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KarlMartell

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Revolution reloaded
« on: July 07, 2013, 09:28:28 am »
ÄGYPTEN

Revolution reloaded

Volk und Militär haben zusammen die Regierung von Präsident Mursi gestürzt.
Ein Zeichen fehlender Demokratie – oder genau das Gegenteil? Der Aufstand
aus Sicht einer Tamarud-Aktivistin, eines Unpolitischen und eines Muslimbruders.

Entschuldigung, Jasmin, eine Frage:
Wie legitim ist so eine Revolution,
wenn das Volk die Armee herbeizwingen
muss? Das kommt einem doch
vor wie auf dem Spielplatz, auf dem einer
Streit anfängt, weil er weiß, dass der
Lärm den großen Bruder herbeiruft?
Eine wichtige Frage, sagt Jasmin al-
Guschi, auch ihre Freunde finden das,
sehr wichtige Frage, klar, auf jeden Fall.
Man wird sie später beantworten, okay?
Dies ist nicht der Moment für schwierige
Fragen, nicht jetzt, nach getaner Revolution.
In den vergangenen Wochen
hat die sanfte, schöne Jasmin ein Dutzend
Mal ihr Leben riskiert, sie wäre
beinahe im Gefängnis gelandet, und gestern,
am Mittwochabend, haben sie endlich
gesiegt.
Bis vier Uhr morgens tanzten, sangen,
jubelten sie vor dem Präsidentenpalast in
Kairo, danach gingen sie zusammen in die
konspirative Wohnung, die sie vor zwei
Monaten gemietet hatten, im obersten Geschoss
eines zehnstöckigen Hauses, kein
Namensschild an der Tür. Nur neun Menschen
wussten, dass hier die Revolution
wohnte, sagt Jasmin. Sie nennen die Wohnung
„Control Room“, hier stehen immer
noch ihre Computer, hier haben sie einen
Teil der Unterschriftenlisten versteckt.
In der Nacht nach dem Sieg waren sie
froh und erleichtert, erzählt Jasmin, allein
schon deshalb, weil sie nicht im Gefängnis
gelandet waren. Sie waren aufgedreht, und
sie feierten Mahmud Badr, ihren gewählten
Anführer, der hinter Armeechef Abd al-
Fattah al-Sisi saß, als dieser die entscheidenden
Worte in die Kameras sprach: Präsident
Mohammed Mursi habe die Forderungen
des Volkes enttäuscht, er werde
durch den Verfassungsrichter Adli Mansur
ersetzt; es solle bald gewählt werden, bis
dahin würden Technokraten regieren.
Ein Symbol für diesen Umsturz war
das, wie sie da saßen: in der Mitte der
General, um ihn herum der koptische
Papst, der Großscheich der islamischen
Azhar-Universität, der Friedensnobelpreisträger
Mohamed ElBaradei – und
eben er, Mahmud Badr, Anführer der
rebellischen Jugend. Er trat gleich nach
dem General ans Rednerpult und hielt
eine bewegende Ansprache.
Doch was genau ist an diesem Abend
geschehen? Wie soll man es nennen,
wenn Volk und Militär zusammen die Regierung
stürzen? Ist das ein Zeichen mangelnden
demokratischen Bewusstseins –
oder genau das Gegenteil?
Irgendwann wurden die Rebellen
schließlich doch müde in ihrem Control
Room. Draußen war es wieder hell geworden,
um acht Uhr legte sich Jasmin
al-Guschi dann in eines der Feldbetten,
die sie dort aufgestellt hatten. Ihr letzter
Gedanke, bevor sie die Augen schloss:
Wir können alles erreichen.
Jasmin al-Guschi ist eine junge Frau
aus Kairo, 25 Jahre alt, freundlich, unauffällig.
Sie trägt ein helles Kopftuch, hat
einen Freund, liebt Verdi-Opern und
Beethoven-Sonaten, den ägyptischen
Schauspieler Adil Imam, außerdem Al
Pacino, Robert De Niro und Gamal Abd
al-Nasser, den einstigen Präsidenten und
Volkshelden. „Ich fürchte, ich habe einen
durchschnittlichen Geschmack“, sagt sie.
