Author Topic: Kandahar: "Ich will ihn haengen sehen"  (Read 540 times)

KarlMartell

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Re: Kandahar: "Ich will ihn haengen sehen"
« on: November 04, 2012, 08:41:36 am »
Aufgebrochen war der Mörder ungefähr
um ein Uhr nachts zu Fuß aus dem
nahen Camp Belambay, einem kleinen
Stützpunkt von amerikanischen Special
Forces. Die Festung steht in einem Risiko -
gebiet, über das die Amerikaner die Kontrolle
zu gewinnen hofften, eine Taliban-
Hochburg aus Sicht der Soldaten, Heimat
für Mohammed Wazir.
Nach der Schlacht in Rafiullahs Haus
geht der Täter zurück ins Camp und erzählt
dort angeblich einem Kameraden,
er habe draußen ein paar Zivilisten erschossen.
Der Soldat hält das für Unsinn,
er informiert niemanden. Dann, etwa
eine halbe Stunde später, bricht der Täter
ein zweites Mal auf, in die andere Richtung,
südwärts, nach Najiban. Diesmal
schlägt einer der afghanischen Wachleute
Alarm, die ganze Belegschaft wird geweckt,
alle durchgezählt, bald wird ein
Suchtrupp gebildet, ein Helikopter losgeschickt.
Der Mörder ist längst im Haus
von Mohammed Wazir.
Auf seinen Feldern, die direkt an die
Mauern des US-Camps Belambay grenzen,
produzierte der Bauer Mohammed
Wazir Granatäpfel, Maulbeeren und Trauben,
die seine Familie zu Rosinen trocknet,
seit Generationen. Drei Feinde machten
ihm seit langer Zeit das Leben schwer,
sagt er: die Taliban, die afghanische Armee
und die Amerikaner. Fast täglich seien
er und seine Leute von Soldaten kontrolliert
worden. Zwischen Dämmerung
und Sonnenaufgang gilt Ausgangssperre.
Der Distrikt Panjwai ist als Geburtsstätte
der Taliban-Bewegung bekannt, von hier
aus startete Mullah Omar 1994 die Revolution
der Radikalen. Zivilbevölkerung
und Aufständische sind bis heute schwer
zu trennen, oft sind sie identisch.
Er habe ja nicht nur Menschen verloren,
sagt Mohammed Wazir. Auch sein
Haus sei ihm genommen worden und sein
Boden, er könne und wolle nicht zurück,
lebe heute bei seinem Bruder in einer
Stadt namens Spin Boldak. Die Felder in
Najiban lägen brach, die Bäume seien vertrocknet.
Er sagt: „Meine Maulbeeren waren
so süß.“ Nie wird er so laut wie dann,
wenn er von seinen vernachlässigten
Pflanzungen spricht, der Gedanke daran
scheint ihn ähnlich zu schmerzen wie der
an seine verlorenen Kinder.
„Die Amerikaner, sie sprechen immer
von Menschenrechten, die sie uns bringen
wollen. Sind das Menschenrechte, wenn
man Kinder erschießt? Sind das Menschenrechte,
wenn man die Bäume verdorren
lässt? Welche Schuld, frage ich,
trifft den Granatapfelbaum, welche
Schuld trifft den Traubenstock? Meine
Maulbeeren waren so süß.“
In Bonney Lake im US-Bundesstaat Washington
versperrt eine Leine mit der Aufschrift
„Private Property“ den Zugang
zum Haus der Familie Bales. In dieser idyllisch
zwischen Wäldern und Seen gelegenen
Kleinstadt haben die meisten Leute
in der Einfahrt neben dem Auto noch ein
Boot auf einem Anhänger stehen. Bald
werden die Müllmänner kommen, blaue
Tonnen stehen vor allen Häusern am Stra
ßenrand, außer bei den Bales, denn hier
wohnt niemand mehr. Bales’ Frau und die
beiden Kinder sind aus Sicherheitsgründen
im nahen Armeestützpunkt Joint
Base Lewis-McChord untergebracht worden.
Der Mann an der Chevron-Tankstelle
sagt: „Wir fühlen alle mit Bobby. Er ist
ein großartiger Kerl. Es ist schwer zu glauben,
was da drüben passiert sein soll.“
Kari Bales hat bei ihren Besuchen im
Hochsicherheitsgefängnis von Fort Leavenworth
mit ihrem Gatten noch kein
Wort über die Ungeheuerlichkeiten gewechselt,
derentwegen man ihn festhält.
Sie frage nicht nach, hat sie gesagt. Denn
dieser Mörder, von dem alle reden, „das
ist nicht mein Bobby“.
Bales war Captain des Footballteams
seiner Highschool, ein All-American-Boy,
ein Leader-Typ, in elf Jahren bei der Armee
vielfach mit Ehrungen ausgezeichnet.
