Author Topic: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz  (Read 2188 times)

KarlMartell

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Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« on: September 19, 2012, 02:55:53 pm »
Buch
Mit Die Wut und der Stolz bricht Oriana Fallaci ein Schweigen, das zehn
Jahre gedauert hat. Anstoß war die Apokalypse des 11. September 2001,
als unweit ihres Hauses in Manhattan die beiden Türme von New York
zusammenbrachen und Tausende von Menschen umkamen.
Das Buch beginnt mit einem dramatischen Vorwort, in dem die Fallaci
die Ursprünge des islamischen Terrorismus aufzeigt, erklärt, weshalb er
mit der Niederlage der Taliban in Afghanistan nicht beendet ist, und die
globale Realität des Heiligen Krieges beschreibt. Ein Vorwort, nicht zuletzt,
in dem sie überraschenderweise auch von sich selbst spricht: von ihrer
Arbeit, von ihrer hermetischen Isolation, von ihren strengen und erbarmungslosen
Entscheidungen.
Immer wieder unterbrochen von persönlichen Erinnerungen und aufschlussreichen
Momenten aus ihrem Leben, spricht sie im Text selbst
vor allem über Th emen, die mit dem 11. September 2001 verknüpft sind:
Amerika, Italien, Europa, den Islam, uns. Hauptsächlich über uns. Mit
ihrem berühmten Mut schleudert sie härteste Anschuldigungen heraus,
ergeht sich in rasenden Beschimpfungen. Mit ihrer brutalen Aufrichtigkeit
off enbart sie die hellsichtigen Ideen und die Leidenschaft en, die unbequemen
Wahrheiten und die Überlegungen, über die sie in diesen Jahren
eigenwilliger Stille schweigen wollte.
Das, was die Fallaci im Vorwort als »Büchlein« defi niert, ist in Wirklichkeit
ein großes Buch. Ein wertvolles Buch, ein Buch, das das Gewissen
aufrüttelt und zugleich erschüttert. Aber es ist auch das Porträt einer
Seele. Ihrer Seele. Es haft et wie ein Stachel in unserem Gehirn und unseren
Herzen.
Autorin
Oriana Fallaci ist Florentinerin und lebt in New York. Als der Rektor des
Columbia College of Chicago ihr die Ehrendoktorwürde in Literatur verlieh,
beschrieb er sie als »eine der meist gelesenen und geliebten Autoren
der Welt«. Als Kriegsberichterstatterin hat sie alle Konfl ikte unserer Zeit
mitverfolgt, von Vietnam bis zum Nahen Osten.
Als Schrift stellerin ist sie in zwanzig Sprachen übersetzt und in 31 Ländern
veröff entlicht. Sie ist eine Berühmtheit in Italien, wo sich Die Wut und
der Stolz innerhalb von sechs Monaten fast eine Million Mal verkauft hat.
Auch in Frankreich und Spanien wurde das Buch auf Anhieb ein Bestseller.
In Kürze wird es darüberhinaus in vielen anderen Ländern erscheinen. Zu
der deutschen Ausgabe hat Oriana Fallaci ausgewählte Seiten hinzugefügt.


Für meine Eltern, Edoardo und Tosca Fallati,
die mich lehr ten, die Wahrheit zu sagen,
und für meinen Onkel Bruno Fallaci,
der mich lehrte, sie zu schreiben.


An den Leser
Ich hatte das Schweigen gewählt. Ich hatte das Exil gewählt.
Denn in Amerika, es ist nun an der Zeit, das laut
und deutlich herauszuschreien, lebe ich wie ein Flüchtling.
Hier lebe ich im politischen Exil, das ich mir zur
gleichen Zeit wie mein Vater vor vielen Jahren auferlegte.
Nämlich als wir uns beide klar darüber wurden,
dass es zu schwierig, zu schmerzhaft geworden war, auf
Tuchfühlung mit einem Italien zu leben, dessen Ideale
auf dem Müll gelandet waren, und uns enttäuscht beleidigt
verletzt entschlossen, die Brücken zur Mehrheit unserer
Landsleute abzubrechen. Er zog sich auf einen abgelegenen
Hügel im Chianti zurück, wo die Politik, der
er sein Leben als integerer und rechtschaff ener Mann gewidmet
hatte, nicht hinkam. Ich zog durch die Welt und
blieb dann in New York, wo zwischen mir und der Politik
meiner Landsleute der Atlantische Ozean lag. Diese
Parallele mag paradox klingen: ich weiß. Doch wenn
das Exil eine enttäuschte beleidigte verletzte Seele beherbergt,
dann, glaub mir, zählt die geographische Lage
nicht. Wenn man sein Land liebt (und seinetwegen leidet),
macht es keinerlei Unterschied, ob man sich als
Cincinnatus nur mit seinen Hunden, seinen Katzen und
seinen Hühnern auf einen entlegenen Hügel des Chianti
zurückzieht oder als Schrift steller auf einer von Milli
onen Menschen bewohnten Insel voller Wolkenkratzer
lebt. Die Einsamkeit ist identisch. Das Gefühl der Niederlage
ebenfalls.
Übrigens war New York seit je das Refugium Peccatorum
der politischen Emigranten, der Exilanten. 1850,
nach dem Fall der Römischen Republik und dem Tod
Anitas und der Flucht aus Italien, kam selbst Garibaldi
hierher: Erinnerst du dich? Am 30. Juli traf er ohne einen
Pfennig aus Liverpool ein, und als er an Land ging, war
er derart außer sich, dass er sogleich erklärte, ich-beantrage-
die-amerikanische-Staatsbürgerschaft , und dann
wohnte er zwei Monate lang in Manhattan. Im Haus
des Livorneser Kaufmanns Giuseppe Pastacaldi. In der
Nummer 26 jener Straße, die Irving Place heißt. (Sie ist
mir wohl vertraut, weil genau dort 1861 auch meine Urgroßmutter
Anastasia Zufl ucht suchte, die ihrerseits aus
Italien gefl ohen war.) Danach hat er, der arme Garibaldi,
sich auf Einladung des Florentiners Antonio Meucci,
des zukünft igen Erfi nders des Telefons, in Staten Island
niedergelassen und dort, um seinen Lebensunterhalt zu
verdienen, eine Wurstfabrik eröff net, die sich aber sofort
als völliger Fehlschlag erwies. Daher verwandelte er sie
kurzerhand in eine Kerzenfabrik und ließ Weihnachten
1850 im Wirtshaus Ventura in der Fulton Street in
Manhattan, wo er jeden Samstagabend zum Kartenspielen
hinging, einen Zettel liegen, auf dem stand: »Damn
the sausages, bless the candles, God save Italy if he can.
Verfl uchte Würste, gesegnete Kerzen, Gott rette Italien,
wenn er kann.« Und hör nur, wer noch vor Garibaldi herkam.
Im Jahr 1833, Piero Maroncelli: jener Schrift steller
aus der Romagna, der in der grausamen Festung Spielberg
in der Zelle von Silvio Pellico gesessen hatte (dort,
wo die Österreicher ihm ohne Betäubung das brandig gewordene
Bein amputierten), und der dreizehn Jahre später
in New York an Entbehrungen und Heimweh starb.
Im Jahr 1835, Federico Confalonieri: der Mailänder Aristokrat,
der von den Österreichern zum Tode verurteilt,
aber von seiner Frau Teresa Casati gerettet wurde, die
sich dem österreichischen Kaiser Franz Joseph zu Füßen
warf. Im Jahr 1836, Felice Foresti: der Literat aus
Ravenna, dessen Todesurteil die Österreicher in zwanzig
Jahre Festungshaft in Spielberg umge wandelt, den
sie aber dann in jenem Jahr freigelassen hatten und den
New York damit empfi ng, dass es ihn auf den Lehrstuhl
für Literatur am Columbia College berief. Im Jahr 1837,
die zwölf Lombarden, die an den Galgen sollten, aber im
letzten Moment von den Österreichern begnadigt wurden
(die sich alles in allem besser benahmen als der Papst
und die Bourbonen). Im Jahr 1838, der General Giuseppe
Avezzana, der in Abwesenheit zum Tode verurteilt
worden war, weil er an den ersten konstitutionellen Aufständen
im Piemont teilgenommen hatte. Im Jahr 1846,
der Mazzini-Anhänger Cecchi-Casali, der in Manhattan
die italienische Exilzeitung »L’Esule Italiano« gründete.
Im Jahr 1849, der Sekretär der römischen verfassunggebenden
Versammlung Quirico Filopanti …
Doch das sind längst nicht alle. Denn auch nach Garibaldi
kamen noch viele andere in dieses Refugium Peccatorum.
Im Jahr 1858 zum Beispiel der Historiker Vincenzo
Botta, der zwanzig Jahre lang als Professor Eme
ritus an der New York University lehrte. Und zu Beginn
des Bürgerkriegs, nämlich am 28. Mai 1861, formierten
sich ebenhier in New York die beiden Einheiten italienischer
Freiwilliger, die Lincoln in der darauf folgenden
Woche in Washington Revue passieren ließ. Die Italian
Legion, die auf der amerikanischen Fahne eine große
Schleife in den Farben Weiß und Rot und Grün und mit
der Aufschrift »Vincere o Morire, Siegen oder Sterben«
trug, und die Garibaldi Guards. Oder das Th irtyninth
New York Infantry Regiment, das anstelle der amerikanischen
die italienische Fahne trug, unter der Garibaldi
1848 in der Lombardei und 1849 in Rom gekämpft hatte.
Ja, die sagenhaft en Garibaldi Guards. Das sagenhaft e
neununddreißigste Infanterieregiment, das sich im Lauf
der vier Kriegsjahre in den schwierigsten und blutigsten
Schlachten hervortat: First Bull Run, Cross Keys, Gettysburg,
North Anna, Bristoe Station, Po River, Mine Run,
Spotsylvania, Wilderness, Cold Harbor, Strawberry Plain,
Petersburg, Deep Bottom und weiter hinauf bis nach Appomattox.
Wenn du es nicht glaubst, schau dir in Gettysburg
den Obelisk an, der auf dem Friedhof von Ridge
steht, und lies die Gedenktafel zu Ehren der Italiener, die
am 2. Juli 1863 ihr Leben gaben, um die Kanonen zurückzuerobern,
die die Südstaatler um General Lee dem
Fift h Regiment US Artillery der Nordstaatler abgenommen
hatten. »Passed away before life’s noon / Who shall
say they died too soon? / Ye who mourn, oh, cease from
tears / Deeds like these outlast the years.«
Was die Flüchtlinge angeht, die während des Faschismus
in New York Zufl ucht fanden, so waren es unzäh
lige. Und oft handelt es sich um Männer (fast lauter bedeutende
Intellektuelle), die ich in meiner Kindheit und
Jugend kennen gelernt habe, weil sie Gefährten meines
Vaters waren, also Aktivisten von Giustizia e Libertà: der
Bewegung Gerechtigkeit und Freiheit, die in den dreißiger
Jahren von Carlo und Netto Rosselli gegründet worden
war. 1937 wurden die beiden Brüder in Frankreich (in
Bagnoles del’orne, bei Alençon) auf Befehl Mussolinis von
den Cagoulards mit dem Revolver erschossen. Im Jahr
1924 kam zum Beispiel Girolamo Valenti, Gründer und
Herausgeber der antifaschistischen Zeitung »Il Mondo
Nuovo«. Im Jahr 1925, Armando Borghi, der zusammen
mit Valenti den italoamerikanischen Widerstand organisierte.
Im Jahr 1926 kamen Carlo Tresca und Arturo Giovannitti,
die zusammen mit Max Ascoli »Th e Antifascist
Alliance of North America« ins Leben riefen. 1927, der
mir sehr liebe Gaetano Salvemini, der 1934 nach Cambrigde
(die Harvard University) übersiedeln sollte, um dort
die Geschichte Italiens zu lehren, und der vierzehn Jahre
lang den Amerikanern mit seinen warnenden Vorträgen
über Hitler und Mussolini in den Ohren lag. (Von einer
dieser Veranstaltungen besitze ich ein Plakat. Es hängt
in einem schönen Silberrahmen in meinem livingroom
und darauf steht: »Sunday, May 7th 1933 at 2,30 p. m. Antifascist
Meeting. Irving Plaza Hotel, Irving Plaza and
15th Street, New York City. Professor G. Salvemini, International-
Known Historian, will speak on Hitler and
Mussolini. Th e meeting will be held under the auspices
of the Italian Organization Justice and Liberty. Admission,
25 cents«.) 1931 kam Salveminis guter Freund Artu

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KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #1 on: September 19, 2012, 02:59:33 pm »
ro Toscanini, den Costanzo Ciano (der Vater von Galeazzo
und der Schwiegervater von Edda, der ältesten Tochter
Mussolinis) soeben niedergemacht hatte, weil er sich
bei einem Konzert in Bologna geweigert hatte, die den
Schwarzhemden teure Hymne: »Giovinezza, Giovinezza,
Primavera di Bellezza« zu spielen. 1940 kamen Alberto
Tarchiani, Alberto Cianca, Aldo Garosci, Nicola Chiaromonte
und Emilio Lussu, die in Manhattan Randolfo
Pacciardi und Don Sturzo wiedertrafen und gemeinsam
mit ihnen die »Mazzini Society« sowie später die Wochenzeitschrift
»Nazioni Unite« gründeten …
Was ich sagen will, ist: Ich befi nde mich hier in guter
Gesellschaft . Wenn mir das Italien fehlt, das nicht das
anfangs erwähnte ungesunde Italien ist (und es fehlt mir
immerzu), dann muss ich nur diese Vorbilder meiner frühen
Jugend herbeirufen: eine Zigarette mit ihnen rauchen,
sie bitten, mich ein bisschen zu trösten. Reichen-Sie-mirdie-
Hand, Salvemini. Reichen-Sie-mir-die-Hand, Cianca.
Reichen-Sie-mir-die-Hand, Garosci. Helfen-Sie-mir-daran-
zu-glauben-dass-ich-nicht-allein-bin. Oder ich muss
nur die glorreichen Geister von Garibaldi, Maroncelli,
Confalonieri etc. beschwören. Mich vor ihnen ehrfürchtig
verneigen, ihnen ein Gläschen Cognac anbieten, dann
die Platte mit Nabucco aufl egen, gespielt vom Philharmonie
Orchestra, New York, unter der Leitung von Arturo
Toscanini, und sie gemeinsam mit ihnen anhören.
Und wenn mir Florenz fehlt oder vielmehr meine Toskana,
was noch häufi ger vorkommt, dann brauche ich nur
in ein Flugzeug zu steigen und hinzureisen. Heimlich
allerdings, wie Mazzini es immer machte, wenn er sein
13
Exil in London verließ, um nach Turin zu fahren und
seiner Giuditta Sidoli im Verborgenen einen Besuch abzustatten.
In Florenz oder vielmehr in meiner Toskana
lebe ich nämlich mehr, als man glaubt. Oft monatelang
oder sogar ein ganzes Jahr. Doch weiß niemand davon,
weil ich à la Mazzini reise. Und zwar deshalb, weil es mir
vor der Vorstellung graut, den angeblichen Landsleuten
zu begegnen, derentwegen mein Vater im Exil auf dem
abgelegenen Hügel starb und derentwegen ich mich gezwungen
fühle, weiter hier auf der dicht besiedelten Insel
voller Wolkenkratzer zu wohnen.
Schlussfolgerung: Das Exil verlangt Disziplin und Konsequenz.
Tugenden, zu denen ich von einem außergewöhnlichen
Elternpaar erzogen wurde: einem Vater, der
die Kraft eines Mucius Scaevola besaß, und einer Mutter,
die der Mutter der Gracchen glich und in deren Augen
Strenge ein Antibiotikum gegen Gaunerei war. Und
aus Disziplin, aus Konsequenz habe ich in diesen Jahren
verächtlich geschwiegen wie ein Wolf. Ein alter Wolf, der
sich in dem Wunsch verzehrt, die Schafe anzufallen, die
Kaninchen zu zerfetzen, und es dennoch schafft , sich zu
beherrschen. Doch es gibt Augenblicke im Leben, In denen
Schweigen zur Schuld und Sprechen zur Notwendigkeit
wird. Eine Bürgerpfl icht, eine moralische Herausforderung,
ein kategorischer Imperativ, dem man sich
nicht entziehen kann. So brach ich achtzehn Tage nach
der Apokalypse von New York mein Schweigen mit dem
sehr langen Artikel, der zuerst in einer italienischen Tageszeitung,
dann in einigen ausländischen Zeitungen erschien,
worauf die Hölle los war. Und jetzt unterbreche
(nicht breche: unterbreche) ich mein Exil mit diesem kleinen
Buch, das etwa doppelt so lang ist wie der Text des
Artikels. Daher ist es notwendig, dass ich erkläre, warum
es länger ist, woher diese Länge kommt und wie das
kleine Buch entstanden ist.
Es ist plötzlich entstanden. Ist explodiert wie eine
Bombe. Unerwartet wie die Katastrophe, die am Morgen
des 11. September 2001 Tausende von Menschen zu
Asche und zwei der schönsten Gebäude unserer Epoche
zu Staub werden ließ: die Türme des World Trade Center.
Am Vorabend der Katastrophe dachte ich an ganz
anderes: Ich arbeitete an dem Roman, den ich als mein
Kind bezeichne. Ein sehr umfangreicher und anspruchsvoller
Roman, den ich in diesen Jahren nie vernachlässigt
habe, den ich höchstens manchmal einige Wochen
oder Monate ruhen ließ, um mich in einem Krankenhaus
behandeln zu lassen oder um in Archiven und Bibliotheken
die Recherchen durchzuführen, auf denen er
aufgebaut ist. Ein sehr schwieriges, sehr forderndes Kind,
mit dem ich einen großen Teil meines Lebens als Erwachsene
schwanger gegangen bin, dessen Geburt von der
Krankheit eingeleitet wurde, die mich töten wird, und
dessen ersten Schrei man Gott weiß wann hören wird.
Vielleicht, wenn ich tot bin. (Warum nicht? Die posthumen
Werke haben den unschätzbaren Vorteil, einem die
Dummheiten oder Gemeinheiten derjenigen zu ersparen,
die sich, ohne einen Roman schreiben oder konzipieren
zu können, anmaßen, diejenigen zu beurteilen oder gar
zu misshandeln, die diese Arbeit tun.) An jenem 11. September
dachte ich daher an mein Kind und sagte mir, als
ich den Schock überwunden hatte: »Ich muss vergessen,
was geschehen ist und weiter geschieht. Ich muss mich
um mein Kind kümmern und basta. Sonst verliere ich
es.« Also biss ich die Zähne zusammen und setzte mich
an den Schreibtisch. Ich nahm die Seiten des vorigen
Tages wieder zur Hand, versuchte, im Geist zu meinen
Gestalten zurückzukehren. Geschöpfen aus einer fernen
Welt, einer Zeit, zu der es wahrhaft ig weder Flugzeuge
noch Wolkenkratzer gab. Doch es gelang mir nur sehr
kurz. Todesgestank wehte durch die Fenster herein, von
den menschenleeren Straßen klang der durchdringende
Sirenenton der Krankenwagen herauf, über den Fernseher,
den ich aus Angst und Verwirrung angelassen hatte,
fl immerten immer wieder die Bilder, die ich vergessen
wollte. Und plötzlich verließ ich das Haus. Ich suchte ein
Taxi, fand keines, ging zu Fuß in Richtung der Türme,
die nicht mehr da waren, und …
Danach wusste ich nicht, was tun. Wie mich nützlich
machen, zu etwas gut sein. Und genau während ich
mich fragte was-soll-ich-tun, was-soll-ich-tun, zeigte mir
der Fernseher die Palästinenser, die im Freudentaumel
das Blutbad bejubelten. Sieg, Sieg, schrien sie. Dann erzählte
mir jemand, dass ihnen in Italien nicht wenige
nacheiferten und höhnisch meinten recht-geschieht-esihnen-
das-geschieht-den-Amerikanern-ganz-recht, und
ich stürzte an die Schreibmaschine, so wie ein Soldat,
der aus dem Schützengraben auft aucht und dem Feind
entgegenstürmt. Ich widmete mich dem Einzigen, wovon
ich wirklich etwas verstehe, dem, was ich tun konnte.
Schreiben. Hektische, häufi g verworrene Notizen, die
ich für mich selbst aufs Papier warf, das heißt an mich
selbst richtete. Ideen, Überlegungen, Erinnerungen, Beschimpfungen,
die von Amerika nach Italien fl atterten,
von Italien in die moslemischen Länder übersprangen,
von den moslemischen Ländern nach Amerika zurückprallten.
Gedanken, die ich über Jahre in meinem Herzen
und Hirn vergraben hatte, da ich mir sagte, dassdie-
Leute-sowieso-taub-sind, nicht-zuhören, nichts-hörenwollen.
Jetzt brachen diese Dinge aus mir heraus wie
frisches Quellwasser. Sie strömten aufs Papier wie ein
Wasserfall, wie unaufh altsames Weinen. Und lass mich
bekennen, was ich immer verborgen gehalten habe. Denn
siehst du: Ich vergieße keine Tränen, wenn ich weine.
Auch wenn mich ein heft iger physischer Schmerz überfällt,
auch wenn mich stechender Kummer quält, meine
Tränen sind versiegt. Es handelt sich um eine neurologische
Dysfunktion, um eine physiologische Verstümmelung,
die ich seit über einem halben Jahrhundert in
mir trage. Nämlich seit dem 25. September 1943, einem
Samstag, an dem die Alliierten zum ersten Mal Florenz
bombardierten und einen Haufen Fehler begingen. Anstatt
ihr anvisiertes Ziel zu treff en, die Eisenbahn, die
die Deutschen für den Waff en- und Truppentransport
benutzten, trafen sie das angrenzende Stadtviertel und
den alten Friedhof an der Piazza Donatello. Den Cimitero
degli Inglesi, auf dem Elizabeth Barrett Browning
begraben liegt. Ich war mit meinem Vater in der Nähe
der Kirche Santissima Annunziata, die kaum dreihundert
Meter von der Piazza Donatello entfernt ist, als die
Bomben zu fallen begannen. Schutz suchend fl üchteten
17
wir uns ins Innere der Kirche, und … Ich kannte ihn
nicht, den Schrecken eines Bombenangriff s. Es war das
erste Mal, dass ich einen Bombenangriff erlebte … Herrgott!
Bei jedem Abwurf bebten die fest gefügten Kirchenmauern
wie Bäume im Sturmwind, die Fenster zersprangen,
der Fußboden zitterte, der Altar wankte, der Priester
schrie: »Jesus! Jesus hilf!« Plötzlich begann ich zu weinen.
Ganz still, wohlgemerkt, ganz zurückhaltend. Kein
Wimmern, kein Schluchzen. Doch mein Vater bemerkte
es dennoch, und in dem Glauben, mir zu helfen, tat er etwas
Verkehrtes, armer Papa. Lieber Papa. Er gab mir eine
schallende Ohrfeige. Gott, was für eine Ohrfeige. Noch
schlimmer. Dann blickte er mir streng in die Augen und
zischte: »Ein Mädchen weint nicht.« Deshalb weine ich
seit dem 25. September 1943 nicht mehr. Dem Himmel
sei Dank, wenn mir einmal doch die Augen feucht werden,
sich mir die Kehle zuschnürt. Innerlich aber weine
ich mehr als die, deren Tränen fl ießen, manchmal sind
die Dinge, die ich schreibe, wirklich Tränen, und was ich
in jenen Tagen schrieb, war wahrhaft ig ein unaufh altsames
Weinen. Über die Lebenden, über die Toten. Über
die Leute, die lebendig zu sein scheinen, aber in Wirklichkeit
tot sind wie die Italiener (und die anderen Europäer),
die nicht den Mumm haben, sich zu verändern,
ein Volk zu werden, das Respekt verdient. Und auch über
mich selbst, dass ich, in der letzten Phase meines Lebens
angekommen, erklären muss, warum ich in Amerika im
Exil lebe und warum ich heimlich nach Italien reise.
Dann, ich weinte seit einer Woche, kam der Herausgeber
der Zeitung nach New York. Er kam, weil er mich

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #2 on: September 19, 2012, 03:03:37 pm »
überreden wollte, das Schweigen zu brechen, das ich
längst gebrochen hatte, und ich sagte es ihm. Ich zeigte
ihm sogar die hektischen, verworrenen Notizen, und er
war so entzückt, als hätte er Greta Garbo gesehen, die
die dunkle Brille abgenommen hat und auf der Bühne
der Scala einen schlüpfrigen Striptease vorführt. Oder als
sähe er schon das Publikum Schlange stehen, um die Zeitung
zu kaufen, Pardon, um das Parkett, die Logen und
die Ränge zu stürmen. Entzückt bat er mich weiterzuschreiben,
die einzelnen Teile zu verbinden, eine Art Brief
an ihn daraus zu machen. Und angestachelt von meiner
Bürgerpfl icht, von der moralischen Herausforderung,
vom kategorischen Imperativ, nahm ich den Vorschlag
an. Erneut vernachlässigte ich mein Kind, das ohne Milch
und Mama unter den hektischen, verworrenen Notizen
schlummerte, und kehrte an die Schreibmaschine zurück,
wo sich das unaufh altsame Weinen in einen Schrei aus
Wut und Stolz verwandelte. Ein J’accuse. Eine Anklage
an die Italiener und die anderen Europäer, die mir vom
Parkett, den Logen und den Rängen der Zeitung her zuhören
und vielleicht ein paar Blumen, gewiss aber etliche
faule Eier in meine Richtung werfen würden.
Ich arbeitete zwei weitere Wochen. Ohne Pause. Das
heißt, fast ohne zu essen, ohne zu schlafen. Ich spürte
weder die Müdigkeit noch den Hunger, nein. Ich hielt
mich aufrecht mit Zigaretten, mit Kaff ee. Und hier muss
ich etwas Grundsätzliches klarstellen, ähnlich wie beim
Th ema Weinen. Schreiben ist eine sehr ernsthaft e Sache
für mich. Es ist kein Vergnügen oder eine Zerstreuung
oder eine Erleichterung. Und zwar, weil ich niemals
vergesse, dass die geschriebenen Dinge sehr viel Gutes,
aber auch sehr viel Böses anrichten können. Sie können
heilen oder töten. Studiere die Geschichte, und du wirst
sehen, hinter jeder kollektiven Erfahrung von Gut und
Böse steht ein geschriebener Text. Ein Buch, ein Artikel,
ein Manifest, ein Gedicht, ein Gebet, ein Lied. (Eine Bibel,
eine Th ora, ein Koran, ein Das Kapital. Ein Yankee
Doodle Dandy, eine Marseillaise, eine Hymne von Mameli,
ein Vaterunser.) So schreibe ich nie rasch, wie aus
einem Guss. Ich bin eine langsame Schrift stellerin, eine
vorsichtige Schrift stellerin. Auch eine, die höchste Ansprüche
an sich stellt, immer unzufrieden ist. Ich habe
wahrhaft ig nichts gemein mit jenen, die sich jedes Mal
selbstzufrieden ihres Produkts rühmen, als hätten sie ein
Ei gelegt, sich darüber freuen, als hätten sie Ambrosia
oder Kölnischwasser gepisst. Zudem habe ich viele Manien.
Mir ist die Metrik wichtig, der Satzrhythmus, die
Melodie der Seite, der Klang der Wörter. Und wehe den
Assonanzen, Reimen, ungewollten Wiederholungen. Die
Form liegt mir ebenso am Herzen wie der Inhalt. Ich meine,
die Form ist ein Gefäß, dem sich der Inhalt anpasst
wie der Wein dem Glas, und diese Symbiose zu gestalten
hemmt mich zuweilen. Jetzt dagegen fühlte ich mich kein
bisschen gehemmt. Ich schrieb rasch, aus einem Guss,
ohne mich um Assonanzen oder Reime oder Wiederholungen
zu kümmern, weil die Metrik, das heißt der
Rhythmus sich von selbst einstellte, wobei ich mir wie
nie zuvor der Tatsache bewusst war, dass Geschriebenes
heilen oder töten kann. (Kann Leidenschaft so weit gehen?)
Das Schlimme ist, als ich innehielt und bereit war,
den Text abzuschicken, merkte ich, dass ich anstelle eines
Artikels ein kleines Buch verfasst hatte. Um ihn der Zeitung
zu geben, musste ich ihn kürzen, auf eine annehmbare
Länge zusammenstreichen.
Ich kürzte ihn auf fast die Hälft e. Den Rest verschloss
ich in einer Schublade und legte ihn beiseite, zu dem
schlafenden Kind. Meterweise Papier, auf dem ich mein
Herz ausgeschüttet hatte. Die Seiten über die beiden Buddhas,
die in Bamyan gesprengt worden waren, zum Beispiel,
und die über meinen Kondun. Den Dalai Lama.
Die über die drei Frauen, die in Kabul hingerichtet wurden,
weil sie zum Friseur gingen, und die über die Feministinnen,
die sich einen Dreck scheren um ihre Schwestern
in Burkah und Tschador. Die über Ali Bhutto, der
mit noch nicht dreizehn Jahren zur Heirat gezwungen
wurde, und die über König Hussein, dem ich erzähle,
wie die Palästinenser während eines israelischen Bombenangriff
s mit mir umgegangen sind. Die über die italienischen
Kommunisten, die ein halbes Jahrhundert lang
noch schlimmer mit mir umgegangen sind als die Palästinenser,
und die über den Cavaliere Silvio Berlusconi,
der Italien regiert. Die über die Freiheit, die als Zügellosigkeit
gedeutet wird, über die Pfl ichten, die zugunsten
der Rechte vergessen werden. Die über die ignoranten
Weichlinge von heute. Das heißt über die vom Wohlstand,
von der Schule, von den Eltern verwöhnte Jugend,
von einer Gesellschaft , die nicht funktioniert. Die über
die Fähnchen im Wind von gestern, heute und morgen
… Ich nahm sogar die Abschnitte über den Feuerwehrmann
Jimmy Grillo heraus, der nicht aufgibt, und über
Bobby, den New Yorker Jungen, der an das Gute, an die
Tapferkeit glaubt. Und dennoch war der Text entsetzlich
lang. Der entzückte Herausgeber versuchte mir zu helfen.
Aus den beiden ganzen Seiten, die er für mich reserviert
hatte, wurden drei dann vier dann viereinviertel.
Ein, glaube ich, nie da gewesener Raum für einen einzigen
Artikel. Vermutlich in der Hoff nung, ich würde ihm
den Text komplett geben, bot er mir sogar an, ihn in zwei
Teilen zu veröff entlichen. In zwei Ausgaben. Das lehnte
ich ab, weil man einen Schrei nicht in zwei Teilen veröffentlichen
kann. Mit einer Veröff entlichung in zwei Folgen
hätte ich nicht das Ziel erreicht, das ich mir gesetzt
hatte, nämlich zu versuchen, den Leuten, die nicht sehen
und hören wollen, Augen und Ohren zu öff nen, diejenigen,
die nicht denken wollen, zum Denken anzuregen.
Bevor ich den Artikel abgab, kürzte ich ihn daher sogar
noch mehr. Ich strich die heft igsten Teile heraus. Vereinfachte
die kompliziertesten Passagen. Um sich verständlich
zu machen, muss man schon einigermaßen konsequent
vorgehen, nicht wahr? In der Schublade bewahrte
ich ja die vielen Meter Papier der intakten Niederschrift
auf: den vollständigen Text, das kleine Buch.
Die Seiten, die auf dieses Vorwort folgen, sind das kleine
Buch. Der komplette Text, den ich in den zwei Wochen
schrieb, als ich weder aß noch schlief, mich mit Kaffee
und Zigaretten wachhielt und die Worte wie frisches
Quellwasser hervorsprudelten, wie ein Wasserfall, besser,
wie ein unaufh altsames Weinen herausströmten. Korrekturen
gibt es wenige. (Im Alter von vierzehn Jahren wurde
ich, nur als ein Beispiel, mit fünfzehntausendsechs
hundertsiebzig Lire aus dem italienischen Heer entlassen,
während ich die Summe in der Zeitung fälschlich
mit vierzehntausendfünfh undertvierzig beziff ert hatte.)
Kürzungen diesmal gar keine, von einigen überfl üssig
gewordenen Dingen abgesehen. Zum Beispiel dem Namen
der Zeitung, die meinen Artikel veröff entlicht hat,
und dem ihres Herausgebers, mit dem ich (wie man bald
sieht) nicht mehr rede. Sic transit gloria mundi. Ein lateinischer
Ausdruck, der besagt: So vergeht die Herrlichkeit
der Welt.
* * *
Ich weiß nicht, ob dieses Buch eines Tages wachsen wird.
Dieser deutschen Ausgabe habe ich hier und da einige
Seiten hinzugefügt, einige Sätze, einige Ideen, es ist also
schon gewachsen. Ich weiß aber, dass ich mir bei seiner
Veröff entlichung, und sei es nur diese Übersetzung, vorkomme
wie Salvemini, der am 7. Mai 1933 in einem Saal
des Irving Plaza über Hitler und Mussolini spricht. Vor
einem Publikum, das ihn nicht versteht, ihn aber am
7. Dezember 1941 verstehen wird, das heißt an dem Tag,
an dem die mit Hitler und Mussolini verbündeten Japaner
Pearl Harbor bombardieren werden, redet er sich die
Kehle wund und schreit: »Wenn ihr untätig zuschaut,
wenn ihr uns nicht helft , werden sie früher oder später
auch euch angreifen!« Allerdings gibt es einen Unterschied
zwischen meinem kleinen Buch und dem anti fascistmeeting
im Irving Plaza. Über Hitler und Mussolini
wussten die Amerikaner damals wenig. Sie konnten
sich den Luxus erlauben, nicht allzu sehr an die Worte
dieses Flüchtlings zu glauben, der ihnen von Freiheitsliebe
beseelt schreckliches Unglück vorhersagte. Über
den islamischen Fundamentalismus dagegen wissen wir
heute alles. Keine zwei Monate nach der Katastrophe
von New York bewies Bin Laden selbst, dass ich nicht zu
Unrecht schreie: »Versteht ihr denn nicht, wollt ihr nicht
verstehen, dass ein umgekehrter Kreuzzug im Gang ist.
Ein Religionskrieg, den sie Jihad, Heiligen Krieg, nennen.
Versteht ihr denn nicht, wollt ihr nicht verstehen,
dass der Westen für sie eine Welt darstellt, die erobert
bestraft zum Islam bekehrt werden muss.« Er bewies es
während der Fernsehansprache, bei der er einen schwarzen
Ring zur Schau trug, dem Schwarzen Stein ähnlich,
der in Mekka verehrt wird. In dieser Ansprache bedrohte
er sogar die UNO und bezeichnete deren Generalsekretär
Kofi Annan als »Kriminellen«. In dieser Ansprache
schloss er die Italiener, die Engländer und die
Franzosen in die Liste der zu züchtigenden Feinde mit
ein. Dieser Ansprache fehlte nur die hysterische Stimme
Hitlers oder die ordinäre Stimme Mussolinis, der Balkon
am Palazzo Venezia oder die Tribüne auf dem Alexanderplatz.
»Im Wesentlichen ist dies ein Religionskrieg,
und wer das bestreitet, lügt«, sagte Bin Laden. »Alle Araber
und alle Moslems müssen Partei ergreifen, wenn sie
neutral bleiben, verleugnen sie den Islam«, sagte er. »Die
arabischen und moslemischen Staatsoberhäupter, die
in der UNO sitzen und deren Politik akzeptieren, stellen
sich außerhalb des Islam, es sind Ungläubige, die die
Botschaft des Propheten nicht achten«, sagte er. »Die
jenigen, die sich auf die Rechtmäßigkeit der internationalen
Institutionen beziehen, verzichten auf die einzige
und authentische Rechtmäßigkeit, die Rechtmäßigkeit,
die vom Koran kommt.« Und weiter: »Die große Mehrheit
der Moslems auf der Welt war zufrieden mit den
Angriff en auf die Zwillingstürme. Das zeigen die Umfragen.
«
Waren diese Pünktchen auf dem »i« überhaupt noch
nötig? Von Afghanistan bis zum Sudan, von Indonesien
bis Pakistan, von Malaysia bis zum Iran, von Ägypten
bis zum Irak, von Algerien bis zum Senegal, von Syrien
bis Kenia, von Libyen bis zum Tschad, vom Libanon bis
Marokko, von Palästina bis zum Jemen, von Saudi-Arabien
bis Somalia wächst zusehends der Hass auf den Westen.
Er lodert wie ein vom Wind angefachtes Feuer, und
die Anhänger des islamischen Fundamentalismus vermehren
sich wie die Protozoen einer Zelle, die sich teilt,
damit zwei Zellen daraus werden dann vier dann acht
dann sechzehn dann zweiunddreißig. Und so weiter. Wer
das im Westen nicht begreift , möge sich die Bilder ansehen,
die uns das Fernsehen jeden Tag zeigt. Die Massen,
die die Straßen von Islamabad, die Plätze von Nairobi,
die Moscheen von Teheran überschwemmen. Die
wütenden Gesichter, die drohenden Fäuste, die Plakate
mit dem Bild von Bin Laden. Die Scheiterhaufen, auf denen
die amerikanische Fahne brennt und die Puppe mit
den Gesichtszügen von Präsident Bush. Die Blinden im
Westen mögen sich das Jubelgeschrei über den Barmherzigen-
und-zornigen-Gott anhören oder ihre Rufe Allahakbar,
Allah-akbar-Jihad-Krieg-Heiliger-Jihad. Von we
gen extremistische Randgruppen! Von wegen fanatische
Minderheit! Millionen über Millionen sind sie, die Extremisten.
Millionen über Millionen sind sie, die Fanatiker.
Millionen über Millionen, für die Usama Bin Laden, lebendig
oder tot, eine Khomeini ebenbürtige Legende ist.
Millionen über Millionen, die nach Khomeinis Tod in
ihm ihren neuen Führer, ihren neuen Helden erkannten.
Gestern Abend sah ich Bilder von Moslems in Nairobi,
einem Ort, von dem nie gesprochen wird. Sie drängten
sich auf dem Marktplatz, mehr als in Gaza oder Islamabad
oder Jakarta, und dann interviewte der Fernsehreporter
einen alten Mann. Er fragte ihn: » Who is for you
Bin Laden, wer ist Bin Laden für Sie?«
»A hero, our hero! Ein Held, unser Held!«, antwortete
der Alte, glücklich. »And if he dies, und wenn er
stirbt?«, frage der Reporter weiter. »We fi nd another one,
wir fi nden einen anderen«, erwiderte der Alte, ebenso
glücklich. Anders gesagt, der Mann, der sie von Mal zu
Mal anführt, ist nur die Spitze des Eisbergs: der Teil des
Berges, der aus dem Abgrund aufragt. Und der wahre
Protagonist dieses Krieges ist nicht er. Es ist nicht der
sichtbare Teil, die Spitze des Eisbergs. Der Protagonist ist
der überfl utete, daher unsichtbare Teil des Berges. Ist jener
Teil, der sich seit eintausendvierhundert Jahren nicht
bewegt, nicht aus den Abgründen seiner Blindheit auftaucht,
den Errungenschaft en der Zivilisation seine Türen
nicht öff net, nichts wissen will von Freiheit und Gerechtigkeit
und Demokratie und Fortschritt. Der Berg,
der trotz des skandalösen Reichtums seiner Beherrscher
(denkt an Saudi-Arabien) noch in mittelalterlichem Elend
lebt, noch im Obskurantismus und Puritanismus einer
Religion dahinvegetiert, die nichts als Religion hervorzubringen
versteht. Der Berg, der im Analphabetismus
ertrinkt (in den moslemischen Ländern bewegt sich die
Analphabetismusrate zwischen sechzig und achtzig Prozent),
sodass die »Nachrichten« nur in Form von Karikaturen
oder den Lügen der Mullahs zugänglich sind. Der
Berg, schließlich, der uns die Schuld für seine materielle
und intellektuelle Armut, seine Rückständigkeit und
seinen Verfall in die Schuhe schiebt, da er insgeheim neidisch
auf uns ist, sich insgeheim von unserer Lebensart
angezogen fühlt. Der Optimist, der glaubt, der Heilige
Krieg sei mit der Zerschlagung des Taliban-Regimes in
Afghanistan zu Ende gegangen, der irrt sich. Der Optimist,
der sich von den Bildern der Frauen in Kabul, die
keine Burkah mehr tragen und mit unbedecktem Gesicht
das Haus verlassen, die wieder zum Arzt, in die Schule
und zum Friseur gehen können, blenden lässt, der irrt
sich. Der Optimist, der sich damit zufrieden gibt, dass
sich die afghanischen Männer nach der Niederlage der
Taliban die Bärte kürzten oder abrasierten, so wie die
Italiener nach dem Fall Mussolinis das faschistische Abzeichen
ablegten, der irrt sich.
Er irrt sich, weil der Bart nachwächst und die Burkah
wieder getragen werden wird: In den letzten zwanzig Jahren
gab es in Afghanistan häufi ge Wechsel zwischen abrasierten
und nachwachsenden Bärten, abgenommenen
und wieder umgelegten Burkah. Er irrt sich, weil die derzeitigen
Sieger genauso zu Allah beten wie die Besiegten,
weil sie sich eigentlich nur in der Frage des Bartes von