Doch Jasmin al-Guschi hat die vielleicht
größte friedliche Protestbewegung der arabischen
Welt mitbegründet: Tamarud, Rebellion.
Dabei waren sie am Anfang nur
neun junge, wütende Ägypter aus der Mittelschicht,
doch sie rekrutierten Helfer,
organisierten, planten monatelang. Am
Ende brachten sie angeblich 22 Millionen
Unterschriften gegen Mursi zusammen
und rund drei Millionen Menschen auf die
Straße – und sie brachten damit das Militär
dazu, im Namen des Volkes zu putschen.
Präsident Mursi, ein Muslimbruder, ins
Amt gewählt vor einem Jahr, wurde abgesetzt
und in Hausarrest genommen; mehrere
Anführer der Bruderschaft wurden
vorübergehend verhaftet, ihre Sender abgeschaltet,
ihre Zeitungen nicht gedruckt.
Verwirrte westliche Politiker kritisierten
die Mittel, aber lobten den Zweck;
scheuten das Wort Putsch und sprachen
lieber von einer Militärintervention, unternommen,
um Schlimmeres zu verhindern.
Seit Ende Juni, zählte Human Rights
Watch, sind mindestens 39 Ägypter bei
Straßenkämpfen ums Leben gekommen.
Während Jasmin al-Guschi den halben
Tag nach der Revolution verschläft, während
„Apache“-Hubschrauber über den
Nilbrücken kreisen, die Luftwaffe ihre
Kampfflugzeuge über Kairo hinwegdonnern
lässt, geht Mohamed Sharaf pünktlich
um neun Uhr morgens ins Büro. Sharaf ist
ein Mann von Anfang vierzig, fröhlich, gemütlich,
Vater zweier Söhne, Computerexperte.
„Ich war ein ganz normaler, harmloser
Bürger“, sagt er. „Bis gestern.“
Die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag
verbrachte Sharaf vor dem Fernseher,
er erklärte seinen Jungs die Politik, diskutierte
mit seiner Frau. Er sagt, es sei
die Nacht gewesen, die für ihn das Ende
seines bisherigen Lebens markiere – und
den Anfang eines neuen. Sharaf gehörte
bis dahin zum unpolitischen Bürgertum,
er war einer von jenen, die vorwurfsvoll,
wenn auch scherzhaft „Hisb al-Kanaba“
genannt werden, die Kanapee-Partei. Die,
die nur auf dem Sofa sitzen und Politik
den anderen überlassen. „Aber in den
vergangenen zwei Monaten habe ich viel
gelernt: Ich muss mich einmischen. Unbedingt!
Sonst geht mein Land vor die
Hunde. Wir durften Ägypten nicht den
Muslimbrüdern überlassen.“
Am Tag nach Mursis Sturz haben die
Muslimbrüder sich zurückgezogen in
Viertel wie Nasr City, eine Hochburg der
Islamisten im Nordosten von Kairo. Schätzungsweise
7000 Menschen haben sich
vor der Moschee am Platz Rabaa al-Adawija
versammelt, sie haben Zelte aufgebaut,
eine ganze Zeltstadt, denn sie wollen
bleiben. Vor allem Männer sind da,
von jung bis greisenhaft, alle mit strengem
Gesicht, viele tragen Bauhelme, halten
Baseballschläger und kräftige Stöcke
in den Händen. Überall hängen Plakate,
die ihren gestürzten Präsidenten zeigen.
