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Author Topic: 3 Grünhelme im Terroristengebiet entführt  (Read 706 times)

KarlMartell

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3 Grünhelme im Terroristengebiet entführt
« on: June 30, 2013, 11:10:03 am »
SYRIEN

Verschwunden im Norden

Drei deutsche Nothelfer
der Organisation „Grünhelme“
sind entführt worden –
Rebellen und Kollegen versuchen,
sie zu finden.

Die Entführer kamen nachts um
kurz vor drei. Sie kamen leise,
und offenbar bedrohten sie ihre
Opfer, die drei Männer der deutschen
Hilfsorganisation „Grünhelme“; denn die
blieben ebenfalls vollkommen still.
Und so bekam fast niemand etwas mit,
als die drei Deutschen Bernd Blechschmidt,
Simon Sauer und Ziad Nouri am
15. Mai aus einer Erdgeschosswohnung
in der nordsyrischen Stadt Harim entführt
wurden.
Nur einen Zeugen hatten die Geiselnehmer
übersehen: Amr al-Mraiati, syrischer
Kollege der drei, hörte verängstigt
aus einem Nebenzimmer alles mit. Irgendjemand
drückte mal die Klinke zu
seiner Tür herunter, brach aber dabei den
Plastikgriff ab. Er habe die Täter nur einmal
reden hören, so al-Mraiati, „als einer
sagte: ,Ich muss jetzt los!‘ und ein anderer
erwiderte, ,gut, dann geh!‘“
„Bislang hatten wir gehofft, unsere Mitarbeiter
zu finden und freizubekommen“,
sagt Rupert Neudeck, Gründer des Vereins
„Grünhelme e.V.“. Seine Nothelfer
bauen in Krisengebieten Krankenhäuser
und Schulen wieder auf. „Doch nachdem
alle Versuche fehlgeschlagen sind, appellieren
wir an die Bundesregierung, die
Uno, die EU, Einfluss auszuüben auf die
Freie Syrische Armee und die Exilopposi -
tion, damit die sich bemühen, unsere drei
wieder freizubekommen.“
Die Verwandten der Entführten wollen
nach zermürbenden Wochen der Hoffnungen
und Enttäuschungen ebenfalls
nicht länger warten: „Wir hatten und haben
volles Vertrauen in die deutschen Behörden,
aber leider erfahren wir so gut
wie nichts, was denn getan wird“, sagt
Sarah Nouri, die Tochter des Krankenhaus-
Experten Ziad Nouri, der gerade in
Syrien angekommen war und eigentlich
nur für wenige Wochen in Harim bleiben
sollte: „Wir hoffen, wir appellieren, aber
wir fühlen uns als Angehörige sehr hilflos,
wenn wir gar nicht wissen, welche Maßnahmen
ergriffen werden.“ Aus dem Auswärtigen
Amt heißt es, „der Krisenstab
ist mit dem Fall intensiv befasst“.
Schon im Herbst vergangenen Jahres
wagten sich die ersten Grünhelme in jene
verwüsteten Gebiete Nordsyriens, aus denen
Rebellen die Truppen des Regimes
vertrieben hatten. In der Kleinstadt Asas
richteten sie ein Krankenhaus wieder her.
Mitte März 2013 zogen sie weiter nach
Harim, direkt an der türkischen Grenze.
Sie errichteten einen Kindergarten, dann
fingen sie damit an, ein Krankenhaus aufzubauen.
„Alle dachten, Harim wäre relativ sicher,
weit entfernt von den Kämpfen“, so
Neudeck. Die irische Hilfsorganisation
„Goal“ hatte dort ein Büro eröffnet. Tage
vor der Entführung kontaktierte dann
auch die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“
die Grünhelme: Man würde ebenfalls
erwägen, nach Harim zu gehen.
Das Haus mitten in Harim, in dem die
Deutschen wohnten, gehört Bürgermeister
Abu Abdu. „Die Leute hier mochten
die Deutschen“, sagt Nachbar Rafian
Schaichu, „die haben mit uns Fußball gespielt,
wir haben für die gekocht und waren
froh, dass Hilfe kommt.“ Dass die
Gäste auch in der verhängnisvollen Nacht
die Türen nicht abgeschlossen hatten, sei
normal gewesen – „aber im Nachhinein
betrachtet war es ein Fehler“.
Harim war ruhig und trotzdem auf eine
tückische Art unsicher. Anders als in
Asas, dessen Bewohner früh gegen die
Assad-Diktatur protestierten, hatten sich
die Menschen in Harim herausgehalten.
Es gibt zwar eine Rebelleneinheit der
Freien Syrischen Armee (FSA), sie wird
vom Stadtrat versorgt und soll für Sicherheit
sorgen. Aber die FSA-Männer sind
vor allem mit dem Treibstoffschmuggel
über die türkische Grenze beschäftigt. Ein
Graffito im Zentrum parodiert die Revolutionsparolen:
„Diesel bis zum Sieg!“
Noch in der Nacht der Entführung fuhr
der alarmierte Bürgermeister Abu Abdu
zu den beiden Checkpoints der FSA –
aber die waren unbesetzt. Der Dorfchef
fragte Nachbarn, telefonierte FSA-Kommandeure
in den umliegenden Dörfern
ab. Ein Junge sagte, er habe gegen drei
Uhr einen silberfarbenen Pick-up in Richtung
Zentrum fahren sehen, von wo aus
Straßen in andere Richtungen abgehen.
Wochenlang suchten die syrischen Kollegen
der drei Helfer nach ihnen, ebenso
Kommandeure der lokalen Rebellengruppen.
Der Schlupfwinkel einer Schmugglergruppe
in den Bergen wurde durchsucht,
erfolglos. Eine Gruppe ausländischer
Dschihadisten wurde verdächtigt,
doch zwei Aussteiger gaben an, der Anführer
dort sei zwar brutal, halte aber
keine ausländischen Geiseln fest.
Die Kidnapper wussten offenbar sehr
genau, wo die Deutschen wohnten, obwohl
die erst einen Monat zuvor in das
Haus gezogen waren und kein Schild auf
die Grünhelme hinwies. Seit vergangenem
Herbst sind mehrfach Ausländer im
Norden nach exakt dem gleichen Muster
verschleppt worden: Immer gab es wohl
lokale Informanten, dann einen raschen
Zugriff – und anschließend verschwanden
die Opfer spurlos. Eine Macht, die Ausländer
an ganz verschiedenen Orten nach
demselben Muster verschleppen lassen
könnte, ist das Regime in Damaskus.
Aber dafür fehlen Beweise.
„Jetzt sind wir seit 47 Tagen ohne jedes
Lebenszeichen von den dreien“, sagt
Rupert Neudeck, „ich bin entsetzlich besorgt.“
HUBERT GUDE, CHRISTOPH REUTER

DER SPIEGEL 27/2013, S. 86

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