Author Topic: Disneyland für Dschihadisten  (Read 394 times)

KarlMartell

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Disneyland für Dschihadisten
« on: July 07, 2013, 09:51:53 am »
SYRIEN

Disneyland für Dschihadisten

Im ruhigen Norden sammeln sich die ausländischen Islamisten, die lieber „Counter-Strike“ spielen, als in den Krieg zu ziehen. Sie streiten sich, ob Rauchen erlaubt ist – und kämpfen eher gegeneinander als gegen das Regime.

Atmih sieht aus, als drehte hier jemand
gerade einen Qaida-Spielfilm:
Neuankömmlinge mit Rollkoffern
suchen ihre Emire, auf der Dorfstraße
sind Afrikaner und Asiaten zu
sehen, Männer mit schulterlangem Haar
in afghanischer Tracht führen ihre Ka -
lasch ni kows spazieren. Am Kebab-Stand
mischt sich ein Dialekt Nordenglands mit
arabischen Einsprengseln: „Subhanallah,
Bro, I asked for Ketchup.“ Russisch ist zu
hören, Aserbaidschanisch, der kehlige
Akzent der Saudi-Araber.
Das einst verschlafene Schmugglernest
direkt an der türkischen Grenze ist zum
Mekka für Dschihad-Reisende aus aller
Welt geworden. Vor einem Jahr trafen
SPIEGEL-Reporter hier einen der ersten
ausländischen Kämpfer in Syrien, einen
jungen Iraker, der sagte, er sei
gekommen, um die Diktatur
zu stürzen. Inzwischen haben
sich mehr als tausend Dschihadisten
in und um Atmih niedergelassen,
nirgendwo in Syrien
sind mehr auf so dichtem
Raum versammelt. Mitten im
Krieg haben die ausländischen Dschihadisten
ausgerechnet einen der ruhigsten
Flecken des Landes zu ihrem Zentrum
gemacht. Oder eben gerade deshalb.
Denn sind sie erst mal hier, wollen viele
von ihnen gar nicht mehr weg.
Das türkische Mobilnetz funktioniert
hervorragend, die Läden führen afghanische
Pakhul-Wollmützen, Qaida-Kappen
und knielange schwarze Hemden aus derbem
Stoff wie in den pakistanischen Stammesgebieten.
Neue Restaurants haben aufgemacht,
das Büro „International Contacts“
bucht Flüge, tauscht saudische Rial,
britische Pfund, Euro und Dollar. Die Apotheke
bietet „Miswak“ an: faserige Holzstäbchen
aus Pakistan, mit denen auch der
Prophet Mohammed seine Zähne geputzt
haben soll. Der Gebrauch erhöhe den
Wert des folgenden Gebets um
das 70fache, verspricht die Packungsaufschrift.
Weil all die Dschihadisten
nach Hause telefonieren, mailen
und chatten wollen, eröffnete
Mitte Juni das dritte Internetcafé.
Woraufhin der Besitzer
des ersten Cafés Qaida-Fahnen über
den Computern aufhängte, als Treuebekenntnis
für die Stammkundschaft. Seitdem
läuft das Geschäft, trotz zunehmender
Konkurrenz. Die martialisch ausstaffierten
Kunden schwärmen ihren Freunden
daheim im Skype-Chat von Atmih
vor: Hier sei das Paradies! Die Mieten billig,
Wetter und Essen gut, man könne bewaffnet
herumlaufen und mit etwas Glück
sogar eine Frau finden. Nachts klingt die
Kakophonie der Kämpfe bis auf die Straße,
wenn mehrere Dschihadisten gleichzeitig
„Counter-Strike“ spielen. Der heilige
Krieg ist in Atmih ein Kostümspektakel,
und jeder kann sich fühlen, als sei er
dabei – ohne dass es weh tut.
Sogar die örtlichen Geschäftsleute erfreuen
sich an ihrer fanatischen Kundschaft.
Im Handy-Shop sagt der syrische
Verkäufer: „Alle paar Tage kommt ein
Mann aus Dagestan hierher, erst hat er
ein Samsung Galaxy gekauft, eine Woche
später ein iPad, danach ein noch neueres
Samsung Galaxy. Der hat bestimmt über
tausend Dollar hier ausgegeben.“
Wozu seien die Ausländer überhaupt
in Atmih, fragt ein entnervter Kommandeur
der Freien Syrischen Armee (FSA)
aus der Gegend: „Wenn sie hergekommen
sind, um zu kämpfen – bitte schön, da
geht’s zur Front.“ Er zeigt nach Osten.
Eigentlich ist Atmih Transitstation der
Dschihadisten, die zumeist über den nahen
türkischen Flughafen in Hatay anreisen.
Die einen bleiben in der Region, die
anderen ziehen weiter nach Aleppo, in
die Berge von Latakia, nach Rakka im
Osten, wo auch immer die unübersicht -
liche Frontlinie gerade verläuft.
Manch ein syrischer Rebell schließt sich
den Dschihadisten an, aber vielen sind die
Ausländer unheimlich. Und selbst wenn
diese gegen Regimetruppen kämpfen, wie