Er war dreimal im Irak, ehemalige Vorgesetzte
und Untergebene haben ihn als einen
Soldaten geschildert, der an die Sache
glaubte, der die Zivilbevölkerung mit Re -
spekt behandelte, der begriffen habe, dass
man Herz und Kopf dieser Leute gewinnen
müsse, ein strategisches Mot to der USArmee:
„winning hearts and minds“. Dass
Bales auch dunklere Seiten hatte, zeigen
Polizeiakten. 2002 wurde er in einem Hotel
festgenommen, die Anklage betraf eine
Tätlichkeit gegenüber einer Frau. Das Verfahren
wurde eingestellt, doch Bales musste
für 20 Stunden in eine Therapie zur Aggressionsbewältigung.
2011 war die Familie überzeugt, dass
Robert Bales’ Einsätze in Konfliktgebieten
beendet seien. Kari Bales erstellte in
ihrem Blog bereits eine Liste der Länder,
in denen sie am liebsten leben würde; sie
hoffte, ihr Mann werde bald auf einen
Armeestützpunkt in Europa versetzt. An
erster Stelle stand Deutschland, an zweiter
Italien. Dann kam der Marschbefehl
nach Afghanistan.
Warum tat Bales, was er tat?
Die Frage ist leicht zu parieren für John
Henry Browne. „Wir wissen nicht, was
er getan hat. Aber wir wissen, was der
Krieg ihm angetan hat.“
Wenn es zum Prozess kommt, was als
sicher gilt, wird für Browne nicht Robert
Bales vor Gericht stehen, sondern die ganze
Armeeführung, der ganze Krieg. „War -
um schickt man einen Mann, der am posttraumatischen
Syndrom leidet, der im
Irak bei einem Unfall einen Teil seines
Fußes verlor, zum vierten Mal in den
Krieg?“ Tausenden jungen Amerikanern
ergehe es ebenso wie Bales, man ordere
sie auf ein Schlachtfeld, um dort ihre toten
Freunde aufzusammeln, nach Hause
kämen sie als Wracks. Browne zitiert eine
Schlagzeile dieses Sommers, wonach seit
Beginn des Afghanistan-Kriegs mehr USArmee-
Angehörige Selbstmord begingen,
als im Einsatz zu Tode kamen.
Es gehört zu den Ironien dieses Falls,
dass der mutmaßliche Urheber eines Massakers,
das die Brutalität des Kriegs verkörpert,
von einem erklärten Kriegsgegner
verteidigt wird, und das vor einem Militärtribunal
mit einer Strategie, die aus einem
Killer ein Kriegsopfer machen will.
Für John Henry Browne ist das die Fortsetzung
eines anderen Kampfs: Als junger
Mann war er Teil der amerikanischen Anti-
Kriegs-Bewegung. Dem Vietnam-Einsatz
entkam er wegen seiner Körpergröße,
Männer über 198 Zentimeter wurden nicht
eingezogen. „Ich war zu groß, um kleine
Leute erschießen zu gehen“, sagt Browne.
Er ist kein Pazifist, aber den Einsatz in Af-
ghanistan lehnt er ab, „so wie mittlerweile
70 Prozent meiner Landsleute“. Die
Kriegsmüdigkeit der amerikanischen Öffentlichkeit
nimmt zu, auch wegen Fällen
wie den Morden von Kandahar.
Erst spät fügten die Ankläger ihrer Liste
von Vorwürfen ein für einen Mordfall
ungewöhnliches Vergehen hinzu: Besitz
und Konsum von Stanozolol, einem anabolen
Steroid, wie es Sportler und Bodybuilder
einsetzen. Der Mörder war womöglich
gedopt.
„Wie kam mein Mandant an diese Substanz?“,
fragt John Henry Browne, „steht
da irgendwo ein Medikamentenschrank
im Stützpunkt, woraus sich die Soldaten
bedienen?“ Browne will den Umgang der
Armee mit leistungssteigernden Substanzen
zum Thema machen, wenn es zum
Prozess kommt. Die Diskussion um aufgeputschte
und angstfrei gemachte Soldaten
in der US-Armee ist aktuell. 2008 ergab
eine Untersuchung des US-Verteidigungsdepartements,
dass 2,5 Prozent aller
Armeemitglieder illegal Steroide benutzen.
Mehr als 110 000 aktive Truppen -
angehörige, so meldete die „L.A. Times“
in diesem Jahr, nehmen von Armeeärzten
verschriebene Medikamente ein, Anti -
depressiva, Sedative, Amphetamine.
Browne wird solche Erkenntnisse in einen
Zusammenhang stellen mit der steigenden
Suizidrate in der Armee, mit den
sich häufenden Fällen von Kontrollverlust,
er wird das Bild einer Streitkraft am Rande
des Nervenzusammenbruchs zeichnen.
