Author Topic: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz  (Read 2188 times)

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« on: September 19, 2012, 03:48:35 pm »
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ein Verkehrspolizist nähert und zu sagen wagt: »Verehrter
Sohn Allahs, würde es Ihnen etwas ausmachen, ein
klein wenig beiseite zu rücken, damit die Leute durchkönnen?
« Sie zerreißen ihn in der Luft . Schlimmer als
bissige Hunde fallen sie über ihn her.
Mindestens beschimpfen sie seine Mutter und seine
Kinder. Und die Leute schweigen resigniert, eingeschüchtert,
in Schach gehalten von dem Wort »Rassist«. Sie machen
nicht einmal dann den Mund auf, wenn man sie
anschreit, wie mein Vater sie unter dem Faschismus anbrüllte:
»Habt ihr denn keinen Funken Würde im Leib,
ihr Schafsköpfe? Habt ihr kein bisschen Selbstachtung,
ihr Hasenfüße, ihr Feiglinge?«
In anderen Städten ist es genauso, du weißt es. So ist
es in Turin, zum Beispiel. In Turin, das Italien schuf und
heute gar keine italienische Stadt mehr zu sein scheint.
Man kommt sich eher vor wie in Dhaka, Nairobi, Damaskus
oder Beirut. So ist es in Venedig. In Venedig,
wo die Tauben auf dem Markusplatz den Typen gewichen
sind, die sogar Othello (doch Othello war ein großer
Herr) ins Meer werfen würde. So ist es in Genua. In
Genua, wo die wundervollen Palazzi, die Rubens so sehr
bewunderte, von ihnen besetzt wurden und jetzt verfallen
wie vergewaltigte schöne Frauen. So ist es in Rom. In
Rom, wo die Politik jeglicher Couleur sie verlogen und
voller Zynismus umwirbt in der Hoff nung auf ihre zukünft
ige Stimme. Und wo selbst der Papst sie beschützt,
der davon träumt, wie ich vermute, nach Kabul und Islamabad
zu reisen. (Heiligkeit, warum im Namen des Einen
Gottes nehmen Sie die Leute nicht bei sich im Va
tikan auf? Alle. Die Banditen, die Verkäufer, die Prostituierten,
die Drogenhändler, die Terroristen. Unter der
Bedingung natürlich, dass sie nicht auch die Sixtinische
Kapelle und die Statuen von Michelangelo und die Gemälde
von Raff ael voll scheißen.) Nun gut. Jetzt bin ich
es, die nicht versteht. Diese Leute werden in Italien »ausländische
Arbeitnehmer« genannt. Oder Arbeitskraft -diegebraucht-
wird. Und daran, dass einige Söhne Allahs arbeiten,
besteht gar kein Zweifel. Die Italiener sind so vornehm
geworden. Wie die übrigen Europäer. Sie fahren
im Urlaub auf die Seychellen, verbringen Weihnachten
in Paris. Sie haben ein englisches Kindermädchen und
farbige Hausangestellte, schämen sich, Arbeiter und Bauern
zu sein. Sie wollen alle der reichen Bourgeoisie angehören,
Unternehmer und Professor sein. Man kann
sie nicht mehr mit dem Proletariat in Verbindung bringen,
und jemanden, der für sie arbeitet, muss es ja geben.
Doch die, von denen ich spreche, was für Arbeiter sind
das? Welche Arbeit tun sie? Auf welche Weise decken sie
den Bedarf an Arbeitskraft , die das ehemalige italienische
Proletariat nicht mehr bereithält? Indem sie in der Stadt
biwakieren unter dem Vorwand, »Waren« zu verkaufen,
Drogen und Prostituierte eingeschlossen? Indem sie herumlungern
und unsere Denkmäler verschandeln? Indem
sie sich auf Kirchenvorplätzen betrinken und ehrwürdigen
Damen, die auf der Straße vorbeigehen, Obszönitäten
nachrufen, ihnen an den Busen grapschen nach dem
Motto ich-kenne-meine-Rechte? Und dann gibt es noch
etwas, das ich nicht verstehe. Wenn sie so arm sind, so
Not leidend, wer gibt ihnen dann das Geld für die Reise
nach Italien per Schiff oder Schlauchboot? Wer gibt ihnen
die zehn Millionen Lire pro Kopf (mindestens zehn
Millionen), die sie brauchen, um die Reise zu bezahlen?