der tschetschenische Kommandeur Abu
Umar al-Schischani, wundern sich FSAKommandeure:
Wozu habe Schischani die
Munition inklusive Flugabwehrraketen erbeutet,
wenn er sie doch nicht einsetze?
Sie fürchten, die Dschihadisten könnten
ihre Waffen gegen die FSA-Rebellen oder
für Terroranschläge weltweit einsetzen.
„Wir hoffen, dass die Dschihadisten
nach dem Sturz Assads wieder gehen“,
sagt Luftwaffenoberst Hassan Hamada,
der vor einem Jahr in die Schlagzeilen
geriet, weil er sich samt seiner MiG-21
nach Jordanien absetzte, und nun im FSAFührungsstab
in Nordsyrien sitzt.
Doch noch kämpfen sie zusammen,
noch gibt es ein Nebeneinander von
Dschihadisten und Säkularen. In Atmih
werden weiterhin Musik-CDs verkauft,
Frauen gehen nach wie vor in Hosen auf
die Straßen. Das liegt daran, dass es hier
kein Machtvakuum gibt wie 2003 im Irak.
Stattdessen existiert ein kompliziertes
Gefüge von lokalen Räten, FSA-Brigaden
und gemäßigten Islamisten, mit denen
sich die Radikalen arrangieren müssen.
Fragt man die Zugereisten nach ihren
Plänen, kommt Syrien nur als Etappe vor:
„Dschihad erst hier, bis zum Sieg! Danach
werden wir den Irak, Libanon und Palästina
befreien“, zählt ein junger Araber
aus Großbritannien auf. Israel ist auf einen
hinteren Platz gerutscht, Schiiten sind
nun die wahren Feinde: Muslime zwar,
aber für die sunnitischen Radikalen hier
sind sie schlimmer als jeder Ungläubige.
So reden sie in Atmih. Doch bereits in
der Stadt Daret Azze, 25 Kilometer entfernt,
verblasst ihr Einfluss. Versuche von
Dschihadisten, hier die Macht zu übernehmen,
wurden von der FSA abgeblockt.
Nun stehen beide Gruppen in wechselnden
Schichten an den Kontrollposten.
Aber als der Stadtrat um Hilfe bat bei der
Reparatur einer Wasserleitung, hätten die
Dschihadisten nur mit den Schultern gezuckt.
„Die wollen die halbe Welt erobern“,
sagt Ahmed Raschid, Anwalt und
Ratsmitglied. „Aber sie würden schon an
einer Kleinstadt scheitern.“
In Atmih proben sie derweil das Leben
wie zu Zeiten des Propheten, allerdings
mit Facebook und „Counter-Strike“. Auf
ungewollte Art ähnelt die Szenerie den
Anfängen des Islam, als drei der ersten
vier Kalifen nach dem Tod des Propheten
mit Gegnern aus den eigenen Reihen rangen:
Alle Radikalen in Atmih wollen einen
Gottesstaat – was die einzelnen Gruppen
aber nicht davon abhält, fortwährend
übereinander herzuziehen, sich zu spalten
und gelegentlich zu befehden. Allein
in und um Atmih existieren Mitte Juni
mindestens fünf Dschihadisten-Gruppen:
‣ „Daula al-Islam fi al-Irak wa bilad al-
Scham“, der „Islamische Staat im Irak
und in Syrien“, mit über 200 Anhängern,
Tendenz steigend;
‣ „Dschaisch al-Ansar wa al-Muhadschirin“,
die „Armee der Unterstützer und
Hinzugekommenen“, mit etwa 170
Männern;
‣ „Abu al-Banat“, eine Gruppe, die sich
nach ihrem Emir benannt hat und fast
nur aus Tschetschenen, Dagestanern
und Aserbaidschanern besteht, etwa
70, Tendenz fallend;
‣ „Abu Musab al-Dschasairi“, benannt
nach ihrem algerischen Gründer und
Finanzier, mit rund 60 Anhängern;
‣ „Dschabhat al-Nusra“, die „Beistandsfront“,
mit rund 100 Kämpfern.
Nusra ist die undurchsichtigste der Fraktionen
– und sie ist dabei zu zerfallen,
nachdem ihr nur virtuell in Erscheinung
tretender Anführer Mohammed al-Dschulani
vor drei Monaten dem Qaida-Führer
Aiman al-Sawahiri die Treue geschworen
hat. Denn von Sawahiri hält das Fußvolk
in Syrien wenig, aus mehreren Gründen:
Der Ägypter gilt als wenig charismatisch,
und es ist ihm zwar gelungen, sich aus seinem
Versteck im afghanisch-pakistanischen
Grenzgebiet zum Nachfolger von
Osama Bin Laden küren zu lassen, aber
seither schafft er es nicht, das Terror-Konglomerat
zusammenzuhalten, so dass an
den Rändern neue Gruppen wachsen.
Dazu kommt, dass Dschihad-Pilger einen
Führer haben wollen, der ihnen sagt,
wo es langgeht. Einen Emir mit Haut und
vor allem Haaren, der persönlich Befehle
gibt und Urteile spricht. Die Nusra aber
hat keinen solchen Emir. Mohammed al-
Dschulani kennen die meisten nur aus
