Author Topic: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz  (Read 2188 times)

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #15 on: September 19, 2012, 03:55:01 pm »
vierundachtzig Jahren in seinem Bett: reicher als je zuvor
und erneut dem Papst ergeben. Oder erinnere dich
an Napoleon selbst, der als junger Mann die Stiefel von
Marat und Robespierre leckte, »Marat und Robespierre
sind meine Götter!« Trotz eines solchen Starts avancierte
er zum Kaiser, verteilte dann die Th ronsessel Europas
an seine Brüder, Schwestern und Freunde … Erinnere
dich auch an Barras, Tallien und Fouché … Die Kommissare
des Terrors: die Verantwortlichen für jene Massaker,
die die Revolution in Toulon, Bordeaux und Lyon
verübte: Die elenden Schurken, die zuerst Robespierre aus
dem Weg räumten und es danach mit den Aristokraten
hielten, die der Guillotine entronnen waren. Der Erste
erfand Napoleon, der Zweite stand ihm in Ägypten treu
zur Seite und der Dritte diente ihm bis zu seinem Sturz.
Erinnere dich an Jean Baptiste Bernadotte: an dieses Geschöpf
Napoleons, das durch dessen Gunst zum König
von Schweden wurde, sich mit dem Zaren von Russland
gegen Napoleon verbündete und 1813 über den Ausgang
der Schlacht von Leipzig bestimmte, indem er Napoleons
Kriegstaktik anwandte. Oder erinnere dich an Joaquim
Murat, Napoleons Schwager, den dieser zum König von
Neapel machte: Murat verriet seinen Wohltäter, indem
er 1814 eine Allianz mit den Österreichern einging. Und
vergessen wir ja nicht, dass es die Franzosen und nicht die
Italiener waren, die 1815 das unglaubliche und köstliche
Dictionnaire des Girouettes zusammenstellten, das Lexikon
der Wetterwendischen also. Dieses Buch erscheint
seither in immer wieder aktualisierter Form, denn im
Lauf der Jahrhunderte hat sich die Zahl der französischen
148
Wetterwendischen ganz formidable erhöht. (Auch Pétain
ist darin aufgeführt.) Und verlange ja nicht, dass mir das
ein Trost sein sollte. Und auch nicht, dass mir diese Nennung
Bestätigung sein sollte, dafür, dass ich Recht habe,
wenn ich in unseren Sünden die Sünden der Europäer
sehe. Denn darauf kann ich nur antworten: Jedem seine
eigenen Tränen! Und außerdem ist es so, dass kein anderes
Land die französische Lektion so sehr verinnerlicht
hat wie Italien. Denk an die Girouettes, die Wetterwendischen,
daran, wie zwischen 1799 und 1814 die toskanischen
Bürgermeister vom Großherzog Ferdinand von
Habsburg-Lothringen zu Napoleon, von Napoleon zum
Großherzog, vom Großherzog wieder zu Napoleon gesprungen
sind. Denk an die satirische Dichtung Il brindisi
dei girella (zu Ehren der Girouettes), mit der Giuseppe
Giusti 1848 unseren bescheidenen »Beispielen« eine Ohrfeige
versetzt und das italienische Wort »girella« geprägt
hat. Sozusagen die toskanische Version der Girouette …
Und doch, und doch, nie hat im damaligen Italien das
Wetterwendische jenes Niveau erreicht, auf dem es heute
triumphiert. Und weißt du, was das Schrecklichste,
das Traurigste ist? Diese Verinnerlichung geht so weit,
dass die Italiener heute etwas wie Empörung gar nicht
mehr kennen. Sie wundern sich eher, wenn jemand seinen
Ideen und Idealen treu bleibt. Vor Jahren erzählte
ich einem Prediger der Demokratie, dass ich bei Nachforschungen
in den Nationalarchiven über meine Familie
etwas Wunderbares herausgefunden hatte: Sowohl auf
mütterlicher als auch auf väterlicher Seite war niemand
Mitglied der Faschistischen Partei gewesen. Der einzige
Faschist in der Familie war der Mann einer Tante gewesen,
die deshalb von den Geschwistern praktisch nicht
mehr gegrüßt wurde. Arme Tante. »Weg hier, weg hier,
du Unverschämte, die du uns Schande gebracht hast, als
du dich in ein Schwarzhemd verliebt und ihn geheiratet
hast.« Das erzählte ich ihm. Und weißt du, was mir der
Prediger der Demokratie darauf antwortete? »Man sieht,
dass sie hinter dem Mond lebten!«, antwortete er, worauf
ich empört erwiderte: »Nein, mein Lieber. Sie lebten auf
dieser Erde, das heißt, wie ihr Gewissen es von ihnen verlangte.
« Doch wenn ich jetzt anfange, die Seiten Italiens
aufzuzählen, die nicht zu meinem Italien gehören, die
Seiten Italiens, die ich nicht liebe, unter denen ich leide,
dann höre ich gar nicht mehr auf. Und du wirst sicherlich
bemerkt haben, dass ich aus Vaterlandsliebe nicht
von dem Italien gesprochen habe, mit dem ich hätte beginnen
müssen. Dem schmutzigen, bedrückenden, widerwärtigen
Italien, der Mafi a. Ein Th ema, das ich nicht
einmal anzusprechen vermag …
Sei’s drum. Indem ich eben dieses Th ema vermeide,
will ich trotzdem einen Versuch wagen. Und tatsächlich.
Das Italien der alten Kommunisten, zum Beispiel,
die vierzig Jahre lang (eigentlich müsste ich sagen fünfzig,
da sie begannen, als ich noch ein sehr junges Mädchen
war) blaue Flecken auf meiner Seele hinterlassen haben.
Sie haben mich mit ihrer Anmaßung beleidigt, ihrer
Großtuerei, ihrer Überheblichkeit, ihrem intellektuellen
Terrorismus, ganz abgesehen von dem Spott, mit dem sie
alle überschütteten, die nicht ihrer Meinung waren. Sodass
jeder, der sich nicht zu ihrer Religion bekannte, als
Reaktionär sowie als Dummkopf, als Höhlenmensch und
darüber hinaus als Lakai der Amerikaner dastand. Diese
Mullahs von gestern, diese roten Pfaff en, die mich wie
eine Ungläubige in Mekka behandelten (o Gott, wie viele
Pfaff en und Mullahs ich in diesem Leben schon ertragen
musste), aber gleich nach dem Fall der Berliner Mauer
den Ton änderten. Orientierungslos wie Küken, die sich
nicht mehr unter die Fittiche der Glucke, das heißt der
Sowjetunion, fl üchten können, improvisierten sie eine
Gewissensprüfung. Erschrocken wie Pfarrer, die fürchten,
ihre Gemeinde und damit ihre erworbenen Privilegien
zu verlieren, und mit den erworbenen Privilegien
ihren Traum, zum Erzbischof oder sogar zum Kardinal
aufzusteigen, begannen sie, sich als Liberale zu gebärden.
Oder vielmehr, Lektionen in Liberalismus zu erteilen. Daher
spielen sie heute die Rolle von Gutmenschen. Ein bizarrer
Ausdruck, in dem Wohlwollen, Nachsicht, Milde,
Güte, Liebenswürdigkeit, Barmherzigkeit mitschwingt.
(Die Entwicklung verlief im übrigen Europa genauso, aus
Rot wurde Rosa, dann Weiß, in Frankreich, Spanien, Portugal,
Deutschland, Holland, Ungarn – oder? Ja, ganz
sicher.) Sowohl für ihre Partei als auch für ihre Bündnisse
greifen sie gern auf Pfl anzen- oder Blumennamen
zurück. Die Eiche, der Ölbaum und die Margerite. Deswegen
empfi nden wahre Liberale wie ich heute eine tiefe
Antipathie gegenüber Eichen, Ölbäumen und Margeriten.