Also fünfzig Millionen für eine fünfk öpfi ge Familie, eine
Summe, die gerade für eine Reise aus dem sehr nahen Albanien
genügt. Doch nicht etwa die Usama Bin Ladens,
mit dem Ziel, Terroristen der Al Qaida zu exportieren?
Doch nicht etwa die Prinzen des saudiarabischen Königshauses,
die ihr Territorium erweitern wollen, wie es
ihre Vorfahren in Spanien und Portugal gemacht haben?
Ich glaube nicht an ein unschuldiges und spontanes Naturphänomen.
Sie sind viel zu heimtückisch, zu gut organisiert,
diese ausländischen Arbeiter. Darüber hinaus
pfl anzen sie sich unaufh örlich fort. Die Italiener bekommen
keine Kinder mehr, diese Dummköpfe. Die übrigen
Europäer auch nicht. Unsere »ausländischen Arbeiter«
dagegen vermehren sich wie die Ratten. Mindestens die
Hälft e aller moslemischen Frauen, die man auf der Straße
sieht, sind von Kinderhorden umgeben und schwanger.
Rom haben gestern drei Frauen in der Öff entlichkeit
ein Kind geboren. Eine im Bus, eine im Taxi und eine
auf der Straße … Nein, das alles überzeugt mich nicht.
Und wer das Th ema nicht ernst nimmt, irrt sich gewaltig.
Wie sich auch die Heuchler irren, die die Einwanderungswelle,
die Italien und ganz Europa überrollt, mit
derjenigen vergleicht, die in der zweiten Hälft e des 19.
Jahrhunderts und im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts
stattfand. Amerika erreichte. Jetzt bringe ich dir in Erinnerung,
warum.
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* * *
Eines Abends hörte ich zufällig einen der zehntausend
Exministerpräsidenten, die Italien in den letzten vierzig
Jahren gequält haben, im Fernsehen sagen: »Mein Onkel
war auch Emigrant. Ich weiß noch, wie mein Onkel
mit einem Vulkanfi berkoff er nach Amerika aufb rach!«
O nein, mein schlecht informierter Herr Exministerpräsident:
nein. Abgesehen einmal davon, dass Sie gar nicht
gesehen haben können, wie Ihr Onkel mit seinem Vulkanfi
berkoff er nach Amerika aufb rach, weil Onkel mit
Vulkanfi berkoff ern im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts
nach Amerika gereist sind, also als Sie noch nicht
geboren waren, es ist nicht dasselbe. Und zwar aus recht
einfachen Gründen, die Ihnen nicht bekannt sind oder
die Sie vorgeben nicht zu kennen. Hier sind sie:
Der erste: Die Fläche Nordamerikas beträgt 3 717 812
Quadratkilometer. Bis heute gibt es ausgedehnte Gebiete,
die unbewohnt oder fast unbewohnt sind, sodass
man sich in manchen Gegenden Monate aufh alten kann,
ohne einer Menschenseele zu begegnen. Und in der zweiten
Hälft e des 19. Jahrhunderts waren sie erst recht leer
oder fast leer. Keine Straßen, keine Dörfer, keine Städte.
Höchstens ein Handelsposten, eine Koppel, wo man die
Pferde wechseln konnte. Die Mehrheit der Bevölkerung
konzentrierte sich faktisch in den östlichen Staaten. Im
Mid West, das heißt im Inneren des Landes, lebten nur
einige Pioniere oder Jäger, einige wenige Indianerstämme
(die so genannten Rothäute) oder vertriebene Rothäute
unter schrecklichen Bedingungen in Reservaten.
