Author Topic: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz  (Read 2188 times)

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« on: September 19, 2012, 03:23:49 pm »
Was ich über die Unverwundbarkeit denke, die viele
Amerika zuschrieben, was ich für die Kamikaze empfi
nde, die das getan haben? Für die Kamikaze, nicht den
geringsten Respekt. Nicht das geringste Mitleid. Nein,
nicht einmal Mitleid. Obwohl ich doch sonst letztlich
immer dem Mitleid nachgebe, Mitleid mit allen habe.
Die Kamikaze, das heißt die Kerle, die sich umbringen,
um andere zu töten, waren mir seit je unsympathisch.
Angefangen bei den japanischen Selbstmord attentätern
im Zweiten Weltkrieg. Ich habe sie nie mit Pietro Micca
verglichen: jenem piemontesischen Soldaten, der am 29.
August 1706 das Pulver anzündete, um den Einmarsch
der französischen Truppen zu verhindern, und der mit
der Zitadelle von Turin in die Luft fl og. Ich meine, ich
habe sie nie als Soldaten gesehen. Und noch viel weniger
sehe ich sie als Märtyrer oder Helden, wie Arafat sie
mir gegenüber zeternd und spuckend nannte, als ich ihn
1972 in Amman interviewte (an dem Ort, wo seine Leute
auch die Baader-Meinhof-Terroristen ausbildeten).
Ich fi nde sie eitel und basta. Exhibitionisten, die nicht
durch Film, Politik oder Sport berühmt werden wollen,
sondern vielmehr durch ihren eigenen Tod und den der
anderen. Dieser Tod wird ihnen anstelle eines Oscars,
eines Ministersessels oder eines Pokals die Bewunderung
der ganzen Welt und einen Platz im Djanna einbringen
(glauben sie). Im Jenseits, von dem der Koran
spricht, im Paradies, wo die Helden mit Uri-Jungfrauen
vögeln. Ich wette, dass sie auch, was ihr Aussehen angeht,
eitel sind. Ich habe das Foto der beiden vor Augen, die
in Inschallah vorkommen, meinem Roman, der mit der
59
Zerstörung der US-Militärbasis und der französischen
Militärbasis in Beirut (circa vierhundert Tote) beginnt.
Bevor sie zum Sterben aufb rachen, hatten sie, die Stutzer,
sich knipsen lassen. Und vor dem Fototermin waren
sie zum Friseur gegangen, schau nur, welch bildschöner
Haarschnitt, welch gepfl egte Koteletten, welch schöne
pomadisierte Schnurrbärte, welch gelecktes Bärtchen.
Was die betrifft , die in die beiden Türme und das Pentagon
gerast sind, so fi nde ich sie besonders hassenswert.
Man hat nämlich entdeckt, dass ihr Anführer, Muhammed
Attah, zwei Testamente hinterlassen hat. Eines besagt:
»Ich will auf meiner Beerdigung keine unreinen
Wesen, das heißt Tiere und Frauen.« Das andere besagt:
»Auch an meinem Grab will ich keine unreinen Wesen.
Vor allem nicht die unreinsten von allen: schwangere
Frauen.« Ach, welch ein Trost für mich zu wissen, dass
er weder eine Beerdigung noch ein Grab haben wird und
dass auch von ihm kein Haar übrig geblieben ist.
Ein Trost, ja, und liebend gern würde ich das Gesicht
von Arafat sehen, wenn ich es ihm sagte. Denn wir haben
nicht die besten Beziehungen, Arafat und ich. Er hat
mir nämlich nie die glühenden Meinungsverschiedenheiten
verziehen, die wir bei unserer Begegnung in Amman
hatten, und auch ich habe ihm nie etwas verziehen.
Auch nicht die Tatsache, dass einem italienischen Journalisten,
der sich ihm unvorsichtigerweise als mein Freund
vorgestellt hat, zum Empfang die Pistole auf die Brust gesetzt
wurde. Daher sprechen wir nicht mehr miteinander
und wünschen uns gegenseitig alles Schlechte. Doch
wenn ich ihm erneut begegnete oder, besser gesagt, ihm
eine Audienz gewährte, würde ich ihm ins Gesicht sagen,
wer die Märtyrer und Helden sind. Ich würde zu ihm sagen:
Wissen Sie, Herr Arafat, wer die Märtyrer sind? Die
Passagiere der vier entführten und in menschliche Bomben
verwandelten Flugzeuge, zu denen auch das vierjährige
kleine Mädchen gehört, das im zweiten Turm umkam.
