Author Topic: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz  (Read 2188 times)

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« on: September 19, 2012, 03:03:37 pm »
überreden wollte, das Schweigen zu brechen, das ich
längst gebrochen hatte, und ich sagte es ihm. Ich zeigte
ihm sogar die hektischen, verworrenen Notizen, und er
war so entzückt, als hätte er Greta Garbo gesehen, die
die dunkle Brille abgenommen hat und auf der Bühne
der Scala einen schlüpfrigen Striptease vorführt. Oder als
sähe er schon das Publikum Schlange stehen, um die Zeitung
zu kaufen, Pardon, um das Parkett, die Logen und
die Ränge zu stürmen. Entzückt bat er mich weiterzuschreiben,
die einzelnen Teile zu verbinden, eine Art Brief
an ihn daraus zu machen. Und angestachelt von meiner
Bürgerpfl icht, von der moralischen Herausforderung,
vom kategorischen Imperativ, nahm ich den Vorschlag
an. Erneut vernachlässigte ich mein Kind, das ohne Milch
und Mama unter den hektischen, verworrenen Notizen
schlummerte, und kehrte an die Schreibmaschine zurück,
wo sich das unaufh altsame Weinen in einen Schrei aus
Wut und Stolz verwandelte. Ein J’accuse. Eine Anklage
an die Italiener und die anderen Europäer, die mir vom
Parkett, den Logen und den Rängen der Zeitung her zuhören
und vielleicht ein paar Blumen, gewiss aber etliche
faule Eier in meine Richtung werfen würden.
Ich arbeitete zwei weitere Wochen. Ohne Pause. Das
heißt, fast ohne zu essen, ohne zu schlafen. Ich spürte
weder die Müdigkeit noch den Hunger, nein. Ich hielt
mich aufrecht mit Zigaretten, mit Kaff ee. Und hier muss
ich etwas Grundsätzliches klarstellen, ähnlich wie beim
Th ema Weinen. Schreiben ist eine sehr ernsthaft e Sache
für mich. Es ist kein Vergnügen oder eine Zerstreuung
oder eine Erleichterung. Und zwar, weil ich niemals
vergesse, dass die geschriebenen Dinge sehr viel Gutes,
aber auch sehr viel Böses anrichten können. Sie können
heilen oder töten. Studiere die Geschichte, und du wirst
sehen, hinter jeder kollektiven Erfahrung von Gut und
Böse steht ein geschriebener Text. Ein Buch, ein Artikel,
ein Manifest, ein Gedicht, ein Gebet, ein Lied. (Eine Bibel,
eine Th ora, ein Koran, ein Das Kapital. Ein Yankee
Doodle Dandy, eine Marseillaise, eine Hymne von Mameli,
ein Vaterunser.) So schreibe ich nie rasch, wie aus
einem Guss. Ich bin eine langsame Schrift stellerin, eine
vorsichtige Schrift stellerin. Auch eine, die höchste Ansprüche
an sich stellt, immer unzufrieden ist. Ich habe
wahrhaft ig nichts gemein mit jenen, die sich jedes Mal
selbstzufrieden ihres Produkts rühmen, als hätten sie ein
Ei gelegt, sich darüber freuen, als hätten sie Ambrosia
oder Kölnischwasser gepisst. Zudem habe ich viele Manien.
Mir ist die Metrik wichtig, der Satzrhythmus, die
Melodie der Seite, der Klang der Wörter. Und wehe den
Assonanzen, Reimen, ungewollten Wiederholungen. Die
Form liegt mir ebenso am Herzen wie der Inhalt. Ich meine,
die Form ist ein Gefäß, dem sich der Inhalt anpasst
wie der Wein dem Glas, und diese Symbiose zu gestalten
hemmt mich zuweilen. Jetzt dagegen fühlte ich mich kein
bisschen gehemmt. Ich schrieb rasch, aus einem Guss,
ohne mich um Assonanzen oder Reime oder Wiederholungen
zu kümmern, weil die Metrik, das heißt der
Rhythmus sich von selbst einstellte, wobei ich mir wie
nie zuvor der Tatsache bewusst war, dass Geschriebenes
heilen oder töten kann. (Kann Leidenschaft so weit gehen?)
Das Schlimme ist, als ich innehielt und bereit war,
den Text abzuschicken, merkte ich, dass ich anstelle eines
Artikels ein kleines Buch verfasst hatte. Um ihn der Zeitung
zu geben, musste ich ihn kürzen, auf eine annehmbare
Länge zusammenstreichen.