Einer der Männer ist Fahmi Fausi, 45
Jahre alt, Buchhalter. Er ist kräftig, bärtig,
er trägt eine blaue Baseballkappe. Und er
ist wütend. „Die ganze Welt soll es wissen“,
sagt er. „Sie haben uns keine Chance
gegeben, das Militär, die Christen, die
Agenten des Auslands und die Anhänger
des alten Regimes, die Tamarud unterwandert
haben. Wir Muslimbrüder sind die
Opfer eines kriminellen Staatsstreichs.“
Während Fausi erzählt, reihen sich hinter
ihm etwa hundert Männer auf, davor
ein Einpeitscher mit Megafon. „Wir wollen
einen islamischen Staat!“, ruft er. Die
Männer brüllen: „Wir wollen einen islamischen
Staat! Einen islamischen Staat!“
Drei Ägypter, grundverschieden: Jasmin
al-Guschi, die Tamarud-Aktivistin;
Mohamed Sharaf, der wachgerüttelte Bürger;
und schließlich Fahmi Fausi, der verbitterte
Muslimbruder. Sie kennen sich
nicht, aber sie haben in den vergangenen
Tagen und Wochen mit verteilten Rollen
das Schicksal Ägyptens mitbestimmt.
Ohne die zu allem entschlossenen Aktivisten
von Tamarud hätte Mohamed Sharaf
sich niemals aufgerafft, auf dem Tahrir-
Platz zu demonstrieren und den Sturz
Mursis zu fordern. Er wäre nicht auf den
Gedanken gekommen, dass er sein Leben
ändern müsse. Ohne Sharaf und all die
anderen unpolitischen, empörten Bürger
wäre Tamarud wiederum nur eine Clique
von Träumern aus irgendeinem Internetcafé
geblieben. Und ohne die Allianz von
Tamarud und der Kanapee-Partei wären
die Muslimbrüder wohl noch an der Macht
– und Fahmi Fausi ein glücklicher Mann.
Er hätte aufsteigen können in der straffen
Hierarchie der Bruderschaft, mit Aussicht
auf mehr Geld und mehr Ansehen.
Die Geschichte dieser drei Ägypter ist
die Geschichte einer zurückeroberten Revolution
oder die eines Putsches – je nach
Perspektive. Diese Geschichte begann mit
einem „Tag der Wut“ am 25. Januar 2011,
sie fand ihren ersten Höhepunkt am 11.
Februar 2011, dem Tag, an dem Präsident
Husni Mubarak vom Militär zum Rücktritt
gezwungen wurde, und dann, vergangene
Woche, ihren zweiten Höhepunkt, als sein
Nachfolger gestürzt wurde. In der Zwischenzeit
gab es ein Verfassungsreferendum,
eine Parlaments- und eine Präsidentschaftswahl,
es gab Millionenproteste und
Dutzende Tote, wilde Streiks und blinde
Gewalt. Und doch ist diese Geschichte
noch längst nicht zu Ende.
„Jetzt geht es erst richtig los“, sagt Mohamed
Sharaf. Es ist der Morgen nach
der Revolution. Er sitzt mit seinem Kollegen
Hussam Hussain im Büro. Eigentlich
müssten sie arbeiten, aber sie sind
aufgewühlt. Sharaf überlegt, ob er am
Nachmittag noch auf den Tahrir geht;
Hussain war in der Nacht zuvor dort, mit
seiner Frau, die erst Angst hatte. „Aber
ich sagte zu ihr, wir können uns da nicht
raushalten, wir müssen unseren Beitrag
leisten. Es ist unsere Demokratie, die wir
erst noch gestalten müssen.“
Die Ehefrauen der beiden, Lehrerin die
eine, Anwältin die andere, haben noch
vor einem Jahr Mohammed Mursi gewählt.
Sie hielten ihn für unbestechlich,
weil fromm, vor allem aber für unbelastet,
im Unterschied zu dem Gegenkandidaten
Ahmed Schafik, einem ehemaligen Mubarak-
Mann. Sharaf und Hussain wussten
nicht, wem der beiden sie ihre Stimme geben
sollten, also enthielten sie sich. Doch
sie akzeptierten das Ergebnis, so ist das
nun mal in der Demokratie, dachten sie.
„Aber Mursi hat dramatische Fehler gemacht“,
sagt Mohamed Sharaf. „Und
wenn du merkst, dass der Pilot sein Flugzeug
nicht fliegen kann, musst du ihn aus
dem Cockpit holen. Du kannst nicht sagen:
Lasst ihn, er hat einen Arbeitsvertrag
für vier Jahre!“ Ägypten, finden die beiden
Kollegen, sei kein Flugsimulator.