Eine Zeit lang verwendeten sie das Bild eines Esels, eines
Tieres, das gewöhnlich iaht, soweit ich weiß, und keineswegs
Intelligenz symbolisiert. Statt nach Moskau zu reisen
und Lenins Mausoleum zu besichtigen, kommen sie nach
New York und kaufen Hemden bei Brooks Brothers und
Bettwäsche bei Bloomingdale’s und organisieren gleich
nach ihrer Rückkehr Kongresse unter einem angloamerikanischen
Motto, einem Motto, das wie eine Waschmittelreklame
klingt: »I care«. Was macht es schon, wenn
sie kein Englisch können, die Arbeiter aus den Strömen
von roten Fahnen, den Meeren von roten Fahnen. Was
macht das schon, wenn mein Schreiner, ein alter, ehrlicher
Florentiner Kommunist, nicht weiß, was es bedeuten
soll, dieses I care. Er liest es Icare, glaubt, es handle
sich um Ikarus, also um den jungen Griechen, der wie
die Vögel fl iegen wollte, dem jedoch beim Fliegen die Flügel
aus Wachs schmolzen und … paff : er zerschellte auf
dem Boden und starb. Was macht das schon, wenn mein
Schreiner mich ganz verwirrt fragt: »Sora Fallaci, ma icchè
c’entra Ichero?!? Frau Fallaci, was hat eigentlich Ikarus
damit zu tun?« Was macht das schon, wenn ich ihm
erklären muss, dass etwas ganz anderes damit gemeint
ist. Dass I care nichts mit Ikarus zu tun hat, sondern ein
Verb ist oder vielmehr ein angloamerikanisches Motto,
das bedeutet: Das-ist-mir-wichtig. Da wird mein Schreiner
wütend: »Vorrei sapere chi l’è qui’ bischero che l’ha niventato
questa bischerata! Ich möchte mal wissen, welcher
Trottel diese Schweinerei erfunden hat!« Sie beschimpfen
mich nicht einmal mehr als dumm, reaktionär etc.,
die roten Expfaff en (doch dank dieses Buches werden sie
es bald wieder tun). Manchmal sagen sie sogar Sachen,
die ich sagte, als sie mich noch dumm, reaktionär etc.
nannten. Und soweit ich weiß, greift mich ihre Zeitung
nicht mehr mit Schmähungen, grundlosen Gemeinheiten
und schändlichen Verleumdungen an (wird es aber bald
wieder tun), mit welchen sie mich vierzig, fünfzig Jahre
lang überhäuft e in ihrer faschistischen Kolumne »U fesso
del giorno« (»Der Dummkopf des Tages«), die dann in
»II dito nell’occhio« (»Der Finger im Auge«) umgetauft
wurde. Die Wochenblätter, idem. (Klammer auf: Nach
meiner Reise nach Hanoi, das heißt, als ich mein Leben
in Vietnam riskierte, widmete mir eine kommunistische
Journalistin in einem bekannten kommunistischen Wochenblatt
eine Reihe von bösartigen Artikeln, und weißt
du, warum? Weil ich geschrieben hatte, dass in Nordvietnam
Ho Chi Minhs Regierung ihre Untertanen bis
in die kleinen Alltagsdinge hinein unterjoche. Dass sie
zum Beispiel gezwungen wurden, getrennt Pipi zu machen
und zu kacken, damit die nicht mit Urin vermischten
Exkremente als Dünger verwendet werden konnten.
Oder dass die, die keine Kommunisten waren, so
brutal verfolgt wurden, dass ein alter Vietminh aus Dien
Bien Phu sich eines Tages wie ein Kind an meiner Schulter
ausweinte. »Madame, vous ne savez pas comme nous
sommes traités ici, Madame. Madame, Sie ahnen ja nicht,
wie wir hier behandelt werden, Madame.« Und weißt du,
wie der Titel lautete, mit dem diese Dame die Artikelserie
überschrieben hatte, ein Titel, der bei jeder Fortsetzung
über zwei Seiten lief? »Signorina Snob fährt nach Vietnam.
« Klammer zu.) Nein, zumindest vorerst halten sie
sich zurück. Ganz Italien hat inzwischen vergessen, was
sie mir angetan haben. Ich freilich habe es nicht vergessen
und frage voller Empörung: »Wer gibt mir diese über
vierzig Jahre zurück, die blaue Flecken auf meiner Seele
hinterlassen und meine Ehre geschändet haben?« Einige
Monate vor der Apokalypse in New York stellte ich diese
Frage einem ehemaligen Kommunisten der ehemaligen
Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Italiens.
Der Rekrutierungsanstalt (so nenne ich sie), aus der alle
oder fast alle linken Minister oder Ministerpräsidenten
oder Bürgermeister hervorgegangen sind, die meine Heimat
bedrücken oder bedrückt haben. Ich erinnerte ihn
daran, dass der Faschismus keine Ideologie, sondern ein
Verhalten ist, und fragte ihn: »Wer gibt mir diese Jahre
zurück?« Da er sich heute als Liberaler, als echter Progressist
geriert, gab ich mich der Illusion hin, er würde
das Folgende antworten: »Kein Mensch gibt sie dir zurück,
meine Liebe. Im Namen meiner Expartei bitte ich
um Verzeihung.« Stattdessen zuckte er nur die Achseln
und erwiderte: »Verklag uns, geh vor Gericht!« Diesen
Worten entnehme ich, dass der Wolf auch im Schafspelz
immer ein Wolf bleibt, wie man in der Toskana sagt. Daher
bestätige ich noch einmal, dass ihr Italien nicht mein
Italien ist, es niemals sein wird.
* * *
Es ist nicht einmal das Italien ihrer Gegner, damit das
klar ist. Ich wähle nicht etwa ihre Gegner, und außerdem
wähle ich sowieso seit sehr vielen Jahren niemanden
mehr. Ein Confi teor, das ich mir voller Angst
und Unbehagen auferlege, denn nicht zu wählen ist natürlich
auch eine Stimme: eine legale und legitime Stimme,
mit der man ausdrückt fahrt-alle-zur-Hölle. Aber
es ist auch die traurigste, tragischste Art zu wählen, die
es gibt. Die Stimme des Bürgers, der sich in niemandem
wiedererkennt, der niemandem vertraut, der infolgedessen
nicht weiß, von wem er sich vertreten lassen
soll, und sich daher verlassen betrogen allein fühlt.
Allein wie ich. Ich leide sehr, wenn in Italien Wahlen
stattfi nden. Ich rauche eine Zigarette nach der anderen,
fl uche und wiederhole mir ununterbrochen: Herrje, wir
haben im Knast gesessen, sind gestorben, um uns das
Wahlrecht zurückzuholen! Unsere Genossen sind gefoltert
und erschossen oder in Konzentrationslagern vernichtet
worden, um uns diese Freiheit zurückzugeben.
Und ich wähle nicht! Ich leide, ja. Und verfl uche meine
Strenge, meine Unerschütterlich keit, meinen Hochmut.
Ich beneide diejenigen, die sich anpassen, wenn
nötig beugen oder jedenfalls einen Kompromiss fi nden
und jemanden wählen können, der ihnen das kleinere
Übel zu sein scheint. (Wenn es dagegen ein Referendum
gibt, beteilige ich mich. Denn da muss ich ja nicht für
Männer und Frauen stimmen, in denen ich mich nicht
wiedererkenne, von denen vertreten zu werden ich mich
weigere.)