Ich kürzte ihn auf fast die Hälft e. Den Rest verschloss
ich in einer Schublade und legte ihn beiseite, zu dem
schlafenden Kind. Meterweise Papier, auf dem ich mein
Herz ausgeschüttet hatte. Die Seiten über die beiden Buddhas,
die in Bamyan gesprengt worden waren, zum Beispiel,
und die über meinen Kondun. Den Dalai Lama.
Die über die drei Frauen, die in Kabul hingerichtet wurden,
weil sie zum Friseur gingen, und die über die Feministinnen,
die sich einen Dreck scheren um ihre Schwestern
in Burkah und Tschador. Die über Ali Bhutto, der
mit noch nicht dreizehn Jahren zur Heirat gezwungen
wurde, und die über König Hussein, dem ich erzähle,
wie die Palästinenser während eines israelischen Bombenangriff
s mit mir umgegangen sind. Die über die italienischen
Kommunisten, die ein halbes Jahrhundert lang
noch schlimmer mit mir umgegangen sind als die Palästinenser,
und die über den Cavaliere Silvio Berlusconi,
der Italien regiert. Die über die Freiheit, die als Zügellosigkeit
gedeutet wird, über die Pfl ichten, die zugunsten
der Rechte vergessen werden. Die über die ignoranten
Weichlinge von heute. Das heißt über die vom Wohlstand,
von der Schule, von den Eltern verwöhnte Jugend,
von einer Gesellschaft , die nicht funktioniert. Die über
die Fähnchen im Wind von gestern, heute und morgen
… Ich nahm sogar die Abschnitte über den Feuerwehrmann
Jimmy Grillo heraus, der nicht aufgibt, und über
Bobby, den New Yorker Jungen, der an das Gute, an die
Tapferkeit glaubt. Und dennoch war der Text entsetzlich
lang. Der entzückte Herausgeber versuchte mir zu helfen.
Aus den beiden ganzen Seiten, die er für mich reserviert
hatte, wurden drei dann vier dann viereinviertel.
Ein, glaube ich, nie da gewesener Raum für einen einzigen
Artikel. Vermutlich in der Hoff nung, ich würde ihm
den Text komplett geben, bot er mir sogar an, ihn in zwei
Teilen zu veröff entlichen. In zwei Ausgaben. Das lehnte
ich ab, weil man einen Schrei nicht in zwei Teilen veröffentlichen
kann. Mit einer Veröff entlichung in zwei Folgen
hätte ich nicht das Ziel erreicht, das ich mir gesetzt
hatte, nämlich zu versuchen, den Leuten, die nicht sehen
und hören wollen, Augen und Ohren zu öff nen, diejenigen,
die nicht denken wollen, zum Denken anzuregen.
Bevor ich den Artikel abgab, kürzte ich ihn daher sogar
noch mehr. Ich strich die heft igsten Teile heraus. Vereinfachte
die kompliziertesten Passagen. Um sich verständlich
zu machen, muss man schon einigermaßen konsequent
vorgehen, nicht wahr? In der Schublade bewahrte
ich ja die vielen Meter Papier der intakten Niederschrift
auf: den vollständigen Text, das kleine Buch.
Die Seiten, die auf dieses Vorwort folgen, sind das kleine
Buch. Der komplette Text, den ich in den zwei Wochen
schrieb, als ich weder aß noch schlief, mich mit Kaffee
und Zigaretten wachhielt und die Worte wie frisches
Quellwasser hervorsprudelten, wie ein Wasserfall, besser,
wie ein unaufh altsames Weinen herausströmten. Korrekturen
gibt es wenige. (Im Alter von vierzehn Jahren wurde
ich, nur als ein Beispiel, mit fünfzehntausendsechs
hundertsiebzig Lire aus dem italienischen Heer entlassen,
während ich die Summe in der Zeitung fälschlich
mit vierzehntausendfünfh undertvierzig beziff ert hatte.)
Kürzungen diesmal gar keine, von einigen überfl üssig
gewordenen Dingen abgesehen. Zum Beispiel dem Namen
der Zeitung, die meinen Artikel veröff entlicht hat,
und dem ihres Herausgebers, mit dem ich (wie man bald
sieht) nicht mehr rede. Sic transit gloria mundi. Ein lateinischer
Ausdruck, der besagt: So vergeht die Herrlichkeit
der Welt.
* * *
Ich weiß nicht, ob dieses Buch eines Tages wachsen wird.