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #3 on: September 19, 2012, 03:08:36 pm »
den momentan Besiegten unterscheiden, und in der Tat
fürchten die Frauen die einen genauso wie die anderen.
Die derzeitigen Sieger verbünden sich mit den Besiegten,
befreien sie wieder und lassen sich für eine Hand voll
Dollar bestechen. Gleichzeitig bekriegen sie sich wild
untereinander, wodurch sie Chaos und Anarchie Vorschub
leisten. Doch vor allem irrt er sich, der Optimist,
weil unter den neunzehn Kamikaze von New York und
Washington kein einziger Afghane war und es für die
zukünft igen Kamikaze andere Orte gibt, wo sie trainieren
können, andere Höhlen, in die sie sich fl üchten können.
Schau die Landkarte an: Im Süden von Afghanistan
liegt Pakistan, im Norden liegen die moslemischen Staaten
der ehemaligen UdSSR, im Westen der Iran. Neben
dem Iran liegt der Irak, daneben Syrien, und neben Syrien
der Libanon, der mittlerweile auch moslemisch ist.
Neben dem Libanon liegt das moslemische Jordanien,
daneben das ultramoslemische Saudi-Arabien, und jenseits
des Roten Meeres liegt der afrikanische Kontinent
mit all seinen moslemischen Ländern. Ägypten und Libyen
und Somalia, um nur einige aufzuzählen. Mit seinen
alten und jungen Leuten, die dem Heiligen Krieg
applaudieren. Im übrigen ist der Konfl ikt zwischen uns
und ihnen nicht militärischer Art. Es ist ein kultureller,
ein intellektueller, ein religiöser, ein moralischer, ein politischer
Konfl ikt (ein Konfl ikt, der zwischen demokratischen
und tyrannischen Ländern besteht und immer
bestehen wird), und unsere militärischen Siege können
die Off ensive ihres unheilvollen Terrorismus nicht stoppen.
Im Gegenteil, sie fordern sie heraus, verschärfen sie,
verstärken sie. Das Schlimmste steht uns noch bevor: die
Wahrheit. Und die Wahrheit liegt nicht notwendig in
der Mitte. Manchmal ist sie ganz auf einer Seite. Auch
Salvemini sagte das bei seinem antifascist meeting im
Irving Plaza.
* * *
Trotz der grundsätzlichen Ähnlichkeit besteht noch ein
weiterer Unterschied zwischen diesem kleinen Buch
und dem antifascist-meeting im Irving Plaza. Denn die
Amerikaner, die am 7. Mai 1933 Salvemini zuhörten
und ihn nicht oder kaum verstanden (genau wie ich
heute nicht oder kaum verstanden werde), hatten Hitlers
SS und Mussolinis Schwarzhemden nicht direkt
vor der Haustür. Ein Ozean aus Wasser und Isolationismus
lenkte sie von der Wahrheit ab, rechtfertigte ihre
Skepsis. Die Italiener und die anderen Europäer hingegen
haben Bin Ladens SS und Schwarzhemden in ihren
Städten und Dörfern und Euros und Schulen. In ihrem
Alltag, in ihrem Land. Sie sind überall, diese neuen SSLeute,
diese neuen Schwarzhemden. Beschützt vom Zynismus
oder dem Opportunismus, der Berechnung oder
der Dummheit derjenigen, die sie um als Unschuldsengel
darstellen. Die-Armen, die-Armen, schau-nurwie-
Leid-sie-mir-tun-wenn-sie-aus-ihren-Schlauchbooten-
steigen. Du-Rassistin, du-Rassistin, du-Böse,
du-Böse, du-kannst-sie-nur-nicht-ausstehen. Nun ja:
Wie ich schon in dem in der Zeitung erschienenen Artikel
sagte, wimmelt es in den Moscheen, die vor allem
in Italien im Schatten unseres vergessenen Laizismus
und unseres deplatzierten Pazifi smus aus dem Boden
schießen, bis zum Überdruss von Terroristen oder solchen,
die es werden wollen. Nicht zufällig wurden einige
davon nach dem Blutbad von New York verhaft et.
Mit Hilfe der englischen, französischen, spanischen und
deutschen (eigentlich sehr schüchternen) Polizei wurden
einige Depots voll Waff en und Sprengstoff ausgehoben,
die zu Ehren des Barmherzigen-und-zornigen-
Gottes zum Einsatz kommen sollten. Außerdem einige
Al Qaida-Zellen. Und jetzt weiß man, dass das FBI
seit 1989 von einer Italienischen Spur oder vielmehr von
Italian Militants spricht. Man weiß, dass die Mailänder
Moschee schon damals als Hort islamischer Terroristen
bekannt war. Man weiß auch, dass der Mailänder-Algerier
Ahmed Ressan in Seattle mit sechzig Kilo chemischer
Substanzen zur Herstellung von Sprengstoff erwischt
wurde. Man weiß, dass zwei weitere »Mailänder«
namens Atmani Saif und Fateh Kamel in das Attentat
auf die Metro in Paris verwickelt waren. Man weiß, dass
diese Unschuldsengel von Mailand aus häufi g nach Kanada
fuhren … (Welch ein Zufall: Zwei der neunzehn
Flugzeugentführer vom 11. September 2001 waren aus
Kanada in die USA eingereist.) Man weiß, dass Mailand
und Turin seit je Zentralen der Umverteilung und Rekrutierung
islamischer Extremisten waren, Kurden eingeschlossen.
(Ein pikantes Detail in dem Skandal um
Öcalan, den kurdischen Superterroristen, der von einem
kommunistischen Abgeordneten nach Italien geholt
und von der Regierung der Olivenbaum-Koalition in
einer schönen Villa am Stadtrand von Rom beherbergt
wurde.) Man entdeckt, dass Mailand, Turin, Rom, Neapel
und Bologna seit je die Epizentren des internationalen
islamischen Terrorismus waren. Dass auch Como,
Lodi, Cremona, Reggio Emilia, Modena, Florenz, Perugia,
Triest, Ravenna, Rimini, Trani, Bari, Barletta, Catania,
Palermo und Messina seit je Bin Ladens Leuten Unterschlupf
geboten haben.
Die Rede ist von Operativen Netzwerken, von Logistischen
Stützpunkten, von Zellen für Waff enhandel, von
der Italienischen Struktur als einer Basis für die Homogene
Internationale Strategie, (Irgendjemand sollte mir
erzählen, ob dasselbe in Frankreich, in Deutschland, in
England, in Spanien et cetera passiert. Ich denke schon:
Es passiert.) Es stellt sich heraus, dass die schlimmsten
Terroristen häufi g einen ordnungsgemäß von den europäischen
Regierungen verlängerten Pass besitzen, einen
Personalausweis, eine Aufenthaltserlaubnis. Lauter Dokumente,
die das Innenministerium mit beachtlicher Nonchalance
und Großzügigkeit ausstellte …
Jetzt kennt man auch ihre Treff punkte. Und in Italien
sind es nicht wie im Risorgimento die Salons der patriotischen
Gräfi nnen: die Paläste, in denen unsere Großväter,
immer in der Gefahr, vor einem Erschießungskommando
oder am Galgen zu landen, konspirierten, um
das Vaterland von der Fremdherrschaft zu befreien. Es
sind die Schlachtereien halal, das heißt die islamischen
Schlächtereien, die sie überall in Italien eingerichtet haben,
da sie nur Fleisch von Tieren essen, denen die Kehle
durchgeschnitten wurde, wonach man sie ausbluten lässt
und entbeint, (Wer Fleisch wie wir mit Blut und Knochen
zubereitet, ist daher ein Ungläubiger, der bestraft werden
muss.) Doch man trifft sie auch in den arabischen Garküchen.
Man trifft sie in den Cyber-Cafés, die ihren Gästen
Computer zur Internet-Benutzung zur Verfügung stellen.
Und natürlich in den Moscheen. Was die Imams in
den Moscheen angeht, halleluja! Stolz auf das Blutbad in
New York, haben sie die Masken fallen lassen.
Und die Liste ist lang. Auf ihr steht zum Beispiel in
Italien der marokkanische Schlachter, den die Journalisten
mit entmutigender Hochachtung als Religiöses
Oberhaupt der Islamischen Gemeinde in Turin betiteln.
Der fromme Kälberschinder, der 1989 mit einem Touristenvisum
nach Turin kam und der mehr als jeder andere
dazu beitrug, die Stadt von Cavour und Costanza
d’Azeglio in eine kasbah zu verwandeln, indem er dort
zwei halal-Schlachtereien sowie fünf Moscheen eröff nete.
Der fromme Saladin, der heute, Bin Ladens Bild hochhaltend,
erklärt: »Der Jihad ist ein gerechter und gerechtfertigter
Krieg. Nicht ich sage das, es steht im Koran. Viele
Brüder hier aus Turin würden gern aufb rechen und sich
dem Kampf anschließen.« (Herr Innenminister oder vielmehr
Herr Außenminister, warum schicken Sie ihn nicht
zurück nach Marokko, zusammen mit seinen kampfl ustigen
Brüdern?) Die Liste umfasst auch den Imam und
Vorsitzenden der Islamischen Gemeinde von Genua, einer
anderen ehrwürdigen Stadt, die geschändet und in
eine kasbah verwandelt wurde, sowie seine Kollegen in
Neapel, Rom, Bari und Bologna. Lauter schamlose Verehrer
Bin Ladens, und der schamloseste von allen ist der
Imam von Bologna, dessen außerordentlicher Intelligenz
wir folgendes Urteil verdanken: »Die beiden Türme hat
die amerikanische Rechte auf dem Gewissen, die Bin Laden
als Strohmann benutzt. Falls es nicht die amerikanische
Rechte war, war es Israel. Jedenfalls ist es nicht
Bin Ladens Schuld: Es ist Amerikas, Bin Laden ist unschuldig.‹
Hört sich an, als sei er ein Idiot und basta, nicht wahr?
Aber nein. Jeder islamische Th eologe kann dir erklären,
dass der Koran zur Verteidigung des Glaubens auch Lüge,
üble Nachrede und Heuchelei erlaubt. Und am 10. September
2001, also vierundzwanzig Stunden vor dem New
Yorker Blutbad, hat die Polizei in der Moschee von Bologna
tatsächlich ein Flugblatt konfi sziert, in dem die Attentate
verherrlicht und »das Bevorstehen eines außerordentlichen
Ereignisses« angekündigt wurden. Sagt das
nichts über die Imams aus? Ihre Sympathisanten und Beschützer
in Europa, nicht selten Kinder und Enkel der
Kommunisten, die die von Stalin verübten Gräuel bestritten
oder guthießen, behaupten, dass der Imam in
der islamischen Hierarchie eine harmlose und unbedeutende
Gestalt sei. Jemand, der sich darauf beschränkt,
das Freitagsgebet zu leiten, ein Priester ohne die geringste
Macht. Weit gefehlt. Der Imam ist ein Würdenträger,
der seine Gemeinde voll verantwortlich anführt und
verwaltet. Kälberschinder oder nicht, frommer Saladin
oder nicht, er ist ein hoher Priester, der die Gedanken
und Taten seiner Gläubigen nach Gutdünken manipuliert
oder beeinfl usst: ein Agitator, der in seiner Predigt politische
Botschaft en lanciert, die Gläubigen drängt, das zu
tun, was er will. Alle Revolutionen (sic) des Islam haben
dank der Imams in den Moscheen begonnen. Die Iranische
Revolution (sic) begann dank der Imams in den
Moscheen, nicht an den Universitäten, wie ihre europäischen
Sympathisanten und Beschützer uns heute glauben
machen möchten. Hinter jedem islamischen Terroristen
steht notwendigerweise ein Imam, und ich erinnere
daran, dass Khomeini ein Imam war. Ich erinnere
daran, dass die Revolutionsführer im Iran Imams waren.
Ich erinnere daran und behaupte, dass die Imams
auf die eine oder andere Art die geistigen Oberhäupter
des Terrorismus sind.
Was den mit Pearl Harbor vergleichbaren Angriff betrifft
, der diesmal dem gesamten Westen droht, muss
gesagt werden: Daran dass chemische und biologische
Kriegsführung zur Strategie der neuen Nazi-Faschisten
gehört, besteht kein Zweifel, Ein zorniger Bin Laden hat
sie uns versprochen, während Kabul bombardiert wurde,
und es ist bekannt, dass Saddam Hussein seit je eine
Schwäche für diese Art von Massaker besitzt. Obwohl
die Amerikaner 1991 tonnenweise Bomben auf seine Labors
und seine Fabriken abwarfen, produziert der Irak
weiterhin Keime und Bakterien und Bazillen, um Beulenpest,
Pocken, Lepra, Typhus zu verbreiten. Und vergessen
wir nicht die Enthüllung seines Schwiegersohns,
der 1998 sagte, bevor Saddam ihn 1999 ermorden ließ:
»Bei Bagdad haben wir riesige Anthraxlager.« Und neben
den riesigen Anthraxlagern Unmengen von Nervengas.
(Ein Alptraum, den ich während des Golfk riegs in
Saudi-Arabien von nahem kennen lernte und den die
Iraner in den Achtzigern mit Tausenden Toten bezahlten:
erinnerst du dich?) Nun, der chemische Krieg ward
bis heute nicht gesehen, und der biologische hat sich auf
den Milzbrand der Anthrax Letters beschränkt, die von
Zeit zu Zeit in Amerika kursieren. Dass Saddam Hussein
oder Bin Laden die Verantwortung dafür tragen,
ist außerdem nicht bewiesen. Doch das Pearl Harbor,
von dem ich spreche, birgt noch eine andere Gefahr, die
uns hier den Atem verschlägt, seit das FBI sie mit den
schrecklichen Worten angekündigt hat: »It is not a matter
of If, it is a matter of When. Es ist keine Frage des Ob,
sondern eine Frage des Wann.« Ein Angriff , den ich viel
mehr fürchte als Anthrax, als die Beulenpest, als Lepra
oder als Nervengas. Ein Angriff , der Europa viel mehr
bedroht als Amerika. Der Angriff auf die antiken Denkmäler,
auf die Kunstwerke, auf die Schätze unserer Geschichte
und unserer Kultur.
Wenn die Amerikaner sagen when not if, denken sie natürlich
an ihre eigenen Schätze. An die Freiheitsstatue, an
das Jeff erson Memorial, an den Obelisken in Washington,
an die Liberty Bell, das heißt die Glocke von Philadelphia,
an die Golden Gate Bridge in San Francisco, die Brooklyn
Bridge etc. Recht haben sie. Auch ich denke daran.
Genauso wie ich an den Big Ben in London und an die
Westminster Abbey denken würde, wenn ich Engländerin
wäre. An Notre Dame, den Louvre, den Eiff elturm, die
Schlösser an der Loire, wenn ich Französin wäre. Doch
ich bin Italienerin, daher denke ich vor allem an die Sixtinische
Kapelle und die Kuppel des Petersdoms und das
Kolosseum. An die Seufzerbrücke und den Markusplatz
und die Palazzi am Canale Grande. An den Mailänder
Dom und die Brera-Pinakothek und Leonardo da Vincis
Codex Atlanticus. Ich stamme aus der Toskana, daher
denke ich vor allem an den Schiefen Turm von Pisa und
seine Piazza del Miracoli, an den Dom von Siena und seine
Piazza del Campo, an die etruskischen Nekropolen
und die Türme von San Gimignano. Ich bin Florentinerin,
daher denke ich am allermeisten an den Dom Santa
Maria del Fiore, an das Baptisterium, an den Campanile
von Giotto, an den Palazzo della Signoria, an die Uffi zien,
an den Palazzo Pitti und den Ponte Vecchio, übrigens die
einzige noch erhaltene alte Brücke von Florenz, denn die
Brücke Santa Trinita ist eine Rekonstruktion. Bin Ladens
Großvater, will sagen Hitler, hat sie 1944 in die Luft gesprengt.
Ich denke auch an die uralten Bibliotheken mit
den illuminierten Handschrift en aus dem Mittelalter und
den Codex Virgilianus. Ich denke zudem an die Galleria
dell’ Accademia, wo Michelangelos David steht. (Empörend
nackt, mein Gott, und daher den Anhängern des
Koran ein besonderer Dorn im Auge.) Neben dem David
die vier Gefangenen sowie die Kreuzesabnahme, die
Michelangelo im greisen Alter schuf. Und wenn die verfl
uchten Söhne Allahs mir auch nur einen dieser Schätze
zerstörten, würde ich zur Mörderin. Hört mir also gut
zu, Gläubige eines Gottes, der ein Auge-um-Auge-und-
Zahn-um-Zahn empfi ehlt. Ich bin nicht mehr zwanzig,
aber im Krieg bin ich geboren, im Krieg bin ich aufgewachsen,
im Krieg habe ich den größten Teil meines Lebens
verbracht. Auf ihn verstehe ich mich. Und Mumm
habe ich mehr als ihr, ihr Heuchler und Feiglinge, die ihr
Tausende von Menschen einschließlich vierjähriger kleiner
Mädchen ermorden müsst, um den Mut zum Sterben
aufzubringen. Hört mir gut zu, trotz all dem, was
ich über die kulturelle intellektuelle religiöse moralische
politische, kurz, nichtmilitärische Kollision schrieb, sage
ich jetzt Folgendes: »Krieg habt ihr gewollt, Krieg wollt
ihr? Einverstanden. Was mich betrifft , sollt ihr ihn haben.
« Bis zum letzten Atemzug.
* * *
Dulcis in fundo. Diesmal mit einem Lächeln. Und selbstverständlich
verbirgt sich manchmal hinter dem Lächeln,
wie auch beim Lachen, etwas ganz anderes … (Eines Tages,
von da an war ich erwachsen, entdeckte ich, dass
mein Vater, während er von den Nazi-Faschisten gefoltert
wurde, lachte. So sagte ich eines Sommermorgens,
als wir in den Wäldern im Chiantigebiet auf die Jagd
gingen, zu ihm: »Papa, ich muss dich etwas fragen, was
mir Kopfzerbrechen bereitet. Ist es wahr, dass du bei den
Folterungen gelacht hast?« Mein Vater schwieg eine Weile,
dann sagte er traurig, mit leiser Stimme: »Mein Kind,
in manchen Fällen bedeutet Lachen dasselbe wie Weinen.
Du wirst sehen.«) Tja, gestern rief mich Professor
Howard Gotlieb von der Boston University an, der amerikanischen
Universität, die schon seit drei Jahrzehnten
meine Arbeiten sammelt und aufb ewahrt, er rief an und
fragte: »How should we defi ne “Th e Rage and the Pride”,
wie sollen wir “Die Wut und der Stolz” bezeichnen?«
»I don’t know, ich weiß nicht«, erwiderte ich und er

