Author Topic: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz  (Read 2188 times)

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« on: September 19, 2012, 03:21:04 pm »
ich, dass ich keine Lügen schreiben würde. Und der Herausgeber,
ein fetter, aufgeblasener Christdemokrat, erwiderte,
Journalisten seien Lohnschreiber, die gehalten
seien, die Sachen zu schreiben, für die sie bezahlt würden.
»Man spuckt nicht auf den Teller, von dem man
isst.« Vor Empörung zitternd antwortete ich, dass er von
diesem Teller essen möge und dass ich lieber verhungern
würde, als eine Lohnschreiberin zu werden, und daraufhin
entließ er mich fristlos. Meinen Doktor in Medizin
konnte ich auch deshalb nicht machen. Denn plötzlich
stand ich ohne das Gehalt da, das ich brauchte, um das
Studium zu bezahlen … Nein, niemand hat mich je dazu
gebracht, eine Zeile des Geldes wegen zu schreiben. Alles,
was ich in meinem Leben geschrieben habe, hat nie
etwas mit Geld zu tun gehabt. Denn mir ist immer klar
gewesen, dass man mit dem Schreiben die Gedanken
und Taten der Leser mehr beeinfl usst als mit Bomben.
Und die Verantwortung, die diesem Bewusstsein entspringt,
kann man nicht gegen Geld übernehmen. Daher
habe ich den Artikel für die Zeitung gewiss nicht
wegen des Geldes geschrieben. Die qualvolle Anstrengung,
die in jenen Wochen meinen schon kranken Körper
noch weiter zerstörte, habe ich gewiss nicht für Geld
auf mich genommen. Noch viel weniger habe ich mein
Kind, das heißt meinen schwierigen, mich stark in Anspruch
nehmenden Roman, schlafen gelegt, um mehr
als das bisschen zu verdienen, was durch meine Autorenrechte
hereinkommt. Und nun die Schlussfolgerung
dieses Vorworts. Eine Schlussfolgerung, die ich besonders
hervorheben möchte, weil sie mit einer heutzutage
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ziemlich unmodernen Problematik verbunden ist, nämlich
der Problematik der Würde und der Ethik.
Als der entzückte Herausgeber nach New York kam
und mich drängte, das schon gebrochene Schweigen zu
brechen, sprach er nicht von Geld. Und ich war ihm dankbar
dafür. Ich fand es geradezu elegant, dass er dieses Th ema
nicht berührte, da es sich ja um eine Arbeit handelte,
die nicht nur durch den Tod Tausender verbrannter Menschen
entstanden, sondern meinerseits auch mit der Absicht
verbunden war, den Tauben die Ohren, den Blinden
die Augen zu öff nen, die Leute zum Denken anzuregen et
cetera. Einige Tage nach der Veröff entlichung wurde mir
jedoch plötzlich mitgeteilt, dass mich eine Entlohnung
erwarte. Eine sehr-sehr-sehr-großzügige-Entlohnung. So
großzügig (die Höhe des Betrags kenne ich nicht, und ich
will sie auch nicht wissen), dass es überfl üssig gewesen
wäre, mir die teuren Telefongebühren für die Überseegespräche
zu erstatten. Nun: Obgleich ich begriff , dass
es nach den Gesetzen der Ökonomie richtig war, mich
zu bezahlen, obgleich ich begriff , dass die von meinen
Widersachern für diese Zeitung geschriebenen Artikel
ordnungsgemäß und teuer bezahlt wurden, lehnte ich
die sehr-sehr-sehr-großzügige-Entlohnung ab. Toutcourt,
Mit Verachtung. Und damit nicht genug. Denn trotz der
Ablehnung empfand ich das gleiche Unbehagen wie an
dem Tag, als ich mit vierzehn erfuhr, dass die Italienische
Armee beabsichtigte, mir den Entlassungssold eines einfachen
Soldaten zu bezahlen, weil ich im Corps der Volontari
della Libertà (Freiwillige für die Freiheit) gegen
die Nazi-Faschisten gekämpft hatte. (Die Episode, die ich
in dem kleinen Buch erzähle und die von den fünfzehntausendsechshundertsiebzig
Lire handelt, die ich schließlich
annahm, um Schuhe zu kaufen, da weder ich noch
meine jüngeren Schwestern welche besaßen.)
Nun gut: Ich weiß, dass der Herausgeber sprachlos war,
als er meine verächtliche Antwort erhielt. Zur Salzsäule
erstarrte wie Lots Weib. Doch sowohl ihm wie dem
Leser sagt die Häretikerin: Schuhe besitze ich heute genug.