Dieser deutschen Ausgabe habe ich hier und da einige
Seiten hinzugefügt, einige Sätze, einige Ideen, es ist also
schon gewachsen. Ich weiß aber, dass ich mir bei seiner
Veröff entlichung, und sei es nur diese Übersetzung, vorkomme
wie Salvemini, der am 7. Mai 1933 in einem Saal
des Irving Plaza über Hitler und Mussolini spricht. Vor
einem Publikum, das ihn nicht versteht, ihn aber am
7. Dezember 1941 verstehen wird, das heißt an dem Tag,
an dem die mit Hitler und Mussolini verbündeten Japaner
Pearl Harbor bombardieren werden, redet er sich die
Kehle wund und schreit: »Wenn ihr untätig zuschaut,
wenn ihr uns nicht helft , werden sie früher oder später
auch euch angreifen!« Allerdings gibt es einen Unterschied
zwischen meinem kleinen Buch und dem anti fascistmeeting
im Irving Plaza. Über Hitler und Mussolini
wussten die Amerikaner damals wenig. Sie konnten
sich den Luxus erlauben, nicht allzu sehr an die Worte
dieses Flüchtlings zu glauben, der ihnen von Freiheitsliebe
beseelt schreckliches Unglück vorhersagte. Über
den islamischen Fundamentalismus dagegen wissen wir
heute alles. Keine zwei Monate nach der Katastrophe
von New York bewies Bin Laden selbst, dass ich nicht zu
Unrecht schreie: »Versteht ihr denn nicht, wollt ihr nicht
verstehen, dass ein umgekehrter Kreuzzug im Gang ist.
Ein Religionskrieg, den sie Jihad, Heiligen Krieg, nennen.
Versteht ihr denn nicht, wollt ihr nicht verstehen,
dass der Westen für sie eine Welt darstellt, die erobert
bestraft zum Islam bekehrt werden muss.« Er bewies es
während der Fernsehansprache, bei der er einen schwarzen
Ring zur Schau trug, dem Schwarzen Stein ähnlich,
der in Mekka verehrt wird. In dieser Ansprache bedrohte
er sogar die UNO und bezeichnete deren Generalsekretär
Kofi Annan als »Kriminellen«. In dieser Ansprache
schloss er die Italiener, die Engländer und die
Franzosen in die Liste der zu züchtigenden Feinde mit
ein. Dieser Ansprache fehlte nur die hysterische Stimme
Hitlers oder die ordinäre Stimme Mussolinis, der Balkon
am Palazzo Venezia oder die Tribüne auf dem Alexanderplatz.
»Im Wesentlichen ist dies ein Religionskrieg,
und wer das bestreitet, lügt«, sagte Bin Laden. »Alle Araber
und alle Moslems müssen Partei ergreifen, wenn sie
neutral bleiben, verleugnen sie den Islam«, sagte er. »Die
arabischen und moslemischen Staatsoberhäupter, die
in der UNO sitzen und deren Politik akzeptieren, stellen
sich außerhalb des Islam, es sind Ungläubige, die die
Botschaft des Propheten nicht achten«, sagte er. »Die
jenigen, die sich auf die Rechtmäßigkeit der internationalen
Institutionen beziehen, verzichten auf die einzige
und authentische Rechtmäßigkeit, die Rechtmäßigkeit,
die vom Koran kommt.« Und weiter: »Die große Mehrheit
der Moslems auf der Welt war zufrieden mit den
Angriff en auf die Zwillingstürme. Das zeigen die Umfragen.
«
Waren diese Pünktchen auf dem »i« überhaupt noch
nötig? Von Afghanistan bis zum Sudan, von Indonesien
bis Pakistan, von Malaysia bis zum Iran, von Ägypten
bis zum Irak, von Algerien bis zum Senegal, von Syrien
bis Kenia, von Libyen bis zum Tschad, vom Libanon bis
Marokko, von Palästina bis zum Jemen, von Saudi-Arabien
bis Somalia wächst zusehends der Hass auf den Westen.