Beim Referendum verläuft der demokratische Prozess
ohne Mittelsmänner. »Willst du die Monarchie?«
»Nein.«
»Willst du die Republik?«
»Ja.«
»Willst du die Jäger, die vor deiner Haustür die Vögelchen abschießen?«
»Herrgott, nein.«
155
»Willst du ein Gesetz, das deine Privatsphäre
schützt?«
»Herrgott, ja.« Und dies gesagt, lass mich kurz mit dem
Boss dieser Gegner reden. Dem Ministerpräsidenten, den
man Cavaliere nennt.
Eine kurze Ansprache: Verehrter Signor Cavaliere, ich
weiß, was ich über die ehemaligen Kommunisten sage,
lässt Sie frohlocken wie eine glückliche Braut. Aber freuen
Sie sich nicht zu früh: Sie kommen auch noch an die
Reihe. Ich habe Sie nur deshalb so lange warten, auf heißen
Kohlen sitzen lassen, weil Sie nicht zu diesen mehr
als vierzig Jahren voller Widerwärtigkeiten gehören. Sie
sind nicht Teil einer Vergangenheit, die mir noch auf
der Seele brennt. Außerdem kenne ich Sie nicht seit über
einem halben Jahrhundert, das heißt, so gut wie die anderen.
Sie sind ein Neuling, eine Neuheit, Signor Cavaliere.
Ausgerechnet, als ich von Politik (ein mir heiliges Wort,
falls Sie es noch nicht begriff en haben) nichts mehr hören
wollte, sind Sie aufgetaucht. Ganz plötzlich, unerwartet.
Ich meine: In der Politik sind Sie aus dem Nichts aufgetaucht
wie manche Pfl anzen, die unvermutet im Garten
wachsen, sodass man sie unschlüssig anschaut und sich
verwirrt fragt: »Was ist das denn? Ein Radieschen? Eine
Brennnessel?« Seitdem beobachte ich Sie neugierig und
ratlos, ohne entscheiden zu können, ob Sie ein Radieschen
oder eine Brennnessel sind, doch denke ich, falls
Sie ein Radieschen sein sollten, sind Sie kein großartiges
Radieschen, und falls Sie eine Brennnessel sein sollten,
sind Sie keine großartige Brennnessel. Übrigens machen
Sie selbst auch den Eindruck, als hegten Sie diese Zwei
fel, als nähmen Sie sich nicht allzu ernst. Zumindest mit
dem Mund lachen Sie zu viel (mit den Augen viel weniger
oder überhaupt nicht). Sie lachen, als ob Sie wüssten,
dass Ihr Erfolg in der Politik ein extravaganter, unverdienter
Zufall ist: ein Witz der Geschichte, ein bizarres
Abenteuer in Ihrem abenteuerlichen Leben. Und dies vorausgeschickt,
erlauben Sie mir (ich bediene mich Ihrer
Sprache, sehen Sie) darzulegen, was mir an dem Radieschen
oder der Brennnessel nicht gefällt.
Zunächst einmal: mir gefällt Ihr entschiedener Mangel
an gutem Geschmack und Scharfsinn nicht. Die Tatsache,
zum Beispiel, dass Sie so großen Wert darauf legen,
Cavaliere genannt zu werden. Es handelt sich wirklich
nicht um einen raren und bedeutenden Titel, glauben Sie
mir: Italien produziert mehr Cavalieri und Commendatori
als Gesindel und Opportunisten. Stellen Sie sich
vor, einmal wollte ein Präsident der Republik auch mich
in diesen Haufen einreihen. Um ihn davon abzuhalten,
musste ich ihm mitteilen, dass ich ihn, falls er es wagen
sollte, wegen Diff amierung verklagen würde. Sie jedoch
tragen diesen Titel voller Stolz, als wäre er eine Goldmedaille
oder ein feudales Wappen. Und da auch Mussolini
sich damit schmückte, da Ihnen, im Gegensatz zu ihm,
die Freiheit so wichtig ist, halte ich dieses »Cavaliere« politisch
für einen Fehler. Es entbehrt auch nicht der Komik.
Und ein Regierungschef kann es sich nicht erlauben,
komisch zu sein. Sonst macht er sein Land lächerlich.
Auch Ihr mangelndes Taktgefühl gefällt mir nicht, oder
vielmehr der Leichtsinn, mit dem Sie den Namen Ihrer
Partei gewählt haben. Einen Namen, der an das ohren

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #16 on: September 19, 2012, 03:57:55 pm »
betäubende Gegröle erinnert, das die Fans bei internationalen
Fußballspielen veranstalten. Und das beleidigt und
schmerzt mich genauso, wie mich die Gemeinheiten der
Kommunisten beleidigten und schmerzten. Vielleicht sogar
noch mehr, denn diesmal wird die Wunde nicht mir
persönlich beigebracht, mein Herr. Sie wird meinem Vaterland
beigebracht. Sie haben keinerlei Recht, den Namen
meines Vaterlands für Ihre Partei zu monopolisieren:
Das Vaterland ist für alle da, ist auch das Vaterland Ihrer
Gegner und Ihrer Feinde. Sie haben kein Recht, Italien
mit den verfl uchten Fußballvereinen und den noch verfl
uchteren Stadien gleichzusetzen. Für solch einen Missbrauch
hätte mein Ururgroßvater Giobatta Sie mit dem
Schwert von Curtatone und Montanara zum Duell gefordert.
Meine Onkel mit den Bajonetten, mit denen sie
im Karst gekämpft haben. Mein Vater hätte Sie verprügelt,
meine Mutter hätte Ihnen die Augen ausgekratzt.
Was mich betrifft , ich muss jedes Mal, wenn ich dieses
Forza Italia höre, an internationale Fußballspiele denken,
und mir schießt das Blut in den Kopf. Wer hat Ihnen
bloß diesen Namen eingefl üstert? Einer ihrer Hausangestellten,
einer ihrer Chauff eure?
Des Weiteren gefällt mir Ihr Mangel an Ernsthaft igkeit
nicht, den Sie mit Ihrer Gewohnheit, Witze zu erzählen,
unter Beweis stellen. Ich hasse Witze, gütiger
Himmel, wie ich sie hasse, und bin der Ansicht, dass ein
Regierungschef keine Witze erzählen darf. Signor Cavaliere,
wissen Sie, was das Wort Politik bedeutet? Wissen
Sie, woher es kommt? Es kommt aus dem Griechischen
ПОΛΙΤΙΚΗ und bedeutet Wissenschaft vom Staat. Es be
deutet die Kunst des Regierens, die Kunst, die Geschicke
einer Nation zu verwalten. Finden Sie etwa, dass das zu
Witzen passt? Wenn ich Sie höre, verzweifl e ich. Ich bin
deprimiert und denke: »Herrje! Ja begreift dieser Mann
denn nicht, dass die Italiener ihn aus Verzweifl ung gewählt
haben, das heißt, weil sie seine Vorgänger einfach
nicht mehr ausgehalten haben. Begreift er nicht, dass er
der Madonna eine Kerze anzünden müsste, sich ernsthaft
bemühen und alles tun müsste, um sich des Sechsers
im Lotto würdig zu erweisen, der ihm aus heiterem
Himmel zugefallen ist?!?« Schließlich gefallen mir gewisse
Bündnis partner nicht, die Sie gewählt haben, Signor Cavaliere.