Nach der Befreiung von der Herrschaft
der Muslimbrüder kommen nun die
Mühen der Ebene: Die Tamarud-Aktivisten
um Jasmin al-Guschi müssen ihre
smarten Guerilla-Techniken alltagstauglich
machen, sie dürfen sich nicht zerreiben
lassen. Die Partei der Couch-Potatoes
darf nicht wieder in den alten Trott verfallen
– Mohamed Sharaf und Hussam
Hussain müssen sich ihr politisches Verantwortungsgefühl
erhalten. „Meine Frau
will jetzt einer Partei beitreten“, sagt
Hussain. „Das ist zwar nichts für mich,
aber ich werde sie unterstützen.“
Und die Muslimbrüder? Sie müssen
eine neue Rolle finden. Wollen sie nicht
in Sektierertum verfallen, dann müssen
sie sich von Verschwörungstheorien und
Allmachtsphantasien verabschieden. Ihr
Part ist der schwierigste. Denn Fahmi
Fausi und seine Leute haben noch nicht
begriffen, dass Ägypten sich geändert
hat. Dazu kommt noch: Es darf nun kein
Chaos ausbrechen, damit sich die Armee
bald wieder in ihre Kasernen zurückzieht
und das Regieren den Zivilisten überlässt.
Doch das wird nicht einfach sein, man
sieht das bereits am Freitag, zwei Tage
nach dem Freudentaumel.
Zehntausende Mursi-Anhänger ziehen
da zum Tahrir-Platz, aufgewiegelt von
Mohammed Badi, dem Chef der Bruderschaft,
der zuvor auf einer Kundgebung
gerufen hatte: „Wir werden für Mursi unsere
Seele und unser Leben opfern.“ Molotow-
Cocktails fliegen, es fallen Schüsse,
es gibt Schlägereien überall in der Stadt.
17 Tote werden allein bis Mitternacht gemeldet.
Das Beispiel Algerien macht jetzt
öfter die Runde, auch dort gewannen die
Islamisten die Wahl, putschte die Armee,
es begann ein Bürgerkrieg mit Zehntausenden
Toten. Sicher, Ägypten ist nicht
Algerien. Aber die Polarisierung ist groß,
und niemand weiß, was die Muslimbrüder
tun werden: Nehmen sie an Wahlen teil?
Gehen sie wieder in den Untergrund?
Wird es Anschläge und politische Morde
geben, wie schon früher einmal?
Jasmin al-Guschi und ihre Mitstreiterinnen
Sara Kamal und Mai Wachba sitzen
bei McDonald’s im Stadtteil Dokki,
nicht weit vom Tahrir-Platz entfernt. Sie
trinken Tee und essen Erdbeerjoghurt,
arabische Popmusik plärrt aus den Lautsprechern,
ihre Laptops sind aufgeklappt.
Jasmin, noch mal die Frage: Wie legitim
ist eigentlich eine Revolution, die
dazu das Militär braucht?
„Das ist ein wichtiger Punkt, wir haben
ganz zu Anfang immer wieder darüber
diskutiert. Aber das ist sehr theoretisch.
Die Realität dagegen sah so aus: Wir hatten
nichts, die Muslimbrüder hatten den
Staatsapparat auf ihrer Seite. Die Armee
einzubinden, das war für uns die einzige
Option.“ Sie schiebt ihren Joghurt beiseite.
„Ganz ehrlich, viele von uns haben
Mursi anfangs eine Chance gegeben, aber
wir wurden schnell enttäuscht.“
Mohammed Mursi wurde Ende Juni
2012 im zweiten Wahlgang gewählt, in einer
Stichwahl, für ihn stimmten 51,7 Prozent.
Die Beteiligung war jedoch gering,
nur etwas über die Hälfte aller wahlberechtigten
Ägypter gab ihre Stimme ab.