Er lodert wie ein vom Wind angefachtes Feuer, und
die Anhänger des islamischen Fundamentalismus vermehren
sich wie die Protozoen einer Zelle, die sich teilt,
damit zwei Zellen daraus werden dann vier dann acht
dann sechzehn dann zweiunddreißig. Und so weiter. Wer
das im Westen nicht begreift , möge sich die Bilder ansehen,
die uns das Fernsehen jeden Tag zeigt. Die Massen,
die die Straßen von Islamabad, die Plätze von Nairobi,
die Moscheen von Teheran überschwemmen. Die
wütenden Gesichter, die drohenden Fäuste, die Plakate
mit dem Bild von Bin Laden. Die Scheiterhaufen, auf denen
die amerikanische Fahne brennt und die Puppe mit
den Gesichtszügen von Präsident Bush. Die Blinden im
Westen mögen sich das Jubelgeschrei über den Barmherzigen-
und-zornigen-Gott anhören oder ihre Rufe Allahakbar,
Allah-akbar-Jihad-Krieg-Heiliger-Jihad. Von we
gen extremistische Randgruppen! Von wegen fanatische
Minderheit! Millionen über Millionen sind sie, die Extremisten.
Millionen über Millionen sind sie, die Fanatiker.
Millionen über Millionen, für die Usama Bin Laden, lebendig
oder tot, eine Khomeini ebenbürtige Legende ist.
Millionen über Millionen, die nach Khomeinis Tod in
ihm ihren neuen Führer, ihren neuen Helden erkannten.
Gestern Abend sah ich Bilder von Moslems in Nairobi,
einem Ort, von dem nie gesprochen wird. Sie drängten
sich auf dem Marktplatz, mehr als in Gaza oder Islamabad
oder Jakarta, und dann interviewte der Fernsehreporter
einen alten Mann. Er fragte ihn: » Who is for you
Bin Laden, wer ist Bin Laden für Sie?«
»A hero, our hero! Ein Held, unser Held!«, antwortete
der Alte, glücklich. »And if he dies, und wenn er
stirbt?«, frage der Reporter weiter. »We fi nd another one,
wir fi nden einen anderen«, erwiderte der Alte, ebenso
glücklich. Anders gesagt, der Mann, der sie von Mal zu
Mal anführt, ist nur die Spitze des Eisbergs: der Teil des
Berges, der aus dem Abgrund aufragt. Und der wahre
Protagonist dieses Krieges ist nicht er. Es ist nicht der
sichtbare Teil, die Spitze des Eisbergs. Der Protagonist ist
der überfl utete, daher unsichtbare Teil des Berges. Ist jener
Teil, der sich seit eintausendvierhundert Jahren nicht
bewegt, nicht aus den Abgründen seiner Blindheit auftaucht,
den Errungenschaft en der Zivilisation seine Türen
nicht öff net, nichts wissen will von Freiheit und Gerechtigkeit
und Demokratie und Fortschritt. Der Berg,
der trotz des skandalösen Reichtums seiner Beherrscher
(denkt an Saudi-Arabien) noch in mittelalterlichem Elend
lebt, noch im Obskurantismus und Puritanismus einer
Religion dahinvegetiert, die nichts als Religion hervorzubringen
versteht. Der Berg, der im Analphabetismus
ertrinkt (in den moslemischen Ländern bewegt sich die
Analphabetismusrate zwischen sechzig und achtzig Prozent),
sodass die »Nachrichten« nur in Form von Karikaturen
oder den Lügen der Mullahs zugänglich sind. Der
Berg, schließlich, der uns die Schuld für seine materielle
und intellektuelle Armut, seine Rückständigkeit und
seinen Verfall in die Schuhe schiebt, da er insgeheim neidisch
auf uns ist, sich insgeheim von unserer Lebensart
angezogen fühlt. Der Optimist, der glaubt, der Heilige
Krieg sei mit der Zerschlagung des Taliban-Regimes in
Afghanistan zu Ende gegangen, der irrt sich. Der Optimist,
der sich von den Bildern der Frauen in Kabul, die
keine Burkah mehr tragen und mit unbedecktem Gesicht
das Haus verlassen, die wieder zum Arzt, in die Schule
und zum Friseur gehen können, blenden lässt, der irrt
sich. Der Optimist, der sich damit zufrieden gibt, dass
sich die afghanischen Männer nach der Niederlage der
Taliban die Bärte kürzten oder abrasierten, so wie die
Italiener nach dem Fall Mussolinis das faschistische Abzeichen
ablegten, der irrt sich.
Er irrt sich, weil der Bart nachwächst und die Burkah
wieder getragen werden wird: In den letzten zwanzig Jahren
gab es in Afghanistan häufi ge Wechsel zwischen abrasierten
und nachwachsenden Bärten, abgenommenen
und wieder umgelegten Burkah. Er irrt sich, weil die derzeitigen
Sieger genauso zu Allah beten wie die Besiegten,
weil sie sich eigentlich nur in der Frage des Bartes von