An der Westküste, noch weniger Menschen: Der Goldrausch
hatte gerade erst begonnen. Also, Italien ist kein
Kontinent. Es ist ein eher kleines Land. Zweiunddreißig
Mal kleiner als der amerikanische Kontinent. Außerdem
ist es überbevölkert: ungefähr achtundfünfzig
Millionen Italiener stehen zweihundertzweiundachtzig
Millionen Amerikaner gegenüber. Das heißt, wenn sich
jährlich dreihunderttausend Söhne Allahs in Italien niederlassen,
entspräche das in Amerika zwei oder vielleicht
sogar vier Millionen … Der zweite: Ein Jahrhundert lang,
also vom Unabhängigkeitskrieg bis 1875, war Amerika
frei zugänglich. Die Grenzen und Küsten waren unbewacht,
jeder, der wollte, konnte einreisen, und Immigranten
waren mehr als willkommen. Um zu blühen und
zu gedeihen, brauchte die junge Nation viele Menschen.
Denk nur an den Homestead Act, das Gesetz, das Abraham
Lincoln am 20. Mai 1862 unterschrieb. Ein Gesetz,
das die Verteilung von 270 Millionen Acres staatlichen
Landes vorsah, das sind zehn Prozent. In Oklahoma,
in Montana, in Nebraska, in Colorado, in Kansas,
in Dakota und so weiter. Ein Gesetz, von dem noch dazu
nicht nur die Amerikaner profi tierten: Abgesehen einmal
von den wenig angesehenen Chinesen und den enteigneten
indianischen Ureinwohnern hatte jeder (Mann
oder Frau) das Recht auf 160 Acres, die er geschenkt bekam.
Die einzigen Bedingungen waren, dass man nicht
jünger als einundzwanzig Jahre sein durft e, dass man
mindestens fünf Jahre bleiben musste, dass man auf dem
wilden Land eine Farm errichten musste, eine Familie
gründen und, wenn der Anwärter kein Amerikaner war,
die amerikanische Staatsangehörigkeit beantragen musste.
Tatsächlich, und das ist der Punkt, kamen viele aus
Europa. Genauer gesagt aus Nordeuropa. Sie folgten den
Slogans »Amerikanischer-Traum«, »Amerika-Land-derunbegrenzten-
Möglichkeiten«, sie kamen in so großer
Zahl, dass in Oklahoma weitere Indianerstämme (Cherokee,
Creek, Seminole, Chickasaw) schändlicherweise
verjagt und in Reservate gesperrt wurden. Also … In
Italien hat es nie ein Gesetz gegeben, das die Söhne Allahs
dazu aufgefordert hätte, sich in unserem Land niederzulassen.
»Komm, komm, mein lieber Sohn Allahs!
Bei deiner Ankunft schenken wir dir einen netten Bauernhof
in der Toskana oder in der Poebene und wegen
dir werfen wir die Einheimischen raus, wir stecken sie
in Reservate!« Oder so ähnlich. Wie im übrigen Europa
kamen und kommen sie aus eigener Initiative: mit den
verfl uchten Booten, den verfl uchten Schlauchbooten der
albanischen Mafi a. Und zwar trotz unserer Grenzpolizei,
die sie abzuweisen versucht, weil wir kein Einwanderungsland
sind, mein lieber Herr Exministerpräsident
und vorgeblicher Neff e eines Onkels mit einem Vulkanfi
berkoff er. Jetzt nicht mehr. Die Grenzpolizei schützt die
Küsten nicht mehr. Den Vorschrift en unserer schlaff en
Regierung gemäß lassen sie sich widerlich resigniert von
den Horden überrollen. Sie helfen ihnen bei der Landung,
begleiten sie zum Flüchtlingslager, ertragen ihre
Gewalttätigkeiten.
Der dritte: Nicht einmal das Land-der-unbegrenzten-
Möglichkeiten handelte so nachsichtig wie wir. 1875 begriff
die amerikanische Regierung, dass man die Zuwan
derung begrenzen musste, und der Kongress erließ ein
Gesetz, das ehemaligen Sträfl ingen und Prostituierten den
Zutritt verwehrte. 1882 wurde ein zweites Gesetz erlassen,
das die Geisteskranken und diejenigen ausschloss, die
wahrscheinlich dem Staat auf der Tasche liegen würden.