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #4 on: September 19, 2012, 03:15:20 pm »
klärte ihm, es handele sich freilich nicht um einen Roman
und noch weniger um eine Reportage und auch nicht
um einen Essay oder Erinnerungen oder ein Pamphlet.
Dann dachte ich noch einmal darüber nach. Ich rief ihn
zurück und sagte: »Call it a sermon, nennen Sie es eine
Predigt.« (Das ist das richtige Wort, glaube ich, denn in
Wirklichkeit ist dieses kleine Buch eine Predigt an die
Italiener und alle anderen Europäer. Es sollte ein Brief
über den Krieg werden, den die Söhne Allahs dem Westen
erklärt haben, doch während ich schrieb, ist es nach
und nach eine Predigt an die Italiener und alle anderen
Europäer geworden.) Heute früh hat Professor Gotlieb
mich erneut angerufen und gefragt: »How do you expect
the Italians, the Europeans, to take it, wie werden es die
Italiener, die Europäer aufnehmen?«
»I don’t know, ich weiß es nicht«, habe ich geantwortet.
»Eine Predigt beurteilt man nach dem, was sie bewirkt,
nicht nach dem Beifall oder den Pfi ff en, die sie hervorruft
. Und es wird etwas Zeit brauchen, bis man die Resultate
sieht: Man kann nicht erwarten, nur mit einem
kleinen Buch, das in zwei oder drei Wochen aus einem
herausgebrochen ist, plötzlich ein Land aufzuwecken, das
schläft . »Th us I don’t know, Professor Gotlieb, ich weiß
es nicht, I really don’t know …«
Immerhin weiß ich, dass sich von der Zeitung, als der
Artikel darin erschien, in vier Stunden eine Million Exemplare
verkauft haben. Ich weiß, dass sich rührende
Begebenheiten ereigneten. In Rom zum Beispiel kaufte
ein Herr alle Exemplare, die beim Zeitungshändler
vorrätig waren (sechsunddreißig Stück), und verteilte sie
auf der Straße an die Passanten. In Mailand machte eine
Signora Dutzende von Kopien und verteilte sie ebenso.
Ich weiß auch, dass Tausende von Italienern an den Herausgeber
schrieben, um mir zu danken. (Und ich danke
ihnen, ebenso wie dem Herrn aus Rom und der Signora
aus Mailand.) Ich weiß, dass die Telefonzentrale
und der elektronische Briefk asten der Zeitung drei Tage
lang überlastet waren. Ich weiß, dass nur eine Minderheit
der Leser nicht mit mir übereinstimmte, dass dies
aus der Auswahl von Leserbriefen, die die Zeitung unter
Überschrift en wie »E l’Italia si divise nel segno di
Oriana, Und Italien spaltet sich im Zeichen von Oriana
« veröff entlichte, jedoch nicht hervorging. Tja! Wenn
das Auszählen der Stimmen keine Meinungsangelegenheit
ist und wenn die Gegenstimmen nicht mehr zählen
als die Stimmen derer, die mit mir sind, dann scheint es
mir ziemlich ungerecht zu behaupten, dass ich Italien
gespalten habe. Außerdem braucht Italien gewiss nicht
mich, um sich zu spalten, lieber Erfi nder jener Überschrift
. Italien ist mindestens seit der Zeit der Guelfen
und Ghibellinen gespalten, das steht fest. Denken Sie daran,
dass 1861, als nach der Proklamation der Einigung
Italiens achthundert Garibaldiner nach Amerika eilten,
um am Amerikanischen Bürgerkrieg teilzunehmen, sogar
sie sich in zwei Parteien spalteten. Denn nicht alle
entschieden sich dafür, an der Seite der Nordstaaten zu
kämpfen, das heißt in den Einheiten, von denen ich im
Zusammenhang mit meinem Exil gesprochen habe. Zur
Hälft e schlossen sie sich den Südstaaten an und blieben
nicht in New York, sondern in New Orleans. Anstatt den
Garibaldi Guards, also dem 39. Infanterieregiment, dessen
Parade von Lincoln abgenommen wurde, traten ungefähr
vierhundert von ihnen den Garibaldi Guards des
Italian Battalion-Louisiana Militia bei, das 1862 zum 6.
Infanterieregiment der European Brigade wurde. Auch
sie, wohlgemerkt, mit einer weißen und grünen und roten
Fahne, die Garibaldi gehört hatte und das Motto trug
»Vincere o Morire, Siegen oder Sterben«. Auch sie, wohlgemerkt,
zeichneten sich durch große Tapferkeit aus in
den Schlachten von First Bull Run, Cross Keys, North
Anna, Bristoe Station, Po River, Mine Run, Spotsylvania,
Wilderness, Cold Harbor, Strawberry Plain, Petersburg,
bis hinauf nach Appomattox. Und wissen Sie, was
1863 passierte, in der schrecklichen Schlacht von Gettysburg,
in der, Nord-und Südstaatler zusammengenommen,
vierundfünfzigtausend Soldaten ihr Leben ließen? Am 2.
Juli um halb vier Uhr nachmittags standen die dreihundertfünfundsechzig
Garibaldi Guards des 39. Infanterieregiments
unter dem Befehl des Nordstaaten-Generals
Hancock auf einmal den dreihundertsechzig Garibaldi
Guards des 6. Infanterieregiments gegenüber, das dem
Südstaaten-General Early unterstand. Erstere in blauer
Uniform, Zweitere in grauer Uniform, beide mit der weißen
und grünen und roten Fahne, die sie in Italien geschwenkt
hatten, um die Einheit Italiens zu erkämpfen,
geschmückt mit dem Motto: »Vincere o Morire, Siegen
oder Sterben«. Mit dem Ruf Schmutzige-Südstaatler die
einen und Dreckige-Nordstaatler die anderen stürzten
sie sich in einen wütenden Nahkampf um die Eroberung
des Hügels, der Cemetery Hill genannt wird, und
ermordeten sich gegenseitig. Fünfundneunzig Tote bei
den Garibaldinern des 39., sechzig bei den Garibaldinern
des 6. Infanterieregiments. Und am nächsten Tag,
bei der entscheidenden Schlacht in diesem Tal, beinahe
noch einmal so viele. Ohne den Artikel von Oriana Fallaci
gelesen zu haben, mein Lieber. Das heißt, ohne dass
ich die geringste Schuld daran trage.
Ich weiß auch, dass auf Seiten derjenigen, deren Stimme
(anscheinend) so viel mehr zählt als die derjenigen, die gegen
mich sind, ein Unglücksrabe geschrieben oder gesagt
hat: »Oriana Fallaci spielt die Mutige, weil sie mit einem
Bein im Grab steht.« (Ich antworte: O nein, mein Lieber,
keineswegs. Ich spiele nicht die Mutige: Ich bin mutig.
Im Frieden wie im Krieg. Nach rechts wie nach links. Ich
bin es immer gewesen. Und habe immer einen sehr hohen
Preis dafür bezahlt, bis hin zu physischen oder moralischen
Drohungen, Neid und Gemeinheiten. Lesen Sie
meine Texte wieder, dann werden Sie schon sehen. Was
das Bein-im-Grab angeht, naja: ich erfreue mich nicht der
allerbesten Gesundheit, wohl wahr. Doch vergessen Sie
nicht, Kranke von meiner Sorte bringen schließlich häufi
g noch andere unter die Erde. Bedenken Sie, und davon
spreche ich auch in diesem kleinen Euch, dass ich eines
Tages lebendig aus einem Leichenhaus herausgekommen
bin, in das man mich geworfen hatte, weil man glaubte,
ich sei tot … Falls mich nicht irgendein Unschuldsengel
umbringt, bevor ich ihn umbringe, wetten, dass ich dann
noch zu Ihrer Beerdigung komme?) Außerdem weiß ich,
dass das hässliche Italien, das kleinmütige Italien, das
Italien, das sich immer ans Ausland verkauft hat, das
Italien, dessentwegen ich im Exil lebe, nach der Veröffentlichung
meines Artikels ein großes Geschrei zugunsten
der Söhne Allahs veranstaltet hat. Daraufh in wurde
aus dem entzückten ein eingeschüchterter Herausgeber,
ein sehr eingeschüchterter, zur Besänft igung räumte er
den Zikaden, verleumderischen Stimmen gegen meine
mühevolle Arbeit, zu der er mich selbst ermutigt hatte,
breiten Raum in seiner Zeitung ein. Und was eine gute
Gelegenheit hätte sein können, unsere Kultur zu verteidigen,
wurde zu einem Jahrmarkt der jämmerlichen Eitelkeiten.
Einem Markt der trostlosen Exhibitionismen
und der empörenden Opportunismen. Ich-bin-auch-da.
Ich-bin-auch-da. (Unter den Ich-bin-auch-da ein Unverschämter,
der in Kambodscha begeistert über Pol Pot geschrieben
hatte.) Wie Schatten einer Vergangenheit, die
niemals vergeht, haben sie die Flagge des vorgetäuschten
Pazifi smus gehisst, ein schönes Feuer entfacht, auf dem
sie die Häretikerin verbrannten (oder gern verbrannt hätten.)
Und los ging es mit dem Ruf: »Auf den Scheiterhaufen,
auf den Scheiterhaufen! Allah Akbar, Allah Akbar!«
Und los ging es mit Beschimpfungen, Anklagen, Verurteilungen,
einer Flut von Artikeln, die (zumindest in der
Länge) dem meinen nachzueifern suchten. Jedenfalls ist
mir das berichtet worden von den Ärmsten, die sich die
Mühe gemacht haben, sie zu lesen. Ich muss nämlich gestehen,
dass ich sie nicht gelesen habe. Und auch nicht
lesen werde. Erstens, weil ich solche Reaktionen erwartet
hatte und schon im Voraus wusste, worüber die Ichbin-
auch-da ihre Tiraden anstimmen würden, sodass ich
keinerlei Neugier verspürte. Zweitens, weil ich den (zu
diesem Zeitpunkt noch begeisterten) Herausgeber am
Ende meines Artikels schon darauf hingewiesen hatte,
dass ich mich an keinerlei lächerlichen Streitereien oder
sinnlosen Polemiken beteiligen würde. Drittens, weil die
Zikaden unweigerlich Personen ohne Ideen und ohne Eigenschaft
en sind: Um sich zu produzieren, beißen sich
diese frivolen Blutsauger am Schatten dessen fest, der in
der Sonne steht, und wenn sie in der Zeitung zirpen, sind
sie tödlich langweilig. (Der ältere Bruder meines Vaters
war Bruno Fallaci. Ein großer Journalist. Er hasste die
Journalisten. Als ich für verschiedene Zeitungen arbeitete,
machte er mir immer Vorwürfe, weil ich als Journalistin
und nicht als Schrift stellerin tätig war, und er verzieh
mir erst, ah ich als Kriegsberichterstatterin anfi ng,
doch war er ein großer Journalist. Er war auch ein großer
Herausgeber von Zeitungen, von dem man wahrhaftig
viel lernen konnte, und wenn er die Grundregeln des
Journalismus erläuterte, sagte er: »Vor allem niemals den
Leser langweilen!« Die Zikaden jedoch langweilen einen
zu Tode.) Letztlich auch, weil ich ein sehr strenges und
intellektuell reiches Leben führe: Eine solche Lebensweise
lässt keinen Platz für bornierte oder frivole Botschaft en,
und um sie mir vom Leib zu halten, befolge ich den Rat
meines berühmten Landsmannes. Des Verbannten par
excellence, Dante Alighieri: »Non ti curar di lor, ma guarda
e passa. Kümmere dich nicht um sie, schau hin und
schreite vorüber.« Ich gehe sogar noch weiter: Ich schreite
vorüber und schaue nicht einmal hin.
Dennoch möchte ich mir den Spaß erlauben, einer von
diesen Zikaden zu antworten, wie dem Unglücksraben,
der mich schon mit einem Bein im Grab sieht. Einer Zikade,
deren Geschlecht und Identität mir gleichgültig sind,
von der mir jedoch hinterbracht wurde, sie habe mich,
um mein Urteil über die islamische Kultur zu entkräft en,
beschuldigt, »Tausendundeine Nacht« nicht zu kennen
und den Arabern das Verdienst absprechen zu wollen, das
Konzept der Null defi niert zu haben. O nein, mein Herr
oder meine Dame oder mein Weder das Eine Noch das
Andere: Ich interessiere mich leidenschaft lich für Mathematik,
und den Begriff der Null kenne ich gut. In meinem
Buch »Inschallah«, übrigens ein Roman, der auf der Formel
von Boltzmann aufgebaut ist (sie besagt Entropiegleich-
Boltzmannkonstante-multipliziert-mit-dem-Logarithmus-
naturalis- der-Zerstörungswahrscheinlichkeit),
lege ich sogar genau dieses Konzept der Null der
Szene zugrunde, in welcher der Sergeant Passepartout
tötet. Besser gesagt, ich lege ihr die teufl ischste Aufgabe
zugrunde, die den Studenten an der Scuola Normale, der
Eliteuniversität von Pisa, je zu diesem Konzept gestellt
wurde: »Erklären Sie, warum Eins mehr ist als Null.« (So
teufl isch, dass man sie ad absurdum führen muss.) Nun,
mein Herr oder meine Dame oder mein Weder das Eine
Noch das Andere, mit der Behauptung, dass der Begriff
der Null der arabischen Kultur zu verdanken sei, können
Sie sich nur auf den arabischen Mathematiker Muhammad
ibn Musa al-Khwārizimī beziehen, der um 810
n. Chr. in den Mittelmeerländern das Dezimalsystem
unter Einbeziehung der Null einführte. Doch Sie irren
sich. Muhammad ibn Musa al-Khwārizimī selbst erklärt
in seinem Werk, dass das Dezimalsystem unter Bezug
nahme auf die Null nicht auf seinem Mist gewachsen ist.
Dass das Konzept der Null im Jahr 628 n. Chr. von dem
indischen Mathematiker Brahmagupta (dem Verfasser
des Astronomie-Traktats »Brahma-Sphuta-Siddhanta«)
defi niert wurde. Nach Meinung anderer wiederum, das
ist wahr, sind die Mayas Brahmagupta zuvorgekommen.
Schon zweihundert Jahre früher, heißt es, bezeichneten
die Mayas die Geburt des Universums als das Jahr null,
den ersten Tag jedes Monats bezeichneten sie mit einer
Null, und in den Berechnungen, bei denen eine Zahl fehlte,
setzten sie eine Null an die Leerstelle. Nun gut, doch
um diese Leerstelle zu füllen, benutzten die Mayas keineswegs
den Punkt, den die Griechen benutzt hätten. Sie
meißelten oder malten ein Männchen mit zurückgeworfenem
Kopf. Und dieses Männchen gibt zu vielen Zweifeln
Anlass, mein Herr oder meine Dame oder mein Weder
das Eine Noch das Andere. Daher muss ich Ihnen leider
mitteilen, dass in der Mathematikgeschichte neunundneunzig
von hundert Fachleuten dem Inder Brahmagupta
die Vaterschaft an der Null zuschreiben. Was »Tausendundeine
Nacht« betrifft , so frage ich mich, welche Lästerzunge
Ihnen hinterbracht hat, dass ich dieses entzückende
Werk nicht kenne. Als ich klein war, schlief ich im Bücherzimmer,
wissen Sie: So nannten meine geliebten und
mittellosen Eltern ein Wohnzimmerchen, das von auf Raten
erworbenen Büchern überquoll. Auf dem Regal über
dem winzigen Sofa, das ich Mein-Bett nannte, stand ein
dickes Buch mit einer schönen verschleierten Dame auf
dem Umschlag, die mich ansah. Eines Abends holte ich
es mir und … Meine Mutter war dagegen. Kaum hatte
sie es bemerkt, nahm sie es mir aus der Hand: »Das ist
nichts für Kinder!« Doch dann überlegte sie es sich noch
einmal und gab es mir zurück. »Lies nur, lies. Ist schon
recht.« So wurden die »Geschichten aus Tausendundeiner
Nacht« zu den Märchen meiner Kindheit und gehören
seitdem zu meinem Bücherschatz. Sie können sie in
meinem Haus in Florenz fi nden, in meinem Landhaus
in der Toskana, und hier in New York habe ich drei unterschiedliche
Ausgaben. Die dritte auf Französisch. Ich
habe sie letzten Sommer bei Ken Gloss gekauft , meinem
antiquarischen Buchhändler in Boston, zusammen mit
den »OEuvres Complètes« von Madame de La Fayette, gedruckt
1812 in Paris, und mit den »OEuvres Complètes«
von Molière, gedruckt 1799 ebenfalls in Paris. Es handelt
sich um die Ausgabe, die Hiard, der libraire-éditeur
de la Bibliothèque des Amis des Lettres, 1832 mit einem
Vorwort von Galland herausgegeben hat. Eine Ausgabe
in sieben Bänden, die ich hüte wie meinen Augapfel.
Doch ehrlich gesagt ist mir nicht danach, diese entzückenden
Märchen mit der »Ilias« und der »Odyssee«
von Homer zu vergleichen. Mir ist nicht danach, sie mit
den »Dialogen« Platons zu vergleichen, mit der »Äneis«
von Vergil, den »Bekenntnissen« des Heiligen Augustinus,
der »Göttlichen Komödie« von Dante Alighieri, den
Tragödien und Komödien von Shakespeare, mit Molière
und Rousseau und Goethe und Darwin und so weiter.
Das fi nde ich nicht seriös. Ende des Lächelns und letzte
Richtigstellung.
* * *
Ich lebe von meinen Büchern. Von dem, was ich schreibe.
Ich lebe von meinen Autorenrechten, und darauf bin
ich stolz. Meine Autorenrechte sind mir wichtig, auch
wenn die Prozente, die ein Autor für jedes verkauft e
Buch bekommt, sehr bescheiden sind. Geradezu lächerlich.
Ein Betrag, der besonders bei Taschenbuchausgaben
(bei Übersetzungen ist es noch schlimmer) nicht ausreicht,
um auch nur einen halben Bleistift bei einem der
Söhne Allahs zu erwerben, die beim Anbieten der Bleistift
e den Passanten auf den Bürgersteigen Europas auf
die Nerven gehen (und die noch nie etwas von »Tausendundeine
Nacht« gehört haben, wette ich). Meine Autorenrechte
will ich haben. Ich bekomme sie, und ohne sie
wäre übrigens ich es, die Bleistift e auf den Bürgersteigen
Europas feilbieten würde. Aber ich schreibe nicht
für Geld. Ich habe nie für Geld geschrieben, Nie! Nicht
einmal, als ich noch sehr jung war und dringend Geld
brauchte, um meine Familie zu unterstützen und mein
Medizinstudium an der Universität zu bezahlen, das damals
sehr teuer war. Mit siebzehn wurde ich als Lokalreporterin
bei einer Zeitung in Florenz angestellt. Und mit
ungefähr neunzehn wurde ich fristlos entlassen, weil ich
mich geweigert hatte, nach dem Prinzip des grässlichen
Wortes »Lohnschreiber« zu handeln. Tja. Man hatte mir
befohlen, einen verlogenen Artikel über die Veranstaltung
eines berühmten Politikers zu schreiben, dem gegenüber
ich, wohlgemerkt, eine tiefe Antipathie, ja sogar
Abneigung hegte (der Vorsitzende der Kommunistischen
Partei, Palmiro Togliatti). Ein Text, den ich wohlgemerkt
nicht einmal hätte unterschreiben müssen. Empört sagte

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #5 on: September 19, 2012, 03:21:04 pm »
ich, dass ich keine Lügen schreiben würde. Und der Herausgeber,
ein fetter, aufgeblasener Christdemokrat, erwiderte,
Journalisten seien Lohnschreiber, die gehalten
seien, die Sachen zu schreiben, für die sie bezahlt würden.
»Man spuckt nicht auf den Teller, von dem man
isst.« Vor Empörung zitternd antwortete ich, dass er von
diesem Teller essen möge und dass ich lieber verhungern
würde, als eine Lohnschreiberin zu werden, und daraufhin
entließ er mich fristlos. Meinen Doktor in Medizin
konnte ich auch deshalb nicht machen. Denn plötzlich
stand ich ohne das Gehalt da, das ich brauchte, um das
Studium zu bezahlen … Nein, niemand hat mich je dazu
gebracht, eine Zeile des Geldes wegen zu schreiben. Alles,
was ich in meinem Leben geschrieben habe, hat nie
etwas mit Geld zu tun gehabt. Denn mir ist immer klar
gewesen, dass man mit dem Schreiben die Gedanken
und Taten der Leser mehr beeinfl usst als mit Bomben.
Und die Verantwortung, die diesem Bewusstsein entspringt,
kann man nicht gegen Geld übernehmen. Daher
habe ich den Artikel für die Zeitung gewiss nicht
wegen des Geldes geschrieben. Die qualvolle Anstrengung,
die in jenen Wochen meinen schon kranken Körper
noch weiter zerstörte, habe ich gewiss nicht für Geld
auf mich genommen. Noch viel weniger habe ich mein
Kind, das heißt meinen schwierigen, mich stark in Anspruch
nehmenden Roman, schlafen gelegt, um mehr
als das bisschen zu verdienen, was durch meine Autorenrechte
hereinkommt. Und nun die Schlussfolgerung
dieses Vorworts. Eine Schlussfolgerung, die ich besonders
hervorheben möchte, weil sie mit einer heutzutage
48
ziemlich unmodernen Problematik verbunden ist, nämlich
der Problematik der Würde und der Ethik.
Als der entzückte Herausgeber nach New York kam
und mich drängte, das schon gebrochene Schweigen zu
brechen, sprach er nicht von Geld. Und ich war ihm dankbar
dafür. Ich fand es geradezu elegant, dass er dieses Th ema
nicht berührte, da es sich ja um eine Arbeit handelte,
die nicht nur durch den Tod Tausender verbrannter Menschen
entstanden, sondern meinerseits auch mit der Absicht
verbunden war, den Tauben die Ohren, den Blinden
die Augen zu öff nen, die Leute zum Denken anzuregen et
cetera. Einige Tage nach der Veröff entlichung wurde mir
jedoch plötzlich mitgeteilt, dass mich eine Entlohnung
erwarte. Eine sehr-sehr-sehr-großzügige-Entlohnung. So
großzügig (die Höhe des Betrags kenne ich nicht, und ich
will sie auch nicht wissen), dass es überfl üssig gewesen
wäre, mir die teuren Telefongebühren für die Überseegespräche
zu erstatten. Nun: Obgleich ich begriff , dass
es nach den Gesetzen der Ökonomie richtig war, mich
zu bezahlen, obgleich ich begriff , dass die von meinen
Widersachern für diese Zeitung geschriebenen Artikel
ordnungsgemäß und teuer bezahlt wurden, lehnte ich
die sehr-sehr-sehr-großzügige-Entlohnung ab. Toutcourt,
Mit Verachtung. Und damit nicht genug. Denn trotz der
Ablehnung empfand ich das gleiche Unbehagen wie an
dem Tag, als ich mit vierzehn erfuhr, dass die Italienische
Armee beabsichtigte, mir den Entlassungssold eines einfachen
Soldaten zu bezahlen, weil ich im Corps der Volontari
della Libertà (Freiwillige für die Freiheit) gegen
die Nazi-Faschisten gekämpft hatte. (Die Episode, die ich
in dem kleinen Buch erzähle und die von den fünfzehntausendsechshundertsiebzig
Lire handelt, die ich schließlich
annahm, um Schuhe zu kaufen, da weder ich noch
meine jüngeren Schwestern welche besaßen.)
Nun gut: Ich weiß, dass der Herausgeber sprachlos war,
als er meine verächtliche Antwort erhielt. Zur Salzsäule
erstarrte wie Lots Weib. Doch sowohl ihm wie dem
Leser sagt die Häretikerin: Schuhe besitze ich heute genug.
Und wenn ich keine hätte, würde ich lieber barfuß
im Schnee gehen als dieses Geld in die eigene Tasche zu
stecken. Hätte ich auch nur eine Lira angenommen, hätte
ich meine Seele beschmutzt
Oriana Fallaci
New York, November 2001 und Mai 2002


Du verlangst von mir, diesmal solle ich sprechen. Du
verlangst, wenigstens diesmal solle ich das Schweigen
brechen, das ich gewählt habe. Das Schweigen, das ich
mir seit Jahren auferlege, um mich nicht unter die Zikaden
zu mischen. Und ich tue es. Weil ich erfahren habe,
dass in Italien einige Leute das Geschehene bejubeln wie
vor ein paar Abenden im Fernsehen die Palästinenser
von Gaza. »Sieg, Sieg!« Männer, Frauen, Kinder. (Falls
jemand, der so etwas tut, als Mann, Frau oder Kind bezeichnet
werden kann.) Ich habe erfahren, dass manche
Luxuszikaden, Politiker oder angebliche Politiker, Intellektuelle
oder angebliche Intellektuelle sowie andere
Individuen, die es nicht verdienen, Bürger genannt zu
werden, sich im Wesentlichen genauso verhalten. Sie sagen:
»Wunderbar. Recht geschieht es ihnen, den Amerikanern.
« Und ich bin wütend, sehr wütend. Ich spüre
eine kalte, hellsichtige, rationale Wut. Eine Wut, die jeden
Abstand, jede Nachsicht ausschließt, die mir befi ehlt
zu antworten und vor allem, auf diese Leute zu spucken.
Ich spucke auf sie. Genauso wütend wie ich, hat die
afroamerikanische Dichterin Maya Angelou gestern gebrüllt:
»Be angry. It’s good to be angry. It’s healthy. Seid
wütend. Es tut gut, wütend zu sein. Es ist gesund.« Ob
es mir gut tut oder nicht, weiß ich nicht. Ich weiß jedoch,
dass es ihnen nicht gut tun wird. Ich meine denen,
die die Usama Bin Ladens bewundern, die Verständnis,
Sympathie oder Solidarität für sie zum Ausdruck brin
gen. Indem ich mein Schweigen breche, zünde ich eine
Bombe, die seit zu langer Zeit gern explodieren möchte.
Du wirst schon sehen.
Du willst auch, dass ich erzähle, wie ich diese Apokalypse
erlebt habe. Kurz, dass ich Zeugnis ablege. Ich beginne
also damit. Ich war zu Hause, meine Wohnung
liegt im Zentrum von Manhattan, und gegen neun Uhr
hatte ich das Gefühl einer Gefahr, in der ich mich vielleicht
nicht unmittelbar befand, die mich aber ganz gewiss
etwas anging. Das Gefühl, das man im Krieg, in einer
Schlacht hat, wenn man mit jeder Pore seiner Haut
die Kugel oder Rakete kommen spürt und die Ohren
spitzt und seinem Nachbarn zuruft : »Down! Get down!
Runter! Runter auf den Boden!« Ich habe es verdrängt.
Ich bin doch nicht in Vietnam, habe ich zu mir gesagt,
ich bin doch in keinem der vielen verfl uchten Kriege, die
seit dem Zweiten Weltkrieg mein Leben gequält haben.
Ich bin in New York, an einem wunderbaren Septembermorgen.
Dem 11. September 2001. Doch unerklärlicherweise
wollte das Gefühl nicht weichen, und da tat ich etwas,
was ich morgens nie tue. Ich schaltete den Fernseher
ein. Der Ton war ausgefallen. Aber das Bild war da.
Und auf allen Kanälen, davon gibt es hier etwa hundert,
sah man einen Turm des World Trade Centers, der etwa
vom achtzigsten Stockwerk aufwärts brannte wie ein riesiges
Streichholz. Ein Kurzschluss? Ein vom Kurs abgekommenes
kleines Flugzeug? Oder ein gezielter Terrorakt?
Wie gelähmt saß ich da und starrte auf das Bild,
und während ich noch starrte und mir diese drei Fragen
stellte, erschien ein Flugzeug auf dem Bildschirm.
Weiß, groß. Ein Linienfl ugzeug. Es fl og sehr tief. Und
es fl og direkt auf den zweiten Turm zu, wie ein Bomber,
der sein Ziel ansteuert, sich auf sein Ziel stürzt. Da habe
ich begriff en. Ich meine, ich habe begriff en, dass es sich
um ein Kamikaze fl ugzeug handelte und dass mit dem ersten
Turm das Gleiche passiert sein musste. Und während
mir das klar wurde, kam der Ton wieder. Man hörte einen
Chor aus Schreckensschreien. Immer wieder, wie rasend.
»God! Oh, God! Oh, God, God, God! Gooooooood!
Gott! O, Gott! O, Gott, Gott, Gott! Goooooooott!« Und
das weiße Flugzeug drang in den zweiten Turm ein wie
eine Messerklinge in ein Stück Butter.
Es war drei Minuten nach neun. Und frag mich nicht,
was ich in jenem Moment und danach empfunden habe.
Ich weiß es nicht, ich erinnere mich nicht. Ich war wie
versteinert. Auch mein Gehirn war wie versteinert. Ich
kann im Nachhinein manche Bilder nicht einmal dem
ersten oder zweiten Turm zuordnen. Menschen stürzten
sich aus den Fenstern im achtzigsten oder neunzigsten
oder hundertsten Stock, um nicht bei lebendigem Leib zu
verbrennen, zum Beispiel. Sie schlugen die Scheiben ein,
kletterten hinaus und sprangen, wie man mit einem Fallschirm
aus dem Flugzeug springt. Zu Dutzenden. Und
sie schwebten so langsam herunter. So langsam … Sie
bewegten Arme und Beine, sie schwammen in der Luft .
Ja, sie schienen in der Luft zu schwimmen. Ungefähr auf
der Höhe des dreißigsten Stockwerks wurden sie schneller.
Sie begannen, verzweifelt zu gestikulieren, vermutlich
bereuten sie ihre Tat, es war, als schrien sie: Help-Hilfehelp!
Und vielleicht schrien sie das wirklich. Zuletzt fi e
56
len sie wie ein Stein und peng! Heiliger Gott, ich dachte,
ich hätte alles im Krieg gesehen. Ich glaubte, ich sei durch
den Krieg immun geworden. Und im Wesentlichen bin
ich es auch. Nichts überrascht mich mehr. Nicht einmal,
wenn ich wütend werde, nicht einmal, wenn ich mich empöre.
Doch im Krieg habe ich immer Leute von fremder
Hand sterben sehen. Nie habe ich Leute sich umbringen
sehen, indem sie ohne Fallschirm aus Fenstern im achtzigsten
oder neunzigsten oder hundertsten Stockwerk
springen. Immer weiter sprangen welche in die Leere,
bis gegen zehn der eine und gegen halb elf der andere
Turm einstürzte und … Mein Gott, bei den Leuten, die
sterben, weil sie umgebracht werden im Krieg, habe ich
immer Sachen gesehen, die explodieren. Die zusammenbrechen,
weil sie in die Luft fl iegen. Die beiden Türme
dagegen sind nicht aus diesem Grund eingestürzt. Der
erste Turm brach zusammen, weil er implodiert ist, er
hat sich selbst verschluckt. Der zweite, weil er geschmolzen
ist, er ist zerfl ossen, als wäre er tatsächlich ein Stück
Butter. Und das alles geschah, zumindest schien es mir
so, in einer Grabesstille. Ist das möglich? Herrschte wirklich
diese Stille, oder war sie in mir? Vielleicht war sie in
mir. Und umgeben von dieser Stille hörte ich dann die
Nachricht von dem dritten Flugzeug, das auf das Pentagon
niedergegangen war, und die von dem vierten Flugzeug,
das über einem Wald in Pennsylvania abgestürzt
war. Umgeben von dieser Stille fi ng ich an, die Zahl der
Toten auszurechnen, und mir stockte der Atem. Denn
bei der blutigsten Schlacht, die ich in Vietnam erlebt hatte,
einer der Schlachten bei Dak To, gab es vierhundert
Tote. Bei dem Blutbad in Mexico City, wo ich selbst drei
Kugeln abbekam, eine davon in die Wirbelsäule, war die
offi zielle Zahl achthundert. Und als mich die angeblichen
Retter in dem Glauben, ich sei tot, ins Leichenhaus warfen,
schien es mir, als seien die Leichen, die bald auf mich
fi elen, noch viel mehr. Pass auf, in den Türmen arbeiteten
gut fünfzigtausend Menschen. Um neun Uhr war schon
rund die Hälft e von ihnen da, und viele konnten nicht
rechtzeitig evakuiert werden. Eine erste Schätzung spricht
von siebentausend missing. Allerdings besteht ein Unterschied
zwischen dem zweideutigen Wort missing, vermisst,
und dem Wort dead, tot. In Vietnam unterschied
man immer zwischen den missing und den dead … Wie
dem auch sei! Ich bin überzeugt, dass wir die wahre Zahl
der Toten nie erfahren werden. Um das gewaltige Ausmaß
dieser Apokalypse nicht zu unterstreichen, verstehst
du, um nicht zu weiteren Anschlägen zu ermutigen. Und
außerdem sind die beiden Krater, die Tausende von Opfern
verschlungen haben, zu tief, zu sehr mit Trümmern
verschüttet. Höchstens auf einzelne Körperteile stoßen
die Arbeiter beim täglichen Graben. Eine Nase hier, ein
Finger dort. Oder auf eine Art Schlamm, der Kaff eepulver
zu sein scheint, aber organische Materie ist. Die Reste
der Körper, die sich blitzartig aufl östen, sind zu Asche
verbrannt. Gestern hat Bürgermeister Giuliani zehntausend
Plastiksäcke für die Leichen geschickt. Sie wurden
aber noch nicht gebraucht.
* * *