Die Angestellten, die in den beiden Türmen und
im Pentagon arbeiteten. Die dreihundertdreiundvierzig
Feuerwehrmänner und Sechsund sechzig Polizisten, die
bei den Rettungsversuchen umgekommen sind. (Beinahe
die Hälft e von ihnen hatte italienische Nachnamen, war
also italienischer Abstammung. Darunter ein Vater und
sein Sohn: Joseph Angelini senior und Joseph Angelini
junior.) Und wissen Sie, wer die Helden sind? Die Passagiere
des Flugzeugs, das auf das Weiße Haus stürzen
sollte und das stattdessen in einem Wald in Pennsylvania
zerschellt ist, weil sich alle an Bord aufgelehnt haben!
Die hätten das Paradies wirklich verdient. Das Schlimme
ist, dass Sie jetzt ad perpetuum den Staatschef spielen,
den Monarchen, Sie Tyrann. Sie besuchen den Papst, gehen
im Weißen Haus aus und ein, Sie unterstützen heimlich
den Terrorismus, bekunden Bush Ihr Beileid. Und
bei Ihrer chamäleonartigen Fähigkeit, sich geschickt zu
widersprechen, würden Sie es auch noch fertig bringen,
mir Recht zu geben. Aber reden wir von etwas anderem.
Ich möchte lieber auf die Unverwundbarkeit zu sprechen
kommen, die alle Amerika zugeschrieben haben.
Unverwundbarkeit? Welche Unverwundbarkeit?!? Je
demokratischer und off ener eine Gesellschaft ist, umso
mehr ist sie dem Terrorismus ausgesetzt. Je freier ein Land
ist, das nicht von einem Polizeiregime regiert wird, umso
anfälliger ist es für Entführungen oder Massaker, wie sie
jahrelang in Italien, in Deutschland und in anderen Regionen
Europas stattgefunden haben. Das hat sich jetzt,
am 11. September, in riesigem Ausmaß in den Vereinigten
Staaten gezeigt. Nicht ohne Grund haben die undemokratischen,
von Polizeiregimen regierten Länder immer
Terroristen aufgenommen und fi nanziert und unterstützt.
Die Sowjetunion samt ihren Satellitenstaaten und
die Volksrepublik China zum Beispiel. Libyen, Irak, Iran,
Syrien, Arafats Libanon. Ägypten, wo die islamischen
Terroristen sogar Sadat getötet haben. Selbst Saudi-Arabien,
dessen offi ziell verfemter, wenn auch heimlich geliebter
Untertan Usama Bin Laden ist. Pakistan, natürlich
Afghanistan, der ganze oder fast ganze Kontinent
Afrika … Hör mir gut zu: Auf den Flughäfen und in
den Flugzeugen dieser Länder habe ich mich immer völlig
sicher und so geborgen gefühlt wie ein schlafender
Säugling. Das Einzige, was ich dort fürchtete, war, verhaft
et zu werden, weil ich die Terroristen beschimpft e.
Auf europäischen Flughäfen und in europäischen Flugzeugen
dagegen war ich immer nervös. Auf amerikanischen
Flughäfen und in amerikanischen Flugzeugen,
doppelt so nervös. Und in New York, dreimal so nervös.
(In Washington nicht. Ich muss zugeben, den Flugzeuganschlag
auf das Pentagon hatte ich wirklich nicht
erwartet.) Warum, glaubst du, hat mein Unterbewusstsein
am Dienstagmorgen diese unerklärliche Angst registriert,
dieses Gefühl von Gefahr? Warum, glaubst du,
habe ich gegen meine Gewohnheit den Fernseher einge
schaltet? Warum, glaubst du, war unter den drei Fragen,
die ich mir stellte, während der erste Turm brannte, auch
die nach einem Attentat? Und warum, glaubst du, habe
ich sofort gewusst, was los war, als das zweite Flugzeug
auft auchte? Da die Vereinigten Staaten das stärk ste Land
der Welt sind, das reichste, mächtigste, kapitalistischste,
sind alle auf die Idee einer vermeintlichen Unverwundbarkeit
hereingefallen. Alle, sogar die Amerikaner selbst.
Doch die Verwundbarkeit Amerikas erwächst gerade aus
seiner Kraft , seinem Reichtum, seiner Macht, seiner Modernität.
Die bekannte Geschichte von der Katze, die sich
in den Schwanz beißt.