Die Grünhemden des Separatisten, der nicht einmal
weiß, welche Farben unsere Trikolore hat, und die
Enkel derer, die das Schwarzhemd trugen. Diese behaupten,
sie seien keine Faschisten mehr, und wer weiß: Vielleicht
ist es wahr. Doch ich traue auch denen nicht über
den Weg, die aus der Kommunistischen Partei kommen
und behaupten, sie seien keine Kommunisten mehr, wie
sollte ich da denen trauen, die aus einer neofaschistischen
Partei kommen und behaupten, sie seien keine Faschisten
mehr. So. Und nun kommen wir zur Sache.
Sie werden bemerkt haben, mein Herr, dass ich Ihnen
Ihren Reichtum nicht vorwerfe. Dass ich nicht in den
Chor derjenigen einstimme, die darin eine Art Schuld
und ein Hindernis im Hinblick auf das Regieren sehen.
Einem reichen Mann das Recht zu verweigern, in die Politik
einzutreten, ist meiner Meinung nach undemokratisch,
demagogisch und illegal und unglaublich dumm.
Ich halte es mit Alekos Panagoulis, der, wenn ein Politi
159
ker oder ein Regierungschef reich war, zu sagen pfl egte:
»Umso besser! Dann stiehlt er nicht. Er hat es nicht nötig.
« Übrigens waren und sind auch die von der europäischen
Linken gefeierten Kennedys skandalös reich.
Ebenso wenig werfe ich Ihnen vor, dass Sie drei Fernsehsender
besitzen, ich fi nde die Sorgen Ihrer Gegner
hinsichtlich dieses Details geradezu lächerlich. Erst einmal,
weil die beiden Ihnen so schamlos und albern ergebenen
Sender so schlecht gemacht sind, dass sie mir alles
andere als eine Gefahr zu sein scheinen. Und schließlich,
weil der dritte, der gut gemachte und erfolgreiche
Kanal Sie so unverschämt malträtiert, dass er nicht Ihnen,
sondern den Parteien mit Pfl anzen- und Blumennamen
zu gehören scheint. Jedenfalls haben Ihre Gegner
in Italien wie auch im übrigen Europa die Medienwelt
so fest in der Hand, was die Information durch Fernsehen
und Presse betrifft , und beeinfl ussen die öff entliche
Meinung so frech mit ihrer aufwieglerischen und ebenfalls
schamlosen Propaganda, dass sie bei diesem Th ema
lieber den Schnabel halten sollten. Nein, nein, das
ist nicht der entscheidende Punkt, ich spreche von etwas
anderem. Und zwar von dem kläglichen Eindruck, den
sie nach der Apokalypse in New York gemacht haben.
Ich habe gelesen, dass Sie mir bei der Verteidigung der
westlichen Kultur zuvorgekommen sind. Wenn auch ungeschliff
en, ungeschickt und barsch, haben Sie mit einigen
Tagen Vorsprung das Ziel erreicht. Doch kaum sind
die Luxuszikaden Ihnen an die Gurgel gegangen, Rassist-
Rassist, haben Sie alles zurückgenommen. Haben von
»Fauxpas« gesprochen bzw. sprechen lassen, haben sich
bei den Söhnen Allahs entschuldigt, haben den Aff ront
weggesteckt, dass diese Ihre Entschuldigung zurückgewiesen
haben, haben ohne einen Muckser die heuchlerischen
Vorwürfe Ihrer europäischen Kollegen sowie die
Hiebe von Blair eingesteckt. Kurz, Sie haben Angst bekommen.
Und das ist unverzeihlich, Signor Cavaliere.
Unverzeihlich. Wenn ich Regierungschef gewesen wäre,
das versichere ich Ihnen, hätte ich sie alle mit Stumpf und
Stiel verspeist, und Herr Blair hätte sich nicht zu sagen
getraut, was er zu Ihnen gesagt hat. (Do you hear me,
Mister Blair? I did praise you and I praise you again for
standing up to the Usama Bin Ladens as no other European
leader has done. But if you play the wornout games
of diplomacy and shrewdness, if you separate the Usama
Bin Ladens from the world they belong to, if you declare
that our civilization is equal to the one which imposes
the chador yet the burkah and forbids to drink a
glass of wine, you are no better than the Italian deluxe
cicadas. If you don’t defend our culture, my culture and
your culture, my Leonardo da Vinci and your Shakespeare,
if you don’t stand up for it, you are a deluxe cicada
yourself and I ask: why do you choose my Tuscany,
my Florence, my Siena, my Pisa, my Uffi zi, my Tirrenean
Sea for your summer vacations? Why don’t you
rather choose the empty deserts of Saudi Arabia, the desolate
rocks of Afghanistan? I had a bad feeling when
my Prime Minister received your scolding. Th e feeling
that you will not go very far with this war, that you will
withdraw as soon as it will no longer serve your political
interests.)
Oder haben Sie, Signor Cavaliere, Angst bekommen
und aus einem ganz anderen Grund einen kläglichen
Eindruck gemacht? Aus Freundschaft zu dem kaffi ah tragenden
Mann mit der großen Nase und der dunklen Brille,
der auf den Namen Ihre Königliche Hoheit Prinz Al
Walid hört: Mitglied des saudiarabischen Königshauses
und Ihr Geschäft spartner. (Jaja: genau der Mann, der
nach der Apokalypse in New York zehn Millionen Dollar
zur Verfügung stellte und dem Bürgermeister Giuliani
scharf antwortete: »No thanks. I don’t want them.«)
Denn, in diesem Fall würde ich sagen, dass der Ministerpräsident
meines Landes dieser Königlichen Hoheit
nicht die Hand geben dürft e. Nicht mal Guten Tag murmeln.
Ich würde sagen, dass unsere Beziehungen zu diesem
Individuum mein Land diskreditieren und unsere
Werte verhöhnen, unsere Prinzipien. Ich erinnere Sie daran
bzw. wiederhole, dass das saudiarabische Königshaus
von der gesamten westlichen Presse und von sämtlichen
Geheimdiensten der Welt beschuldigt wird, heimlich den
islamischen Terrorismus zu fi nanzieren. Ich erinnere Sie
daran, dass mehrere Mitglieder dieser Familie Aktionäre
des Rabita Trust sind: des »Wohltätigkeitsvereins«,
den der gut informierte amerikanische Schatzminister
auf die schwarze Liste der Bankinstitute gesetzt hat, die
Usama Bin Laden fi nanzieren und von dem selbst Bush
mit brennender Empörung gesprochen hat. Ich erinnere
Sie daran, dass viele dieser Prinzen ihre Finger in der
Muwafaq Foundation haben: einem anderen »Wohltätigkeitsverein
«, der nach Aussage des gut informierten
amerikanischen Schatzministeriums die Gelder ins Aus
162
land transferiert, die Bin Laden für seine Massaker benötigt.
Ich erinnere Sie daran, dass Bin Ladens immenses
Kapital in Saudi-Arabien bis heute nicht eingefroren
wurde und dass in Saudi-Arabien nicht das Gesetz
herrscht, sondern das saudiarabische Königshaus. Ich erinnere
Sie daran, dass, als die Palästinenser uns in den
Flugzeugen und Flughäfen ermordeten, dieses saudiarabische
Königshaus Arafat regelmäßig fi nanzierte, also
den Hauptverantwortlichen für diese Morde. (Das hat
mir der damalige Ölminister, Ahmad Yamani, in Riad
bestätigt, und außerdem war es sowieso für niemanden
ein Geheimnis.) Ich erinnere Sie daran, dass es in Saudi-
Arabien ein Religionsministerium gibt, das nach dem
Willen des Königshauses den extremistischsten Fundamentalisten
anvertraut wurde. Jenen, die Bin Laden ausgebildet,
vergift et, den Nachtclubs Beiruts entrissen haben.