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #6 on: September 19, 2012, 03:23:49 pm »
Was ich über die Unverwundbarkeit denke, die viele
Amerika zuschrieben, was ich für die Kamikaze empfi
nde, die das getan haben? Für die Kamikaze, nicht den
geringsten Respekt. Nicht das geringste Mitleid. Nein,
nicht einmal Mitleid. Obwohl ich doch sonst letztlich
immer dem Mitleid nachgebe, Mitleid mit allen habe.
Die Kamikaze, das heißt die Kerle, die sich umbringen,
um andere zu töten, waren mir seit je unsympathisch.
Angefangen bei den japanischen Selbstmord attentätern
im Zweiten Weltkrieg. Ich habe sie nie mit Pietro Micca
verglichen: jenem piemontesischen Soldaten, der am 29.
August 1706 das Pulver anzündete, um den Einmarsch
der französischen Truppen zu verhindern, und der mit
der Zitadelle von Turin in die Luft fl og. Ich meine, ich
habe sie nie als Soldaten gesehen. Und noch viel weniger
sehe ich sie als Märtyrer oder Helden, wie Arafat sie
mir gegenüber zeternd und spuckend nannte, als ich ihn
1972 in Amman interviewte (an dem Ort, wo seine Leute
auch die Baader-Meinhof-Terroristen ausbildeten).
Ich fi nde sie eitel und basta. Exhibitionisten, die nicht
durch Film, Politik oder Sport berühmt werden wollen,
sondern vielmehr durch ihren eigenen Tod und den der
anderen. Dieser Tod wird ihnen anstelle eines Oscars,
eines Ministersessels oder eines Pokals die Bewunderung
der ganzen Welt und einen Platz im Djanna einbringen
(glauben sie). Im Jenseits, von dem der Koran
spricht, im Paradies, wo die Helden mit Uri-Jungfrauen
vögeln. Ich wette, dass sie auch, was ihr Aussehen angeht,
eitel sind. Ich habe das Foto der beiden vor Augen, die
in Inschallah vorkommen, meinem Roman, der mit der
59
Zerstörung der US-Militärbasis und der französischen
Militärbasis in Beirut (circa vierhundert Tote) beginnt.
Bevor sie zum Sterben aufb rachen, hatten sie, die Stutzer,
sich knipsen lassen. Und vor dem Fototermin waren
sie zum Friseur gegangen, schau nur, welch bildschöner
Haarschnitt, welch gepfl egte Koteletten, welch schöne
pomadisierte Schnurrbärte, welch gelecktes Bärtchen.
Was die betrifft , die in die beiden Türme und das Pentagon
gerast sind, so fi nde ich sie besonders hassenswert.
Man hat nämlich entdeckt, dass ihr Anführer, Muhammed
Attah, zwei Testamente hinterlassen hat. Eines besagt:
»Ich will auf meiner Beerdigung keine unreinen
Wesen, das heißt Tiere und Frauen.« Das andere besagt:
»Auch an meinem Grab will ich keine unreinen Wesen.
Vor allem nicht die unreinsten von allen: schwangere
Frauen.« Ach, welch ein Trost für mich zu wissen, dass
er weder eine Beerdigung noch ein Grab haben wird und
dass auch von ihm kein Haar übrig geblieben ist.
Ein Trost, ja, und liebend gern würde ich das Gesicht
von Arafat sehen, wenn ich es ihm sagte. Denn wir haben
nicht die besten Beziehungen, Arafat und ich. Er hat
mir nämlich nie die glühenden Meinungsverschiedenheiten
verziehen, die wir bei unserer Begegnung in Amman
hatten, und auch ich habe ihm nie etwas verziehen.
Auch nicht die Tatsache, dass einem italienischen Journalisten,
der sich ihm unvorsichtigerweise als mein Freund
vorgestellt hat, zum Empfang die Pistole auf die Brust gesetzt
wurde. Daher sprechen wir nicht mehr miteinander
und wünschen uns gegenseitig alles Schlechte. Doch
wenn ich ihm erneut begegnete oder, besser gesagt, ihm
eine Audienz gewährte, würde ich ihm ins Gesicht sagen,
wer die Märtyrer und Helden sind. Ich würde zu ihm sagen:
Wissen Sie, Herr Arafat, wer die Märtyrer sind? Die
Passagiere der vier entführten und in menschliche Bomben
verwandelten Flugzeuge, zu denen auch das vierjährige
kleine Mädchen gehört, das im zweiten Turm umkam.
Die Angestellten, die in den beiden Türmen und
im Pentagon arbeiteten. Die dreihundertdreiundvierzig
Feuerwehrmänner und Sechsund sechzig Polizisten, die
bei den Rettungsversuchen umgekommen sind. (Beinahe
die Hälft e von ihnen hatte italienische Nachnamen, war
also italienischer Abstammung. Darunter ein Vater und
sein Sohn: Joseph Angelini senior und Joseph Angelini
junior.) Und wissen Sie, wer die Helden sind? Die Passagiere
des Flugzeugs, das auf das Weiße Haus stürzen
sollte und das stattdessen in einem Wald in Pennsylvania
zerschellt ist, weil sich alle an Bord aufgelehnt haben!
Die hätten das Paradies wirklich verdient. Das Schlimme
ist, dass Sie jetzt ad perpetuum den Staatschef spielen,
den Monarchen, Sie Tyrann. Sie besuchen den Papst, gehen
im Weißen Haus aus und ein, Sie unterstützen heimlich
den Terrorismus, bekunden Bush Ihr Beileid. Und
bei Ihrer chamäleonartigen Fähigkeit, sich geschickt zu
widersprechen, würden Sie es auch noch fertig bringen,
mir Recht zu geben. Aber reden wir von etwas anderem.
Ich möchte lieber auf die Unverwundbarkeit zu sprechen
kommen, die alle Amerika zugeschrieben haben.
Unverwundbarkeit? Welche Unverwundbarkeit?!? Je
demokratischer und off ener eine Gesellschaft ist, umso
mehr ist sie dem Terrorismus ausgesetzt. Je freier ein Land
ist, das nicht von einem Polizeiregime regiert wird, umso
anfälliger ist es für Entführungen oder Massaker, wie sie
jahrelang in Italien, in Deutschland und in anderen Regionen
Europas stattgefunden haben. Das hat sich jetzt,
am 11. September, in riesigem Ausmaß in den Vereinigten
Staaten gezeigt. Nicht ohne Grund haben die undemokratischen,
von Polizeiregimen regierten Länder immer
Terroristen aufgenommen und fi nanziert und unterstützt.
Die Sowjetunion samt ihren Satellitenstaaten und
die Volksrepublik China zum Beispiel. Libyen, Irak, Iran,
Syrien, Arafats Libanon. Ägypten, wo die islamischen
Terroristen sogar Sadat getötet haben. Selbst Saudi-Arabien,
dessen offi ziell verfemter, wenn auch heimlich geliebter
Untertan Usama Bin Laden ist. Pakistan, natürlich
Afghanistan, der ganze oder fast ganze Kontinent
Afrika … Hör mir gut zu: Auf den Flughäfen und in
den Flugzeugen dieser Länder habe ich mich immer völlig
sicher und so geborgen gefühlt wie ein schlafender
Säugling. Das Einzige, was ich dort fürchtete, war, verhaft
et zu werden, weil ich die Terroristen beschimpft e.
Auf europäischen Flughäfen und in europäischen Flugzeugen
dagegen war ich immer nervös. Auf amerikanischen
Flughäfen und in amerikanischen Flugzeugen,
doppelt so nervös. Und in New York, dreimal so nervös.
(In Washington nicht. Ich muss zugeben, den Flugzeuganschlag
auf das Pentagon hatte ich wirklich nicht
erwartet.) Warum, glaubst du, hat mein Unterbewusstsein
am Dienstagmorgen diese unerklärliche Angst registriert,
dieses Gefühl von Gefahr? Warum, glaubst du,
habe ich gegen meine Gewohnheit den Fernseher einge
schaltet? Warum, glaubst du, war unter den drei Fragen,
die ich mir stellte, während der erste Turm brannte, auch
die nach einem Attentat? Und warum, glaubst du, habe
ich sofort gewusst, was los war, als das zweite Flugzeug
auft auchte? Da die Vereinigten Staaten das stärk ste Land
der Welt sind, das reichste, mächtigste, kapitalistischste,
sind alle auf die Idee einer vermeintlichen Unverwundbarkeit
hereingefallen. Alle, sogar die Amerikaner selbst.
Doch die Verwundbarkeit Amerikas erwächst gerade aus
seiner Kraft , seinem Reichtum, seiner Macht, seiner Modernität.
Die bekannte Geschichte von der Katze, die sich
in den Schwanz beißt.
Sie erwächst auch aus dem multiethnischen Charakter
Amerikas, aus seiner Liberalität, aus seinem Respekt für
die Bürger und Gäste. Ein Beispiel: Etwa vierundzwanzig
Millionen Amerikaner sind arabisch-moslemischer Herkunft
. Und wenn ein Mustafa oder ein Muhammed aus
(sagen wir) Riad oder Kabul oder Algier anreist, um seinen
Onkel zu besuchen, verbietet ihm niemand, auf eine
Flugschule zu gehen (für nur einhundertsechzig Dollar
pro Unterrichtsstunde) und zu lernen, eine 757 zu fl iegen.
Niemand verbietet ihm, sich an einer Universität
einzuschreiben und Chemie und Biologie zu studieren:
die beiden Wissenschaft en, die man braucht, um einen
bakteriologischen Krieg zu entfesseln. Niemand. Auch
dann nicht, wenn die Regierung fürchtet, dass diese Söhne
Allahs die 757 entführen oder mit Bakterien ein Massaker
anrichten. Kehren wir nun nach diesem Einschub
zur anfänglichen Überlegung zurück. Welches sind die
Symbole der Kraft , des Reichtums, der Macht, des ame
rikanischen Kapitalismus? Bestimmt nicht Jazz und Rock
‚n’ Roll, Kaugummi und Hamburger, Broadway und Hollywood,
das wirst du wohl zugeben. Es sind die Wolkenkratzer,
das Pentagon, die Wissenschaft , die Technologie.
Diese beeindruckenden Wolkenkratzer, so hoch, so
schön, dass du beinahe die Pyramiden und die göttlichen
Paläste unserer Vergangenheit vergisst, wenn du an ihnen
hinaufschaust. Diese gigantischen, titanischen, übertriebenen
Flugzeuge, die unterdessen Lastwagen und Eisenbahn
ersetzen, weil hier alles mit dem Flugzeug bewegt
wird: der fangfrische Fisch, die Fertighäuser, die Panzer,
das frisch gepfl ückte Obst, wir selbst. (Und vergiss nicht,
dass die Amerikaner den Luft krieg erfunden oder jedenfalls
bis zur Hysterie entwickelt haben.) Dieses Furcht erregende,
riesige Pentagon. Diese fi nstere Festung, die sogar
Dschingis Khan und Napoleon Angst eingefl ößt hätte.
Diese unvergleichliche, unschlagbare Wissenschaft , die
uns fremde Galaxien und die Ewigkeit verspricht. Diese
allgegenwärtige, alles beherrschende Technologie, die
in kürzester Zeit unseren Alltag umgekrempelt hat, unsere
jahrhundertealte Art zu denken, zu kommunizieren,
zu reisen, zu arbeiten, zu leben. Und wo hat Usama
Bin Laden zugeschlagen? Bei den Wolkenkratzern, beim
Pentagon. Wie? Mit Flugzeugen, mit Hilfe der Wissenschaft
, der Technologie. Apropos: Weißt du, was mich
am meisten beeindruckt an diesem Multimilliardär, diesem
Explayboy, der heute nicht mehr mit blonden Prinzessinnen
fl irtet und in Nachtclubs angibt (wie er es mit
zwanzig in Beirut und in den Emiraten machte), sondern
sich damit amüsiert, im Namen Allahs die Leute umzu
bringen? Die Tatsache, dass sein unermessliches Vermögen
vor allem aus den Einnahmen einer Abbruchfi rma
stammt und dass er selbst ein Abbruchexperte ist. Abbruch
ist eine amerikanische Spezialität … Hätte ich die
Möglichkeit, ihn zu interviewen, würde eine meiner Fragen
genau darauf zielen. Eine weitere auf seinen verstorbenen
ultrapolygamen Vater, der insgesamt, Söhne und
Töchter zusammengenommen, vierundfünfzig Kinder in
die Welt gesetzt hat und der von ihm (dem siebzehnten)
gerne sagte: Er-war-immer-so-lieb. Der-Sanft este, der-
Gutmütigste. Eine dritte Frage auf seine durchtriebenen
Schwestern, die sich in London und an der Côte d’Azur
mit unbedecktem Gesicht und Kopf fotografi eren lassen,
in hautengen T-Shirts und Hosen, die ihre üppigen Busen
und ausladenden Hintern gut sichtbar zur Geltung bringen.
Eine andere auf seine zahllosen Ehefrauen und Konkubinen:
niemals enthüllt. Schließlich käme ich auf die
Beziehungen zu sprechen, die er bis heute zu seinem Land
unterhält. Saudi-Arabien, das von einem Familienclan
grober mittelalterlicher Feudalherren beherrscht wird
(sechstausend Prinzen, mein Gott, 6000!). Die Schatzkammer
des Mittleren Ostens, die Büchse der Pandora,
von der wir wegen des verfl uchten Erdöls wie Sklaven
abhängig sind. »Herr Bin Laden«, würde ich ihn fragen,
»wie viel Geld erhalten Sie, nicht aus Ihrem Privatvermögen,
sondern von der königlichen Familie Saudi-Arabiens?
« Doch vielleicht sollte ich ihm keine Fragen stellen,
sondern ihn vielmehr darüber aufk lären, dass er New
York nicht in die Knie gezwungen hat. Zu diesem Zweck
müsste ich ihm erzählen, was Bobby, ein achtjähriger
Junge aus New York, gesagt hat, als er heute zufällig von
einem Fernsehjournalisten interviewt wurde. Hier seine
Geschichte. Wort für Wort.
»My mom always used to say: “Bobby, if you get lost
on the way home, have no fear. Look at the Towers and
remember that we live ten blocks away on the Hudson
River.” Well, now the Towers are gone. Evil people wiped
them out with those who were inside. So, for a week
I asked myself: Bobby, how do you get home if you get
lost now? Yes, I thought a lot about this, but then I said
to myself: Bobby, in this world there are good people,
too. If you get lost now, some good person will help you
instead of the Towers. Th e important thing is to have no
fear.« Ich übersetze: »Meine Mama sagte immer: “Bobby,
wenn du dich auf dem Heimweg verläufst, hab keine
Angst. Schau zu den Türmen und denk daran, dass
wir zehn Blocks weiter am Hudson River wohnen.” Nun,
jetzt sind die Türme weg. Böse Leute haben sie mit allen,
die drin waren, ausradiert. So habe ich mich eine
Woche lang gefragt: Bobby, wie fi ndest du jetzt heim,
wenn du dich verläufst? Ja, ich habe viel darüber nachgedacht,
aber dann habe ich mir gesagt: Bobby, es gibt
auch gute Menschen auf dieser Welt. Wenn du dich jetzt
verläufst, wird dir schon ein freundlicher Mensch weiterhelfen,
anstelle der Türme. Das Wichtigste ist, keine
Angst zu haben.«
Doch dieser Geschichte möchte ich noch etwas hinzufügen.
* * *
Als wir uns getroff en haben, habe ich dich staunen sehen
angesichts des heroischen Mutes und der bewundernswerten
Einigkeit, mit der die Amerikaner dieser
Apokalypse entgegengetreten sind. O ja. Trotz der
Fehler, die man ihnen immer wieder vorhält, die selbst
ich ihnen zum Vorwurf mache (allerdings hat Europa
und insbesondere Italien noch viel gravierendere Fehler),
sind die Vereinigten Staaten ein Land, von dem wir
viel lernen können. Beim Stichwort heroischer Mut will
ich ein Loblied singen auf den Bürgermeister von New
York. Auf Rudolph Giuliani, dem wir Italiener tausend
Mal danken sollten, weil er einen italienischen Namen
trägt, italienischer Herkunft ist und uns vor der ganzen
Welt gut dastehen lässt. Ja, er ist ein großartiger Bürgermeister,
Rudolph Giuliani. Ein Bürgermeister, der des
Vergleichs mit einem anderen großartigen Bürgermeisters
italienischen Namens würdig ist, Fiorello La Guardia,
ein großartiger Bürgermeister, ein erstklassiger: Das
sagt eine (ich), die mit nichts und niemand je zufrieden
ist, auch nicht mit sich selbst … Viele europäische und
vor allem italienische Bürgermeister müssten bei ihm in
die Schule gehen. Mit Asche auf dem Haupt vor ihn hintreten
und fragen: »Herr Giuliani, wären Sie so freundlich,
uns zu sagen, wie das geht?« Er wälzt seine Pfl ichten
nicht auf Mitmenschen ab. Nein. Er vergeudet keine
Zeit mit Dummheiten und Habgier. Er teilt sich nicht
auf zwischen seinem Bürgermeisteramt und dem als Minister
oder Abgeordneter. (Hört mich etwa jemand in
den drei Städten Stendhals, also Neapel und Florenz und
Rom? Wo die Bürgermeister sich nicht damit begnügen,

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #7 on: September 19, 2012, 03:28:50 pm »
ihr Amt auszufüllen, sondern gleichzeitig Abgeordnete
oder Minister oder vielleicht auch Führungskräft e sein
wollen.) Da er sofort gekommen und sofort in den zweiten
Turm hineingegangen ist, wäre er um ein Haar mit
den anderen zu Asche geworden. Durch Zufall konnte
er sich gerade noch retten. Und innerhalb von vier Tagen
hat er New York wieder auf die Beine gestellt. Eine
Stadt mit neuneinhalb Millionen Einwohnern, wohlgemerkt,
beinahe zwei davon allein in Manhattan. Wie er
das gemacht hat, weiß ich nicht. Er ist ebenso krank wie
ich, der arme Mann.
Der Krebs, der immer wieder kommt, hat auch ihn erwischt.
Und wie ich tut er so, als wäre er kerngesund. Er
arbeitet rastlos. Doch ich arbeite am Schreibtisch, Donnerwetter
noch mal, im Sitzen! Er dagegen … Er gleicht
einem General, der persönlich an der Schlacht teilnimmt,
einem Krieger aus guten alten Zeiten. »Los, Leute, los!
Krempeln wir die Ärmel auf, schnell!« Und gestern hat er
gesagt: »Th e fi rst of the Human Rights is Freedom from
Fear. Do not have fear. Das erste Menschenrecht ist die
Freiheit, keine Angst zu haben. Habt keine Angst.« Aber
er kann sich so verhalten, weil die Leute um ihn herum
genauso sind wie er. Keine faulen Angeber, sondern tapfere
Kerle. Zu ihnen gehört auch der einzige Feuerwehrmann,
der den Einsturz des zweiten Turms überlebt hat.
Er heißt Jimmy Grillo, ist vierundzwanzig Jahre alt, weizenblond,
mit Augen, die so blau sind wie das Meer. Heute
Morgen habe ich ihn im Fernsehen gesehen, und er
glich einem Ecce-Homo. Verletzungen, Verbrennungen,
Schnitte, Verbände. Er wurde gefragt, ob er den Beruf
wechseln wird. Er hat geantwortet: »I am a fi reman, and
all my life I shall be a fi reman. Always here, always in New
York. To protect my city and my people and my friends.
Ich bin Feuerwehrmann und werde mein ganzes Leben
lang Feuerwehrmann bleiben. Immer hier, hier in New
York. Um meine Stadt, meine Leute und meine Freunde
zu schützen.« Was die bewundernswerte Fähigkeit zusammenzuhalten
betrifft , die beinahe martialische Geschlossenheit,
mit der die Amerikaner auf Unglücke und
Feinde reagieren, nun: Ich muss zugeben, dass ich zuerst
auch darüber gestaunt habe. Ich wusste zwar, dass diese
Tugend sich schon zur Zeit von Pearl Harbor bewiesen
hatte, als das Volk sich um Roosevelt scharte und Roosevelt
in den Krieg gegen Hitlers Deutschland, Mussolinis
Italien und Hirohitos Japan eintrat. Ich hatte sie gespürt,
ja, nach dem Mord an Kennedy. Doch nach dem Attentat
auf Kennedy kam der Vietnamkrieg, die tiefe Spaltung,
die der Vietnamkrieg auslöste, und sie hatte mich in gewissem
Sinne an den Bürgerkrieg von vor hundertfünfzig
Jahren erinnert. Als ich sah, wie Weiße und Schwarze
sich plötzlich weinend umarmten, ich sage: umarmten,
als ich sah, wie Demokraten und Republikaner Arm in
Arm »God bless America, Gott segne Amerika« sangen,
ich sage: Arm in Arm, als ich sie alle Unterschiede überwinden
sah, war ich verblüfft . Ebenso, als ich hörte, wie
Bill Clinton (mit dem ich nie sehr zimperlich umgegangen
bin) erklärte: »Stehen wir zu Bush, haben wir Vertrauen
in unseren Präsidenten.« Ebenso, als die gleichen
Worte von seiner Frau Hillary wiederholt wurden: der
jetzigen Senatorin des Staates New York. Ebenso, als sie
von Lieberman, dem ehemaligen demokratischen Kandidaten
für die Vizepräsidentschaft , aufgegriff en wurden.
(Nur der unterlegene Al Gore hat schäbigerweise
geschwiegen.) Ebenso, als der Kongress einstimmig für
den Krieg gestimmt hat, dafür, die Schuldigen zu bestrafen.
Ebenso, als ich entdeckt habe, dass der gegenwärtige
Wahlspruch der Amerikaner ein lateinisches Motto
ist, das besagt: »Ex pluribus unum, aus allen einer.«
Kurzum einer für alle. Und als ich erfuhr, dass die Kinder
diesen Spruch in der Schule lernen und ihn aufsagen
wie wir das Vaterunser … Oh, wenn Italien den Mumm
hätte und diese Lektion lernen könnte! Italien ist ein so
geteiltes Land. In so viele Fraktionen gespalten, so vergift
et von selbstsüchtiger Kleinkrämerei! Sogar innerhalb
der politischen Parteien hassen sie sich in Italien.
Es gelingt ihnen nicht einmal zusammenzuhalten, wenn
sie das gleiche Emblem, das gleiche politische Abzeichen
tragen. Neidisch, gallenbitter, eitel denken die Italiener
nur an ihren persönlichen Vorteil. Sie sorgen sich einzig
um ihre eigene kleine Karriere, ihren eigenen kleinen
Ruhm, ihre eigene randständige Popularität. Um das alles
zu wahren, legen sie sich gegenseitig herein, betrügen
einander, klagen einander an, mehr noch als die Ganoven
der Französischen Revolution … Ich bin absolut sicher,
wenn Usama Bin Laden den Glockenturm von Giotto
oder den Schiefen Turm von Pisa in die Luft sprengen
würde, dann würde die Opposition der Regierung
die Schuld geben und umgekehrt. Die Regierungschefs
und Oppositionsführer würden ihre Genossen und ihre
Kameraden beschuldigen.
Doch lass mich nun erklären, woher die Fähigkeit
kommt, einig zu sein, geschlossen wie ein Mann auf das
Unglück und den Feind zu reagieren, die die Amerikaner
auszeichnet.
Sie kommt von ihrem Patriotismus. Ich weiß nicht, ob
ihr in Europa gesehen und verstanden habt, was in New
York passiert ist, als Bush anreiste, um den Arbeitern
(und Arbeiterinnen) zu danken, die in diesem Kaff eepulver
suchten, gruben, pfl ügten in der Hoff nung, jemanden
zu bergen, aber nichts als hier eine Nase oder da einen
Finger fanden. Ohne sich jedoch entmutigen zu lassen,
ohne aufzugeben. Wenn du sie fragtest, woher-sie-die-
Kraft -dazu-nahmen, antworteten sie: »I can allow myself
to be exhausted, not to be defeated. Ich kann es mir
erlauben, erschöpft zu sein, aber nicht, mich geschlagen
zu geben.« Alle sagen das, alle. Weiße, Schwarze, Gelbe,
Braune, Rote … Habt ihr sie gesehen oder nicht? Während
Bush ihnen dankte, schwenkten sie einmütig amerikanische
Fähnchen, hoben die Fäuste und donnerten:
»Ju-es-e! Ju-es-e! Ju-es-e!, USA! USA! USA!« In einem totalitären
Staat hätte ich gedacht: »Schau, wie gut das Regime
das organisiert hat!« In Amerika nicht. In Amerika
organisiert man solche Sachen nicht. Man ordnet sie
nicht an, befi ehlt sie nicht. Schon gar nicht in einer so
ernüchterten Metropole wie New York, mit Arbeitern
wie denen von New York. Das sind eigenwillige Kerle,
die Arbeiter von New York.
Mürrisch, anarchisch, freier als der Wind. Die gehorchen
niemandem, nicht einmal ihren Gewerkschaft en.
Doch wenn du ihre Fahne anrührst, wenn du ihr Va
terland anrührst … Auf Englisch gibt es das Wort Patria
nicht. Um Patria zu sagen, muss man zwei Wörter
zusammenfügen: Father Land, Vaterland; Mother Land,
Mutterland; Native Land, Geburtsland. Oder man sagt
einfach: My Country, mein Land. Aber das Substantiv
Patriotism gibt es. Das Adjektiv Patriotic gibt es. Und abgesehen
von Frankreich vielleicht, kann ich mir kein patriotischeres
Land vorstellen als die Vereinigten Staaten.
Ah! Ich habe eine Art Demütigung empfunden, als ich
diese Arbeiter sah, die mit geballten Fäusten und Fähnchen
schwingend röhrten Ju-es-e, Ju-es-e, Ju-es-e, ohne
dass irgendjemand es ihnen befohlen hätte. Denn italienische
Arbeiter, die die Trikolore schwenken und donnernd
Italia-Italia rufen, kann ich mir kaum vorstellen.
Bei Demonstrationen und Kundgebungen habe ich immer
viele italienische Arbeiter mit roten Fahnen gesehen.
Ströme von roten Fahnen, Meere von roten Fahnen.
Aber italienische Fahnen habe ich recht wenige gesehen.
Eigentlich fast keine.
Fehlgeleitet oder tyrannisiert von einer der Sowjetunion
peinlich hörigen Linken, haben sie die Trikolore
immer den Gegnern überlassen. (Und man kann nicht
sagen, dass die Gegner einen guten Gebrauch davon gemacht
haben. Sie haben sie auch nicht überstrapaziert,
Gott sei Dank. Und die, die zur Messe gehen, ebenso wenig.)
Was den Grobian mit dem grünen Hemd und der
grünen Krawatte angeht, ja, den Separatisten, der weiß
ja nicht einmal, welches die Farben der Trikolore sind.
Ich-bin-Lombarde, ich-bin-Lombarde. Er hätte gern, dass
wir zu den Kriegen zwischen Florenz und Siena zurück
kehren, und als Ergebnis sieht man die italienische Fahne
heute nur noch bei der Olympiade, wenn Italien zufällig
eine Medaille gewinnt. Oder auch in den Stadien
bei internationalen Fußballspielen. Das ist übrigens auch
die einzige Gelegenheit, bei der man den Ruf Italia-Italia
hören kann.
O ja: es gibt einen großen Unterschied zwischen einem
Land, in dem die Fahne nur von Rowdies im Stadion oder
von Medaillengewinnern geschwenkt wird, und einem
Land, in dem sie vom ganzen Volk hochgehalten wird.
Einschließlich der rebellischen Arbeiter, die im Kaff eepulver
der von den Söhnen Allahs massakrierten Menschen
suchen und graben und pfl ügen.
* * *
Tatsache ist, dass Amerika wirklich ein besonderes Land
ist, mein Lieber. Ein Land, das man lieben und eifersüchtig
hüten muss, und zwar wegen Dingen, die nichts mit
Reichtum et cetera zu tun haben. Weißt du auch, warum?
Weil es aus einem Herzenswunsch heraus entstanden ist,
dem Wunsch, ein Vaterland zu haben, und aus der erhabensten
Idee, die sich der Mensch je ausgedacht hat:
der Idee der Freiheit oder, besser gesagt, der Freiheit und
Gleichheit. Es ist ein beneidenswertes Land, weil damals,
als das geschah, die Idee der Freiheit nicht in Mode war.
Die Idee der Gleichheit ebenso wenig. Von diesen Dingen
sprachen höchstens ein paar Denker, die Philosophen, die
man Aufk lärer nannte, und ihre Begriff e fanden sich nur
in einigen Büchern und in den Heft en eines vielbändigen
und sehr kostspieligen Werks mit dem Titel Encyclopédie.
Und wer wusste schon etwas über die Aufk lärung, abgesehen
von den Fürsten und Herren, die das Geld hatten,
um das große und sehr kostspielige Werk zu erwerben,
abgesehen von den Intellektuellen, die solch neumodische
Ideen vertreten wollten? Die Armen machte sie ja schließlich
nicht satt, die Aufk lärung! Nicht einmal die französischen
Revolutionäre redeten davon, da die Französische
Revolution erst 1789 beginnen sollte. (Das heißt fünfzehn
Jahre nach der Amerikanischen Revolution, die 1776 ausbrach,
aber schon 1774 keimte: ein kleines Detail, das die
Antiamerikaner des recht-geschieht-es-ihnen-das-geschieht-
den- Amerikanern-ganz-recht nicht kennen oder
nicht zu kennen vorgeben.) Außerdem ist es ein besonderes
Land, weil diese Idee der Freiheit und Gleichheit
sofort von Bauern begriff en wurde, die häufi g Analphabeten
oder jedenfalls ungebildet waren: den Bauern der
dreizehn von den Engländern errichteten Kolonien. Und
weil diese Idee von einer Gruppe außergewöhnlicher Politiker
umgesetzt wurde, von sehr gebildeten Männern
mit großartigen Qualitäten. Th e Founding Fathers, den
Gründervätern. Hast du eine Vorstellung davon, wer diese
Gründerväter waren, Benjamin Franklin, Th omas Jefferson,
Th omas Paine, John Adams, George Washington
und wie sie alle heißen?!? Sie hatten nichts gemein mit den
Protagonisten der bevorstehenden Französischen Revolution,
mein Lieber. Nichts gemein mit den avvocaticchi,
den Winkeladvokaten, wie Vittorio Alfi eri sie zu Recht
genannt hat! Nichts gemein, möchte ich sagen, mit den
hochberühmten, fi nsteren Henkern des Terrors, Män
74
nern wie Marat, Danton, Saint-Just und Robespierre! Die
Gründerväter waren Männer, die so gut Griechisch und
Latein konnten, wie die italienischen Griechisch- und Lateinlehrer
es nie können werden. Männer, die Aristoteles
und Platon auf Griechisch gelesen hatten, Seneca und Cicero
auf Latein und die die Prinzipien der griechischen
Demokratie so gründlich studiert hatten wie nicht einmal
die Marxisten meiner Zeit die Mehrwerttheorie. (Falls sie
die überhaupt studiert haben.) Jeff erson konnte auch Italienisch.
Er sagte »Toskanisch«. Er sprach und las Italienisch
fl ießend. Zusammen mit den zweitausend Rebenpfl
änzchen und den tausend Olivenbäumchen und dem
Notenpapier, das in Virginia knapp war, hatte der fl orentinische
Arzt Filippo Mazzei ihm 1774 nämlich mehrere
Exemplare eines Buches mit dem Titel Dei Delitti e
dette Pene mitgebracht, geschrieben von einem gewissen
Cesare Beccaria. Und der Autodidakt Franklin war ein
Genie: Erinnerst du dich? Drucker, Verleger, Schrift steller,
Journalist, Wissenschaft ler, Erfi nder … Im Jahre 1752
hatte er die elektrische Natur des Blitzes entdeckt und den
Blitzableiter erfunden. Wenn das nichts ist! Und unter
der Führung dieser außergewöhnlichen Menschen, dieser
überaus gebildeten Männer von großem Format lehnten
sich die Bauern, die häufi g Analphabeten oder jedenfalls
ungebildet waren, 1776 oder vielmehr 1774 gegen England
auf. Sie begannen den Unabhängigkeitskrieg, die Amerikanische
Revolution.
Trotz der Gewehre und der Kanonen und der Toten, die
jeder Krieg kostet, machten sie ihre Revolution ohne die
Ströme von Blut der späteren Französischen Revolution.
Sie machten sie ohne die Guillotine, ohne die Massaker in
der Vendée und in Lyon und in Toulon und in Bordeaux.
Sie machten sie letzen Endes mit einem Papier. Dem Papier,
das neben dem Herzenswunsch, dem Wunsch, ein
Vaterland zu haben, die erhabene Idee der Freiheit verbunden
mit der Idee der Gleichheit postulierte: die Unabhängigkeitserklärung.
»We hold these Truths to be selfevident
… Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich:
dass alle Menschen gleich geschaff en sind;
dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen
Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit
und das Streben nach Glück gehören; dass zur Sicherung
dieser Rechte Regierungen unter den Menschen
eingesetzt werden …« Und dieses Papier, das wir seit der
Französischen Revolution alle mehr oder weniger von ihnen
abgeschrieben haben, das Papier, von dem wir uns
alle inspirieren ließen, bildet noch heute das Rückgrat
Amerikas. Den Lebenssaft dieser Nation. Weißt du, warum?
Weil es die Untertanen in Bürger verwandelt. Weil
es den Plebs in ein Volk verwandelt. Weil es ihn auff ordert,
ja ihm befi ehlt, sich gegen die Tyrannei aufzulehnen,
sich selbst zu regieren, seine Individualität auszudrücken,
sein Glück zu suchen (was für die Armen bzw.
für die Plebejer vor allem bedeutet, ihre materielle Not
zu überwinden). Genau das Gegenteil von dem, was der
Kommunismus machte, der Seine Majestät, den Staat,
an die Stelle der ehemaligen Könige setzte und den Leuten
verbot, sich aufzulehnen, sich selbst zu regieren, sich
auszudrücken, reich zu werden. »Der Kommunismus ist
ein monarchisches Regime, eine Monarchie vom alten
Schlag. Als solche kastriert er die Männer. Und wenn
du einem Mann die Eier abschneidest, ist er kein Mann
mehr«, sagte mein Vater. Er sagte auch, dass der Kommunismus,
anstatt den Plebs zu befreien, alle in Plebejer
verwandelte. Alle zu Hungerleidern machte.
Nun, meiner Ansicht nach befreit Amerika den Plebs.
In Amerika sind alle Plebejer. Weiße, Schwarze, Gelbe,
Braune, Grüne, Rote, Regenbogenfarbene. Dumme, Gescheite,
Gebildete, Unerfahrene, Arme, Reiche … Tatsächlich
sind die Reichen sogar am plebejischsten. In den
meisten Fällen richtige Trampel! Ungehobelte, ungezogene
Leute … Man sieht sofort, dass sie nie den Knigge
gelesen haben, dass sie nie in Berührung gekommen
sind mit Raffi nesse, gutem Geschmack und sophistication.
Sie kennen den Unterschied zwischen Gänseleberpastete
und Leberwurst nicht, zwischen Kaviar und Kaviarersatz.
Und trotz des vielen Geldes, das sie für Kleidung
verschwenden, sind sie so wenig elegant, dass die
Königin von England im Vergleich chic wirkt. Aber sie
sind befreit, Herrgott.
Und es gibt auf dieser Welt nichts Stärkeres, Mächtigeres,
Unaufh altsameres als den befreiten Plebs. Daran
beißt man sich immer die Zähne aus, am befreiten Plebs.
Und auf die eine oder andere Weise haben sich immer
alle an Amerika die Zähne ausgebissen. Engländer, Deutsche,
Mexikaner, Russen, Nationalsozialisten, Faschisten,
Kommunisten … Zuletzt sogar die Vietnamesen. Denn
nach ihrem Sieg mussten die Nordvietnamesen mit den
Amerikanern verhandeln, und als Expräsident Clinton
ihnen einen Kurzbesuch abgestattet hat, haben sie sich