Sie erwächst auch aus dem multiethnischen Charakter
Amerikas, aus seiner Liberalität, aus seinem Respekt für
die Bürger und Gäste. Ein Beispiel: Etwa vierundzwanzig
Millionen Amerikaner sind arabisch-moslemischer Herkunft
. Und wenn ein Mustafa oder ein Muhammed aus
(sagen wir) Riad oder Kabul oder Algier anreist, um seinen
Onkel zu besuchen, verbietet ihm niemand, auf eine
Flugschule zu gehen (für nur einhundertsechzig Dollar
pro Unterrichtsstunde) und zu lernen, eine 757 zu fl iegen.
Niemand verbietet ihm, sich an einer Universität
einzuschreiben und Chemie und Biologie zu studieren:
die beiden Wissenschaft en, die man braucht, um einen
bakteriologischen Krieg zu entfesseln. Niemand. Auch
dann nicht, wenn die Regierung fürchtet, dass diese Söhne
Allahs die 757 entführen oder mit Bakterien ein Massaker
anrichten. Kehren wir nun nach diesem Einschub
zur anfänglichen Überlegung zurück. Welches sind die
Symbole der Kraft , des Reichtums, der Macht, des ame
rikanischen Kapitalismus? Bestimmt nicht Jazz und Rock
‚n’ Roll, Kaugummi und Hamburger, Broadway und Hollywood,
das wirst du wohl zugeben. Es sind die Wolkenkratzer,
das Pentagon, die Wissenschaft , die Technologie.
Diese beeindruckenden Wolkenkratzer, so hoch, so
schön, dass du beinahe die Pyramiden und die göttlichen
Paläste unserer Vergangenheit vergisst, wenn du an ihnen
hinaufschaust. Diese gigantischen, titanischen, übertriebenen
Flugzeuge, die unterdessen Lastwagen und Eisenbahn
ersetzen, weil hier alles mit dem Flugzeug bewegt
wird: der fangfrische Fisch, die Fertighäuser, die Panzer,
das frisch gepfl ückte Obst, wir selbst. (Und vergiss nicht,
dass die Amerikaner den Luft krieg erfunden oder jedenfalls
bis zur Hysterie entwickelt haben.) Dieses Furcht erregende,
riesige Pentagon. Diese fi nstere Festung, die sogar
Dschingis Khan und Napoleon Angst eingefl ößt hätte.
Diese unvergleichliche, unschlagbare Wissenschaft , die
uns fremde Galaxien und die Ewigkeit verspricht. Diese
allgegenwärtige, alles beherrschende Technologie, die
in kürzester Zeit unseren Alltag umgekrempelt hat, unsere
jahrhundertealte Art zu denken, zu kommunizieren,
zu reisen, zu arbeiten, zu leben. Und wo hat Usama
Bin Laden zugeschlagen? Bei den Wolkenkratzern, beim
Pentagon. Wie? Mit Flugzeugen, mit Hilfe der Wissenschaft
, der Technologie. Apropos: Weißt du, was mich
am meisten beeindruckt an diesem Multimilliardär, diesem
Explayboy, der heute nicht mehr mit blonden Prinzessinnen
fl irtet und in Nachtclubs angibt (wie er es mit
zwanzig in Beirut und in den Emiraten machte), sondern
sich damit amüsiert, im Namen Allahs die Leute umzu
bringen? Die Tatsache, dass sein unermessliches Vermögen
vor allem aus den Einnahmen einer Abbruchfi rma
stammt und dass er selbst ein Abbruchexperte ist. Abbruch
ist eine amerikanische Spezialität … Hätte ich die
Möglichkeit, ihn zu interviewen, würde eine meiner Fragen
genau darauf zielen. Eine weitere auf seinen verstorbenen
ultrapolygamen Vater, der insgesamt, Söhne und
Töchter zusammengenommen, vierundfünfzig Kinder in
die Welt gesetzt hat und der von ihm (dem siebzehnten)
gerne sagte: Er-war-immer-so-lieb. Der-Sanft este, der-
Gutmütigste. Eine dritte Frage auf seine durchtriebenen
Schwestern, die sich in London und an der Côte d’Azur
mit unbedecktem Gesicht und Kopf fotografi eren lassen,
in hautengen T-Shirts und Hosen, die ihre üppigen Busen
und ausladenden Hintern gut sichtbar zur Geltung bringen.