Videos, mit einer blechern verzerrten
Stimme und gepixeltem Gesicht. Unter
Mitgliedern heißt es immer wieder, man
kenne einen, der einen kenne, der den
Emir getroffen habe – aber geht man dem
nach, verlaufen die Spuren im Sand. Mehrere
Aussteiger von Nusra aus Aleppo,
Idlib und Damaskus gaben in den vergangenen
Monaten an, niemand habe den
Mann je gesehen oder gar gesprochen.
Außerdem, sagt ein Syrer, der von Nusra
auf Daula umgestiegen ist, seien Letztere
„cooler“. Man dürfe dort rauchen, solange
es keiner sehe. Das ist ein großer
Wettbewerbsvorteil in der kettenrauchenden
syrischen Rebellenszene. Zigaretten
sind bei den Dschihadisten normalerweise
tabu, denn „Rauchen vertreibt die Engel
und verzögert unseren Sieg“, zitiert der
Aussteiger seinen ehemaligen Nusra-Emir.
Während viele der syrischen Nusra-
Gefolgsleute zu gemäßigten Gruppen abgewandert
sind, haben sich die Ausländer
dem Daula angeschlossen,
der zur stärksten Gruppe
im Norden geworden ist.
Der radikalste Emir im
Norden jedoch ist Abu al-
Banat, ein früherer russischer
Offizier aus der Kaukasus-
Republik Dagestan,
der zum Islam konvertiert
ist und seither Anhänger
wie Jünger um sich schart.
Er spricht zwar nur radebrechend Arabisch,
erklärte aber Nusra und die anderen
Dschihadisten-Gruppen kurzerhand
zu „Kufr“, zu Ungläubigen, weil sie sich
nicht seinem Befehl unterwarfen.
Im Frühjahr zog der selbsternannte
Emir aus Atmih mit seinen Anhängern
ins neun Kilometer entfernte Dorf Maschhad
Ruhin, das er durch bewaffnete Kontrollposten
abriegeln ließ und in sein persönliches
Emirat verwandelte.
Im April ließ er dann auf dem Dorfplatz
drei Männer köpfen. Gerade tauchte
das Video der bestialischen Hinrichtung
auf: Begafft von einer Menge, dar -
unter auch Kinder, spricht ein verzottelter
Mann in gebrochenem Arabisch in die
Kamera, es ist Abu al-Banat. Neben ihm
kauern die drei Männer gefesselt am Boden.
Ein Gehilfe hackt mit einem Messer
erst einem, dann dem zweiten Mann langsam
den Kopf ab und hält diesen dann
als Trophäe in die Kamera.
Veröffentlicht wurde das Video erst
jetzt, eigentümlicherweise ausgerechnet
auf Syria Tube, einer PR-Seite des Regimes.
Laut Legende zeigt es die Enthauptung
dreier christlicher Priester
Ende Juni im Ort Rassania, was umgehend
verbreitet wurde von der katholischen
Nachrichtenseite Agenzia Fides,
die schon früher erfundene Gräuelgeschichten
lanciert hat.
Tatsächlich zu sehen ist die Ermordung
angeblicher Assad-Getreuer, im April, im
Lager von Abu al-Banat – auch wenn
unbekannt ist, wer die drei wirklich waren
und was sie getan hatten. Denn Abu al-
Banat „war Richter und Ankläger in einem“,
erinnert sich ein
Aussteiger. Die Dorfbewohner
seien entsetzt gewesen,
erzählt ein Mann
aus dem Nachbarort: „Egal
was die drei getan haben,
Menschen sind doch keine
Schafe, die man schächtet.“
Nach den Morden begann
ein Exodus, nur etwa 70
Anhänger blieben.
Offenbar aber fanden die anderen
Dschihadisten einmütig, die Enthauptungen
gingen zu weit – und beschlossen in
der Nacht zum Samstag vor einer Woche
eine seltene Kooperation: Ein tschetschenischer
Daula-Kommandeur rückte mit
einer Schar Schwerbewaffneter in Maschhad
Ruhin ein und erklärte Abu al-Banats
Horrorherrschaft für beendet. Dessen verbliebene
Anhänger ergaben sich ohne Widerstand,
er selbst und zwei Gehilfen wurden
abgeführt. Alle Zufahrtswege waren
während der Aktion abgeriegelt worden,
um zu verhindern, dass andere Dschihadisten
dem Emir zu Hilfe kommen könnten
– doch es kam niemand.
Der führungslose Rest von Abu al-
Banats Dschihadisten-Truppe soll in den
folgenden Tagen seine Sachen gepackt
und das Dorf verlassen haben.

CHRISTOPH REUTER

DER SPIEGEL 28/2013, S. 79-81

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Kater Karlo

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Re: Disneyland für Dschihadisten
« Reply #1 on: July 08, 2013, 07:23:43 pm »
Dieser Artikel ist wirklich eine Drehbuchvorlage. Ich verfüge über große Vorstellungskraft und habe sehr gelacht.
Dschihadisten mit Rollkoffern. Wunderbar!