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #8 on: September 19, 2012, 03:31:32 pm »
im siebten Himmel gefühlt. »Bienvenu, Monsieur le Président,
bienvenu! Machen wir business mit America, oui?
Boku money, oui?« Das Problem ist, dass die Söhne Allahs
keine Vietnamesen sind. Und der Kampf des befreiten
Plebs mit ihnen wird hart werden. Sehr lang, sehr
schwierig, sehr hart. Außer, der übrige Westen hört endlich
auf, sich in die Hose zu machen oder es mit seinen
Feinden zu treiben. Und kommt ein bisschen zur Räson,
wird wieder wach. Einschließlich des Papstes.
(Gestatten Sie mir eine Frage, Heiligkeit: Ist es wahr,
dass Sie die Söhne Allahs vor einiger Zeit um Verzeihung
gebeten haben für die Kreuzzüge, die Ihre Vorgänger unternahmen,
um das Heilige Grab zurückzuerobern? Ja, ist
das wahr? Haben die Söhne Allahs sich denn je bei Ihnen
dafür entschuldigt, dass sie es sich genommen hatten?
Haben Sie sich je bei Ihnen dafür entschuldigt, dass sie
fast acht Jahrhunderte lang die erzkatholische Iberische
Halbinsel unterjocht hatten, ganz Portugal und drei Viertel
von Spanien, so dass man, wenn Isabella von Kastilien
und Ferdinand von Aragon sie 1490 nicht verjagt hätten,
in Spanien und Portugal noch heute Arabisch spräche?
Eine Kleinigkeit, die mich neugierig macht, denn mich
haben sie nie um Entschuldigung gebeten wegen der Verbrechen,
die sie bis zum Anbruch des 19. Jahrhunderts
an den toskanischen Küsten und im Tyrrhenischen Meer
verübten, wo sie meine Großväter entführten, sie an den
Füßen, an den Handgelenken und am Hals aneinander
ketteten, sie nach Algerien, nach Tunis oder in die Türkei
als Sklaven brachten, um sie auf dem Bazar zu verkaufen,
und ihnen nach Fluchtversuchen die Kehle durchschnit
78
ten. Teufel auch, ich verstehe Sie nicht, Heiligkeit! Sie haben
so tatkräft ig daran mitgewirkt, dass die Sowjetunion
zusammenbricht. Meine Generation, eine Generation,
die ihr ganzes Leben in der Erwartung und in der Angst
vor dem dritten Weltkrieg gelebt hat, muss sich auch bei
Ihnen bedanken für das Wunder, von dem niemand von
uns glaubte, es jemals mit eigenen Augen zu sehen: ein
vom Alptraum des Kommunismus befreites Europa, ein
Russland, das um Aufnahme in die Nato bittet, ein Leningrad,
das wieder St. Petersburg heißt, ein Putin, der
Bushs bester Freund ist. Sein engster Verbündeter. Und
nachdem Sie zu all dem beigetragen haben, sympathisieren
Sie mit den Invasoren, die tausendmal gemeiner
sind als Stalin, entschuldigen sich bei denen, die Ihnen
das Heilige Grab gestohlen haben und Ihnen womöglich
auch den Vatikan wegnehmen möchten?!?)
* * *
Selbstverständlich wende ich mich nicht an die Geier,
die angesichts der Bilder von den Trümmern jubeln und
dabei kichern recht-geschieht-es-ihnen-das-geschiehtden-
Amerikanern- ganz-recht. Ich wende mich an die
Menschen, die sich, obwohl sie weder dumm noch böse
sind, weiter von Vorsicht und Zweifel einlullen lassen.
Ihnen sage ich: Aufstehen, Leute, aufstehen! Wacht auf!
Gelähmt wie ihr seid, da ihr befürchtet, gegen den Strom
zu schwimmen oder für Rassisten gehalten zu werden
(übrigens ganz unpassend, das Wort, weil es hier nicht
um eine Rasse, sondern um eine Religion geht), begreift
ihr nicht oder wollt nicht begreifen, dass wir es mit einem
umgekehrten Kreuzzug zu tun haben. An ein doppeltes
Spiel gewöhnt, mit Kurzsichtigkeit geschlagen, begreift
ihr nicht oder wollt nicht begreifen, dass gerade ein Religionskrieg
stattfi ndet. Gewollt und erklärt von einer
Randgruppe innerhalb dieser Religion, vielleicht. (Vielleicht?)
Jedenfalls ein Krieg. Ein Religionskrieg, den sie
Jihad nennen: Heiligen Krieg. Ein Krieg, der vielleicht
(vielleicht?) nicht auf die Eroberung unseres Territoriums
abzielt, der es aber ganz bestimmt auf die Eroberung
unserer Seelen abgesehen hat. Auf die Abschaff ung
unserer Freiheit und Zivilisation, auf die Vernichtung
unserer Art zu leben und zu sterben, unserer Art zu beten
oder nicht zu beten, unserer Art zu lernen oder nicht
zu lernen, zu trinken oder nicht zu trinken, uns zu kleiden
oder nicht zu kleiden, uns zu amüsieren, zu informieren
… Ihr begreift nicht oder wollt nicht begreifen,
dass der Jihad gewinnen wird, wenn wir uns dem nicht
entgegenstellen, wenn wir uns nicht verteidigen, wenn
wir nicht kämpfen. Und er wird die Welt zerstören, die
wir gut oder schlecht aufgebaut, verändert, verbessert,
ein wenig intelligenter, das heißt weniger bigott oder sogar
überhaupt nicht bigott gestaltet haben. Er wird unsere
Kultur zerstören, unsere Kunst, unsere Wissenschaft ,
unsere Moral, unsere Werte, unsere Freuden … Macht
ihr euch nicht klar, dass Leute wie Usama Bin Laden
sich für berechtigt halten, euch und eure Kinder zu töten,
weil ihr Wein oder Bier trinkt, weil ihr keine langen
Bärte oder keinen Tschador bzw. keine Burkah tragt,
weil ihr ins Th eater oder ins Kino geht, weil ihr Musik
hört und Schlager singt, weil ihr in Diskotheken oder zu
Hause tanzt, weil ihr fernseht, weil ihr Miniröcke oder
Shorts tragt, weil ihr am Meer oder im Schwimmbad
nackt oder fast nackt herumlauft , weil ihr vögelt, wann
ihr Lust habt, wo ihr Lust habt und mit wem ihr Lust
habt? Und schließlich weil ihr an Jesus Christus glaubt
oder vielmehr Atheisten seid? Ist euch nicht einmal das
wichtig, ihr Dummköpfe? Ich bin Atheistin, Gott sei
Dank. Eine unverbesserliche, stolze Atheistin. Und ich
hege nicht die geringste Absicht, mich dafür bestrafen
zu lassen von den Söhnen Allahs, das heißt von denen,
die, anstatt zur Verbesserung der Menschheit beizutragen,
ihre Zeit damit verbringen, mit dem Hintern in der
Luft fünfmal am Tag zu beten.
Seit zwanzig Jahren sage ich das. Seit zwanzig Jahren.
Mit einer gewissen Milde, nicht mit dieser Wut und dieser
Leidenschaft , schrieb ich vor zwanzig Jahren über all
das einen Leitartikel. Es war der Artikel eines Menschen,
der es gewohnt war, mit allen Rassen und allen Glaubensrichtungen
zurechtzukommen, einer Bürgerin, die es gewohnt
war, gegen jeden Faschismus und jede Intoleranz
zu kämpfen, einer dem Laizismus Verpfl ichteten ohne
Tabu. Doch es war auch der Artikel eines Menschen, der
sich empört über die westlichen Länder, die den Gestank
des kommenden Heiligen Kriegs nicht riechen wollten
und den Söhnen Allahs ein bisschen zu viel verziehen.
So ungefähr lautete meine Argumentation vor zwanzig
Jahren. »Welchen Sinn hat es, Leute zu respektieren, die
uns nicht respektieren? Welchen Sinn hat es, ihre Kultur
oder angebliche Kultur zu verteidigen, wenn sie die un
sere verachten? Ich will unsere Kultur verteidigen, verdammt,
und ihr sollt wissen, dass mir Dante Alighieri
besser gefällt als ‘Omar Khayyam.« Heiliger Himmel! Sie
kreuzigten mich. »Rassistin, Rassistin!« Es waren die Luxuszikaden
bzw. die so genannten Progressiven (damals
hießen sie Kommunisten) und die Katholiken, die mich
kreuzigten. Übrigens wurde ich auch als Rassistin beschimpft
, als die Sowjets in Afghanistan einmarschierten.
Erinnerst du dich an die bärtigen Männer in Rock und
Turban, die, bevor sie mit dem Mörser schossen oder sogar
bei jedem Mörserschuss zum Lob des Herrn »Allah
Akbar, Gott ist groß, Allah Akbar« grölten? Ich erinnere
mich daran. Jedes Mal, wenn ich sie das Wort Gott
mit einem Mörserschuss paaren sah, lief es mir kalt über
den Rücken. Ich fühlte mich ins Mittelalter zurückversetzt
und sagte mir: »Die Sowjets sind, was sie sind. Aber
man muss zugeben, dass sie mit diesem Krieg auch uns
beschützen. Und ich danke ihnen.«
Heiliger Himmel. »Rassistin, Rassistin!«, tönte es wieder.
In ihrer Blindheit wollten die Zikaden nichts von
meinen Berichten über die Gräuel wissen, die die Söhne
Allahs an den gefangen genommenen sowjetischen Soldaten
verübten. Sie sägten den sowjetischen Soldaten die
Beine und die Arme ab, weißt du noch? Ein kleines Laster,
dem sie schon im Libanon gefrönt hatten, damals
mit christlichen und jüdischen Gefangenen. (Darüber
darfst du dich nicht wundern, mein Lieber. Im 19. Jahrhundert
ließen sie den Diplomaten und vor allem den
englischen Botschaft ern die gleiche Behandlung angedeihen.
Ich kann dir Namen und Daten liefern, und in
der Zwischenzeit kannst du ein paar Bücher zum Th ema
lesen. Sie schnitten ihnen sogar den Kopf ab, den Diplomaten,
den englischen Botschaft ern, und spielten damit
Polo. Die Beine und Arme dagegen stellten sie aus oder
verkauft en sie auf dem Bazar.) Aber was scherte die Luxuszikaden,
die so genannten Progressiven, schon ein armer
kleiner Soldat aus der Ukraine, der mit abgesägten
Armen und Beinen im Hospital lag? Damals applaudierten
sie höchstens den Amerikanern, die verblödet von der
Angst vor der Sowjetunion das heroische-afghanische-
Volk mit Waff en versorgten. Sie drillten die Bartträger
und darunter (Gott vergebe ihnen, ich nicht) einen mit
besonders langem Bart namens Usama Bin Laden. »Russen
raus aus Afghanistan! Die Russen müssen Afghanistan
verlassen!« Nun ja, die Russen sind gegangen. Zufrieden?
Und die Bartträger vom langbärtigen Usama Bin
Laden sind aus Afghanistan nach New York gekommen,
zusammen mit den bartlosen Syrern, Ägyptern, Irakern,
Libanesen, Palästinensern, Saudi-Arabern, Tunesiern und
Algeriern, die die Gruppe der neunzehn vom FBI identifi
zierten Kamikaze bildeten. Zufrieden? Es kommt noch
schlimmer. Denn jetzt erwartet man hier den nächsten
Angriff , den der islamische Terrorismus mit bakteriologischen
Waff en starten will, das heißt mit Krankheitserregern,
die ein viel schlimmeres Massensterben auslösen
können als das vom 11. September. Jeden Abend und jeden
Morgen ist im Fernsehen von Milzbrand und Pocken
die Rede: Den Krankheiten, die am meisten gefürchtet
werden, da sie sich am leichtesten verbreiten lassen. Ein
Wissenschaft ler, der vor Jahren aus der Sowjetunion nach
Amerika gefl üchtet ist, hat alles noch dramatischer formuliert.
Im CNN-Programm erscheint er auf dem Bildschirm
und sagt: »Don’t take it easy. Nehmt es nicht auf
die leichte Schulter. Auch wenn bisher keine Epidemie
ausgebrochen ist, ist diese Drohung die realistischste von
allen. Sie kann sich morgen bewahrheiten, sie kann sich
in einem Jahr bewahrheiten oder in zwei oder drei oder
noch mehr Jahren. Bereitet euch vor.« Ergo, trotz der
Worte von Bobby, trotz der Worte von Bürgermeister
Giuliani, haben die Leute Angst. Zufrieden?
Manche sind weder zufrieden noch unzufrieden. Es
ist ihnen alles egal. Amerika ist ja weit weg, sagen sie.
Zwischen Europa und Amerika liegt ein Ozean. O nein,
meine Lieben, ihr irrt euch: Es ist nur ein Tropfen. Denn
wenn das Schicksal des Westens auf dem Spiel steht, dann
ist das Überleben unserer Zivilisation in Gefahr. Amerika
sind wir. Die Vereinigten Staaten sind wir. Wir Italiener,
Franzosen, Engländer, Deutsche, Schweizer, Österreicher,
Holländer, Ungarn, Slowaken, Polen, Skandinavier,
Belgier, Spanier, Griechen, Portugiesen. Und auch
wir Russen haben, dank der Moslems aus Tschetschenien,
in Moskau unseren Teil des Blutbads abbekommen.
Wenn Amerika zusammenbricht, bricht Europa zusammen.
Bricht der Westen zusammen, brechen wir zusammen.
Und nicht nur in fi nanzieller Hinsicht, das heißt
in der Hinsicht, die den Europäern am meisten Kopfzerbrechen
bereitet. (Einmal, als ich noch jung und ahnungslos
war, sagte ich zu Arthur Miller: »Die Amerikaner
messen alles in Geld, sie sorgen sich nur ums Geld.«
Und Arthur Miller antwortete: »Ihr nicht?«) In jeder Hin
sicht brechen wir zusammen, meine Lieben. Und anstelle
der Kirchenglocken ruft dann der Muezzin, anstelle
der Miniröcke tragen wir den Tschador oder vielmehr
die Burkah, anstelle eines kleinen Cognacs trinken wir
Kamelmilch. Nicht einmal das versteht ihr, nicht einmal
das wollt ihr verstehen, ihr Idioten?!? Blair hat es kapiert.
Gleich nach der Tragödie ist er hierher gekommen und
hat Bush die Solidarität der Engländer erklärt oder vielmehr
diese Erklärung erneuert. Keine Solidarität, die sich
in Geschwätz und Gejammer erschöpft : eine Solidarität,
die auf der Jagd der Terroristen und einem militärischen
Bündnis basiert. Chirac nicht. Wie du weißt, ist er nach
der Katastrophe hierher gekommen. Ein seit längerem
vorgesehener Besuch, kein spontaner. Er hat die Trümmer
der beiden Türme gesehen, er hat erfahren, dass es
eine unermessliche bzw. eine unnennbare Zahl von Toten
gegeben hat, aber er hat nicht mit der Wimper gezuckt.
Während des Interviews auf CNN hat Christiane
Amanpour ihn wohl viermal gefragt, auf welche Art
und in welchem Maße er sich am Kampf gegen den Jihad
zu beteiligen beabsichtige. Und viermal ist er die Antwort
schuldig geblieben, hat sich wie ein Aal gewunden.
Ich hätte schreien mögen: »Monsieur le Président! Erinnern
Sie sich an die Landung in der Normandie? Erinnern
Sie sich an die Amerikaner, die in der Normandie
umgekommen sind, um die Nazis aus Frankreich zu
vertreiben?«
Auch unter seinen ehemaligen französischen Kollegen
sehe ich übrigens keinen Richard Löwenherz. Und
noch viel weniger in Italien, wo zwei Wochen nach der
Katastrophe noch kein einziger Komplize oder mutmaßlicher
Komplize Usama Bin Ladens identifi ziert und verhaft
et wurde. Herrgott, Signor Cavaliere, Herrgott! In
jedem Land Europas sind einige Komplizen oder mutmaßliche
Komplizen identifi ziert und verhaft et worden!
In Frankreich, in Deutschland, in England, in Spanien
… Aber in Italien, wo die Moscheen von Mailand, Turin
und Rom überquellen von Halunken, die Usama Bin
Laden zujubeln, von Terroristen oder Terroristenanwärtern,
die nur zu gern die Kuppel des Petersdoms in die
Luft jagen würden, kein Einziger. Nichts. Nicht einer. Erklären
Sie es mir, Signor Cavaliere: Sind Ihre Polizisten
und Carabinieri so unfähig? Sind Ihre Geheimdienste
so schlecht informiert? Schlafen Ihre Beamten alle? Und
sind die Söhne Allahs, die wir in unserem Land beherbergen,
alle Unschuldslämmer? Sind sie alle unbeteiligt
an dem, was geschehen ist und geschieht? Oder, wenn Sie
die richtigen Untersuchungen anstellen, wenn Sie diejenigen
identifi zieren und festnehmen lassen, die bis heute
noch auf freiem Fuß sind, fürchten Sie etwa um Ihre eigene
Sicherheit? Ich, sehen Sie, fürchte nichts. Herrgott! Ich
spreche niemandem das Recht ab, Angst zu haben. Tausendmal
habe ich zum Beispiel schon geschrieben, dass
diejenigen, die keine Angst vor einem Krieg haben, Idioten
sind, und jene, die vorgeben, keine Angst vor einem
Krieg zu haben, Idioten und Lügner dazu. Doch gibt es
im Leben und in der Geschichte Momente, in denen es
nicht erlaubt ist, sich zu fürchten. Momente, in denen es
unmoralisch und barbarisch ist, Angst zu haben. Und
diejenigen, die sich aus Schwäche oder aus mangelnder
Tapferkeit oder aus der Gewohnheit heraus, es sich mit
niemandem verderben zu wollen, dieser Tragödie entziehen,
fi nde ich nicht nur feige. Für mich sind sie auch
dumm und masochistisch.
* * *
Masochistisch, ja, masochistisch. Und bei dieser Gelegenheit
wollen wir uns gleich mal über das unterhalten,
was du den Kontrast-zwischen-zwei-Kulturen nennst.
Nun, wenn du es wirklich wissen willst, mich stört es
sogar, überhaupt von zwei Kulturen zu sprechen: sie auf
eine Ebene zu stellen, als handelte es sich um zwei parallele
Wirklichkeiten, um zwei Gebilde von gleichem
Gewicht und gleichem Ausmaß, das stört mich. Denn
hinter unserer Kultur steht Homer, steht Sokrates, steht
Platon, steht Aristoteles, steht Phidias. Das antike Griechenland
mit seinem Parthenon, seinen Skulpturen, seiner
Architektur, seiner Dichtung, seiner Philosophie,
seiner Entdeckung der Demokratie. Das antike Rom mit
seiner Größe, seinem Gesetzesbegriff , seiner Literatur,
seinen Palästen, seinen Amphitheatern, seinen Aquädukten,
seinen Brücken, seinen Straßen. Dahinter steht
ein Revolutionär, jener am Kreuz gestorbene Christus,
der uns Liebe und Gerechtigkeit gelehrt hat (und wenn
wir nichts gelernt haben, selber schuld). Dahinter steht
auch eine Kirche, die uns die Inquisition beschert hat,
wohl wahr, die uns gefoltert und tausendmal auf dem
Scheiterhaufen verbrannt hat, die uns jahrhundertelang
unterdrückt hat, die uns jahrhundertelang gezwungen

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #9 on: September 19, 2012, 03:37:45 pm »
87
hat, in der Malerei und Bildhauerei nur Christusfi guren
und Madonnen darzustellen, die beinahe Galileo Galilei
getötet hätte. Die ihn gedemütigt und zum Schweigen
verurteilt hat. Aber diese Kirche hat auch einen großen
Beitrag zur Geistesgeschichte geleistet. Selbst eine Atheistin
wie ich kann das nicht bestreiten. Und dahinter steht
auch die Renaissance. Leonardo da Vinci, Michelangelo,
Raff ael. Die Musik von Bach, von Mozart, von Beethoven,
Donizetti, Wagner, Rossini, Verdi and Company.
Diese Musik, ohne die wir nicht leben können und die
in der Kultur oder angeblichen Kultur der Söhne Allahs
verboten ist. Wehe, wenn du einen Schlager pfeifst oder
den Chor aus Nabucco vor dich hin summst. (»Ich kann
allerhöchstens den Soldaten ein paar Märsche zugestehen
«, sagte Khomeini zu mir.) Und schließlich ist da die
Wissenschaft . Eine Wissenschaft , die in wenigen Jahrhunderten
Schwindel erregende Entdeckungen gemacht
und Wunder vollbracht hat, die des Zauberers Merlin
würdig sind! Kopernikus, Galilei, Newton, Darwin, Pasteur,
Einstein (und ich zähle nur die erstbesten Namen
auf, die mir einfallen), diese Wohltäter der Menschheit
waren ja keine Jünger Mohammeds. Oder irre ich mich?
Der Motor, der Telegraf, die Elektrizität, das Radium,
das Radio, das Telefon, das Fernsehen verdanken wir
ja nicht den Mullahs und den Ayathollas. Oder irre ich
mich? Die Dampfschiff e, die Eisenbahn, das Auto, das
Flugzeug, die Raumschiff e, mit denen wir zum Mond
und zum Mars gefl ogen sind und bald wer weiß wohin
fl iegen werden, ebenso wenig. Oder irre ich mich? Die
Herz-, Leber-, Lungentransplantationen, die Krebsthe
88
rapien, die Entdeckung des Genoms, idem. Oder irre ich
mich? Und auch wenn das alles zum Wegwerfen wäre,
was ich allerdings nicht fi nde, sag mir: Was steht hinter
der anderen Kultur, der Kultur der Bartträger in Rock
und Turban, was fi ndet man dort?
Auch wenn ich noch so lange suche, fi nde ich nur Mohammed
mit seinem Koran, Averroes mit seinen Verdiensten
als Gelehrter (seinen Kommentaren zu Aristoteles
etc.), und den Poeten ‘Omar Khayyam. Arafat fi ndet
noch die Zahlen und die Mathematik. Er schrie wieder
auf mich ein und spuckte dabei, als er mir 1972 erklärte,
dass seine Kultur der meinen überlegen sei. Sehr überlegen
(darf er das Wort »überlegen« verwenden?), weil seine
Ahnen die Zahlen und die Mathematik erfunden hätten.
Doch Arafat hat ein kurzes Gedächtnis und ist außerdem
nicht sehr intelligent. Deshalb ändert er ständig
seine Meinung und widerspricht sich laufend. Mein lieber
Arafat (wenn ich das sagen darf), Ihre Ahnen haben die
Zahlen nicht erfunden: Sie haben die Schreibweise der
Zahlen erfunden, die auch wir Ungläubigen übernahmen.
Und die Mathematik haben nicht sie, oder besser gesagt
nicht nur sie entwickelt. Sie wurde beinahe gleichzeitig
in allen alten Kulturen entwickelt. In Mesopotamien, in
Indien, in China, in Griechenland, in Arabien, in Ägypten,
bei den Mayas … Genug der Worte: Wie man es auch
dreht und wendet, Ihre Ahnen haben uns nichts als ein
paar schöne Moscheen und eine Religion hinterlassen,
die gewiss nicht zur Geistesgeschichte beigetragen hat.
Und die in ihren akzeptabelsten Aspekten ein Plagiat der
christlichen und der jüdischen Religion und sogar der
hellenistischen Philosophie ist. Und nachdem wir das geklärt
haben, wollen wir mal sehen, welche Vorzüge man
diesem Koran abgewinnen kann, den die Luxuszikaden
mehr achten als Das Kapital und die Evangelien. Vorzüge?
Seit dem 11. September 2001 tun die Islam-Experten
nichts anderes, als Mohammeds Loblied zu singen: Sie
erzählen mir, dass der Koran Frieden und Brüderlichkeit
und Gerechtigkeit predigt. (Auch Bush sagt das, armer
Bush. Um die vierundzwanzig Millionen arabisch-moslemischer
Amerikaner bei Laune zu halten, wiederholt
er immerzu die drei Worte, wie die Franzosen während
der Revolution »Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit« wiederholten.)
Aber im Namen der Logik: Wenn der Koran
so gerecht und brüderlich und friedlich ist, was sagt uns
dann Auge-um-Auge-und-Zahn-um-Zahn? Was hat es
auf sich mit der Burkah, das heißt dem die Sinne täuschenden
Laken, mit dem Millionen unglücklicher moslemischer
Frauen ihr Gesicht und ihren Körper verhüllen,
was sie zwingt, die Welt durch ein kleines, dichtes
Netz vor ihren Augen zu betrachten? Was hat es auf sich
mit der schändlichen Polygamie und dem Grundsatz,
dass Frauen weniger wert sind als Kamele; warum dürfen
sie nicht zur Schule gehen, nicht die Sonne genießen,
sich nicht fotografi eren lassen und so weiter und so
weiter, amen? Was hat es auf sich mit dem Alkoholverbot
und der Todesstrafe für diejenigen, die Alkoholika
trinken? Was hat es auf sich mit den Ehebrecherinnen,
die gesteinigt oder enthauptet werden? (Dem mitverantwortlichen
Mann geschieht nichts.) Was hat es auf sich
mit den Dieben, denen in Saudi-Arabien die Hand abge
hackt wird, beim ersten Diebstahl die Linke, beim zweiten
die Rechte und beim dritten ein Fuß und dann, wer
weiß was? Steht das auch in dem Heiligen Buch, ja oder
nein?!? Mir kommt das nicht sehr gerecht vor. Und auch
nicht sehr brüderlich und sehr friedlich. Nicht einmal
intelligent kommt es mir vor. Apropos Intelligenz: Ist es
wahr, dass die heutigen Vordenker der selbst ernannten
Linken nicht hören wollen, was ich sage? Ist es wahr, dass
sie zu toben anfangen, wenn sie es hören, und unzumutbar-
unzumutbar schreien? Sind sie etwa alle zum Islam
übergetreten und gehen jetzt nicht mehr in die Casa del
Popolo, sondern in die Moscheen? Oder schreien sie so,
um ihrem neuen Verbündeten und Komplizen zu gefallen,
dem Papst, der sich entschuldigt bei jenen, die ihm
das Heilige Grab weggenommen haben? Wer weiß! Mein
Onkel Bruno hatte Recht, als er sagte: »Italien, wo es keine
Reformation gegeben hat, ist das Land, das am intensivsten
die Gegenreformation erlebt hat.«
Hier nun meine Antwort auf deine Frage nach dem
Kontrast-zwischen-den-zwei-Kulturen. Auf dieser Welt
ist für alle Platz. Bei sich zu Hause macht jeder, was er
will. Doch wenn in einigen Ländern die Frauen so dumm
sind, den Tschador oder die Burkah zu tragen, wenn sie
so verrückt sind und akzeptieren, weniger wert zu sein
als ein Kamel, wenn sie so blöd sind, einen Scheißkerl
zu heiraten, der vier Unglückliche in seinem Bett will,
selber schuld. Wenn ihre Männer so albern sind, keinen
Wein und kein Bier zu trinken, ebenso. Ich werde
sie bestimmt nicht daran hindern. Ich bin mit der Idee
der Freiheit groß geworden, verdammt noch mal, und
meine Mutter sagte immer: »Die Welt ist schön, weil sie
bunt ist.« Doch wenn mir die Söhne Allahs diese Dinge
aufzwingen wollen, meinem Land, wenn sie meine Kultur
durch ihre ersetzen wollen … Genau das wollen sie.
Usama Bin Laden hat erklärt, dass der gesamte Planet
moslemisch werden muss, dass er uns im Zweifelsfall mit
Gewalt bekehren wird, dass er uns zu diesem Zweck massakriert
und weiter massakrieren wird. Und das können
auch die leichtgläubigsten und zynischsten Verteidiger
des Islam nicht wollen. Und schon gar nicht ich … Tatsächlich
habe ich das große Bedürfnis, den Spieß umzudrehen
und ihn zu ermorden. Das Problem ist, dass
der Spuk mit dem Tod Usama Bin Ladens nicht vorbei,
nicht gelöst ist. Denn es gibt zu viele Usama Bin Ladens,
gerade heute: Sie sind wie geklonte Schafe aus unseren
Forschungslabors, aber gar nicht dumm. Ich will sagen:
Sie sind nicht wie ihre Vorfahren, die Krieger, die Spanien
und Portugal eroberten und dabei auf Kamelen ritten
und mit dem Krummsäbel kämpft en. Sie können eine
757 fl iegen und mit Waff en kämpfen, die der Westen bereithält.
Mit den Waff en des Fortschritts. Sie können die
kompliziertesten Computer bedienen und sich in einem
Augenblick Zugang zu den allerneuesten Informationen
verschaff en. Sie wissen, wie man eine Atombombe baut
und wie man ein Atomkraft werk in die Luft sprengt oder
lahm legt. Sie wissen, wie man die Stromversorgung, das
Telefonnetz, die Finanzwelt zerstört, wie man einen ansteckenden
Virus verbreitet. Wie man eine Regierung erpresst,
wie man einen Papst manipuliert, wie man eine
geschickte Propaganda entwickelt. Also wie sie die Köpfe
ihrer Opfer beherrschen können, indem sie Einfl uss nehmen
auf das politische und intellektuelle Umfeld. Also
auf Presse, Filme, Bücher. Es sind tatsächlich die am besten
Ausgebildeten und die Intelligentesten, die nicht in
ihren moslemischen Heimatländern bleiben, in den Höhlen
Afghanistans oder in den Moscheen Irans und Pakistans.
Sie halten sich in unseren Ländern auf, unseren
Städten, unseren Universitäten, unseren Unternehmen.
Sie haben Zugang zu unseren Kirchen, unseren Banken,
unserem Fernsehen, unseren Radios, unseren Zeitungen,
unseren Verlagen, unseren akademischen oder religiösen
Zirkeln, unseren Gewerkschaft en und unseren Parteien.
Sie nisten sich in unseren technischen Nervenknoten ein,
im Herz unserer Gesellschaft . Einer Gesellschaft , die sie
beherbergt, ohne ihr Anderssein zu hinterfragen, ohne
ihre Absichten zu überprüfen, ohne ihren Fanatismus zu
bestrafen. Einer Gesellschaft , die sie im Geiste der Demokratie
aufnimmt, der Aufgeschlossenheit, des christlichen
Mitleids, ihrer liberalen Grundsätze, ihrer zivilen
Gesetzgebung. Einer Gesetzgebung, die beispielsweise die
Folter abgeschafft hat und die Todesstrafe. Die es nicht
erlaubt, jemanden zu verhaft en und festzuhalten, wenn
er kein Verbrechen begangen hat, einen Prozess abzuhalten,
wenn der Angeklagte nicht von einem Rechtsanwalt
verteidigt wird, jemanden zu verurteilen, wenn eine Tat
nicht nachgewiesen werden konnte. Die es ermöglicht,
in Berufung zu gehen und eine Strafe aufzuheben, Verbrecher
wie sie freizulassen.
Liberale Prinzipien, die sie schamlos ausnutzen, durch
die sie sich schamlos Vorteile verschaff en und die sie
gleichzeitig selbst nicht achten. Die Demokratie bedankt
sich bei denen, die sich in unserer Mitte niederlassen, in
unsere Leben eindringen, uns belästigen, uns töten. Nicht
zufällig hat ein islamischer Gelehrter während einer Synode,
die im Oktober 1999 im Vatikan stattfand, um das
Verhältnis zwischen Christen und Moslems zu diskutieren,
mit einiger Unverfrorenheit zu den Bischöfen gesagt:
»Angesichts eures demokratischen Selbstverständnisses
sollten wir euch angreifen, angesichts unseres religiösen
Selbstverständnisses sollten wir euch beherrschen.« (Das
bezeugte Monsignor Giuseppe Bernardini, Erzbischof der
türkischen Diözese in Smyrna.)
Nein, mein Lieber, nein: Der Umgekehrte Kreuzzug
braucht keinen Usama Bin Laden, keinen Napoleon. Egal,
ob mit oder ohne ihn, es ist heute eine unverrückbare Tatsache,
eine immer bedeutsamere Realität, dass der Westen
mittels seiner Haltung und seiner Kollaborateure (derjenigen,
die die Eindringlinge unterstützen) ihn nährt
und stützt. Das ist der Grund, warum die Kreuzfahrer
immer mehr werden, immer mehr wollen, immer mehr
beherrschen. In der Tat, mit ihnen zu verhandeln ist unmöglich.
Vernünft ig zu reden, undenkbar. Sie mit Nachsicht
zu behandeln, ein Selbstmord. Und wer das Gegenteil
glaubt, ist ein Idiot.
* * *
Ich sage das nicht nur so vom Hörensagen, mein Lieber.
Ich sage es, weil ich die Welt dieser Pioniere ziemlich
gut kenne. Aus dem Iran, aus dem Irak, aus Pakistan, aus
94
Bangladesh, aus Saudi-Arabien, aus Kuwait, aus Libyen,
aus Jordanien, aus dem Libanon und von uns zu Hause:
aus Italien. Ich habe sie kennen gelernt, ja, und fand
die Annahmen über sie durch geradezu groteske Episoden
grauenhaft er Art immer wieder bestätigt. Nie werde
ich vergessen, was mir auf der Iranischen Botschaft
in Rom passiert ist, als ich das Visum für ein Interview
mit Khomeini beantragte und mit rot lackierten Fingernägeln
vorsprach. Für die Söhne Allahs ein Zeichen von
Sittenlosigkeit, ja sogar ein Verbrechen, für das sie dir in
den besonders fundamentalistischen Ländern die Finger
abhacken. Mit schneidender Stimme befahlen mir zwei
Bartträger, dieses Rot sofort zu entfernen, und hätte ich
sie nicht angeschrien, was ich ihnen gern entfernen bzw.
abschneiden würde, hätten sie mir in meinem eigenen
Land die Finger abgehackt. Ebenso wenig werde ich vergessen,
was mir in Qom, der heiligen Stadt Khomeinis,
passierte, wo ich als Frau in allen Hotels abgewiesen wurde.
In allen! Für das Interview mit Khomeini musste ich
den Tschador tragen, um den Tschador zu tragen, musste
ich die Bluejeans ausziehen, um die Bluejeans auszuziehen,
brauchte ich ein Zimmer. Natürlich hätte ich mich
im Auto umziehen können, mit dem ich aus Teheran gekommen
war. Doch mein Dolmetscher hinderte mich
daran. Das-ist-Wahnsinn, Signora, das-ist-Wahnsinn.
Für-soetwas-wird-man- hier-in-Qom-erschossen! So erreichten
wir nach vielen Abweisungen schließlich den
ehemaligen Königspalast, wo ein mitleidiger Wächter uns
einließ und uns den früheren Th ronsaal zur Verfügung
stellte. Einen großen Raum, in dem ich mir vorkam wie
die Jungfrau Maria, die sich zusammen mit Josef in den
von Ochs und Esel erwärmten Stall fl üchtet, um das Jesuskind
zu gebären. Und weißt du, was dann passierte?
Da der Koran es einem Mann und einer Frau, die nicht
miteinander verheiratet sind, verbietet, sich zusammen
hinter einer geschlossenen Türe aufzuhalten, ging plötzlich
die Türe auf. Sobald er über unser Kommen informiert
worden war, stürzte der für die Kontrolle der Moral
zuständige Mullah (ein sehr strenger) Schande-Schande-
Sünde-Sünde rufend herein, und es gab nur einen Weg,
nicht erschossen zu werden: die Heirat. Einen befristeten
Ehevertrag (für vier Monate) zu unterzeichnen, mit dem
der Mullah vor unserem Gesicht wedelte. Heiraten. Das
Problem war nur, dass der Dolmetscher schon eine spanische
Ehefrau hatte. Eine gewisse – äußerst eifersüchtige
– Consuelo, die nicht bereit war, die Regeln der Polygamie
zu akzeptieren. Und ich wollte sowieso niemanden
heiraten. Schon gar keinen Iraner mit einer eifersüchtigen
spanischen Frau, die nicht bereit war, die Regeln
der Polygamie zu akzeptieren. Gleichzeitig wollte ich auch
nicht erschossen werden bzw. das Interview mit Khomeini
verpassen. Mit diesem Dilemma schlug ich mich verzweifelt
herum, und …
Du lachst, da bin ich sicher. Als ob ich dir einen Witz
erzählte, da bin ich sicher. Zur Strafe erzähle ich dir nicht,
wie die Geschichte ausging. Ich lasse dich sitzen mit der
neugierigen Frage, ob ich den bereits verheirateten Dolmetscher
geheiratet habe oder nicht, und um dich zum
Weinen zu bringen, erzähle ich dir die Geschichte von
den zwölf unreinen Jünglingen (was sie Unreines getan
hatten, habe ich nie erfahren), die nach dem Krieg in
Bangladesh in Dhaka hingerichtet wurden. Im Sportstadion
von Dhaka wurden sie mit Bajonettstichen in Brustkorb
und Bauch hingerichtet, in Gegenwart von zwanzigtausend
Gläubigen, die auf den Tribünen im Namen
Allahs applaudierten. »Allah Akbar, Gott ist groß, Allah
Akbar.« Ich weiß, ich weiß: Im Kolosseum amüsierten
sich die alten Römer, jene alten Römer, auf die meine
Kultur so stolz ist, damit, die Christen den Löwen zum
Fraß vorzuwerfen. Ich weiß, ich weiß: In allen Ländern
Europas amüsierten sich die Christen, die Christen, deren
Beitrag zur Geistesgeschichte ich nur zähneknirschend
anerkenne, damit, die Häretiker auf dem Scheiterhaufen
brennen zu sehen. Doch sind seitdem mehrere Jahrhunderte
vergangen. Inzwischen sind wir etwas zivilisierter
geworden, und auch die Söhne Allahs müssten begriff en
haben, dass man bestimmte Dinge nicht tut. Sie tun sie
aber. Nach den zwölf unreinen Jünglingen töteten sie auch
einen zwölfj ährigen Jungen, der sich auf einen Körper gestürzt
hatte und schluchzte mein-Bruder, mein-Bruder.
Ihm zerquetschten sie den Kopf mit ihren Militärstiefeln.
Und wenn du es nicht glaubst, lies in meiner Reportage
nach oder in den Berichten der französischen, deutschen
und englischen Journalisten, die zusammen mit mir dort
waren und genauso entsetzt dem Gemetzel beiwohnten
wie ich. Oder, noch besser, sieh dir die Fotos an, die ein
deutscher Fotograf gemacht hat. Doch der Punkt, den ich
vor allem betonen möchte, ist ein anderer. Dass nämlich
am Ende des Gemetzels die zwanzigtausend Gläubigen
(unter ihnen viele Frauen) die Tribünen verließen und