Stellt man noch dazu in Rechnung, dass
viele nur aus Protest für ihn stimmten,
weil der Gegenkandidat ein Mubarak-
Mann war, hat tatsächlich nur etwa ein
Viertel der Wähler den Muslimbruder
wirklich gewollt. Eine Mehrheit auf dem
Papier, formal korrekt, von Mursi genutzt
als moralischer Freibrief. Und er hat es
geschafft, in nur einem Jahr eine überwältigende
Mehrheit gegen sich aufzubringen.
Deswegen ist die Frage nach der Legitimität
dieses Putsches so kompliziert, sie
lässt sich nur beantworten, wenn man
dieses zurückliegende Jahr betrachtet.
Drei Fehler lasten Jasmin al-Guschi,
Mohamed Sharaf und viele andere Demonstranten
den Muslimbrüdern an.
Erstens: Mursi habe jede Gelegenheit
genutzt, seine Gefolgsleute im Staats -
apparat, in den Medien, der Justiz und
Polizei unterzubringen – ohne sich um
ihre Kompetenz zu scheren. „Es zählt für
uns, ob jemand ein Problem lösen kann“,
sagt Mohamed Sharaf, „und nicht, ob er
frömmlerisch ist.“ Der Tiefpunkt, ergänzt
Jasmin al-Guschi, war Mursis Versuch im
November 2012, eine islamische Verfassung
durchzusetzen.
Zweitens: seine Unfähigkeit, die Nation
zu vereinen; das Fehlen jeglicher Sensibilität.
Als der neue koptische Papst sein
Amt antrat, blieb Mursi demonstrativ
fern. Er ließ zu, dass islamistische Prediger
gegen Christen, Schiiten und Liberale
hetzten. Und er ernannte ein Mitglied
der radikalen Gamaa al-Islamija zum
Gouverneur von Luxor, ausgerechnet, dabei
hatte die Terrorgruppe doch dort einst
Anschläge auf Touristen verübt.
Drittens: die Wirtschaft. „Natürlich
konnte Mursi die Korruption von Jahrzehnten
nicht über Nacht beseitigen“,
sagt Sharaf. „Aber was tat er? Gar nichts.
Die Muslimbruderschaft ist selbst eine
korrupte Mafia, das haben wir in diesem
Jahr gelernt.“ Benzin wurde knapp, es
gab oft keinen Strom. Das ägyptische
Pfund fiel, die Preise für Brot und alles
andere stiegen.
Die Ursachen hierfür liegen in der Geschichte
der Bruderschaft, 1928 gegründet,
seither größtenteils im Untergrund tätig,
taktierend, aber mit einer geheimbündlerischen
Märtyrer-Mentalität. Viele ihrer
Mitglieder und Anführer saßen im Gefängnis,
daher das ständige Denken in
Kategorien von „die“ und „wir“.
„Man kann mit den Muslimbrüdern
nicht normal reden, ihre Weltsicht ist
abgeschottet, überall wittern sie eine
Verschwörung“, sagt Jasmin al-Guschi.
„Noch dazu glauben sie, im Auftrag Gottes
zu handeln – das macht sie unbelehrbar.“
Dieser Argwohn sei wie eine an -
steckende Krankheit, „er hat sich in der
ganzen Gesellschaft verbreitet“.
Die jungen Frauen von Tamarud diskutieren
leidenschaftlich und laut, ihre
Stimmen sind heiser vom Singen und
Schreien. Ab und zu schaut einer der Gäste
von seinem Milchshake auf, da steht
plötzlich der Geschäftsführer am Tisch,
angespannt, unwirsch. Die Frauen sollten
gehen, sofort, bei McDonald’s seien politische
Diskussionen unerwünscht.
Die drei jungen Frauen zögern einen
Moment, dann klappen sie ihre Laptops
zu. Sie stehen auf, würdigen den Mann
keines Blickes, gehen hinaus.
Warum lasst ihr euch das gefallen, Jasmin?
„Es gibt Wichtigeres“, sagt sie.

RALF HOPPE, DANIEL STEINVORTH

DER SPIEGEL 28/2013, S. 74-78

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