Und wenn ich keine hätte, würde ich lieber barfuß
im Schnee gehen als dieses Geld in die eigene Tasche zu
stecken. Hätte ich auch nur eine Lira angenommen, hätte
ich meine Seele beschmutzt
Oriana Fallaci
New York, November 2001 und Mai 2002


Du verlangst von mir, diesmal solle ich sprechen. Du
verlangst, wenigstens diesmal solle ich das Schweigen
brechen, das ich gewählt habe. Das Schweigen, das ich
mir seit Jahren auferlege, um mich nicht unter die Zikaden
zu mischen. Und ich tue es. Weil ich erfahren habe,
dass in Italien einige Leute das Geschehene bejubeln wie
vor ein paar Abenden im Fernsehen die Palästinenser
von Gaza. »Sieg, Sieg!« Männer, Frauen, Kinder. (Falls
jemand, der so etwas tut, als Mann, Frau oder Kind bezeichnet
werden kann.) Ich habe erfahren, dass manche
Luxuszikaden, Politiker oder angebliche Politiker, Intellektuelle
oder angebliche Intellektuelle sowie andere
Individuen, die es nicht verdienen, Bürger genannt zu
werden, sich im Wesentlichen genauso verhalten. Sie sagen:
»Wunderbar. Recht geschieht es ihnen, den Amerikanern.
« Und ich bin wütend, sehr wütend. Ich spüre
eine kalte, hellsichtige, rationale Wut. Eine Wut, die jeden
Abstand, jede Nachsicht ausschließt, die mir befi ehlt
zu antworten und vor allem, auf diese Leute zu spucken.
Ich spucke auf sie. Genauso wütend wie ich, hat die
afroamerikanische Dichterin Maya Angelou gestern gebrüllt:
»Be angry. It’s good to be angry. It’s healthy. Seid
wütend. Es tut gut, wütend zu sein. Es ist gesund.« Ob
es mir gut tut oder nicht, weiß ich nicht. Ich weiß jedoch,
dass es ihnen nicht gut tun wird. Ich meine denen,
die die Usama Bin Ladens bewundern, die Verständnis,
Sympathie oder Solidarität für sie zum Ausdruck brin
gen. Indem ich mein Schweigen breche, zünde ich eine
Bombe, die seit zu langer Zeit gern explodieren möchte.
Du wirst schon sehen.
Du willst auch, dass ich erzähle, wie ich diese Apokalypse
erlebt habe. Kurz, dass ich Zeugnis ablege. Ich beginne
also damit. Ich war zu Hause, meine Wohnung
liegt im Zentrum von Manhattan, und gegen neun Uhr
hatte ich das Gefühl einer Gefahr, in der ich mich vielleicht
nicht unmittelbar befand, die mich aber ganz gewiss
etwas anging. Das Gefühl, das man im Krieg, in einer
Schlacht hat, wenn man mit jeder Pore seiner Haut
die Kugel oder Rakete kommen spürt und die Ohren
spitzt und seinem Nachbarn zuruft : »Down! Get down!
Runter! Runter auf den Boden!« Ich habe es verdrängt.
Ich bin doch nicht in Vietnam, habe ich zu mir gesagt,
ich bin doch in keinem der vielen verfl uchten Kriege, die
seit dem Zweiten Weltkrieg mein Leben gequält haben.
Ich bin in New York, an einem wunderbaren Septembermorgen.
Dem 11. September 2001. Doch unerklärlicherweise
wollte das Gefühl nicht weichen, und da tat ich etwas,
was ich morgens nie tue. Ich schaltete den Fernseher
ein. Der Ton war ausgefallen. Aber das Bild war da.
Und auf allen Kanälen, davon gibt es hier etwa hundert,
sah man einen Turm des World Trade Centers, der etwa
vom achtzigsten Stockwerk aufwärts brannte wie ein riesiges
Streichholz. Ein Kurzschluss? Ein vom Kurs abgekommenes
kleines Flugzeug? Oder ein gezielter Terrorakt?
Wie gelähmt saß ich da und starrte auf das Bild,
und während ich noch starrte und mir diese drei Fragen
stellte, erschien ein Flugzeug auf dem Bildschirm.
Weiß, groß. Ein Linienfl ugzeug. Es fl og sehr tief. Und
es fl og direkt auf den zweiten Turm zu, wie ein Bomber,
der sein Ziel ansteuert, sich auf sein Ziel stürzt. Da habe
ich begriff en. Ich meine, ich habe begriff en, dass es sich
um ein Kamikaze fl ugzeug handelte und dass mit dem ersten
Turm das Gleiche passiert sein musste. Und während
mir das klar wurde, kam der Ton wieder. Man hörte einen
Chor aus Schreckensschreien. Immer wieder, wie rasend.
»God! Oh, God! Oh, God, God, God! Gooooooood!
Gott! O, Gott! O, Gott, Gott, Gott! Goooooooott!« Und
das weiße Flugzeug drang in den zweiten Turm ein wie
eine Messerklinge in ein Stück Butter.
Es war drei Minuten nach neun. Und frag mich nicht,
was ich in jenem Moment und danach empfunden habe.