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #10 on: September 19, 2012, 03:40:28 pm »
auf den Platz hinunterstiegen. Aber, es gab kein ungeordnetes
Gedränge, nein. In Reih und Glied formierten
sie sich langsam zu einem feierlichen Zug. Langsam erreichten
sie die Mitte des Platzes und, unaufh örlich Allah
Akbar, Allah Akbar psalmodierend, gingen sie über
die Leichen. Sie zertrampelten sie zu einem blutigen Teppich
aus zermalmten Knochen, zerstörten sie wie die beiden
Türme in New York.
Ah! Ich könnte endlos mit solchen Zeugenaussagen
fortfahren. Ich könnte dir nie ausgesprochene, nie veröff
entlichte Dinge sagen … Denn weißt du, was das Problem
ist bei Leuten wie mir, jenen, die zu viel gesehen
haben? Dass sie sich irgendwann an die Ungerechtigkeiten,
die Gräuel gewöhnen. Wenn sie darüber berichten,
kommt es ihnen so vor, als würden sie schon Vorgekautes
wiederkäuen, das die anderen anödet, also schweigen
sie schließlich. Über die Grausamkeit der vom Koran
empfohlenen und von den Luxuszikaden nie verdammten
Polygamie zum Beispiel könnte ich die Geschichte von
Ali Bhutto erzählen: Ali Bhutto, der Staatschef Pakistans,
der von seinen extremistischen Gegnern gehenkt wurde.
Ich kannte ihn gut. Für das Interview habe ich ihn
fast vierzehn Tage lang in Pakistan begleitet. Und eines
Abends erzählte er mir, ohne dass ich ihn danach gefragt
hätte, die Wahrheit über seine erste Ehe. Eine Ehe,
die gegen seinen Willen geschlossen wurde, als er noch
keine dreizehn Jahre alt war. Die Braut, eine schon erwachsene
Frau, war seine Cousine. Das gestand er mir
unter Tränen. Eine Träne lief ihm die Nase entlang bis
zum Mund, wo er sie ableckte. Den darauf folgenden Tag
bereute er jedoch seine Vertraulichkeit. Er bat mich, einige
Details zu streichen, und ich nahm sie heraus, weil
ich stets größte Achtung vor der Privacy der Menschen
gehegt habe. Ich fühlte mich immer unwohl, wenn ich
mir ihre persönlichen Angelegenheiten anhörte und sie
weitererzählte. (Ich weiß noch, wie schwungvoll ich in
Jerusalem Golda Meir unterbrach, die mir, ebenfalls ohne
Auff orderung, die Geschichte ihrer unglücklichen Beziehung
zu ihrem Mann anvertraute: »Golda, sind Sie wirklich
sicher, dass Sie mit mir darüber sprechen wollen?«)
Nach zwei, drei Jahren traf ich Bhutto rein zufällig noch
einmal. In Italien. In einer Buchhandlung in Rom, purer
Zufall. Er lud mich zu einer Tasse Tee ein, und wir unterhielten
uns einige Zeit über die islamische Welt, dann
sagte er: »Wissen Sie, es war falsch von mir, Sie zu bitten,
die Geschichte meiner ersten Ehe zu beschönigen. Eines
Tages sollten Sie sie ganz erzählen.«
Richtig. Also nicht nur von der Erpressung, mit der
man ihn im Alter von weniger als dreizehn Jahren genötigt
hatte, die Cousine zu heiraten, die schon eine Frau
war. »Wenn du brav bist, wenn du die Ehe vollziehst, bekommst
du ein schönes Geschenk: ein Paar Rollschuhe.«
(Oder Kricketschläger? Ich weiß es nicht mehr genau.)
Sondern auch von dem Hochzeitsfest, an dem die Braut
nicht teilnahm, da sie ja eine Frau, das heißt ein niederes
Wesen war. Und nach dem Hochzeitsfest kam die Nacht,
in der die mit Rollschuhen oder Kricketschlägern erkaufte
Ehe vollzogen werden sollte. »Wir vollzogen sie nicht
… Ich war wirklich viel zu jung, noch ein Kind … Ich
wusste nicht, was ich tun, was ich sagen sollte … Und
99
anstatt mir zu helfen, weinte meine Braut. Sie weinte und
weinte. Also fi ng ich auch zu weinen an. Dann schlief
ich, müde vom Weinen, ein, und am nächsten Tag verließ
ich sie, um nach England auf die Schule zu gehen.
Ich sollte sie erst nach meiner zweiten Ehe wiedersehen,
als ich längst in meine zweite Frau verliebt war und …
Wie soll ich es sagen? Ich bin kein Freund der Keuschheit
und werde oft beschuldigt, ein Frauenheld zu sein.
Ein Don Juan. Und doch habe ich von meiner ersten Frau
keine Kinder. Ich meine, trotz ihrer Anmut und Schönheit
habe ich sie nie in die Lage versetzt, Kinder zu bekommen
… Der Alptraum jener ersten Nacht hat mich
immer daran gehindert. Und wenn ich sie in Larkana besuche,
wo sie mutterseelenallein und verlassen lebt, wo
sie sterben wird, ohne je einen Mann berührt zu haben,
denn wenn sie einen anderen Mann berührt, begeht sie
Ehebruch und wird gesteinigt, dann schäme ich mich für
mich selbst und meine Religion.« (Bitte sehr, Bhutto. Wo
immer Sie sein mögen, und ich bin sicher, dass Sie nirgendwo
anders als auf dem Friedhof sind, seien Sie gewiss,
ich habe Ihren Wunsch erfüllt. Ich habe schließlich
Ihre Geschichte ganz erzählt.)
* * *
Vor allem im Hinblick auf die Verachtung, mit der die
Moslems die Frauen behandeln, könnte ich unerhörte
Beispiele anbringen. Beispiele, gegen die selbst Bhuttos
erste Ehe nur ein bedauerlicher Fall ist … Meine Beinah-
Hochzeit in Qom, ein Scherz. Denn diese Episoden zei
gen zweifellos, dass die Söhne Allahs auch dem Tod einer
Frau nicht die geringste Bedeutung beimessen. 1973
sprach ich in Amman darüber mit König Hussein von
Jordanien. Einem Mann, der meiner Meinung nach so
moslemisch war, wie ich katholisch bin. So sympathisch,
klug und zivilisiert, dass ich mich noch heute frage, ob er
wirklich im Schatten der Minarette geboren und aufgewachsen
war. Denk nur, dass ich einmal (damals begegnete
ich ihm ziemlich häufi g) zu ihm sagte: »Majestät,
ich muss gestehen, dass es mich als Republikanerin außerordentlich
stört, Sie Majestät zu nennen.« Und statt
mir das übel zu nehmen, lachte er laut auf und antwortete:
»Na, dann nennen Sie mich doch einfach Hussein!«
Dann fügte er hinzu, dass die Arbeit als König genauso
sei wie jede andere auch. »A job like another one.« Ich
sprach mit ihm über die Frauenfeindlichkeit der Moslems
und erzählte ihm, was die palästinensischen Fedajin
einer geheimen Militärbasis in Jordanien mir während
eines israelischen Bombardements angetan hatten.
Sie selbst, Vertreter des männlichen Geschlechts
und folglich überlegene Wesen, hatten sich in einen soliden
Bunker gefl üchtet. Mich, armes Weib und folglich
ein niederes Wesen, hatten sie in ein Sprengstoffl ager
eingeschlossen. (Du kannst dir vorstellen, welches
Entsetzen mich packte, als ich auf ihr höhnisches Gelächter
hin ein Streichholz anzündete, um zu sehen, wo
ich mich eigentlich befand, und die Kisten mit der Aufschrift
Explosive-Dynamite-Explosive sah.) Er regte sich
fürchterlich auf, der arme Hussein. »In meinem Land, in
meinem Reich!«, ächzte er. Doch lassen wir die persön
lichen Angelegenheiten beiseite und halten uns an das,
was ich vorgestern Abend im Fernsehen gesehen habe.
Einen entsetzlichen Dokumentarfi lm, kürzlich in Kabul
gedreht von einer mutigen, angloafghanischen Journalistin,
an der mich besonders ihre weiche, traurige Stimme
und ihr kummervolles, entschlossenes Gesicht faszinierten.
Technisch gesehen war der Film nicht perfekt, aber er
zeigte so grauenhaft e Dinge, dass er mir unerwartet nahe
ging, obwohl mich der Vorspann schon hatte aufh orchen
lassen. »We warn our spectators. Wir warnen unsere Zuschauer.
Th is program contains very disturbing images.
Dieser Film enthält sehr verstörende Bilder.«
Wurde er auch im italienischen Fernsehen gezeigt?
Egal, ob er gezeigt wurde oder nicht, ich sage dir jetzt,
was das für verstörende Bilder waren. Es sind Photogramme,
die die Hinrichtung dreier Frauen zeigen, wodurch
sie sich schuldig gemacht haben, weiß man nicht.
Eine Hinrichtung, die auf dem Hauptplatz von Kabul
stattfi ndet, der mehr einem trostlosen Parkplatz gleicht.
Und auf diesem trostlosen Parkplatz fährt auf einmal ein
Lieferwagen vor, aus dem drei Objekte steigen. Drei Objekte,
drei Frauen, verhüllt mit diesen Laken, die kleine
Löcher auf Höhe der Augen aufweisen, auch Burkah genannt.
Die der ersten ist braun, die der zweiten weiß, die
der dritten grau. Die Frau in der braunen Burkah ist sichtlich
außer sich vor Angst. Sie schlottert, taumelt, kann
sich kaum auf den Beinen halten. Die Frau in der weißen
Burkah macht kleine, tastende Schritte, als fürchtete sie
zu stolpern und sich wehzutun. Die Frau in der grauen
Burkah, sehr klein und schmal, geht dagegen entschlossen
voran und bleibt dann stehen. Sie macht eine Handbewegung,
als wolle sie ihre Gefährtinnen stützen, sie
ermutigen, aber sofort fährt ein Bartträger in Rock und
Turban grob dazwischen. Er trennt sie, stößt sie vorwärts
und zwingt sie, auf dem Boden niederzuknien. All das
geschieht unter den Augen einiger Männer, die den Platz
überqueren, Datteln essen, in der Nase bohren oder gähnen,
als ginge das Ganze sie gar nichts an. Nur ein Junge
im Hintergrund beobachtet die Gruppe mit einer gewissen
Neugier. Die Hinrichtung erfolgt rasch. Ohne Verlesen
eines Urteils, ohne Trommelwirbel, ohne Erschießungskommando,
das heißt ohne Zeremoniell oder Feierlichkeit.
Kaum knien die drei Frauen auf dem Boden,
taucht aus dem Nirgendwo ihr Henker auf, ein weiterer
Bartträger in Rock und Turban, der ein Maschinengewehr
in der rechten Hand hält. Er trägt es wie eine Einkaufstasche.
Gelangweilt und gemächlich kommt er näher
wie einer, der ihm vertraute und vielleicht alltägliche
Gesten wiederholt, und geht auf die drei zu, die warten,
ohne sich zu rühren, und in ihrer Reglosigkeit gar keine
menschlichen Wesen zu sein scheinen. Wie auf dem
Boden abgestellte Bündel sehen sie aus. Von hinten tritt
er an sie heran und schießt unvermittelt aus nächster
Nähe der Frau in der braunen Burkah in den Nacken.
Sie fällt nach vorn, ist sofort tot. Danach schlendert er
genauso gemächlich und gelangweilt einen Meter weiter
und schießt der Frau in der weißen Burkah in den Nacken.
Sie fällt ebenfalls nach vorn, direkt aufs Gesicht.
Danach geht er wieder einen Meter weiter, zögert einen
Augenblick, er kratzt sich an den Genitalien. Langsam,
befriedigt. Dann schießt er der Frau in der grauen Burkah
in den Nacken, die nicht gleich nach vorne fällt wie
ihre Gefährtinnen, sondern noch einige Sekunden dort
kniet, regungslos. Hoch aufgerichtet. Stolz. Schließlich
kippt sie zur Seite und hebt in einer letzten Geste der Auflehnung
einen Zipfel der Burkah, sie entblößt ein Bein.
Der Mann deckt es jedoch ungerührt wieder zu und ruft
die Totengräber, die rasch die drei Leichen an den Knöcheln
packen. Drei breite Blutspuren auf dem Asphalt
hinterlassend, schleppen sie sie fort wie Müllsäcke, und
auf dem Bildschirm erscheint der Außen- und Justizminister,
Herr Wakil Motawakil. (Ja, ich habe mir seinen
Namen aufgeschrieben. Man weiß nie, welche Chancen
das Leben noch bietet. Eines Tages könnte ich ihm auf
einer menschenleeren Straße begegnen, und bevor ich
ihn töte, sollte ich vielleicht seine Identität überprüfen.
»Are you really Mister Wakil Motawakil?«)
Er ist ein dicker Kerl zwischen dreißig und vierzig,
Mister Wakil Motawakil. Sehr fett, mit fettem Turban,
fettem Bart, fettem Schnauzer und kreischender Kastratenstimme.
Als er über die drei Frauen spricht, frohlockt
er. Bebt wie ein Wackelpudding und zwitschert:
»Th is is a very joyful day. Das ist ein freudiger Tag für
uns. Today we gave back peace and security to our city.
Heute haben wir unserer Stadt Frieden und Sicherheit zurückgegeben.
« Allerdings sagt er nicht, auf welche Weise
die drei Frauen den Frieden und die Sicherheit der
Stadt gefährdet hatten, für welches Vergehen oder Verbrechen
sie verurteilt und hingerichtet wurden. Hatten
sie etwa die Burkah abgenommen, um auf die Toilette
zu gehen? Hatten sie etwa ihr Gesicht entblößt, um ein
Glas Wasser zu trinken? Oder hatten sie das Gesangsverbot
missachtet und ihren Kindern ein Schlafl ied vorgesungen?
Womöglich hatten sie sich des schlimmsten aller
Verbrechen schuldig gemacht: lachen. (Ja: lachen. Ich
habe lachen gesagt. Wussten Sie nicht, dass die Frauen
im Afghanistan der Taliban nicht lachen dürfen, dass
es ihnen sogar verboten ist zu lachen?) Alle diese Fragen
bedrängen mich, bis Wakil Motawakil verschwindet
und ich auf dem Bildschirm einen Salon voller junger
Mädchen ohne Burkah sehe. Hübsche Mädchen mit unbedeckten
Gesichtern, bloßen Armen, ausgeschnittenen
Kleidern. Eine lacht voller Freude, frech. Eine lockt sich
die Haare, eine schminkt sich die Augen oder die Lippen,
eine andere lackiert sich die Nägel. Daraus schließe
ich, dass wir nicht mehr in Afghanistan sind, dass die
mutige Journalistin nach London zurückgekehrt ist, wo
sie uns mit einem hoff nungsfrohen Ende trösten will.
Falsch. Wir sind immer noch in Kabul, und die mutige
Journalistin ist so verängstigt, dass ihre feste, traurige
Stimme ganz rau, ja fast erstickt klingt. Mit dieser rauen,
fast erstickten Stimme fl üstert sie: »Um die Bilder aufzunehmen,
die Sie hier sehen, gehen meine Truppe und
ich ein großes Risiko ein. Wir befi nden uns nämlich an
einem der verbotensten Orte der Stadt: in einem klandestinen
Geschäft , einem Symbol des Widerstands gegen
das Talibanregime. In einem Friseursalon.« Und schaudernd
fällt mir ein, was ich, ohne mir dessen bewusst zu
sein, im Jahr 1980 (Interview mit Khomeini) einem Fri
105
seur in Teheran angetan habe. Einem höfl ichen Iraner,
dessen Salon »Chez Bashir – Coiff eur pour Dames« von
den Militärbanden der Regierung als Ort des Verderbens
und der Sünde geschlossen worden war. Denn da
ich wusste, dass Bashir alle meine Bücher auf Farsi besaß
und gelesen hatte, konnte ich ihn überreden, seinen
Laden eine halbe Stunde für mich zu öff nen. Seien-Sieso-
freundlich-Bashir. Nur-eine-halbe-Stunde, ich-mussmir-
die-Haare-waschen, und-in-meinem-Zimmer-gibtes-
kein-heißes-Wasser. Armer Bashir. Als er die von den
Militärbanden angebrachten Siegel entfernte, zitterte er
wie ein nasser Hund. Er ließ mich eintreten und sagte:
»Sie verstehen nicht, Madame, welcher Gefahr Sie mich
und auch sich selbst aussetzen! Wenn uns jemand entdeckt
oder davon erfährt, lande ich sofort im Gefängnis
und Sie mit mir!« An jenem Tag entdeckte uns niemand.
Doch acht Monate später, als ich nach Teheran zurückkehrte
(noch so eine hässliche Geschichte, über die
ich nie gesprochen habe) und ihn besuchen wollte, sagte
man mir: »Wissen Sie das nicht? Nach Ihrer Abreise hat
jemand alles verraten. Sie haben Bashir festgenommen,
und er sitzt noch im Gefängnis.«
Ich erinnere mich und begreife, dass die drei Frauen auf
dem Marktplatz getötet wurden, weil sie zum Friseur gegangen
waren. Ich begreife, dass es sich um drei Kämpferinnen,
drei Heldinnen handelt, und jetzt frage ich dich:
Ist das die Kultur, die du meinst, wenn du von Kontrastzwischen-
zwei-Kulturen sprichst?!? O nein, mein Lieber:
nein. Abgelenkt von meiner Liebe zur Freiheit, habe ich
am Anfang gesagt, dass auf der Welt für alle Platz sei,
dass meine Mama immer sagte die-Welt-ist-schön-weilsie-
bunt-ist, dass moslemische Frauen selber schuld seien,
wenn sie so dumm sind, solche Gemeinheiten zu akzeptieren:
Das-Wichtigste-ist-dass-solche-Gemeinheitennicht-
mir-aufgezwungen-werden. Der-Rest-geht-michnichts-
an. Aber das ist ungerecht. Unannehmbar. Denn
als ich diese Überlegung anstellte, hatte ich vergessen,
dass die Freiheit ohne Gerechtigkeit nur eine halbe Freiheit
ist und dass es eine Beleidigung der Gerechtigkeit
bedeutet, nur die eigene Freiheit zu verteidigen. Hiermit
bitte ich die drei Heldinnen und alle Frauen um Verzeihung,
die von den Söhnen Allahs hingerichtet gefoltert
gedemütigt zu Märtyrerinnen gemacht oder in die
Irre geleitet wurden, so sehr in die Irre geleitet, dass sie
sich dem Zug anschlossen, der die zwölf Toten im Stadion
von Dhaka zertrampelte, und erkläre, dass die Sache
mich sehr wohl etwas angeht. Sie geht uns alle an, meine
Herren und Damen Zikaden, und …
Den männlichen Zikaden, das heißt den Heuchlern,
die gegen die »Kultur« der Burkah nie den Mund aufmachen,
nie einen Finger rühren, habe ich nichts zu sagen.
Die Misshandlungen, die Frauen auf Geheiß oder
mit Billigung des Korans erleiden, werden bei ihrer Interpretation
von Fortschritt oder Gerechtigkeit nicht in
Betracht gezogen, und ich hege den Verdacht, dass sie
insgeheim sehr neidisch auf Wakil Motawakil sind. (Der-
Glückliche-er-kann-sie-einfach-hinrichten-lassen.) Nicht
selten schlagen sie ja selbst ihre Frauen. Den homosexuellen
Zikaden, ebenso wenig. Vom Ärger verzehrt, nicht
ganz weiblich zu sein, verabscheuen sie sogar die Un

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #11 on: September 19, 2012, 03:43:15 pm »
glücklichen, die sie zur Welt gebracht haben, und sehen
in den Frauen nur eine Eizelle, um ihre ungewisse Spezies
zu klonen. Den Zikaden weiblichen Geschlechts dagegen,
das heißt den Feministinnen mit dem schlechten
Gedächtnis, habe ich allerdings etwas zu sagen. Herunter
mit der Maske, ihr falschen Amazonen. Erinnert ihr
euch noch an die Jahre, in denen ihr mich mit Beleidigungen
überhäuft habt, anstatt mir dafür zu danken, dass
ich euch den Weg geebnet habe, indem ich nämlich bewiesen
habe, dass eine Frau jede Arbeit mindestens genauso
gut oder besser machen kann als ein Mann? Erinnert
ihr euch an die Jahre, in denen ihr mich, anstatt
mich als Vorbild hinzustellen, als schmutziges Macho-
Weib, als Macho-Schwein bezeichnet und gesteinigt habt,
weil ich ein Buch mit dem Titel Brief an ein nie geborenes
Kind geschrieben hatte? »Hässlich, hässlich, hässlich. Das
hält sich höchstens einen Sommer.« (Inzwischen hält es
sich schon dreißig Jahre.) Und auch: »Die denkt mit der
Gebärmutter.« Nun, wo ist euer galliger Feminismus geblieben?
Wo ist euer angeblicher Kampfgeist geblieben?
Wie kommt es, dass ihr hinsichtlich eurer afghanischen
Schwestern, der von den Macho-Schweinen in Rock und
Turban hingerichteten gefolterten gedemütigten zu Märtyrerinnen
gemachten oder in die Irre geleiteten Frauen,
das Schweigen eurer kleinen Zuhälter nachahmt? Wie
kommt es, dass ihr nicht mal ein kleines Protestgeschrei
anstimmt vor der Botschaft von Afghanistan oder Saudi-
Arabien oder irgendeinem anderen moslemischen
Land? Habt ihr euch alle in den faszinierenden Usama
Bin Laden vergafft , in seine großen Torquemada-Augen,
in seine dicken Lippen und in das, was er unter seinem
schmutzigen Rock hat? Findet ihr ihn romantisch, haltet
ihr ihn für einen Helden, träumt ihr alle davon, von
ihm vergewaltigt zu werden? Oder ist euch die Tragödie
eurer moslemischen Schwestern scheißegal, weil ihr sie
für minderwertig haltet? Wer ist denn hier rassistisch:
ich oder ihr? Die Wahrheit ist, dass ihr nicht einmal Zikaden
seid. Ihr seid und wart seit jeher Hennen, die nur
im Hühnerstall zu gackern verstehen, gack, gack, gack.
Parasitinnen, die bei dem Versuch, groß herauszukommen,
immer einen Hahn, einen Zuhälter, einen Schutzengel
gebraucht haben.
Stopp. Lass mich nun die Schlussfolgerung aus meinem
Gedankengang darlegen.
* * *
Weißt du, wenn ich dermaßen verzweifelt bin, habe ich
nicht nur die apokalyptischen Szenen vom 11. September
2001 vor Augen: Die Körper, die dutzendweise aus dem
achtzigsten und neunzigsten und hundertsten Stockwerk
fallen, der erste Turm, der implodiert und sich selbst verschluckt,
der zweite, der schmilzt, als wäre er ein Stück
Butter. Oft schiebt sich über die beiden Türme, die es
nicht mehr gibt, das Bild der beiden Jahrtausende alten
Buddhas, die die Taliban vor sechs Monaten in Afghanistan
zerstörten. Die Bilder mischen sich, verschmelzen,
werden zu ein und derselben Sache, und ich denke:
Haben die Leute denn diese Untat schon vergessen? Ich
nicht. Jedes Mal, wenn ich die zwei kleinen Buddhas be
trachte, die in meinem livingroom stehen und die mir ein
alter, von den Roten Khmer verfolgter Mönch in Pnomh
Penh während des Krieges in Kambodscha schenkte,
krampft sich mein Herz zusammen. Es zerspringt und
anstelle der zwei kleinen Messingbuddhas sehe ich die
beiden riesigen Buddhas vor mir, die in den Felsen gehauen
im Tal von Bamiyan standen. In dem Tal, durch
das vor Tausenden von Jahren die voll beladenen Karawanen
aus dem Römischen Reich in den Fernen Osten
zogen oder umgekehrt. An dem Ort, durch den die legendäre
Seidenstraße führte, an dem sich alle Kulturen
trafen und vermischten. (Welch schöne Epoche.) Ich
sehe beide Buddhas vor mir, weil ich alles über sie weiß.
Dass der ältere (drittes Jahrhundert) fünfunddreißig
Meter hoch war. Der andere (viertes Jahrhundert) beinahe
vierundfünfzig. Dass beide am Rücken mit dem Felsen
verbunden und ganz mit polychromem Stuck überzogen
waren. Rot, gelb, grün, blau, violett. Dass ihre Gesichter
und ihre Hände vergoldet waren. Dass sie in der
Sonne funkelten, gleißend wie kolossale Juwelen. Dass
im Innern der Nischen (von jetzt an ebenso leer wie leere
Augenhöhlen), die glatten Wände mit erlesenen Fresken
bedeckt waren. Dass bis zum Tag des Verbrechens
auch die Fresken erhalten waren …
Mir krampft sich das Herz zusammen, denn ich verehre
Kunstwerke genauso wie die Moslems das Grab Mohammeds
verehren. Für mich ist ein Kunstwerk so heilig wie
für sie ihr Mekka, und je älter es ist, umso heiliger ist es.
Im Übrigen ist mir jeder Gegenstand aus der Vergangenheit
heilig. Eine Versteinerung, ein Terrakottafi gürchen,
eine kleine Münze, ein jegliches Zeugnis dessen, was wir
waren und taten. Die Vergangenheit erregt meine Neugier
weit mehr als die Zukunft , und ich werde nie müde
zu behaupten, dass die Zukunft eine Hypothese ist. Eine
Vermutung, eine Annahme, das heißt eine Nicht-Realität.
Allerhöchstens eine Hoff nung, der wir in Träumen
und Phantasien Gestalt zu verleihen suchen. Die Vergangenheit
dagegen ist eine Gewissheit. Eine konkrete Größe,
eine feststehende Realität, eine Schule, ohne die man
nicht überleben kann, denn wer die Vergangenheit nicht
kennt, versteht die Gegenwart nicht und kann nicht versuchen,
mit Träumen und Phantasien auf die Zukunft
einzuwirken. Und außerdem ist jeder auf uns gekommene
Gegenstand kostbar, weil er die Illusion von Ewigkeit
in sich trägt. Weil er einen Sieg über die Zeit darstellt,
die abnutzt, welken lässt und tötet. Besser, weil er
eine Überwindung des Todes bedeutet. Und wie die Pyramiden,
das Parthenon, das Kolosseum, wie eine schöne
Kirche oder eine schöne Synagoge oder eine schöne
Moschee oder ein tausendjähriger Baum, zum Beispiel
die Sequoien in der Sierra Nevada, gaben mir die beiden
Buddhas von Bamiyan genau dieses Gefühl. Aber diese
Hurensöhne, diese Wakil Motawakils haben sie mir zerstört.
Sie haben sie mir getötet.
Mir krampft sich auch das Herz zusammen, wenn ich
daran denke, wie sie sie getötet haben: wie kaltherzig und,
zugleich, mit welcher Genugtuung sie die Untat begangen
haben. Sie haben sie nämlich nicht in einer Aufwallung
von Wahnsinn zerstört, in einem plötzlichen und vorübergehenden
Zustand, den das Gesetz als »Unzurech
nungsfähigkeit« bezeichnet. Sie haben nicht mit der Irrationalität
der chinesischen Maoisten gehandelt, die 1951
Lhasa zerstörten, die Klöster und den Palast des Dalai
Lama stürmten und wie betrunkene Büff el die Denkmäler
einer Kultur dem Erdboden gleichmachten. Sie
verbrannten die tausendjährigen Pergamentrollen, zerschlugen
die tausendjährigen Altäre, zerfetzten die tausendjährigen
Mönchsgewänder und funktionierten sie
um zu Th eater kostümen. (Die Buddhas aus Gold und
Silber schmolzen sie ein, machten Barren daraus: mögen
sie vor Scham ersticken ad saecula saeculorum amen.)
Doch siehst du, der Zerstörung von Lhasa ging kein Prozess
voraus. Sie erfolgte nicht nach einem Urteil. Sie trug
nicht die Merkmale einer aufgrund von Rechtsnormen
oder angeblichen Rechtsnormen beschlossenen Exekution.
Und sie geschah, ohne dass die Welt es wusste, das
heißt, ohne dass irgendjemand eingreifen konnte, um sie
zu verhindern oder aufzuhalten. Im Fall der Buddhas von
Bamiyan dagegen gab es einen echten Prozess. Es gab
ein echtes Urteil, dann eine aufgrund von Rechtsnormen
oder angeblichen Rechtsnormen beschlossene Exekution.
Ein genau überlegtes Verbrechen also. Bewusst geplant
und ausgeführt unter den Augen der ganzen Welt, die auf
Knien um Gnade für die Statuen fl ehte. Die UNO ging
auf die Knie, die UNESCO, die Europäische Union, die
Nachbarländer fl ehten, das heißt Russland, Indien, Th ailand,
sogar China, dem die Sünde von Lhasa noch schwer
im Magen lag. »Wir beschwören euch, gnädige Herren
Taliban, tut es nicht. Die archäologischen Zeugnisse gehören
zum Weltkulturerbe, und die beiden Buddhas von
Bamiyan stören doch keinen.« Doch es half alles nichts.
Erinnerst du dich an den Urteilsspruch des Höchsten Islamischen
Gerichtshofs in Kabul? »Alle vorislamischen
Statuen werden gestürzt. Alle vorislamischen Symbole
werden zusammen mit den vom Propheten verdammten
Götzenbildern hinweggefegt …« Am 26. Februar 2001
(nicht 1001) wurde dieses Urteil verkündet: am selben
Tag, an dem sie öff entliche Hinrichtungen durch den
Strang in den Stadien genehmigten und den Frauen die
letzten ihnen noch verbliebenen Rechte nahmen. (Neben
dem Recht zu lachen auch das Recht, Stöckelschuhe zu
tragen. Das Recht zu singen. Das Recht, ohne schwarze
Vorhänge an den Fenstern zu Hause zu sein.) Erinnerst
du dich an die Misshandlungen, die die beiden Buddhas
gleich danach erlitten? Die Maschinengewehrsalven ins
Gesicht, dass die Nase absprang, das Kinn verschwand,
die Wange herunterfi el. Erinnerst du dich an die Pressekonferenz
des Ministers Qadratullah Jamal? »Da wir
befürchten, dass die Granaten, die Kanonenkugeln und
die fünfzehn Tonnen Sprengstoff , die wir zu Füßen der
beiden Götzenbilder aufgehäuft haben, nicht ausreichen,
haben wir einen Abbruchexperten sowie ein befreundetes
Land um Hilfe gebeten. Und da der Kopf und die Beine
schon abgeschlagen wurden, schätzen wir, dass das Urteil
innerhalb von drei Tagen restlos vollstreckt werden
kann.« (Mit ›Abbruchexperten‹ ist, glaube ich, Usama
Bin Laden gemeint. Mit ›befreundetes Land‹ Pakistan.)
Nun, erinnerst du dich an die eigentliche Exekution zum
Schluss? An die beiden dumpfen Explosionen? Die zwei
dicken fetten Staubwolken … Sie sahen aus wie die Wol
ken, die sechs Monate später von den beiden Türmen in
New York aufsteigen sollten. Und ich dachte an meinen
Freund Kondun.
* * *
Tja: 1968, musst du wissen, interviewte ich einen ganz
außergewöhnlichen Mann. Den friedliebendsten, sanftesten,
weisesten Mann, den ich in meinem Leben ohne
Illusionen kennen gelernt habe: den heutigen Dalai Lama,
den die Buddhisten den lebenden Buddha nennen. Er
war damals dreiunddreißig Jahre alt, nicht viel jünger
als ich. Und seit neun Jahren ein entthronter Herrscher,
ein Papst, oder besser gesagt, ein Gott im Exil. Als solcher
lebte er in Dharamsala, einem Städtchen in Kaschmir
zu Füßen des Himalaja, wo ihn die indische Regierung
zusammen mit ein paar Dutzend Mönchen und
einigen Hundert aus Lhasa gefl üchteten Tibetern aufgenommen
hatte. Es war eine lange, unvergessliche Begegnung.
Wir tranken in der kleinen Villa mit Blick auf die
weißen Berge und die blau glitzernden, scharfk antigen
Gletscher Tee, gingen in dem Garten voller duft ender
Rosensträucher spazieren und verbrachten so einen
ganzen Tag zusammen. Er antwortete auf meine Fragen.
Ich lauschte seiner schönen, frischen und hellen Stimme.
Oh! Auf den ersten Blick hatte er begriff en, mein junger
Gott, dass ich eine Frau ohne Könige ohne Päpste ohne
Götter war. Genau hatte er mich bei meiner Ankunft mit
den durch die Brille mit Goldrand noch scharfsichtiger
wirkenden Mandelaugen gemustert. Und doch behielt er
114
mich den ganzen Tag bei sich. In seiner grenzenlosen Liberalität
behandelte er mich, als sei ich eine alte Freundin
oder besser ein Mädchen, dem man den Hof machen
muss. Und aus diesem Grund, glaube ich, tat er gegen
Mittag etwas Seltsames, was ich noch nie erzählt habe.
Mit der Entschuldigung, es sei so heiß, ging er sich umziehen,
und anstelle des kostbaren Schals aus rostroter
Wolle, den er über der orangefarbenen Kutte getragen
hatte, zog er ein T-Shirt mit Popeye darauf an. Ja, Popeye,
der Comicfi gur, die immer eine Pfeife im Mund
hat und Dosenspinat isst. Und als ich ihn lachend fragte,
wo er so ein Kleidungsstück gefunden und warum er es
angezogen habe, erwiderte er seelenruhig: »Ich habe es
auf dem Markt in New Delhi gekauft . Und ich habe es
angezogen, um Ihnen eine Freude zu machen.«
Er gab mir ein wunderschönes Interview. Zum Beispiel
erzählte er mir von seiner ernsten, freudlosen Kindheit,
die er mit seinen Lehrmeistern und über den Büchern
verbrachte, mit sechs Jahren studierte er schon
Sanskrit und Astrologie und Literatur, mit zehn Dialektik
und Metaphysik und Astronomie, mit zwölf die Kunst,
zu befehlen und zu regieren … Er erzählte mir von seiner
unglücklichen Jugend, die er mit der Bemühung verbrachte,
ein vollkommener Mönch zu werden, die Versuchungen
zu überwinden, das Begehren abzutöten, indem
er den Gemüsegarten seines Kochs aufsuchte und
dort riesige Kohlköpfe züchtete. »Ein Meter Durchmesser,
eh?« Er erzählte mir von seiner Liebe zur Mechanik
und zur Elektrizität und vertraute mir an, dass er Mechaniker
oder Elektriker geworden wäre, wenn er einen
Beruf hätte wählen können … »In Lhasa reparierte ich
so gern den elektrischen Generator, nahm die Motoren
auseinander und baute sie wieder zusammen. In der Garage
des Königspalasts entdeckte ich drei alte Autos, die
irgendjemand meinem Vorgänger, dem dreizehnten Dalai
Lama, zum Geschenk gemacht hatte. Zwei Baby Austin
von 1927, ein himmelblauer und ein gelber, und ein orangefarbener
Dodge Jahrgang 1931. Sie waren alle verrostet.
Ich bastelte so lange an ihnen herum, bis es mir gelang,
sie wieder funktionstüchtig zu machen und sogar zu fahren.
Leider konnte ich sie nur im Hof fahren: in Lhasa
gab es nur Maultierpfade und Feldwege.« Er sprach auch
über Mao Tsetung, der ihn an seinem achtzehnten Geburtstag
nach China eingeladen hatte und ihn, bezaubert
von seiner Klugheit, elf Monate bei sich in Peking
behielt. »Ich blieb in der Hoff nung, es würde helfen, Tibet
zu retten. Im Gegenteil … Aber wer weiß: Vielleicht
wollte er es wirklich retten und wurde daran gehindert.
Armer Mao … Wissen Sie, Mao Tsetung hatte etwas
Trauriges an sich. Etwas Rührendes. Seine Schuhe waren
immer schmutzig, er zündete eine Zigarette nach der
anderen an und diskutierte ununterbrochen über Marxismus.
Doch er sagte nie etwas Dummes.« Er sprach
auch von den Gräueltaten, die die Maoisten in Tibet begangen
hatten. Den Klöstern, die geplündert und angezündet
wurden, den Mönchen, die gefoltert und niedergemetzelt
wurden, den Bauern, die von den Feldern gejagt
und massakriert wurden. Und von der Flucht, zu
der er gezwungen worden war. Der Flucht eines vierundzwanzigjährigen
Herrschers, der als Soldat verkleidet
den Königspalast verlässt, sich im Schutz der Dunkelheit
unter die terrorisierte Menge mischt und den Stadtrand
von Lhasa erreicht. Dort springt er auf ein Pferd, galoppiert
zwei Wochen lang, gehetzt von einem tief fl iegenden
chinesischen Flugzeug. Er versteckt sich in Höhlen und
galoppiert, duckt sich ins Gebüsch und galoppiert. Von
Dorf zu Dorf gelangt er schließlich nach Kaschmir, wo
der Pandit Nehru ihm Asyl gewährt. Doch er ist längst
ein König ohne Reich, ein Papst ohne Kirche, ein Gott
ohne Gläubige. Und da der größte Teil der Tibeter über
Indien, Nepal und Sikkim verstreut ist, wird es bei seinem
Tod praktisch unmöglich sein, seinen Nachfolger
zu suchen. Mit ziemlicher Sicherheit ist er der letzte Dalai
Lama. An diesem Punkt unterbrach ich ihn. Ich war
überzeugt davon, dass der Hass in seinem Herzen wohnt,
und fragte: »Heiligkeit, werden Sie Ihren Feinden je verzeihen
können?« Er sah mich erstaunt an. Überrascht,
misstrauisch, vielleicht beleidigt, doch vor allem verblüfft .
Dann rief er mit seiner schönen, frischen, hellen Stimme:
»Welchen Feinden? Feinden?!? Ich habe sie nie als
Feinde betrachtet! Ich habe keine Feinde! Ein Buddhist
hat keine Feinde!«
Ich war aus Vietnam nach Dharamsala gekommen,
verstehst du. In jenem Jahr in Vietnam hatte ich als
Kriegsbericht erstatterin die Tet-Off ensive und die Mai-
Off ensive, die Belagerung von Khe Sanh und die Schlacht
von Hué am eigenen Leib erfahren … Ich kam aus einer
Welt, wo das Wort Feind-enemy-ennemi-Feind jede Sekunde
fi el, es war Teil unseres Lebens. Ich meine, sein
Klang war so vertraut wie der unseres Atems. Als ich den