Ich erinnere Sie auch daran, dass dieses Ministerium
in der ganzen Welt Moscheen bauen lässt, in denen
junge Moslems für den Heiligen Krieg rekrutiert werden.
(Das ist auch in Tschetschenien geschehen, mit dem bekannten
Ergebnis.) Daran erinnere ich Sie, und der Verdacht,
dass Sie aus Rücksicht auf Ihren Geschäft spartner
die »unangemessene« Verteidigung der westlichen Kultur
zurückgenommen haben, irritiert mich zutiefst, er macht
mich rasend, und ich sage Ihnen abschließend: Recht haben
Ihre Gegner, die Sie daran erinnern, dass ein Land
zu regieren nicht dasselbe ist, wie einen Betrieb zu leiten
oder einen Fußballverein zu besitzen. (Ihnen gehört
doch dieser Verein, der AC Mailand, nicht wahr?) Sie
haben Recht, denn als Regierungschef muss man über
Qualitäten verfügen, die auch Ihre zahlreichen Vorgänger
niemals gezeigt haben, das ist wahr, und die auch
Ihre europäischen Kollegen nicht vorweisen können, das
ist wahr, die Sie aber erst recht nicht pfl egen. Die Qualitäten
nämlich, die zum Beispiel Klemens Wenzel Lothar
Fürst von Metternich, Camillo Benso Graf von Cavour
und Benjamin Disraeli besaßen. Zu unserer Zeit Churchill,
Roosevelt und De Gaulle. Konsequenz, Glaubwürdigkeit,
Kenntnis der Geschichte von gestern und heute,
Stil und Klasse im Überfl uss, und vor allem Mut. Oder
verlange ich auch in puncto Mut zu viel?
Vielleicht schon: Ich verlange zu viel. Denn sehen Sie,
mein Herr, mir wurde ein sehr ungewöhnlicher Reichtum
in die Wiege gelegt, mit dem ich aufgewachsen bin:
der Reichtum jener, die erzogen wurden wie Bobby und
der New Yorker Bürgermeister Giuliani … Und um besser
zu erklären, was ich meine, wechsle ich das Th ema
und erzähle Ihnen etwas über meine Mutter. Oh, Signor
Cavaliere, Sie haben ja keine Ahnung, wer meine Mutter
war! Sie haben keine Ahnung, was sie ihre Töchter gelehrt
hat. (Lauter Schwestern waren wir: Brüder gab es
keine.) Denn die Leute reden immer nur von meinem Vater,
vom Mut meines Vaters, niemand verliert ein Wort
über meine Mutter, und … Als mein Vater im Frühjahr
1944 von den Nazi-Faschisten verhaft et wurde, wusste
niemand, wo er hingekommen war. Die Florentiner Tageszeitung
berichtete nur, dass man ihn festgenommen
hatte, weil er ein von den Feinden (sprich: Angloamerikanern)
gekauft er Krimineller sei. Doch meine Mutter
sagte: »Ich werde ihn fi nden.« Sie lief von Gefängnis zu
Gefängnis, um ihn zu suchen, dann ging sie zur Villa
Triste, der Folterzentrale, und schafft e es sogar, bis ins
Büro des Chefs vorzudringen. Eines gewissen Mario Carità
(zu Deutsch: Marius Barmherzigkeit). Dieser gab zu,
dass er Papa in seiner Gewalt hatte, und fügte höhnisch
hinzu: »Signora, Sie können schwarze Kleider anziehen.
Morgen früh um sechs wird Ihr Mann im Parterre erschossen.
Wir vergeuden keine Zeit mit Prozessen.« Sehen
Sie, ich habe mich immer gefragt, wie ich an ihrer
Stelle reagiert hätte. Und die Antwort lautete stets: Ich
weiß es nicht. Ich weiß jedoch, wie meine Mutter reagierte.
Das ist bekannt. Sie blieb einen Augenblick reglos
stehen. Tief getroff en.
Dann hob sie langsam den rechten Arm. Sie deutete
mit dem Zeigefi nger auf Mario Carità und erwiderte mit
schneidender Stimme, wobei sie ihn duzte, als wäre er ihr
Lakai: »Mario Carità, morgen früh um sechs Uhr werde
ich tun, was du sagst. Ich werde schwarze Kleider anziehen.
Doch wenn du aus dem Bauch einer Frau gekommen
bist, rate deiner Mutter, das Gleiche zu tun. Denn
dein Tag wird bald kommen.«
Was danach geschah, nun: Das erzähle ich ein andermal.
Vorerst möge es Ihnen genügen zu wissen, dass mein
Vater nicht erschossen wurde, dass Mario Carità bald
das Ende nahm, das meine Mutter ihm gewünscht hatte,
und dass Ihr Italien nicht mein Italien ist. Nie wird
es mein Italien sein.
* * *
Auch das arbeitsscheue, kraft lose Italien nicht, das Italien,
das unter Freiheit Zügellosigkeit versteht (»Ichmache-
was-ich-will«). Das Italien, das keine Disziplin
bzw. Selbstdisziplin kennt und deshalb diesen Begriff
nicht mit dem Begriff der Freiheit verbindet und deshalb
nicht versteht, dass Freiheit auch Disziplin oder vielmehr
Selbstdisziplin bedeutet. Das Italien, das mein Vater auf
dem Totenbett mit diesen Worten beschrieb: »In Italien
spricht man immer von Rechten und nie von Pfl ichten.
In Italien tut man so, als wüsste man nicht, oder weiß
man wirklich nicht, dass jedes Recht eine Pfl icht mit sich
bringt, dass der, der seine Pfl icht nicht erfüllt, auch keinerlei
Recht verdient.« Und weiter, voller Bitterkeit: »Was
war ich doch für ein Idiot, mich so für die Italiener zu
engagieren und sogar für sie ins Gefängnis zu gehen!«
Mit diesem Italien, dem armseligen Italien, das daraus
folgt. Arm an Ehre, an Stolz, an Wissen und sogar an
Grammatikkenntnissen. Das Italien, zum Beispiel, der
berühmten Richter und berühmten Abgeordneten, die
noch nie etwas von Consecutio temporum gehört haben
und deshalb bei ihren Ansprachen im Fernsehen die
grausigsten Syntaxfehler machen. (Es heißt nicht: »Wenn
ich vor zwei Jahren gewusst haben würde.« Bestien! Es
heißt: »Wenn ich vor zwei Jahren gewusst hätte.« Esel!
Es heißt nicht: »Ich glaubte, es ist.« Analphabeten! Es
heißt: »Ich glaubte, es sei.« Dummköpfe!) Das Italien der
Lehrer und Lehrerinnen, der Professoren und Professorinnen,
von denen ich Briefe bekomme, in denen es von
Syntaxfehlern und sogar von Rechtschreibfehlern wimmelt.