1903 ein drittes, das Epileptiker, Verrückte, Menschen
mit übertragbaren Krankheiten, professionelle Bettler
und Anarchisten ausschloss. (Das war damals die ungenaue
Bezeichnung für diejenigen, die Präsidenten ermordet
oder Streiks angezettelt hatten.) Von diesem Augenblick
an wurde die Einwanderungspolitik immer restriktiver,
und die Illegalen gerieten in ernste Schwierigkeiten.
In Italien jedoch, in Europa, können sie kommen und
gehen, wie sie wollen. Terroristen, Diebe, Vergewaltiger,
ehemalige Sträfl inge. Prostituierte, Bettler, Drogenhändler,
Menschen mit übertragbaren Krankheiten. Nicht einmal
die, die eine Arbeitserlaubnis erhalten, werden auf
ihre Vergangenheit hin überprüft . Einmal angekommen,
werden sie auf Kosten der Einheimischen untergebracht,
gewaschen, ernährt, behandelt. Will heißen auf Kosten
der Steuerzahler. Sie bekommen sogar ein Taschengeld,
einen Geldbetrag für die kleinen Ausgaben. Und was die
illegalen Einwanderer angeht … Wenn sie zufällig ausgewiesen
worden sein sollten: Sie kommen zurück. Wenn
sie noch einmal ausgewiesen werden, kommen sie im
stillen Einverständnis mit den Politikern, die auf ihre zukünft
ige Stimme zählen, und mit Gott wieder! Ich werde
niemals die Demonstrationen vergessen, mit denen
die illegalen Einwanderer im letzten Jahr die Plätze Italiens
füllten, um Aufenthaltsgenehmigungen zu bekom
men. Die bösen, verzerrten, feindseligen Gesichter. Die
Fahnen ihrer Länder, ihre drohend erhobenen Fäuste,
bereit, auf uns Einheimische einzuschlagen und uns in
Reservate zu werfen. Die Drohungen der zornigen, rauen
Stimmen, die mich an Khomeinis Teheran erinnerten,
Bin Ladens Indonesien, Malaysia, Pakistan, Irak, Senegal,
Somalia, Kenia, Nigeria, Libyen, Algerien, Marokko, Syrien,
Libanon, Palästina und so weiter. Nie werde ich das
vergessen, denn abgesehen einmal davon, dass sie mich
beleidigten, indem sie sich in meinem Land wie Herren
auff ührten, fühlte ich mich von unseren Politikern verhöhnt,
die sagten: »Wir würden sie ja gerne abschieben,
aber wir wissen nicht, wo sie sich verstecken.« Verstecken?
Heuchler! Lügner! Gauner! Tausende und Abertausende
standen auf diesen Plätzen und versteckten sich keineswegs.
Um sie auszuweisen, sie in ihr Land zurückzubringen,
hätte es genügt, sie von bewaff neten Polizisten oder
Soldaten umzingeln zu lassen. Sie auf Lastwagen zu laden
und zu einem Flughafen oder Hafen zu bringen und
in ihr Land zurückzuschicken.
Der letzte Grund ist so einfach, mein lieber Exministerpräsident
and Company, dass sogar ein dummes
Kind ihn begreifen würde: Amerika ist ein sehr junges
Land. Wenn Sie bedenken, dass die Geburt dieser Nation
Ende des 18. Jahrhunderts stattgefunden hat, wird
Ihnen klar, dass sie kaum zweihundert Jahre alt ist. Außerdem
handelt es sich um ein Einwanderungsland. Seit
der Zeit der Mayfair und der Kolonien ist jeder Amerikaner
ein Einwanderer. Und sein Kind, sein Enkel der
Nachfahre eines Einwanderers. Dieses Einwanderungs
land ist der unglaublichste Schmelztiegel für Rassen, Religionen,
Sprachen, den man je auf diesem Planeten gesehen
hat. Ein sehr junges Land, das mit der kürzesten
Geschichte. Kein Wunder, dass seine kulturelle Identität
noch nicht gefestigt ist. Italien dagegen ist ein sehr altes
Land. Das älteste im Westen, würde ich sagen. Seine Geschichte
währt im Grunde seit dreitausend Jahren, also
seit Rom gegründet wurde, die Etrusker waren bereits
kultivierte Menschen. In diesen dreitausend Jahren und
trotz der Universalität des Römischen Reiches und trotz
der Eroberer, die letztlich den Zusammenbruch des Römischen
Reiches besiegelten, war es nie ein Einwanderungsland.