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #12 on: September 19, 2012, 03:45:58 pm »
Satz ich-habe-keine-Feinde, ich-habe-sie-nie-als-Feindebetrachtet
hörte, verliebte ich mich beinahe in den jungen
Mann mit den Mandelaugen und dem Popeye-T-Shirt.
Beim Abschied gab ich ihm meine Telefonnummern, was
ich schon damals so gut wie nie tat, und sagte zu ihm :
»Wenn Sie nach Florenz oder nach New York kommen,
Heiligkeit, rufen Sie mich an.« Auf diese Einladung antwortete
er: »Gewiss doch, natürlich. Aber unter der Bedingung,
dass Sie mich nicht mehr Heiligkeit nennen.
Ich heiße Kondun.« Danach sah ich ihn nie wieder, außer
im Fernsehen, wo ich verfolgen konnte, dass er genauso
alterte wie ich, und verlor den Kontakt. Nur einmal
überbrachte mir jemand Grüße von ihm, der-Dalai-
Lama-hat-mich-gefragt-wie-es-dir-geht, und ich reagierte
mit Schweigen. Unsere Leben hatten so unterschiedliche,
einander ferne Wege eingeschlagen … Doch habe ich
in diesen dreiunddreißig Jahren die Worte des jungen
Mönchs nie vergessen, die mich so gerührt hatten. Ich
habe mich genauer über seine Religion informiert und
herausgefunden, dass die Buddhisten, im Gegensatz zu
den Moslems mit ihrem Auge-um-Auge-und-Zahn-um-
Zahn, und im Gegensatz zu den Christen, die von Vergebung
sprechen, aber die Hölle erfunden haben, niemals
das Wort »Feind« benutzen. Ich habe auch feststellen können,
dass sie niemals mit Gewalt Proselytenmacherei betrieben
haben, dass sie niemals unter dem Vorwand der
Religion andere Länder erobert haben, sondern sich stets
nur verteidigt haben und dass ihnen der Begriff Heiliger
Krieg vollkommen fremd ist. Manche ihrer Gegner
widersprechen mir. Sie bestreiten, dass der Buddhismus
118
eine friedliche Religion sei, und führen zur Unterstützung
ihrer Th ese das Beispiel der kriegerischen Mönche
in Japan an. Das mag richtig sein, da es in jeder Familie
jemanden mit schlechtem Charakter gibt. Doch sogar die
Gegner erkennen an, dass der schlechte Charakter jener
kriegerischen Mönche nicht zur Proselytenmacherei genutzt
wurde, und sie geben zu, dass die Geschichte des
Buddhismus keine wilden Saladine oder Päpste wie Leon
IX., Urban II, Innozenz II, Pius II. oder Julius II. verzeichnet.
Sie verzeichnet keine Dalai Lamas, die mit Rüstung
und Schwert Soldaten anführen, im Namen Gottes
ihre Mitmenschen massakrieren und Dörfer zerstören.
Dennoch lassen die Söhne Allahs auch die Buddhisten
nicht in Ruhe. Sie sprengen ihre Statuen, hindern sie daran,
ihre Religion auszuüben. Und ich frage mich: Wen
trifft es als Nächstes, nachdem die Buddhas von Bamiyan
in die Luft gefl ogen sind wie die Wolkenkratzer von
New York? Ist sie nur gegen Christen und Juden gerichtet,
gegen den Westen, die Grausamkeit der Söhne Allahs?
Oder strebt sie, wie Usama Bin Laden ankündigte,
danach, die ganze Welt zu unterwerfen?
Die Frage gilt auch, wenn Usama Bin Laden zum Buddhismus
übertritt und die Taliban plötzlich liberal werden
sollten. Denn Usama Bin Laden und die Taliban (ich
werde nie müde, das zu wiederholen) sind nur der jüngste
Ausdruck einer Realität, die seit eintausendvierhundert
Jahren existiert. Einer Realität, vor der der Westen unerklärlicherweise
die Augen verschließt. Vor zwanzig Jahren,
mein Lieber, habe ich die Söhne Allahs ohne Usama
Bin Laden und ohne die Taliban am Werk gesehen.
Ich habe gesehen, wie sie Kirchen zerstörten, Kruzifi xe
verbrannten, Madonnen schändeten, auf die Altäre urinierten
und die Altäre in Aborte verwandelten. In Beirut
habe ich sie gesehen. Jenem Beirut, das so schön war
und das es heute, durch ihre Schuld, praktisch nicht
mehr gibt. Jenem Beirut, wo sie von den Libanesen aufgenommen
worden waren, wie die Tibeter von den Indern
in Dharamsala, und wo sie, nach und nach, von der
Stadt bzw. dem Land Besitz ergriff en hatten. Unter der
Schirmherrschaft von Herrn Arafat, der jetzt das Unschuldslamm
spielt und seine Vergangenheit als Terrorist
verleugnet, hatten sie dort einen Staat im Staat errichtet.
Blättere die Zeitungen von damals durch, falls
du ein kurzes Gedächtnis hast wie er, oder lies mein Inschallah
wieder. Es ist zwar ein Roman, aber er fußt auf
einer historischen Realität, die alle erlebt und Hunderte
von Journalisten beobachtet haben. In allen Sprachen
haben sie darüber berichtet. Die Geschichte kann man
nicht auslöschen. Man kann sie verfälschen wie der Große
Bruder in George Orwells Roman, man kann sie ignorieren,
man kann sie vergessen: aber ungeschehen machen
kann man sie nicht. Und was die so genannte Linke
betrifft , die ein noch kürzeres Gedächtnis hat als Herr
Arafat: Erinnert sich denn niemand mehr an die heiligen
Worte von Marx und Lenin »Die Religion ist das Opium
des Volkes«? Ist niemandem aufgefallen, dass alle islamischen
Länder Opfer eines theokratischen Regimes
sind, dass sie bei näherem Hinsehen alle Kopien von Afghanistan
oder dem Iran sind oder es werden möchten?
Herrgott, es gibt kein einziges islamisches Land, das auf
demokratische oder wenigstens säkulare Weise regiert
wird! Nicht eines! Sogar die von einer Militärdiktatur
geknechteten Länder wie der Irak, Libyen und Pakistan,
sogar die von einer degradierten Monarchie tyrannisierten
wie Saudi-Arabien und Jemen, sogar die von einer
vernünft igeren Monarchie beherrschten wie Jordanien
und Marokko kommen niemals vom Weg ihrer Religion
ab, die jeden Augenblick und alle Lebensbereiche dominiert.
Niemals! Kann so eine monströse Größe neben
unseren Grundsätzen von Freiheit, unseren demokratischen
Regeln, unserer Zivilisation existieren? Können
wir sie hinnehmen im Namen der Aufgeschlossenheit,
der Nachsicht, des Einfühlungsvermögens oder des Pluralismus?
Wenn dem so wäre, warum haben wir dann
gegen Mussolini und Hitler gekämpft , gegen Stalin und
Mao Tsetung, warum vergeben wir Castro nicht, warum
werfen wir über Milosevics Jugoslawien Bomben ab, warum
sprechen wir von Freiheit und Demokratie und Zivilisation,
wenn wir unsere Nase in anderer Leute Angelegenheiten
stecken? Warum sind die Worte in diesen
Zusammenhängen richtig und heilig, aber nicht im Zusammenhang
mit den islamischen Diktaturen? Hört auf
mit dem Scheiß, ihr Luxuszikaden und Allerweltszikaden:
Wohin hat euch eure Fortschrittlichkeit geführt?
Wann hat euer Laizismus aufgehört zu existieren? Hat er
jemals existiert? Denn wenn er existiert hat, wenn er immer
noch existiert, im Verborgenen oder ungehört, wenn
er existiert, möchte ich eure Heuchelei mit einer kleinen
Frage entlarven: Mit welchem Recht verurteilt ihr Israels
Zionismus? Mit welchem Recht verdammt ihr die ortho
121
doxen Juden, die diese lustigen schwarzen Hüte tragen
und einen Bart wie Usama Bin Laden und Locken wie
Greta Garbo in »Die Kameliendame«?!? Dieses Recht gebührt
mir, denn ich bin laizistisch, ein Mensch, der jede
Form von religiösem Konfl ikt ablehnt, ein Freigeist, der
nicht einmal den Ausdruck theokratischer Staat zulässt:
Dieses Recht gebührt nicht euch, ihr falschen Liberalen.
Ihr Kollaborateure. Ihr Verräter.
Und lasst uns nun zu den Pionieren der islamischen
Diktatur kommen, die ihre Landeplätze und Siedlungen
bereits in meinem Land, in meiner Stadt etabliert haben.
* * *
Ich schlage keine Zelte in Mekka auf. Ich bete keine Vaterunser
und Ave-Marias am Grab Mohammeds. Ich
gehe nicht in ihre Moscheen, um auf den Marmor zu
pinkeln. Und noch viel weniger, um zu kacken. Wenn
ich mich in ihren Ländern aufh alte (was mir keine sonderliche
Freude bereitet), vergesse ich nie, dass ich zu
Gast und Ausländerin bin. Ich achte darauf, sie nicht
mit Kleidung oder Gesten oder Verhaltensweisen zu
beleidigen, die für uns normal, für sie aber unzumutbar
sind. Ich behandle sie mit Respekt, mit Höfl ichkeit,
ich entschuldige mich, wenn ich aus Versehen oder aus
Unwissenheit eine ihrer Regeln oder abergläubischen
Bräuche verletze. Und während das Bild der zwei zerstörten
Türme sich mit dem der beiden getöteten Buddhas
mischt, sehe ich nun auch das zwar nicht apokalyp
tische, aber für mich symbolische Bild des großen Zelts,
mit dem somalische Moslems (Somalia steht mit Bin Laden
auf sehr gutem Fuße, erinnerst du dich?) vor zwei
Jahren im Sommer dreieinhalb Monate lang die Piazza
del Duomo in Florenz verschandelt, besudelt und beleidigt
haben. Meine Stadt.
Das Zelt wurde aufgestellt, um die zu der Zeit linke
italienische Regierung zu tadeln zu verurteilen zu beleidigen,
weil diese zögerte, den Somaliern die Pässe zu
verlängern, die sie brauchten, um quer durch Europa zu
reisen und ihre Verwandtenhorden nach Italien zu holen.
Mütter, Väter, Brüder, Schwestern, Onkel, Tanten, Cousins,
Cousinen, schwangere Schwägerinnen und womöglich
noch Verwandte von Verwandten. Ein Zelt, das vor
dem schönen erzbischöfl ichen Palais stand, auf dessen
Trottoir sie ihre Schuhe oder Sandalen aufreihten, welche
sie in ihrem Land vor den Moscheen abstellen. Und
zusammen mit den Schuhen die leeren Mineralwasserfl aschen,
mit deren Inhalt sie sich vor dem Gebet die Füße
gewaschen hatten. Ein Zelt gegenüber der von Brunelleschi
erdachten Kathedrale Santa Maria del Fiore, neben
dem tausendjährigen Baptisterium mit den vergoldeten
Türen von Ghiberti. Ein Zelt, das wie eine Wohnung eingerichtet
war. Stühle, kleine Tische, Chaiselongues, Matratzen
zum Schlafen und Vögeln, Gasherde, um Essen
zu kochen oder vielmehr den Platz mit Rauch und Gestank
zu verpesten. Und dank eines Generators gab es
sogar elektrischen Strom. Ein ständig laufender Radio-
Kassettenrecorder bereicherte die Szene um das unfl ätige
Geschrei eines Muezzin, der die Gläubigen pünkt
lich zum Gebet rief, die Ungläubigen ermahnte und mit
seiner Stimme den Glockenklang übertönte. Zu alldem
kamen noch die widerlichen gelben Urinstreifen, die den
Marmor des Baptisteriums schändeten. (Donnerwetter!
Sie haben einen starken Strahl, diese Söhne Allahs! Wie
machten sie es bloß, dass sie ihr Ziel trafen, das doch von
einem Schutzgitter umgeben ist und sich somit beinahe
zwei Meter von ihrem Harnapparat entfernt befand?)
Und der ekelhaft e Gestank ihrer Exkremente, die sie vor
dem Portal von San Salvatore al Vescovo deponierten: vor
der ehrwürdigen romanischen Kirche aus dem neunten
Jahrhundert an der Rückseite der Piazza del Duomo, die
die Barbaren in einen Abort verwandelt hatten. Das alles
ist dir wohl bekannt.
Du weißt es, denn ich selbst habe dich angerufen und
gebeten, in deiner Zeitung darüber zu berichten, erinnerst
du dich? Ich rief auch den Bürgermeister von Florenz
an, der mich, zugegeben, freundlicherweise zu Hause
aufsuchte. Er hörte mich an, er gab mir Recht. »Sie
haben Recht, Sie haben ganz Recht …« Doch entfernen
ließ er das Zelt nicht. Er vergaß es oder traute sich nicht.
Ich rief auch den Außenminister an, der ein Florentiner
war, sogar einer von denen, die mit stark fl orentinischem
Akzent sprechen, und zudem persönlich in die
Sache mit den Pässen verwickelt war, mit denen die Söhne
Allahs Europa bereisen wollten. Auch er hörte mich
an, das gebe ich zu. Und er pfl ichtete mir bei: »O ja. Sie
haben Recht, ja.« Doch wie der Bürgermeister rührte er
keinen Finger, um das Zelt zu entfernen. Er traute sich
nicht. Daraufh in änderte ich meine Taktik. Ich rief ei
nen Polizisten an, der für die Sicherheit der Stadt verantwortlich
zeichnete, und sagte zu ihm: »Lieber Polizist,
ich bin kein Politiker. Wenn ich sage, dass ich etwas
machen werde, dann mache ich es auch. Wenn ihr bis
morgen nicht das verdammte Zelt wegräumt, zünde ich
es an. Ich schwöre bei meiner Ehre, dass ich es anzünde,
dass es selbst einem ganzen Regiment von Carabinieri
nicht gelingen wird, mich aufzuhalten. Und dafür
will ich verhaft et werden, mit Handschellen ins Gefängnis
kommen. Dann berichten alle Zeitungen und die Tagesschau,
Oriana-Fallaci-in-Florenz-fest genommen-weilsie-
ihre-Stadt-verteidigt-hat, und ich stelle euch vor aller
Welt bloß.« Nun, da er weniger dumm war als die
anderen oder vielleicht schneller begriff , dass dies ihm
ein wenig Ruhm einbringen könnte, gehorchte der Polizist.
Anstelle des Zeltes blieb nur ein riesiger, widerlicher
Dreckfl eck zurück: ein Überbleibsel des Zeltlagers, das
dreieinhalb Monate gedauert hatte. Doch es war ein Pyrrhussieg.
Gleich darauf wurden nämlich den Somaliern
vom Außenminister die Pässe verlängert. Die Aufenthaltsgenehmigungen
erteilt. Ihre Väter und Mütter, ihre
Brüder und Schwestern, ihre Cousins und Cousinen und
die schwangeren Schwägerinnen (die inzwischen entbunden
haben) sind jetzt da, wo sie hinwollten, nämlich in
Florenz und in anderen Städten Europas. Und letztlich
beeinfl usste die Tatsache, dass das Zelt abgebrochen wurde,
in keiner Weise die anderen Verunstaltungen, die die
frühere Hauptstadt der Kunst, der Kultur und der Schönheit
seit Jahren verheeren und beleidigen. Sie entmutigte
die anderen Eindringlinge kein bisschen. Die Albaner, die
Sudanesen, die Bengalen, die Tunesier, die Algerier, die
Pakistani, die Nigerianer. Kurz die Drogenhändler (ein
Verbrechen, das der Koran off enbar nicht ahndet), die
uns unter den Augen einer machtlosen Polizei verfolgen.
Die Diebe (gewöhnlich Albaner), die dich im Schlaf zu
Hause im Bett überfallen. (Und wehe, wenn du auf ihre
Revolverschüsse deinerseits mit dem Revolver antwortest:
Rassistin! Rassistin!) Die an Syphilis oder Aids erkrankten
Prostituierten, die alte Nonnen schlagen oder
töten, die sie aus ihrer Knechtschaft befreien wollen. Die
fl iegenden Händler und die mit den festen Standorten,
die die Straßen, Plätze und Denkmäler verunstalten und
beschmutzen …
Ich sage das, weil die Händler die gesamte Altstadt
in Beschlag nehmen, das heißt die schönsten und berühmtesten
Orte. Die Arkaden der Uffi zien, zum Beispiel.
Die Gegend um die Kathedrale und den Campanile
von Giotto, wo sie immer noch urinieren. Den Ponte
Vecchio, wo sie den Eingang zu den Geschäft en versperren
und ab und zu mit dem Messer aufeinander losgehen.
Die wunderschöne Piazza Michelangelo und die Lungarni,
wo sie verlangt und erreicht haben, dass die Kommune
sie fi nanziert. (Aufgrund welchen Anspruchs weiß
man nicht, da sie keine Steuern zahlen.) Sie lagern auch
auf den Bürgersteigen vor den Museen und der Bibliotheken,
den Stufen der alten Paläste und auf den Vorplätzen
der hundertjährigen Kirchen. Zum Beispiel vor der
Kirche San Lorenzo, wo sie sich Allah zum Trotz betrinken
und den Frauen Obszönitäten nachrufen. (Letzten
Sommer sogar mir, einer ehrwürdigen Dame. Selbstver
ständlich bekam ihnen das schlecht! Sehr schlecht! Einer
sitzt immer noch dort und hält sich jammernd die
Genitalien.) Ja, unter dem Vorwand, ihre verdammten
Waren zu verkaufen, sind sie ständig da. Und mit »Waren
« sind illegale Imitationen patentgeschützter Modelle
von Taschen und Koff ern gemeint, Plakate, Postkarten,
afrikanische Statuetten, die von den ungebildeten Touristen
für Skulpturen von Bernini gehalten werden. Welche
Frechheit! Welche Arroganz! »Je connais mes droits,
ich kenne meine Rechte«, zischte mir auf dem Ponte Vecchio
ein Nigerianer zu, den ich schief angeschaut hatte,
weil er Drogen verkauft e. Meinerseits schrie ich zurück
ich-lass-dich-verhaft en-und-ausweisen-verdammter-Hurensohn,
brutto-fi glio-di-puttana. Das gleiche »ich kenne
meine Rechte« hatte zwei Jahre zuvor auf dem Platz an
der Porta Romana ein sehr junger Sohn Allahs in perfektem
Italienisch zu mir gesagt, der mir an den Busen
gegrapscht und den ich mit dem gewohnten Tritt in die
Eier zurechtgewiesen hatte. (Nunmehr die einzige Waffe,
derer sich eine Frau bedienen kann, um ihre Bürgerrechte
durchzusetzen.) Nicht zufrieden mit all dem, fordern
sie immer mehr Moscheen, obwohl sie in ihrem eigenen
Land nicht den Bau der kleinsten Kirche gestatten
und Nonnen vergewaltigen und Missionare ermorden, sobald
sie können. Und wehe, wenn ein Bürger protestiert.
Wehe, wenn er einem von ihnen antwortet: übe-diese-
Rechte-bei-dir-zu-Hause-aus. »Rassist! Rassist!« Wehe,
wenn ein vorbeikommender Passant dort, wo die Waren
den Durchgang versperren, eine der angeblichen Bernini-
Skulpturen streift . »Rassist! Rassist!« Wehe, wenn sich