Wenn du daher einen Sekretär einstellst, der ihr
Schüler war, fi ndest du dann auf deinem Schreibtisch
Nachrichten wie die, die ich vor Augen habe: »Signora,
Ihre Freundin sagt, sie ist inn Chicago.« … Das Italien
der Studenten, die Mussolini mit Rossellini dem-Ehemannvon-
Ingrid-Bergman verwechseln. (Ja, selbst das
musste ich mit eigenen Ohren hören.) Und wenn du sie
fragst, was in Dachau und Mauthausen geschah, antworten
sie dir: »Da wurde Seife produziert.« (Ja, selbst
das musste ich mit eigenen Ohren hören.) Und stelle um
Gottes willen nicht ihre Kenntnis der Landesgeschichte
auf die Probe. Frag sie bloß nicht, wer die Carbonari
waren. Denn sie antworten: »Kohlenverkäufer, was denn
sonst?« Frag sie bloß nicht, wer Silvio Pellico, Karl Albert,
Massimo d’Azeglio, Federico Confalonieri, Ciro Menotti
oder Pius IX. waren, und auch nicht, wer Cavour, Viktor
Emanuel II. und Mazzini waren oder was das »Junge
Italien« war. Denn sie sehen dich mit stumpfen Augen
und off enem Mund an. Höchstens erinnern sie sich
dank eines Films mit Marlon Brando daran, dass Napoleon,
ein General, der Kaiser wurde, der Mann von Josephine
war. Zum Ausgleich wissen sie, wie man Drogen
nimmt, den Samstagabend in der Diskothek vertrödelt,
Bluejeans kauft , die so viel kosten, wie ein Arbeiter im
Monat verdient. Sie wissen, wie man sich bis dreißig von
den Eltern aushalten lässt, die ihnen mit neun ein Handy,
mit vierzehn ein Moped und mit achtzehn ein Auto
geschenkt haben. Wenn du einen Sekretär suchst, um
den zu ersetzen, der ist-inn-Chicago schreibt, und den
siebenundzwanzig Jahre alten Kandidaten fragst, was er
bisher gearbeitet hat, kann es sein, dass er dir antwortet:

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #17 on: September 19, 2012, 04:03:51 pm »
»Lassen Sie mich mal nachdenken. Ach ja: Einmal habe ich
als Tennislehrer gejobbt. Ich spiele nämlich gut Tennis.«
Sie strömen auch zu den Kundgebungen eines Papstes,
der meines Erachtens eine große Sehnsucht nach weltlicher
Macht verspürt und diese insgeheim auch sehr
geschickt ausübt. (Das habe ich im Fernsehen gesehen.)
Sie wissen auch, wie man sich vermummt, und vergnügen
sich in Zeiten der Demokratie, das heißt, wenn es
keinen Carità und keinen Pinochet und keine Erschießungskommandos
gibt, damit, die Rolle von Guerilleros
zu spielen: diese Pseudorevolutionäre. Diese Weichlinge,
die Erben der Achtundsechziger, die die Universitäten
auf den Kopf stellten und heute die Wall Street oder die
Börse in Mailand, Paris oder London bestimmen. Und
diese Dinge ekeln mich maßlos an, denn der zivile Ungehorsam
ist eine ernste Sache, kein Vorwand, um sich
zu amüsieren und Karriere zu machen. Der Wohlstand
ist eine Errungenschaft der Zivilisation und kein Vorwand,
um zu schmarotzen. Ich bin mit sechzehn arbeiten
gegangen, mit achtzehn habe ich mir ein Fahrrad
gekauft und mich gefühlt wie eine Königin. Mein Vater
hat schon mit neun Jahren gearbeitet. Meine Mutter mit
zwölf. Und vor ihrem Tod sagte sie zu mir: »Weißt du,
ich bin so froh, dass ich noch erlebt habe, dass solche
Ungerechtigkeiten wie Kinderarbeit abgeschafft worden
sind.« Tja. Sie glaubte, wenn die Kinder nicht mehr arbeiten
müssten, wären alle Probleme gelöst. Arme Mama
… Sie glaubte, mit der Pfl ichtschule und der Universität,
die allen off en steht (ein Wunder, das sie nie kennen gelernt
hat), würden die jungen Leute alles lernen, was sie
nicht gelernt hat, aber so gerne gelernt hätte. Sie glaubte,
sie hätte gewonnen, wir hätten gewonnen … Gewonnen?!
Wie gut, dass sie gestorben ist, bevor ihr klar wurde, dass
dem nicht so war! Denn wir haben verloren, mein Lieber,
verloren. Anstelle von gebildeten jungen Menschen
haben wir Esel mit Universitätsdiplom. Anstelle von zukünft
igen Leitfi guren haben wir Weichlinge, von denen
ich bereits gesprochen habe. Und erspare mir das übliche
Gewinsel aber-sie-sind-doch-nicht-alle-so. Es-gibt-dochauch-
gute-Studenten, junge-Männer-und-junge-Frauendie-
viel-können. Ich weiß sehr wohl, dass es sie gibt! Das
hätte gerade noch gefehlt. Aber es sind wenige. Zu wenige.
Sie genügen mir nicht. Sie genügen nicht.
Was das Italien der Zikaden angeht, mit deren Beschreibung
ich diese verzweifelte Predigt eröff net habe … Diese
erbärmlichen, nutzlosen Zikaden, die mich nach diesem
Buch mehr hassen werden denn je, die mich nach einem
großen Teller Spaghetti oder einem saft igen Hamburger
heft iger verfl uchen werden denn je und die mir den Tod
wünschen werden, die Ermordung durch einen der Söhne
Allahs. Diese fi ktiven Revolutionäre, diese falschen
Christen, die das Ende unserer Zivilisation vorbereiten.
Diese Parasiten, die sich als Ideologen verkleidet haben,
als Journalisten, Schrift steller, Th eologen, Schauspieler,
Kommentatoren, Clowns, Edelhuren oder zirpende Grillen,
Exstiefellecker von Khomeini und Pol Pot, sagen nur,
was man von ihnen erwartet. Was ihnen hilft , in den
pseudointellektuellen Jetset aufgenommen zu werden oder
sich weiter darin zu tummeln, wichtigste Privilegien und
Vorteile für sich zu nutzen und Geld zu verdienen. Diese
Insekten, bei denen an die Stelle der marxistischen Ideologie
die Mode der politischen Korrektheit getreten ist.
Die Mode oder wohl eher das Idiotentum, das im Name n
der Brüderlichkeit (sic!) einen Pazifi smus um jeden Preis
predigt und selbst jenen Krieg ablehnt, den wir einst gegen
den Nazi-Faschismus geführt haben. Die Mode oder
wohl eher der faule Zauber, der im Namen des Humanitarismus
(sic!) die Angreifer hochleben lässt und die Verteidiger
verleumdet, Straft ätern die Absolution erteilt und
Opfer verdammt, die Taliban beweint und die Amerikaner
bespuckt, den Palästinensern alles verzeiht und den
Israelis rein gar nichts und die Juden im Grunde am liebsten
in die Konzentrationslager von Dachau und Mauthausen
bringen würde. Die Mode oder wohl eher die Demagogie,
die im Namen der Gleichheit (sic!) Leistung und
Erfolg, Werte und Wettbewerb negiert, die eine Mozart-
Symphonie und eine Monstrosität namens Rap oder einen
Renaissancepalast und ein Zelt in der Wüste auf ein und
derselben Ebene ansiedelt. Die Mode oder wohl eher der
Irrsinn, der im Namen der Gerechtigkeit (sic!) einwandfreie
Begriff e aus der Welt schafft und die Straßenkehrer
zu »ökologischen Einsatzkräft en« macht. Die Haushälterinnen
zu »Familienmitarbeiterinnen«. Die Hausmeister
in der Schule zu »nicht lehrendem Personal«. Die Blinden
zu »Nichtsehenden«. Die Tauben zu »Gehörlosen«.
Und die Lahmen (nehme ich an) zu »Nichtgehenden«.
Die Mode oder wohl eher die Scheinheiligkeit, der Sadismus,
der aus der Infi bulation eine »regionale Tradition«
oder eine »andere Kultur« werden lässt. Ich spreche hier
von jenem fürchterlichen Brauch, den mancher Moslem
pfl egt, um zu verhindern, dass junge Mädchen ihre Sexualität
genießen. Dazu beschneiden sie die Klitoris dieser
Mädchen und nähen ihre äußeren Schamlippen zusammen.