Eine andere auf seine zahllosen Ehefrauen und Konkubinen:
niemals enthüllt. Schließlich käme ich auf die
Beziehungen zu sprechen, die er bis heute zu seinem Land
unterhält. Saudi-Arabien, das von einem Familienclan
grober mittelalterlicher Feudalherren beherrscht wird
(sechstausend Prinzen, mein Gott, 6000!). Die Schatzkammer
des Mittleren Ostens, die Büchse der Pandora,
von der wir wegen des verfl uchten Erdöls wie Sklaven
abhängig sind. »Herr Bin Laden«, würde ich ihn fragen,
»wie viel Geld erhalten Sie, nicht aus Ihrem Privatvermögen,
sondern von der königlichen Familie Saudi-Arabiens?
« Doch vielleicht sollte ich ihm keine Fragen stellen,
sondern ihn vielmehr darüber aufk lären, dass er New
York nicht in die Knie gezwungen hat. Zu diesem Zweck
müsste ich ihm erzählen, was Bobby, ein achtjähriger
Junge aus New York, gesagt hat, als er heute zufällig von
einem Fernsehjournalisten interviewt wurde. Hier seine
Geschichte. Wort für Wort.
»My mom always used to say: “Bobby, if you get lost
on the way home, have no fear. Look at the Towers and
remember that we live ten blocks away on the Hudson
River.” Well, now the Towers are gone. Evil people wiped
them out with those who were inside. So, for a week
I asked myself: Bobby, how do you get home if you get
lost now? Yes, I thought a lot about this, but then I said
to myself: Bobby, in this world there are good people,
too. If you get lost now, some good person will help you
instead of the Towers. Th e important thing is to have no
fear.« Ich übersetze: »Meine Mama sagte immer: “Bobby,
wenn du dich auf dem Heimweg verläufst, hab keine
Angst. Schau zu den Türmen und denk daran, dass
wir zehn Blocks weiter am Hudson River wohnen.” Nun,
jetzt sind die Türme weg. Böse Leute haben sie mit allen,
die drin waren, ausradiert. So habe ich mich eine
Woche lang gefragt: Bobby, wie fi ndest du jetzt heim,
wenn du dich verläufst? Ja, ich habe viel darüber nachgedacht,
aber dann habe ich mir gesagt: Bobby, es gibt
auch gute Menschen auf dieser Welt. Wenn du dich jetzt
verläufst, wird dir schon ein freundlicher Mensch weiterhelfen,
anstelle der Türme. Das Wichtigste ist, keine
Angst zu haben.«
Doch dieser Geschichte möchte ich noch etwas hinzufügen.
* * *
Als wir uns getroff en haben, habe ich dich staunen sehen
angesichts des heroischen Mutes und der bewundernswerten
Einigkeit, mit der die Amerikaner dieser
Apokalypse entgegengetreten sind. O ja. Trotz der
Fehler, die man ihnen immer wieder vorhält, die selbst
ich ihnen zum Vorwurf mache (allerdings hat Europa
und insbesondere Italien noch viel gravierendere Fehler),
sind die Vereinigten Staaten ein Land, von dem wir
viel lernen können. Beim Stichwort heroischer Mut will
ich ein Loblied singen auf den Bürgermeister von New
York. Auf Rudolph Giuliani, dem wir Italiener tausend
Mal danken sollten, weil er einen italienischen Namen
trägt, italienischer Herkunft ist und uns vor der ganzen
Welt gut dastehen lässt. Ja, er ist ein großartiger Bürgermeister,
Rudolph Giuliani. Ein Bürgermeister, der des
Vergleichs mit einem anderen großartigen Bürgermeisters
italienischen Namens würdig ist, Fiorello La Guardia,
ein großartiger Bürgermeister, ein erstklassiger: Das
sagt eine (ich), die mit nichts und niemand je zufrieden
ist, auch nicht mit sich selbst … Viele europäische und
vor allem italienische Bürgermeister müssten bei ihm in
die Schule gehen. Mit Asche auf dem Haupt vor ihn hintreten
und fragen: »Herr Giuliani, wären Sie so freundlich,
uns zu sagen, wie das geht?« Er wälzt seine Pfl ichten
nicht auf Mitmenschen ab. Nein. Er vergeudet keine
Zeit mit Dummheiten und Habgier. Er teilt sich nicht
auf zwischen seinem Bürgermeisteramt und dem als Minister
oder Abgeordneter. (Hört mich etwa jemand in
den drei Städten Stendhals, also Neapel und Florenz und
Rom? Wo die Bürgermeister sich nicht damit begnügen,