(Es absorbierte sie alle: Skandinavier, Deutsche,
Spanier, Franzosen, Österreicher … Denken Sie an
Habsburg-Lothringen, die Großfürsten der Toskana, die
sich niemals wie Österreicher fühlten. Sie fühlten sich immer
als Toskaner, Florentiner, und sprachen und schrieben
immer auf Italienisch). Unsere kulturelle Identität ist
deswegen genau umrissen. Sehr präzise. Und auf keinen
Fall bezieht sie die moslemische Welt mit ein, auf keinen
Fall lässt sie einen Einfl uss zu, und seit zweitausend Jahren
beruht sie auf einer Religion, die christliche Religion
heißt. Einer Kirche, die katholische Kirche heißt. Eine
Kirche, die uns mehr geformt hat, als uns lieb ist. Nehmen
Sie mich zum Beispiel. »Ich bin Atheistin, ich bin
antiklerikal, ich bin ein Freigeist, ich habe nichts mit der
katholischen Kirche zu tun«, sage ich gewöhnlich. Und
es ist wahr. Aber nur die halbe Wahrheit. Denn, ob es
mir gefällt oder nicht, ich habe damit zu tun. Verdammt,
und wie! Und wie könnte es anders sein? Ich bin in einer
Landschaft voller Kirchen, Klöster, Christusfi guren, Madonnen,
Heiliger und Kreuze geboren. Die erste Musik,
die ich gehört habe, als ich auf die Welt kam, war Glockenläuten.
Das Glockenläuten von Santa Maria del Fiore,
das, als-das-Zelt-dort-stand, vom Geschrei des Muezzins
übertönt wurde. Mit dieser Musik, in dieser Landschaft
, mit dieser Sprache, der Kultur dieser Kirche, vor
der sich sogar große Geister wie Dante Alighieri und Leonardo
da Vinci und Michelangelo und Galileo Galilei
verneigt haben, bin ich aufgewachsen. Durch sie habe ich
gelernt, was Bildhauerei ist, Architektur, Malerei, Poesie,
Literatur, was Schönheit und was Wissen sind. Dank ihr
habe ich begonnen über Moral nachzudenken. Über Gut
und Böse und darüber, ob Gott gut oder böse sein kann,
ob er existiert, ob die Seele auf einer chemischen Formel
basiert oder mehr ist, und Herrgott …
Siehst du? Noch einmal habe ich »Herrgott« geschrieben.
Trotz all meines Laizismus, meines Atheismus, bin
ich so von der katholischen Kultur durchdrungen, dass
sie sogar meine Ausdrucksweise beeinfl usst. »O Gott,
mein Gott, Gott sei Dank, Herrgott, Herrje, heilige Muttergottes,
um Gottes willen, Jesus, Maria und Josef.« Diese
Wörter kommen mir so spontan über die Lippen, dass
ich gar nicht merke, wenn ich sie ausspreche oder schreibe.
Und wollen wir ganz aufrichtig sein? Obwohl ich dem
Katholizismus die Gemeinheiten, die er mir jahrhundertelang
angetan hat, nie verziehen habe, angefangen bei
der Inquisition, die im 16. Jahrhundert auch eine meiner
Ahninnen verbrannte, arme Großmutter, obwohl ich mit
den Pfarrern nicht einverstanden bin und mit ihren Gebe