(Unverschlossen bleibt nur eine winzig kleine Öff -
nung zum Wasserlassen. Man kann sich unschwer vorstellen,
welche Schmerzen eine Entjungferung und eine
Schwangerschaft unter diesen Umständen mit sich bringen.)
Die Mode oder wohl eher die Farce, die dazu führt,
dass ein marokkanischer Wortführer Beachtung fi ndet,
der behauptet, die Europäer hätten die griechische Philosophie
in der Vermittlung durch die Araber entdeckt. Der
behauptet, die arabische Sprache sei die Sprache der Wissenschaft
und seit dem 9. Jahrhundert die bedeutendste
der Welt. Der behauptet, Jean de la Fontaine habe seine
Fables nicht nach der Lektüre von Aesops Werk geschrieben,
sondern nachdem er auf bestimmte indische
Erzählungen gestoßen war, die ein Araber namens Ibn al-
Mukaff a übersetzt hatte. 1

1 Anmerkung der Autorin: Ich beziehe mich hier auf jenes Individuum,
dem UN-Generalsekretär Kofi Annan in feierlicher
Zeremonie einen Preis verliehen hat, der irgendetwas mit Frieden
zu tun hat. Und das mich verleumdet, indem es behauptet,
meine Abneigung gegenüber dem Islam sei den Kränkungen
und Enttäuschungen geschuldet, die ich durch arabische Männer
erfahren hätte. (Und das natürlich auf gefühlsmäßiger und
sexueller Ebene.) Ein Individuum, dem ich antworte, dass ich
Gott sei Dank noch nie etwas mit einem arabischen Mann zu
tun hatte. Meiner Auff assung nach sind seine Glaubensbrüder
nämlich getragen von einer Verachtung für alle Frauen mit
gutem Geschmack. Und ich antworte ihm auch, dass seine Vulgarität
erst recht jene Geringschätzung unter Beweis stellt, die
der Grund dafür ist, dass moslemische Männer Frauen wie den
letzten Dreck behandeln. Und diese Geringschätzung gebe ich
von ganzem Herzen zurück.


Und schließlich die Mode, die
es den Zikaden erlaubt, eine neue Form von intellektuellem
Terrorismus zu etablieren, indem sie sich nach Gutdünken
des Begriff s »Rassismus« bemächtigen. Sie wissen
nicht, was dieser Begriff bedeutet, bemächtigen sich
seiner aber trotzdem auf solch unverschämte Art, dass es
keinen Sinn hätte, sie mit der Einschätzung eines afroamerikanischen
Intellektuellen zu konfrontieren, dessen
Ahnen Sklaven waren, dessen Großeltern die Grausamkeiten
des Rassismus kannten und den ich vor kurzem
im Fernsehen sah: »Speaking of racism in relation to a
religion is a big disservice to the language and to the intelligence.
Wendet man den Begriff Rassismus in Bezug
auf eine Religion an und nicht auf eine Rasse, so erweist
man der Sprache und dem logischen Denken einen wahrhaft
schlechten Dienst.« Es hätte wirklich keinen Sinn,
denn sobald man Zikaden zum Nachdenken auff ordert,
reagieren sie wie der Idiot aus einer Spruchweisheit von
Mao Tsetung: »Wenn du ihm mit dem Finger den Mond
zeigst, blickt der Idiot auf den Finger. Er sieht den Finger
und nicht den Mond.« Und natürlich sehen sie doch
manchmal den Mond und nicht den Finger … In den geheimen
Winkeln ihres kleinen Hirns verstehen sie sehr
genau, was ich meine. Weil sie aber nicht den Mumm haben,
den es braucht, um gegen den Strom zu schwimmen,
um auf politische Korrektheit zu verzichten, tun sie so,
als sähen sie den Finger.
172
In das Geschwätz dieser Leute soll ich einstimmen,
meinst du, wenn du mir das Schweigen vorwirfst, das
ich gewählt habe, wenn du mich dafür tadelst, dass ich
meine Tür abschließe? Jetzt bringe ich noch einen Riegel
an, an meiner verschlossenen Tür! Besser noch, ich kaufe
einen bissigen Hund, und danke Gott, wenn ich an das
kleine Gartentor vor der verschlossenen Tür ein Schild
mit der Aufschrift Cave Canem. Vorsicht-vor-dem-Hund
hänge. Weißt du, warum? Weil ich erfahren habe, dass
einige Super-Luxus-Zikaden bald nach New York kommen.
Im Urlaub kommen sie, um das neue Herkulaneum,
das neue Pompeji zu bestaunen, das heißt, die Türme,
die es nicht mehr gibt. In einem Luxusfl ugzeug werden
sie anreisen und in einem Luxushotel logieren (im Waldorf
Astoria oder im Four Seasons oder im Plaza, wo
man für eine Nacht nie weniger als sechshundertfünfzig
Dollar bezahlt), und kaum dass sie ihre Koff er abgestellt
haben, werden sie eilig die Trümmer besichtigen. Mit ihren
superteuren Fotoapparaten werden sie die Reste des
geschmolzenen Stahls knipsen, eindrucksvolle Bilder, die
sie dann in den Salons unserer Hauptstadt herumzeigen
können. Mit ihren superteuren Schuhen werden sie
über das Kaff eepulver trampeln, und weißt du, was sie
dann machen werden? Sie werden sich Gasmasken kaufen,
die hier in den Geschäft en angeboten werden, weil
die Menschen einen chemischen und bakteriologischen
Angriff fürchten. Es ist chic, verstehst du, mit einer in
New York gekauft en Gasmaske für den chemischen und
bakteriologischen Angriff gerüstet nach Rom zurückzukommen.
Damit kann man prahlen: »Ich habe in New
York mein Leben aufs Spiel gesetzt, weißt du!« So kann
man auch eine neue Mode lancieren. Die Mode des Gefährlichen
Urlaubs. Nach dem Fall von Robespierre, pardon,
der Sowjetunion haben sie den Intelligenten Urlaub
erfunden. Jetzt ist der Gefährliche Urlaub dran, und sei
dir gewiss: Die Luxus- und sonstigen Zikaden der anderen
europäischen Länder tun es ihnen gleich. Womit
wir bei Europa wären.
* * *
Liebe Zikaden aus England, Frankreich, Deutschland,
Spanien, Holland, Ungarn, Skandinavien et cetera, et
cetera, amen: Freut euch nicht zu früh über meine Beschimpfung
aller Italien, die nicht mein Italien sind. Eure
Länder sind um kein Haar besser als meines. In neun
von zehn Fällen sind sie leider bestürzende Kopien. Fast
alles, was ich über die Italiener gesagt habe, gilt auch für
euch, ihr seid nämlich aus dem gleichen Holz. In diesem
Sinn bilden wir wirklich eine große Familie … Gleich
ist die Schuld, gleich die Feigheit und Heuchelei. Gleich
die Blindheit, die Beschränktheit, die Misere. Gleich die
Politiker von rechts und von links, gleich die Arroganz
ihrer Jünger. Gleich die Arroganz und der Opportunismus,
der intellektuelle Terrorismus, und die Demagogie.
Um sich das klarzumachen, genügt es, einen Blick
hinter die Kulissen jenes Finanzclubs zu werfen, den
man gemeinhin Europäische Union nennt. Ein Club,
dessen alleiniger Zweck darin besteht, den schönrednerischen
Unsinn namens gemeinsame Währung durch
zusetzen, den Italienern ihren Parmesan und ihren Gorgonzola
zu nehmen, den Mitgliedern seines unfähigen
Parlaments sagenhaft e Diäten zu bezahlen (steuerfrei)
und uns mit seinem populistischen Unsinn zu belästigen.