Mohammed Wazir steckt sich eine Zigarette
an, Pine heißt die Marke, ein
koreanisches Produkt, aber auf der Packung
steht „American Taste“.
Nur zwei Wochen nach der Tat erhielten
die Hinterbliebenen in Kandahar je
50000 Dollar pro Todesopfer und je 10000
Dollar pro Verletzten, in bar. Amerikanisches
Geld, als rasche Nothilfe bezeichnet,
nicht als Kompensation. Mohammed Wazir
wurde eine halbe Million zugesprochen,
für zehn verlorene Blutsverwandte.
Obwohl ein afghanischer Mitarbeiter der
BBC vor Ort war und US-Stellen die Zahlungen
bestätigten, lügt Wazir beim Gespräch
in Kabul, er habe niemals Geld
von den Amerikanern bekommen. Wer
Geld annimmt vom Feind, wird zur Zielscheibe
für die Taliban.
Morgen wird er nach Mekka gehen,
drei Männer begleiten ihn, eine Reise, die
ein Bauer aus Najiban sich nicht leisten
kann. Wegen der Pilgerfahrt wird er
wahrscheinlich die Anhörung in Kandahar
verpassen, aber er glaubt, dass man
ohne ihn nicht anfangen kann. Unter seinen
Begleitern ist sein neuer Schwiegervater.
Zwei Monate nach dem traurigen
Tag, Ghamgina Wraz, hat sich Mohammed
Wazir eine neue Frau genommen.
Er sagt, es sei keine Musik gespielt worden
auf der Hochzeit und man habe nur
hundert Gäste eingeladen.
11. März 2012, halb vier nachts. Als der
Suchtrupp aus Camp Belambay aufbricht,
sehen die Männer nach wenigen Metern
eine Gestalt auf sie zukommen, Sicherheitskameras
halten das Geschehen fest.
Der Mann, Bales, trägt einen afghanischen
Schal über seiner Uniform, er sinkt in die
Knie, legt seine Waffen nieder, streckt seine
Arme in die Luft. Fünf Tage später wird
er ausgeflogen nach Fort Leavenworth.
Dass es so lange dauern wird, bis der
Fall abgeschlossen ist, hat auch politische
Gründe. 2014 wollen die Vereinigten Staaten
ihre Truppen aus Afghanistan abziehen,
Diplomaten verhandeln aber mit der
Regierung Karzai über die Bedingungen
des Verbleibs bestimmter Kontingente
über diesen Zeitpunkt hinaus. Ein wichtiger
Diskussionspunkt ist die militärische
Rechtsprechung. Afghanistan möchte
Kriegsverbrecher wie den Killer von Kandahar
künftig selbst aburteilen, Amerikaner
wollen ihre Soldaten auf keinen Fall
afghanischen Gerichten aussetzen. Jeder
baldige Richtspruch eines US-Militär -
tribunals, das Robert Bales nicht mit dem
Tod bestraft, würde in Kabul als Skandal
aufgenommen und die Verhandlungen
gefährden.
Drei Uhr nachts in Najiban am 11. März
2012, am 21. Tag des zwölften Monats im
Jahr 1390, der Mörder hat sein Werk im
Haus von Mohammed Wazir vollendet,
niemand ist mehr am Leben. Auch der
Hund ist erschossen und sogar der Singvogel,
den Mohammeds Frau Zarah in einem
Käfig hielt, ist im Rauch der brennenden
Leichen verendet. Doch die Wut
des Täters hält an. Er pocht und tritt an
weitere Türen im Dorf, wahllos, diejenige
zum Haus von Mohammed Dawood lässt
sich öffnen. Was hier geschieht, in den
letzten Minuten des Amoklaufs, erzählt
der zehnjährige Hikmatullah, der zusah,
wie sein Vater erschossen wurde.
Der Soldat, immer wieder das Wort
„Taliban“ rufend, trampelt über schlafende
Kinder, weckt Mohammed Dawood
und dessen Frau, die zwei Töchter, die
vier Söhne. Der jüngste, Hasratullah, weniger
als ein Jahr alt, liegt in einer Krippe.
Die Mutter schreit, alle schreien, und der
Vater fleht um Gnade, der Eindringling
richtet ihn mit einem Kopfschuss. Er
könnte jetzt weitermachen, er könnte
mehr Kinder erschießen, weitere Frauen.
Er tritt an die Krippe und hält den Lauf
seiner Pistole in den Mund des Säuglings.
Als Robert Bales seinen Sohn, Bobby,
zum letzten Mal sah, bevor er nach Afghanistan
aufbrach, in den ewigen Krieg, war
der Junge ungefähr so alt wie dieses Kind.
Der Mörder lässt ab und geht zurück
in die Nacht.

SPIEGEL 45/2012, S. 54-59