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #13 on: September 19, 2012, 03:48:35 pm »
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ein Verkehrspolizist nähert und zu sagen wagt: »Verehrter
Sohn Allahs, würde es Ihnen etwas ausmachen, ein
klein wenig beiseite zu rücken, damit die Leute durchkönnen?
« Sie zerreißen ihn in der Luft . Schlimmer als
bissige Hunde fallen sie über ihn her.
Mindestens beschimpfen sie seine Mutter und seine
Kinder. Und die Leute schweigen resigniert, eingeschüchtert,
in Schach gehalten von dem Wort »Rassist«. Sie machen
nicht einmal dann den Mund auf, wenn man sie
anschreit, wie mein Vater sie unter dem Faschismus anbrüllte:
»Habt ihr denn keinen Funken Würde im Leib,
ihr Schafsköpfe? Habt ihr kein bisschen Selbstachtung,
ihr Hasenfüße, ihr Feiglinge?«
In anderen Städten ist es genauso, du weißt es. So ist
es in Turin, zum Beispiel. In Turin, das Italien schuf und
heute gar keine italienische Stadt mehr zu sein scheint.
Man kommt sich eher vor wie in Dhaka, Nairobi, Damaskus
oder Beirut. So ist es in Venedig. In Venedig,
wo die Tauben auf dem Markusplatz den Typen gewichen
sind, die sogar Othello (doch Othello war ein großer
Herr) ins Meer werfen würde. So ist es in Genua. In
Genua, wo die wundervollen Palazzi, die Rubens so sehr
bewunderte, von ihnen besetzt wurden und jetzt verfallen
wie vergewaltigte schöne Frauen. So ist es in Rom. In
Rom, wo die Politik jeglicher Couleur sie verlogen und
voller Zynismus umwirbt in der Hoff nung auf ihre zukünft
ige Stimme. Und wo selbst der Papst sie beschützt,
der davon träumt, wie ich vermute, nach Kabul und Islamabad
zu reisen. (Heiligkeit, warum im Namen des Einen
Gottes nehmen Sie die Leute nicht bei sich im Va
tikan auf? Alle. Die Banditen, die Verkäufer, die Prostituierten,
die Drogenhändler, die Terroristen. Unter der
Bedingung natürlich, dass sie nicht auch die Sixtinische
Kapelle und die Statuen von Michelangelo und die Gemälde
von Raff ael voll scheißen.) Nun gut. Jetzt bin ich
es, die nicht versteht. Diese Leute werden in Italien »ausländische
Arbeitnehmer« genannt. Oder Arbeitskraft -diegebraucht-
wird. Und daran, dass einige Söhne Allahs arbeiten,
besteht gar kein Zweifel. Die Italiener sind so vornehm
geworden. Wie die übrigen Europäer. Sie fahren
im Urlaub auf die Seychellen, verbringen Weihnachten
in Paris. Sie haben ein englisches Kindermädchen und
farbige Hausangestellte, schämen sich, Arbeiter und Bauern
zu sein. Sie wollen alle der reichen Bourgeoisie angehören,
Unternehmer und Professor sein. Man kann
sie nicht mehr mit dem Proletariat in Verbindung bringen,
und jemanden, der für sie arbeitet, muss es ja geben.
Doch die, von denen ich spreche, was für Arbeiter sind
das? Welche Arbeit tun sie? Auf welche Weise decken sie
den Bedarf an Arbeitskraft , die das ehemalige italienische
Proletariat nicht mehr bereithält? Indem sie in der Stadt
biwakieren unter dem Vorwand, »Waren« zu verkaufen,
Drogen und Prostituierte eingeschlossen? Indem sie herumlungern
und unsere Denkmäler verschandeln? Indem
sie sich auf Kirchenvorplätzen betrinken und ehrwürdigen
Damen, die auf der Straße vorbeigehen, Obszönitäten
nachrufen, ihnen an den Busen grapschen nach dem
Motto ich-kenne-meine-Rechte? Und dann gibt es noch
etwas, das ich nicht verstehe. Wenn sie so arm sind, so
Not leidend, wer gibt ihnen dann das Geld für die Reise
nach Italien per Schiff oder Schlauchboot? Wer gibt ihnen
die zehn Millionen Lire pro Kopf (mindestens zehn
Millionen), die sie brauchen, um die Reise zu bezahlen?
Also fünfzig Millionen für eine fünfk öpfi ge Familie, eine
Summe, die gerade für eine Reise aus dem sehr nahen Albanien
genügt. Doch nicht etwa die Usama Bin Ladens,
mit dem Ziel, Terroristen der Al Qaida zu exportieren?
Doch nicht etwa die Prinzen des saudiarabischen Königshauses,
die ihr Territorium erweitern wollen, wie es
ihre Vorfahren in Spanien und Portugal gemacht haben?
Ich glaube nicht an ein unschuldiges und spontanes Naturphänomen.
Sie sind viel zu heimtückisch, zu gut organisiert,
diese ausländischen Arbeiter. Darüber hinaus
pfl anzen sie sich unaufh örlich fort. Die Italiener bekommen
keine Kinder mehr, diese Dummköpfe. Die übrigen
Europäer auch nicht. Unsere »ausländischen Arbeiter«
dagegen vermehren sich wie die Ratten. Mindestens die
Hälft e aller moslemischen Frauen, die man auf der Straße
sieht, sind von Kinderhorden umgeben und schwanger.
Rom haben gestern drei Frauen in der Öff entlichkeit
ein Kind geboren. Eine im Bus, eine im Taxi und eine
auf der Straße … Nein, das alles überzeugt mich nicht.
Und wer das Th ema nicht ernst nimmt, irrt sich gewaltig.
Wie sich auch die Heuchler irren, die die Einwanderungswelle,
die Italien und ganz Europa überrollt, mit
derjenigen vergleicht, die in der zweiten Hälft e des 19.
Jahrhunderts und im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts
stattfand. Amerika erreichte. Jetzt bringe ich dir in Erinnerung,
warum.
130
* * *
Eines Abends hörte ich zufällig einen der zehntausend
Exministerpräsidenten, die Italien in den letzten vierzig
Jahren gequält haben, im Fernsehen sagen: »Mein Onkel
war auch Emigrant. Ich weiß noch, wie mein Onkel
mit einem Vulkanfi berkoff er nach Amerika aufb rach!«
O nein, mein schlecht informierter Herr Exministerpräsident:
nein. Abgesehen einmal davon, dass Sie gar nicht
gesehen haben können, wie Ihr Onkel mit seinem Vulkanfi
berkoff er nach Amerika aufb rach, weil Onkel mit
Vulkanfi berkoff ern im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts
nach Amerika gereist sind, also als Sie noch nicht
geboren waren, es ist nicht dasselbe. Und zwar aus recht
einfachen Gründen, die Ihnen nicht bekannt sind oder
die Sie vorgeben nicht zu kennen. Hier sind sie:
Der erste: Die Fläche Nordamerikas beträgt 3 717 812
Quadratkilometer. Bis heute gibt es ausgedehnte Gebiete,
die unbewohnt oder fast unbewohnt sind, sodass
man sich in manchen Gegenden Monate aufh alten kann,
ohne einer Menschenseele zu begegnen. Und in der zweiten
Hälft e des 19. Jahrhunderts waren sie erst recht leer
oder fast leer. Keine Straßen, keine Dörfer, keine Städte.
Höchstens ein Handelsposten, eine Koppel, wo man die
Pferde wechseln konnte. Die Mehrheit der Bevölkerung
konzentrierte sich faktisch in den östlichen Staaten. Im
Mid West, das heißt im Inneren des Landes, lebten nur
einige Pioniere oder Jäger, einige wenige Indianerstämme
(die so genannten Rothäute) oder vertriebene Rothäute
unter schrecklichen Bedingungen in Reservaten.
An der Westküste, noch weniger Menschen: Der Goldrausch
hatte gerade erst begonnen. Also, Italien ist kein
Kontinent. Es ist ein eher kleines Land. Zweiunddreißig
Mal kleiner als der amerikanische Kontinent. Außerdem
ist es überbevölkert: ungefähr achtundfünfzig
Millionen Italiener stehen zweihundertzweiundachtzig
Millionen Amerikaner gegenüber. Das heißt, wenn sich
jährlich dreihunderttausend Söhne Allahs in Italien niederlassen,
entspräche das in Amerika zwei oder vielleicht
sogar vier Millionen … Der zweite: Ein Jahrhundert lang,
also vom Unabhängigkeitskrieg bis 1875, war Amerika
frei zugänglich. Die Grenzen und Küsten waren unbewacht,
jeder, der wollte, konnte einreisen, und Immigranten
waren mehr als willkommen. Um zu blühen und
zu gedeihen, brauchte die junge Nation viele Menschen.
Denk nur an den Homestead Act, das Gesetz, das Abraham
Lincoln am 20. Mai 1862 unterschrieb. Ein Gesetz,
das die Verteilung von 270 Millionen Acres staatlichen
Landes vorsah, das sind zehn Prozent. In Oklahoma,
in Montana, in Nebraska, in Colorado, in Kansas,
in Dakota und so weiter. Ein Gesetz, von dem noch dazu
nicht nur die Amerikaner profi tierten: Abgesehen einmal
von den wenig angesehenen Chinesen und den enteigneten
indianischen Ureinwohnern hatte jeder (Mann
oder Frau) das Recht auf 160 Acres, die er geschenkt bekam.
Die einzigen Bedingungen waren, dass man nicht
jünger als einundzwanzig Jahre sein durft e, dass man
mindestens fünf Jahre bleiben musste, dass man auf dem
wilden Land eine Farm errichten musste, eine Familie
gründen und, wenn der Anwärter kein Amerikaner war,
die amerikanische Staatsangehörigkeit beantragen musste.
Tatsächlich, und das ist der Punkt, kamen viele aus
Europa. Genauer gesagt aus Nordeuropa. Sie folgten den
Slogans »Amerikanischer-Traum«, »Amerika-Land-derunbegrenzten-
Möglichkeiten«, sie kamen in so großer
Zahl, dass in Oklahoma weitere Indianerstämme (Cherokee,
Creek, Seminole, Chickasaw) schändlicherweise
verjagt und in Reservate gesperrt wurden. Also … In
Italien hat es nie ein Gesetz gegeben, das die Söhne Allahs
dazu aufgefordert hätte, sich in unserem Land niederzulassen.
»Komm, komm, mein lieber Sohn Allahs!
Bei deiner Ankunft schenken wir dir einen netten Bauernhof
in der Toskana oder in der Poebene und wegen
dir werfen wir die Einheimischen raus, wir stecken sie
in Reservate!« Oder so ähnlich. Wie im übrigen Europa
kamen und kommen sie aus eigener Initiative: mit den
verfl uchten Booten, den verfl uchten Schlauchbooten der
albanischen Mafi a. Und zwar trotz unserer Grenzpolizei,
die sie abzuweisen versucht, weil wir kein Einwanderungsland
sind, mein lieber Herr Exministerpräsident
und vorgeblicher Neff e eines Onkels mit einem Vulkanfi
berkoff er. Jetzt nicht mehr. Die Grenzpolizei schützt die
Küsten nicht mehr. Den Vorschrift en unserer schlaff en
Regierung gemäß lassen sie sich widerlich resigniert von
den Horden überrollen. Sie helfen ihnen bei der Landung,
begleiten sie zum Flüchtlingslager, ertragen ihre
Gewalttätigkeiten.
Der dritte: Nicht einmal das Land-der-unbegrenzten-
Möglichkeiten handelte so nachsichtig wie wir. 1875 begriff
die amerikanische Regierung, dass man die Zuwan
derung begrenzen musste, und der Kongress erließ ein
Gesetz, das ehemaligen Sträfl ingen und Prostituierten den
Zutritt verwehrte. 1882 wurde ein zweites Gesetz erlassen,
das die Geisteskranken und diejenigen ausschloss, die
wahrscheinlich dem Staat auf der Tasche liegen würden.
1903 ein drittes, das Epileptiker, Verrückte, Menschen
mit übertragbaren Krankheiten, professionelle Bettler
und Anarchisten ausschloss. (Das war damals die ungenaue
Bezeichnung für diejenigen, die Präsidenten ermordet
oder Streiks angezettelt hatten.) Von diesem Augenblick
an wurde die Einwanderungspolitik immer restriktiver,
und die Illegalen gerieten in ernste Schwierigkeiten.
In Italien jedoch, in Europa, können sie kommen und
gehen, wie sie wollen. Terroristen, Diebe, Vergewaltiger,
ehemalige Sträfl inge. Prostituierte, Bettler, Drogenhändler,
Menschen mit übertragbaren Krankheiten. Nicht einmal
die, die eine Arbeitserlaubnis erhalten, werden auf
ihre Vergangenheit hin überprüft . Einmal angekommen,
werden sie auf Kosten der Einheimischen untergebracht,
gewaschen, ernährt, behandelt. Will heißen auf Kosten
der Steuerzahler. Sie bekommen sogar ein Taschengeld,
einen Geldbetrag für die kleinen Ausgaben. Und was die
illegalen Einwanderer angeht … Wenn sie zufällig ausgewiesen
worden sein sollten: Sie kommen zurück. Wenn
sie noch einmal ausgewiesen werden, kommen sie im
stillen Einverständnis mit den Politikern, die auf ihre zukünft
ige Stimme zählen, und mit Gott wieder! Ich werde
niemals die Demonstrationen vergessen, mit denen
die illegalen Einwanderer im letzten Jahr die Plätze Italiens
füllten, um Aufenthaltsgenehmigungen zu bekom
men. Die bösen, verzerrten, feindseligen Gesichter. Die
Fahnen ihrer Länder, ihre drohend erhobenen Fäuste,
bereit, auf uns Einheimische einzuschlagen und uns in
Reservate zu werfen. Die Drohungen der zornigen, rauen
Stimmen, die mich an Khomeinis Teheran erinnerten,
Bin Ladens Indonesien, Malaysia, Pakistan, Irak, Senegal,
Somalia, Kenia, Nigeria, Libyen, Algerien, Marokko, Syrien,
Libanon, Palästina und so weiter. Nie werde ich das
vergessen, denn abgesehen einmal davon, dass sie mich
beleidigten, indem sie sich in meinem Land wie Herren
auff ührten, fühlte ich mich von unseren Politikern verhöhnt,
die sagten: »Wir würden sie ja gerne abschieben,
aber wir wissen nicht, wo sie sich verstecken.« Verstecken?
Heuchler! Lügner! Gauner! Tausende und Abertausende
standen auf diesen Plätzen und versteckten sich keineswegs.
Um sie auszuweisen, sie in ihr Land zurückzubringen,
hätte es genügt, sie von bewaff neten Polizisten oder
Soldaten umzingeln zu lassen. Sie auf Lastwagen zu laden
und zu einem Flughafen oder Hafen zu bringen und
in ihr Land zurückzuschicken.
Der letzte Grund ist so einfach, mein lieber Exministerpräsident
and Company, dass sogar ein dummes
Kind ihn begreifen würde: Amerika ist ein sehr junges
Land. Wenn Sie bedenken, dass die Geburt dieser Nation
Ende des 18. Jahrhunderts stattgefunden hat, wird
Ihnen klar, dass sie kaum zweihundert Jahre alt ist. Außerdem
handelt es sich um ein Einwanderungsland. Seit
der Zeit der Mayfair und der Kolonien ist jeder Amerikaner
ein Einwanderer. Und sein Kind, sein Enkel der
Nachfahre eines Einwanderers. Dieses Einwanderungs
land ist der unglaublichste Schmelztiegel für Rassen, Religionen,
Sprachen, den man je auf diesem Planeten gesehen
hat. Ein sehr junges Land, das mit der kürzesten
Geschichte. Kein Wunder, dass seine kulturelle Identität
noch nicht gefestigt ist. Italien dagegen ist ein sehr altes
Land. Das älteste im Westen, würde ich sagen. Seine Geschichte
währt im Grunde seit dreitausend Jahren, also
seit Rom gegründet wurde, die Etrusker waren bereits
kultivierte Menschen. In diesen dreitausend Jahren und
trotz der Universalität des Römischen Reiches und trotz
der Eroberer, die letztlich den Zusammenbruch des Römischen
Reiches besiegelten, war es nie ein Einwanderungsland.
(Es absorbierte sie alle: Skandinavier, Deutsche,
Spanier, Franzosen, Österreicher … Denken Sie an
Habsburg-Lothringen, die Großfürsten der Toskana, die
sich niemals wie Österreicher fühlten. Sie fühlten sich immer
als Toskaner, Florentiner, und sprachen und schrieben
immer auf Italienisch). Unsere kulturelle Identität ist
deswegen genau umrissen. Sehr präzise. Und auf keinen
Fall bezieht sie die moslemische Welt mit ein, auf keinen
Fall lässt sie einen Einfl uss zu, und seit zweitausend Jahren
beruht sie auf einer Religion, die christliche Religion
heißt. Einer Kirche, die katholische Kirche heißt. Eine
Kirche, die uns mehr geformt hat, als uns lieb ist. Nehmen
Sie mich zum Beispiel. »Ich bin Atheistin, ich bin
antiklerikal, ich bin ein Freigeist, ich habe nichts mit der
katholischen Kirche zu tun«, sage ich gewöhnlich. Und
es ist wahr. Aber nur die halbe Wahrheit. Denn, ob es
mir gefällt oder nicht, ich habe damit zu tun. Verdammt,
und wie! Und wie könnte es anders sein? Ich bin in einer
Landschaft voller Kirchen, Klöster, Christusfi guren, Madonnen,
Heiliger und Kreuze geboren. Die erste Musik,
die ich gehört habe, als ich auf die Welt kam, war Glockenläuten.
Das Glockenläuten von Santa Maria del Fiore,
das, als-das-Zelt-dort-stand, vom Geschrei des Muezzins
übertönt wurde. Mit dieser Musik, in dieser Landschaft
, mit dieser Sprache, der Kultur dieser Kirche, vor
der sich sogar große Geister wie Dante Alighieri und Leonardo
da Vinci und Michelangelo und Galileo Galilei
verneigt haben, bin ich aufgewachsen. Durch sie habe ich
gelernt, was Bildhauerei ist, Architektur, Malerei, Poesie,
Literatur, was Schönheit und was Wissen sind. Dank ihr
habe ich begonnen über Moral nachzudenken. Über Gut
und Böse und darüber, ob Gott gut oder böse sein kann,
ob er existiert, ob die Seele auf einer chemischen Formel
basiert oder mehr ist, und Herrgott …
Siehst du? Noch einmal habe ich »Herrgott« geschrieben.
Trotz all meines Laizismus, meines Atheismus, bin
ich so von der katholischen Kultur durchdrungen, dass
sie sogar meine Ausdrucksweise beeinfl usst. »O Gott,
mein Gott, Gott sei Dank, Herrgott, Herrje, heilige Muttergottes,
um Gottes willen, Jesus, Maria und Josef.« Diese
Wörter kommen mir so spontan über die Lippen, dass
ich gar nicht merke, wenn ich sie ausspreche oder schreibe.
Und wollen wir ganz aufrichtig sein? Obwohl ich dem
Katholizismus die Gemeinheiten, die er mir jahrhundertelang
angetan hat, nie verziehen habe, angefangen bei
der Inquisition, die im 16. Jahrhundert auch eine meiner
Ahninnen verbrannte, arme Großmutter, obwohl ich mit
den Pfarrern nicht einverstanden bin und mit ihren Gebe

KarlMartell

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Re: Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz
« Reply #14 on: September 19, 2012, 03:51:29 pm »
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ten nichts anfangen kann, gefällt mir der Klang der Glocken
doch über alles. Sie liebkosen mein Herz. Auch die
schönen Christusdarstellungen, die schönen Madonnenund
Heiligen bilder gefallen mir. Nicht zufällig sammle
ich Ikonen, und meine Wohnung ist übervoll mit Ikonen.
Auch Klöster gefallen mir. Sie vermitteln mir ein
Gefühl von tiefem Frieden, und häufi g beneide ich die,
die darin wohnen. Und geben wir es doch zu: unsere Kathedralen
sind schön, meiner Meinung nach schöner als
die Moscheen und die Synagogen. Auch die kleinen Kirchen
auf dem Land sind schön. Sie sind sogar schöner als
die protestantischen Kirchen. Der Friedhof meiner Familie
ist ein protestantischer Friedhof. Er nimmt Tote aller
Religionen auf, aber es ist ein protestantischer Friedhof.
Und eine Urgroßmutter von mir war Waldenserin,
eine Großtante war evangelisch. Die waldensische Urgroßmutter
habe ich leider nicht gekannt. Sie ist ziemlich
jung gestorben. Die evangelische Großtante schon. Als
ich noch klein war, nahm sie mich oft zum Gottesdienst
ihrer Kirche in der Via de’ Benci in Florenz mit und …
Herrgott, wie ich mich langweilte! Ich fühlte mich so allein
unter diesen Gläubigen, die nur Kirchenlieder sangen
und sonst nichts, bei diesem Pfarrer, der kein Pfarrer
war und nur aus der Bibel vorlas und sonst nichts.
Mir war so traurig zumute in dieser Kirche, die gar keine
Kirche zu sein schien und in der es außer einer kleinen
Kanzel nur ein großes Kreuz gab und sonst nichts.
Keine Christusfi guren, keine Madonnen, keine Heiligen,
keine Engel, keine Kerzen, keinen Weihrauch … Sogar
der Weihrauchgestank fehlte mir, und ich wäre lieber
in der nahen Basilika Santa Croce gewesen, wo es diese
Dinge im Überfl uss gibt. Das Blendwerk, an das ich
gewohnt bin. Und noch etwas: Im Garten meines Landhauses
in der Toskana steht eine winzig kleine Kapelle.
Sie ist immer verschlossen. Seit Mama tot ist, benutzt sie
niemand mehr. Doch manchmal gehe ich hinein, um abzustauben,
um sicherzugehen, dass die Ratten kein Nest
gebaut haben, und trotz meiner laizistischen Erziehung
fühle ich mich darin wohl. Trotz meiner Pfaff enfresserei
bewege ich mich ganz unbefangen darin. Und ich glaube,
dass die allergrößte Mehrheit der Italiener das Gleiche
von sich sagen könnte. (Mir jedenfalls vertraute einer
der Vorsitzenden der KPI, Enrico Berlinguer, eine
ganz ähnliche Empfi ndung an.) Heiliger Himmel! (Da
sind wir wieder.) Ich meine, wir Italiener und Europäer
sind nicht in der gleichen Lage wie die Amerikaner: ein
jüngst zusammen gesetztes Mosaik aus ethnischen und
religiösen Gruppen, ein unbefangenes Gewirr aus tausend
Sprachen und tausend Religionen, gleichzeitig offen
für jede Invasion und fähig, sie zurückzudrängen. Ich
meine, dass unsere kulturelle Identität, eben weil sie seit
vielen Jahrhunderten sehr genau defi niert ist, keine Immigrationswelle
verkraft en kann, mit der Menschen hereinströmen,
die auf die eine oder andere Weise unsere
Lebenswelt verändern wollen. Unsere Prinzipien, unsere
Werte. Ich meine, dass bei uns kein Platz ist für Muezzins,
Minarette, falsche Abstinenzler, den verfl uchten
Tschador und die noch verfl uchtere Burkah. Und auch
wenn welcher da wäre, würde ich ihn diesen Menschen
nicht geben. Denn das würde bedeuten, Dante Alighie
ri, Leonardo da Vinci, Michelangelo, Raff ael, die Renaissance,
die Aufk lärung, das Risorgimento, die Freiheit,
die wir recht oder schlecht errungen haben, die Demokratie,
die wir recht oder schlecht aufgebaut haben, den
Wohlstand, den wir zweifellos erreicht haben, wegzuwerfen.
Es würde bedeuten, ihnen unser Vaterland zu
schenken. In meinem Fall Italien. Und ich schenke ihnen
Italien nicht.
Damit sind wir an einem Punkt angelangt, den ich unbedingt
klarstellen möchte. Hört also gut zu!
* * *
Ich bin Italienerin. Die Leute, die glauben, ich sei längst
Amerikanerin, sind auf dem Holzweg. Ich habe nie die
amerikanische Staatsbürgerschaft beantragt. Als der amerikanische
Botschaft er Maxwell Rabb, ein guter Freund,
sie mir mit dem Celebrity Status anbot, habe ich ihm
in etwa so geantwortet (ich sehe immer noch seine stechenden
Augen, wie sie mich genau beobachten, während
ich rede, seine in Falten gelegte Stirn, das Lächeln auf seinen
Lippen, mal traurig, mal amüsiert): »Herr Botschafter,
Sir, ich fühle mich Amerika sehr verbunden. Ich bin
ihm verbunden, auch wenn ich mich oft mit ihm streite,
ich tadle es oft , und ich verfl uche seine Schwächen, seine
Fehler, seine Schuld. Die zu häufi ge Vernachlässigung
der edlen Grundsätze, in denen seine Geburt begründet
war, allen voran die Grundsätze der Gründerväter …
Die kindliche Verherrlichung des Wohlstands, die Verschwendungssucht,
die Bigotterien, die aggressive Arro
ganz im wirtschaft lichen und militärischen Bereich, jene
Arroganz, die übrigens immer mit der Entwicklung eines
Landes zu einer überlegenen Supermacht einhergeht …
Und auch die alptraumartige Erinnerung an eine Plage,
die ich für überwunden halte, mit der man jedoch viel
zu lange gelebt hat: die Plage der Sklaverei … Ebenso die
herrschende Unwissenheit. Ich meine die Wissenslücken,
denn zugegeben: Auf wissenschaft lichem und technologischem
Gebiet sind sie erstklassig, doch die humanistische
Bildung ist unzureichend … Nicht zuletzt die beständige
Glorifi zierung von Sex und Gewalt, die unaufhörliche
Zurschaustellung von Vulgärem und Brutalem,
mit der Amerika den ganzen Westen verseucht hat, mittels
Filmen und der Flegeleien eines zwar befreiten, aber
ungebildeten Volkes. All die Schwächen und die Fehler
und die Schuld, die, wissen Sie noch, zum Niedergang
des Römischen Reiches geführt haben und auch zum
Niedergang dieses Reiches führen werden … Trotzdem,
ich wiederhole es, fühle ich mich diesem Land verbunden.
Sehr verbunden. Amerika ist für mich wie ein Liebhaber
oder vielmehr ein Ehemann voller Fehler, dem ich
immer treu bleiben werde. (Vorausgesetzt natürlich, dass
er mich nicht betrügt.) Ich mag diesen Liebhaber, diesen
Ehemann: ja. Ich fi nde seine Unbescheidenheit, seinen
Mut, seinen Optimismus sympathisch. Ich bete seine
Genialität, seine Erfi ndungsgabe, sein Vertrauen in sich
selbst und in die Zukunft an. Ich bewundere seine Hochachtung
vor den gewöhnlichen Leuten, die unendliche
Geduld, mit der er Kränkungen und Verleumdungen erträgt.
Und natürlich bewundere ich die großartige Würde
angesichts seines unvergleichlichen Erfolgs. Ich meine, er
hat nur zwei Jahrhunderte gebraucht, um als Sieger dazustehen.
Als das Land, das uns alle inspiriert, an das wir
uns alle vertrauensvoll wenden, das wir um Hilfe bitten.
Ich respektiere ihn und werde niemals vergessen, dass ich
heute Deutsch sprechen würde, hätte dieser Ehemann
nicht den Krieg gegen Hitler und Mussolini gewonnen.
Hätte er nicht der Sowjetunion die Stirn geboten, würde
ich heute Russisch sprechen. Darüber hinaus gefällt mir
seine unbestrittene und unbestreitbare Großherzigkeit.
Die sich zum Beispiel darin zeigt, dass der Zollbeamte,
wenn ich in New York ankomme und ihm meinen Pass
einschließlich der Wohnsitzbescheinigung hinhalte, mit
breitem Lächeln zu mir sagt: »Welcome home. Willkommen
daheim.« Das ist für mich eine galante, großzügige
Geste. Ein Akt der Selbstlosigkeit, ein Geschenk. Es erinnert
mich daran, dass Amerika stets das Refugium Peccatorum,
das Waisenhaus für Menschen ohne ein Zuhause
gewesen ist. Menschen ohne Vaterland, ohne eine
Heimat. Doch ich habe ein Vaterland, Botschaft er Rabb.
Ich habe ein Vaterland, eine Heimat. Mein Vaterland ist
Italien, und Italien ist meine Mutter. Und es käme mir
vor, als verleugnete ich meine eigene Mutter, wenn ich
die amerikanische Staatsbürgerschaft annähme.« Ich antwortete
ihm auch, dass meine Sprache Italienisch sei und
dass ich mich auf Englisch nur selbst übersetze. Mit demselben
Gefühl, mit dem ich mich ins Französische übersetze,
das heißt, indem ich es als Fremdsprache empfi nde.
Vertraut ja, aber doch fremd. Und dann antwortete
ich ihm noch, dass ich jedes Mal gerührt bin, wenn ich
die italienische Nationalhymne höre, die Mameli-Hymne.
Wenn ich dieses Fratelli-d’Italia-s’èdesta, taratàtaratàtaratà
höre, habe ich einen Kloß (Fratelli) im Hals.
Ich merke nicht einmal, dass sie als Hymne eher hässlich
ist und fast immer schlecht gespielt wird. Ich denke
nur: Das ist die Hymne meines Vaterlands.
Einen Kloß im Hals habe ich auch, wenn ich die weißrotgrüne
Fahne betrachte. Die italienische Fahne. (Nicht,
wenn sie von Rowdys im Stadion geschwenkt wird, natürlich.)
Du weißt, ich besitze eine weiße und rote und
grüne Fahne aus dem 19. Jahrhundert. Voller Flecken,
Blutfl ecken, glaube ich, und ganz von Motten zerfressen.
Und obwohl in der Mitte das Wappen der Savoyer
prangt (doch ohne Viktor Emanuel II., ohne Cavour, der
unter diesem Wappen wirkte und starb, und ohne Garibaldi,
der sich vor diesem Wappen verneigte, hätten wir
die Einheit Italiens gar nicht zustande gebracht), hüte
ich sie wie ein Juwel. Wir sind für diese Trikolore, voller
Flecken und von den Motten zerfressen, gestorben,
Herrgott! Erhängt, erschossen, enthauptet worden. Getötet
von den Österreichern, vom Papst, vom Herzog von
Modena, von den Bourbonen, von den Franzosen unter
Napoleon. Mit dieser Trikolore haben wir uns im Risorgimento
erhoben. Die Unabhängigkeitskriege haben
wir damit geführt. Haben die Einheit Italiens damit erkämpft
. Herrje! Erinnert sich denn niemand daran, was
das Risorgimento für uns bedeutet hat?!? Das Wiedererwachen
unserer Würde, die wir in Jahrhunderten von
Invasionen und Demütigungen verloren hatten. Die Wiedergeburt
unseres Gewissens, unserer Selbstachtung, un
seres durch Fremdherrschaft , Franzosen, Österreicher,
Spanier, Päpste, unbedeutende Fürsten von hier und da
gebeugten Stolzes. Erinnert sich niemand daran, was unsere
Unabhängigkeitskriege bedeutet haben?!? Sie haben
viel mehr bedeutet, als den Amerikanern der ihre je bedeuten
kann! Denn sie mussten nur gegen einen einzigen
Feind, einen einzigen Herrn kämpfen: gegen England.
Wir dagegen mussten gegen alle kämpfen, die der Wiener
Kongress freudig in unserem Land wieder eingesetzt
hatte, nachdem er uns aufs Neue zerlegt hatte wie ein
Brathähnchen! Erinnert sich niemand mehr daran, was
die Einheit Italiens bedeutet hat, an die Ströme von Blut,
die sie gekostet hat?!? Wenn die Amerikaner ihren Sieg
über England feiern und ihre Fahne erheben und »God
bless America« singen, legen sie sich ihre Rechte Herz,
Herrgott! Aufs Herz! Und wir feiern überhaupt nichts,
wir legen die Rechte nirgendwohin, oder vielmehr, manche
würden sie gern ich sag dir nicht wohin legen!
Auch im Ersten Weltkrieg und in der Resistenza haben
wir unter dieser Fahne gekämpft . Und an dieser Stelle
sei mir ein wenig Stolz erlaubt. Für diese Fahne kämpft e
schon mein Ururgroßvater mütterlicherseits, Giobatta,
1849 in Curtatone und Montanara. Er wurde von einer
österreichischen Rakete schrecklich verunstaltet, und
zehn Jahre später wurde er von den Österreichern in Livorno
eingesperrt, ihre kroatischen Schergen folterten ihn
und schlugen ihn zum Krüppel. Für diese Fahne ertrugen
meine Onkel väterlicherseits von 1915 bis 1917 jede
Qual in den Schützengräben auf dem Karst: Gas, Kälte,
Hunger, Verluste, Bajonettangriff e … Für diese Fahne
wurde mein Vater 1944 von den Nazi-Faschisten verhaftet
und in der Villa Triste noch mehr als Giobatta gefoltert.
Für diese Fahne nahm meine ganze Familie an der
Resistenza teil, bewies, dass keiner von ihnen ein Feigling
war. Genau wie ich. In den Reihen von Giustizia e
Libertà, im Freiwilligenkorps für die Freiheit, unter dem
Decknamen Emilia. Ich war vierzehn Jahre alt, und als
das Freiwilligenkorps nach Kriegsende der italienischen
Armee angegliedert wurde und diese mich mit dem Rang
eines einfachen Soldaten entließ, war ich so stolz! Herrgott!
Ich hatte für mein Land gekämpft , für die Freiheit
meines Landes, als italienischer Soldat! Ich war so stolz,
dass ich lange zögerte, bis ich die fünfzehntausendsechshundertsiebzig
Lire annahm, die das Ministerium an die
einfachen Soldaten auszahlte. Es schien mir nicht korrekt,
dafür bezahlt zu werden, dass ich meine Vaterlandspfl icht
erfüllt hatte. Dann nahm ich doch an. Wir besaßen zu
Hause alle praktisch keine Schuhe. Und mit fünfzehntausendsechshundertsiebzig
Lire kauft e ich Schuhe für
mich und meine kleinen Schwestern. (Für meinen Vater
und meine Mutter nicht. Sie wollten keine.)
* * *
Natürlich ist mein Vaterland, mein Italien, nicht das Italien
von heute. Das vergnügungssüchtige, schlaue, also
vulgäre Italien der Italiener, die (wie die anderen Europäer,
wohlverstanden) nur daran denken, möglichst mit
fünfzig in Rente zu gehen, und die sich nur für Urlaub
im Ausland oder Fußball begeistern. Das beschränkte,
145
dumme, also feige Italien der kleinen Hyänen, die ihre
Töchter an ein Bordell in Beirut verkaufen würden,
wenn sie dafür einem Hollywoodstar die Hand drücken
dürft en, die aber nach der Apokalypse von New
York höhnisch grinsen das-geschieht-ihnen-recht, den-
Amerikanern, das-geschieht-ihnen-ganz-recht. (Auch
hier benehmen sie sich wohlverstanden genau wie alle
anderen Hyänen Europas. Aber auf Europa kommen
wir später zu sprechen.) Das opportunistische, doppelzüngige,
verweichlichte Italien der arroganten und
unfähigen politischen Parteien, die weder gewinnen
noch verlieren können, sondern sich nur darauf verstehen,
die dicken Hintern ihrer Vertreter auf Abgeordneten-,
Bürgermeister- oder Ministersessel zu kleben. Das
noch von Mussolini geprägte Italien der schwarzen und
roten Faschisten, die einen zwingen, immer wieder an
den schrecklichen Ausspruch von Ennio Flaiano zu denken:
»Italienische Faschisten lassen sich in zwei Kategorien
einteilen: Faschisten und Antifaschisten.« Schließlich
noch das Italien der Italiener, die mit der gleichen
Begeisterung rufen Es-lebe-der-König und Es-lebe-die-
Republik, Es-lebe-Mussolini und Es-lebe-Stalin, Es-lebeder-
Papst und Es-lebe-egal-wer: Frankreich-oder-Spanien-
Hauptsache-wir-haben-genug-zu-essen. (Dieses berühmte
Sprichwort wurde im 16. Jahrhundert geprägt,
als die Spanier die Franzosen aus Rom vertrieben und
sich als Herren etablierten.) Jener Italiener, die mit geradezu
unverschämter Nonchalance von einer Partei zur
anderen wechseln, sich gar von einer Partei aufstellen
lassen und, einmal als Onorevoli gewählt, das heißt Eh
renwerte (in Italien werden Abgeordnete so genannt),
zur Gegenpartei überlaufen und den Ministersessel bei
der Gegenpartei akzeptieren. Kurz, das Italien derer, die
ihr Fähnchen nach dem Wind hängen. Gott, wie sehr
sie mich anwidern, diese Wetterwendischen! Wie sehr
ich sie verachte!
Es stimmt schon: Solche Leute gibt es nicht nur in Italien,
es gibt sie überall auf der Welt. Auch in Amerika.
Und in Europa halten nicht die Italiener das Patent auf
derlei Verhalten, sondern die Franzosen. Selbst der Begriff
, er lautet im Französischen girouette und meint im
direkten Wortsinn übersetzt einen wetterwendischen
Menschen, stammt ursprünglich aus Frankreich. Bereits
im Mittelalter hatte dieser Begriff eine politische Bedeutung,
das heißt: zu Zeiten der Revolution, des Directoire,
des Konsulats, des Kaiserreichs und der Restauration erlebte
dieses Verhalten eine Hochblüte, wie niemand sonst
sie je wieder zustande brachte. (Erinnere dich an das in
dieser Hinsicht herausragendste Beispiel der Franzosen,
an jenen Mann, den Napoleon meist als »une merde dans
un bas de soie« bezeichnete, als ein Stück Scheiße im Seidenstrumpf.
Der Mann hieß Talleyrand. Zuerst Bischof
von Autun. Dann Mitglied der Generalstände und Verteidiger
des Klerus. Später Revolutionär und Feind der
Geistlichkeit und deshalb vom Papst exkommuniziert.
Danach in Napoleons Diensten und dessen Speichellecker.
Gleich darauf Napoleons Feind und Fürsprecher
einer Wiederkehr der Königsfamilie, die dem Haus der
Bourbonen angehörte. Dann Feind der Bourbonen und
Förderer des Hauses Orléans. Gott sei Dank starb er mit