Ich weiß es nicht, ich erinnere mich nicht. Ich war wie
versteinert. Auch mein Gehirn war wie versteinert. Ich
kann im Nachhinein manche Bilder nicht einmal dem
ersten oder zweiten Turm zuordnen. Menschen stürzten
sich aus den Fenstern im achtzigsten oder neunzigsten
oder hundertsten Stock, um nicht bei lebendigem Leib zu
verbrennen, zum Beispiel. Sie schlugen die Scheiben ein,
kletterten hinaus und sprangen, wie man mit einem Fallschirm
aus dem Flugzeug springt. Zu Dutzenden. Und
sie schwebten so langsam herunter. So langsam … Sie
bewegten Arme und Beine, sie schwammen in der Luft .
Ja, sie schienen in der Luft zu schwimmen. Ungefähr auf
der Höhe des dreißigsten Stockwerks wurden sie schneller.
Sie begannen, verzweifelt zu gestikulieren, vermutlich
bereuten sie ihre Tat, es war, als schrien sie: Help-Hilfehelp!
Und vielleicht schrien sie das wirklich. Zuletzt fi e
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len sie wie ein Stein und peng! Heiliger Gott, ich dachte,
ich hätte alles im Krieg gesehen. Ich glaubte, ich sei durch
den Krieg immun geworden. Und im Wesentlichen bin
ich es auch. Nichts überrascht mich mehr. Nicht einmal,
wenn ich wütend werde, nicht einmal, wenn ich mich empöre.
Doch im Krieg habe ich immer Leute von fremder
Hand sterben sehen. Nie habe ich Leute sich umbringen
sehen, indem sie ohne Fallschirm aus Fenstern im achtzigsten
oder neunzigsten oder hundertsten Stockwerk
springen. Immer weiter sprangen welche in die Leere,
bis gegen zehn der eine und gegen halb elf der andere
Turm einstürzte und … Mein Gott, bei den Leuten, die
sterben, weil sie umgebracht werden im Krieg, habe ich
immer Sachen gesehen, die explodieren. Die zusammenbrechen,
weil sie in die Luft fl iegen. Die beiden Türme
dagegen sind nicht aus diesem Grund eingestürzt. Der
erste Turm brach zusammen, weil er implodiert ist, er
hat sich selbst verschluckt. Der zweite, weil er geschmolzen
ist, er ist zerfl ossen, als wäre er tatsächlich ein Stück
Butter. Und das alles geschah, zumindest schien es mir
so, in einer Grabesstille. Ist das möglich? Herrschte wirklich
diese Stille, oder war sie in mir? Vielleicht war sie in
mir. Und umgeben von dieser Stille hörte ich dann die
Nachricht von dem dritten Flugzeug, das auf das Pentagon
niedergegangen war, und die von dem vierten Flugzeug,
das über einem Wald in Pennsylvania abgestürzt
war. Umgeben von dieser Stille fi ng ich an, die Zahl der
Toten auszurechnen, und mir stockte der Atem. Denn
bei der blutigsten Schlacht, die ich in Vietnam erlebt hatte,
einer der Schlachten bei Dak To, gab es vierhundert
Tote. Bei dem Blutbad in Mexico City, wo ich selbst drei
Kugeln abbekam, eine davon in die Wirbelsäule, war die
offi zielle Zahl achthundert. Und als mich die angeblichen
Retter in dem Glauben, ich sei tot, ins Leichenhaus warfen,
schien es mir, als seien die Leichen, die bald auf mich
fi elen, noch viel mehr. Pass auf, in den Türmen arbeiteten
gut fünfzigtausend Menschen. Um neun Uhr war schon
rund die Hälft e von ihnen da, und viele konnten nicht
rechtzeitig evakuiert werden. Eine erste Schätzung spricht
von siebentausend missing. Allerdings besteht ein Unterschied
zwischen dem zweideutigen Wort missing, vermisst,
und dem Wort dead, tot. In Vietnam unterschied
man immer zwischen den missing und den dead … Wie
dem auch sei! Ich bin überzeugt, dass wir die wahre Zahl
der Toten nie erfahren werden. Um das gewaltige Ausmaß
dieser Apokalypse nicht zu unterstreichen, verstehst
du, um nicht zu weiteren Anschlägen zu ermutigen. Und
außerdem sind die beiden Krater, die Tausende von Opfern
verschlungen haben, zu tief, zu sehr mit Trümmern
verschüttet. Höchstens auf einzelne Körperteile stoßen
die Arbeiter beim täglichen Graben. Eine Nase hier, ein
Finger dort. Oder auf eine Art Schlamm, der Kaff eepulver
zu sein scheint, aber organische Materie ist. Die Reste
der Körper, die sich blitzartig aufl östen, sind zu Asche
verbrannt. Gestern hat Bürgermeister Giuliani zehntausend
Plastiksäcke für die Leichen geschickt. Sie wurden
aber noch nicht gebraucht.
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