
komme ich nie hier weg. Ich befürchte,
der Richter kriegt Druck vom
Scheich. Was wird dann aus mir? Aus meiner
Familie? Also, bitte, schreiben Sie es.“
Die katarische Fußball-Liga, die Vereine
und das Nationale Olympische Komitee
äußerten sich nicht zu den Fällen. Der
Fußball-Verband teilte mit, man habe
„den höchsten Respekt für jedes Individuum“.

MAIK GROSSEKATHÖFER

DER SPIEGEL 41/2013, S. 134-36

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KarlMartell

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Re: "Katar ist mein Knast."
« Reply #1 on: October 20, 2013, 11:52:13 am »
Der SPIEGEL berichtete …

… in Nr. 41/2013 „König und Knecht“
über einen französischen Fußballtrainer
und einen Spieler, die gegen ihren Willen
in Katar festgehalten werden.

Der 33-jährige Profi Zahir Belounis darf
Katar mit seiner Frau und den zwei
Kindern verlassen. Am Mittwoch soll er
von seinem Sponsor, dem Militärsport-
Verband, das notwendige Ausreisevisum
bekommen. Die französische Regierung
versucht zudem, auch den Fall des Trainers
Stéphane Morello zu lösen.

DER SPIEGEL 43/2013, S. 154