Zum Beispiel damit, dass siebzig Hunderassen abgeschafft
werden (Alle-Hunde-sind-gleich, lautete hierzu
der ironische Kommentar der Anthropologin Ida
Magli), oder damit, dass die europäischen Flugzeugsitze
normiert werden. (Alle-Ärsche-sind-gleich.) Ein Club,
der nur Englisch oder Französisch spricht, niemals aber
Italienisch oder Spanisch oder Flämisch oder Finnisch
oder Norwegisch oder eine andere Sprache. Ein Club, in
dem die bekannte Troika England-Frankreich-Deutschland
den Ton angibt. (O Gott! Frankreich, England und
Deutschland hassen sich seit Jahrhunderten und übernehmen
schlussendlich doch immer wieder gemeinsam
das Kommando.) Ein Club, der mehr als fünfzehn Millionen
Söhnen Allahs Schutz gewährt und Gott weiß wie
vielen Terroristen oder Terroristenanwärtern oder zukünft
igen Terroristen. Ein Club, der mit den arabischen
Ländern ins Bett steigt wie eine Hure und der sich die
Taschen mit deren vergift eten Petrodollars voll stopft .
Ein Club, der sich erdreistet, von »kulturellen Ähnlichkeiten
« mit dem Nahen Osten zu sprechen. (Was soll das
bedeuten, ihr Trottel: kulturelle Ähnlichkeiten mit dem
Nahen Osten? Verdammt noch mal, wo sind sie denn,
die kulturellen Ähnlichkeiten mit dem Nahen Osten,
ihr schwachsinnigen Lügenbolde?!? In Mekka? In Bethlehem,
in Damaskus, in Beirut?!? In Kairo, in Teheran,
in Bagdad, in Kabul?!?) Diese misslungene Europäische
Union. Dieses unbedeutende und enttäuschende Europa,
dieser schmerzhaft e Misserfolg, dem Italien seine
schöne Sprache und seine nationale Identität opfert.
Als ich noch sehr jung war, siebzehn oder achtzehn,
was spürte ich damals nur für eine Sehnsucht nach Europa!
Hinter mir lag ein Krieg, in dem die Italiener und
die Franzosen, die Italiener und die Engländer, die Italiener
und die Griechen, die Italiener und die Deutschen,
die Deutschen und die Franzosen und die Engländer und
die Polen und die Niederländer und die Dänen und die
Finnen und die Russen und so weiter und so fort sich
gegenseitig erbarmungslos abgeschlachtet hatten. Schon
mal davon gehört? Das war der verfl uchte Zweite Weltkrieg
… Mein Vater suchte nach dem Krieg mit aller
Verve nach Antworten auf die neu aufgeworfenen Fragen
und predigte in dieser Situation den Europäischen
Föderalismus: die Illusionen der von den Faschisten ermordeten
Brüder Carlo und Nello Rosselli lassen grüßen.
Er organisierte Kundgebungen, er sprach zum Publikum,
er skandierte: »Europa, Europa! Wir müssen Europa erschaff
en!« Mit großer Begeisterung und voller Vertrauen
folgte ich ihm, wie ich ihm schon gefolgt war, als er
noch Freiheit-Freiheit! skandiert hatte. Im Frieden lernte
ich nach und nach jene kennen, die ein paar Jahre zuvor
meine Feinde gewesen waren, und als ich Deutsche ohne
Uniformen, Gewehre oder Geschütze sah, dachte ich:
»Sie sind wie wir. Sie kleiden sich wie wir, sie essen wie
wir, sie lachen wie wir. Sie lieben die Musik, die Dichtkunst,
die Bildhauerei und die Malerei genau wie wir,
sie beten oder beten nicht, genau wie ich … Wie war es
176
da möglich, dass sie uns derart viel Leid zugefügt hatten,
dass sie uns eingeschüchtert, schikaniert und umgebracht
hatten wie Tiere?« Dann dachte ich: »Aber wir
haben ihnen auch Leid zugefügt, wir haben sie auch umgebracht
…« Während mir ein Schauer des Entsetzens
über den Rücken lief, fragte ich mich, ob ich in meiner
Zeit im Widerstand vielleicht auf die eine oder andere
Art ebenfalls zum Tod eines Deutschen beigetragen,
ich vielleicht ebenfalls Deutsche umgebracht hatte. Ich
stellte mir diese Frage, und als ich sie mir mit: ja-vielleicht,
ja-ganz-sicher beantwortete, empfand ich so etwas
wie Scham. Ich kam mir vor, als hätte ich im Mittelalter
gekämpft , damals, als Florenz und Siena Krieg
gegeneinander führten und die Fluten des Arno rot waren
vor Blut, dem Blut von Florentinern und dem von
Sienesen. Erschüttert und plötzlich voller Skepsis, hinterfragte
ich meinen Stolz, gekämpft zu haben für mein
Land, für meine Heimat, und ich kam zu dem Schluss:
»Genug, genug! Vater hat Recht! Europa, Europa: Wir
müssen Europa erschaff en!« Nun ja. Die Italiener aus jenen
Italien, die nicht mein Italien sind, behaupten, wir
hätten Europa erschaff en. Die Deutschen, die Franzosen,
die Engländer, die Spanier, die Niederländer und so
weiter und so fort – sie alle sagen von sich das Gleiche.
Doch dieser Finanzclub, der mir meinen Parmesan und
meinen Gorgonzola nimmt, der meine wunderschöne
Sprache und meine nationale Identität opfert, der mich
mit seinem populistischen Unsinn belästigt, der mehr
als fünfzehn Millionen Söhnen Allahs samt ihren Terroristen
Schutz gewährt, der von kulturellen Ähnlich

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #18 on: September 19, 2012, 04:05:11 pm »
keiten mit unseren Angreifern spricht, der mit unseren
Feinden ins Bett steigt, ist nicht das Europa, von dem
ich geträumt habe. Er ist nicht Europa. Er ist der Selbstmord
Europas.
* * *
Welches ist aber mein Italien? Ganz einfach, mein Lieber.
Ganz einfach. Es ist das Gegenteil von den Italien,
von denen ich bisher gesprochen habe. Ein ideales Italien.
Ein ernsthaft es, intelligentes, laizistisches, mutiges
und daher Achtung verdienendes Italien. Ein Italien, das
seine Werte, seine Kultur, seine nationale Identität verteidigt.
Ein Italien, das sich nicht von den Söhnen Allahs
und nicht von den Fouchés, Barras’ und den Talliens
des neuen Konformismus einschüchtern lässt. Ein
Italien, das stolz auf sich ist, ein Italien, das die Hand
aufs Herz legt, wenn es die Fahne grüßt, für die wir gestorben
sind. Kurz, das Italien, von dem ich träumte, als
ich zwar keine Schuhe besaß, aber voller Illusionen war.
Und wehe dem, der mir dieses Italien anrührt, ein Italien,
das es gibt, ja, auch wenn es verlacht beleidigt zum
Schweigen gebracht wird. Wehe dem, der es mir raubt,
wehe dem, der es besetzen will. Denn ob es Napoleons
Franzosen oder Franz Josephs Österreicher oder Hitlers
Deutsche oder Usama Bin Ladens Turbanträger besetzen,
macht für mich keinen Unterschied. Ob sie für
die Besetzung Kanonen oder Schlauchboote benutzen,
ebenfalls nicht.
Stopp. Was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt. Die Wut
und der Stolz haben es mir befohlen. Das reine Gewissen
und das Alter haben es mir gestattet. Jetzt ist Schluss.
Punkt und Schluss.

Oriana Fallaci
New York, September 2001