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Author Topic: Edward Snowden  (Read 643 times)

KarlMartell

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Re: Edward Snowden
« on: July 07, 2013, 07:37:54 pm »
„Als Zielobjekt markiert“

Der Enthüller Edward Snowden über die geheime Macht der NSA

Kurz bevor Edward Snowden zum
weltweit bekannten Whistleblower
wurde, beantwortete er einen
umfangreichen Katalog von Fragen. Sie
stammten unter anderem von Jacob Appelbaum,
30, einem Entwickler von Verschlüsselungs-
und Sicherheitssoftware.
Appelbaum unterweist internationale
Menschenrechtsgruppen und Journalisten
im sicheren und anonymen Umgang
mit dem Internet.
Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er
2010 bekannt, als er den WikiLeaks-Gründer
Julian Assange als Redner bei einer
Hacker-Konferenz in New York vertrat.
Zusammen mit Assange und weiteren Co-
Autoren veröffentlichte er unlängst den
Gesprächsband „Cypherpunks: Unsere
Freiheit und die Zukunft des Internets“.
Im Zuge der Ermittlungen rund um die
WikiLeaks-Enthüllungen ist Appelbaum
ins Visier amerikanischer Behörden geraten,
die Unternehmen wie Twitter und
Google aufgefordert haben, seine Konten
preiszugeben. Er selbst bezeichnet seine
Haltung zu WikiLeaks als „ambivalent“
– und beschreibt im Folgenden, wie er
dazu kam, Fragen an Snowden stellen zu
können:
Mitte Mai hat mich die Dokumentarfilmerin
Laura Poitras kontaktiert. Sie sagte
mir zu diesem Zeitpunkt, sie sei in
Kontakt mit einer anonymen NSA-Quelle,
die eingewilligt habe, von ihr interviewt
zu werden.
Sie stellte dafür gerade Fragen zusammen
und bot mir an, selbst Fragen beizusteuern.
Es ging unter anderem darum
festzustellen, ob es sich wirklich um einen
NSA-Whistleblower handelt. Wir
schickten unsere Fragen über verschlüsselte
E-Mails. Ich wusste nicht, dass der
Gesprächspartner Edward Snowden war
– bis er sich in Hongkong der Öffentlichkeit
offenbarte. Er wusste auch nicht,
wer ich war. Ich hatte damit gerechnet,
dass es sich um jemanden in den Sechzigern
handeln würde.
Das Folgende ist ein Auszug aus einem
umfangreicheren Interview, das noch
weitere Punkte behandelte, viele davon
sind technischer Natur. Einige der Fragen
erscheinen jetzt in anderer Reihenfolge,
damit sie im Zusammenhang verständlich
sind.
Bei dem Gespräch ging es fast ausschließlich
um die Aktivitäten der National
Security Agency und um ihre Fähig -
keiten. Es ist wichtig zu wissen, dass diese
Fragen nicht im Zusammenhang mit
den Ereignissen der vergangenen Woche
oder des vergangenen Monats gestellt
wurden. Sie wurden in einer Zeit totaler
Ruhe gestellt, als Snowden noch auf Hawaii
war.
Ich hatte zu einem späteren Zeitpunkt
noch einmal direkten Kontakt mit
Snowden, an dem ich auch meine eigene
Identität offenbarte. Er hat mir damals
die Einwilligung gegeben, seine Aussagen
zu veröffentlichen.

Frage: Was ist die Aufgabe der National
Security Agency (NSA) – und wie ist deren
Job mit den Gesetzen in Übereinstimmung
zu bringen?
Snowden: Aufgabe der NSA ist es, von allem
Wichtigen zu wissen, das außerhalb
der Vereinigten Staaten passiert. Das ist
eine beträchtliche Aufgabe, und den Leuten
dort wird vermittelt, dass es eine existentielle
Krise bedeuten kann, nicht alles
über jeden zu wissen. Und dann glaubt
man irgendwann, dass es schon in Ordnung
ist, sich die Regeln etwas hinzubiegen.
Und wenn die Menschen einen dann
dafür hassen, dass man die Regeln verbiegt,
wird es auf einmal überlebenswichtig,
sie sogar zu brechen.
Frage: Sind deutsche Behörden oder deutsche
Politiker in das Überwachungssystem
verwickelt?
Snowden: Ja natürlich. Die (NSALeute
–Red.) stecken unter einer Decke
mit den Deutschen, genauso wie mit den
meisten anderen westlichen Staaten. Wir
(im US-Geheimdienstapparat –Red.) warnen
die anderen, wenn jemand, den wir
packen wollen, einen ihrer Flughäfen benutzt
– und die liefern ihn uns dann aus.
Die Informationen dafür können wir zum
Beispiel aus dem überwachten Handy der
Freundin eines verdächtigen Hackers gezogen
haben, die es in einem ganz anderen
Land benutzt hat, das mit der Sache
nichts zu tun hat. Die anderen Behörden
fragen uns nicht, woher wir die Hinweise
haben, und wir fragen sie nach nichts. So
können sie ihr politisches Führungspersonal
vor dem Backlash (deutsch etwa:
Rückschlag –Red.) schützen, falls herauskommen
sollte, wie massiv weltweit die
Privatsphäre von Menschen missachtet
wird.
Frage: Aber wenn jetzt Details dieses Systems
enthüllt werden, wer wird dafür vor
Gericht gestellt werden?
Snowden: Vor US-Gerichte? Das meinen
Sie doch nicht ernst, oder? Als der letzte
große Abhörskandal untersucht wurde –
das Abhören ohne richterlichen Beschluss,
das Abermillionen von Kommunikationsvorgängen
betraf – hätte das eigentlich
zu den längsten Haftstrafen der
Weltgeschichte führen müssen. Aber
dann haben unsere höchsten Vertreter
die Untersuchung einfach gestoppt. Die
Frage, wer theoretisch angeklagt werden
könnte, ist hinfällig, wenn die Gesetze
nicht respektiert werden. Gesetze sind
gedacht für Leute wie Sie oder mich –
nicht aber für die.
Frage: Kooperiert die NSA mit anderen
Staaten wie Israel?
Snowden: Ja, die ganze Zeit. Die NSA hat
eine große Abteilung dafür, sie heißt FAD
– Foreign Affairs Directorate.
Frage: Hat die NSA geholfen, Stuxnet zu
programmieren? (Jenes Schadprogramm,
das gegen iranische Atomanlagen eingesetzt
wurde –Red.)
Snowden: Die NSA und Israel haben Stuxnet
zusammen geschrieben.
Frage:Welche großen Überwachungsprogramme
sind heute aktiv, und wie helfen
internationale Partner der NSA?
Snowden: Die Partner bei den „Five Eyes“
(dahinter verbergen sich die Geheimdienste
der Amerikaner, der Briten, der
Australier, der Neuseeländer und der Kanadier
–Red.) gehen manchmal weiter als
die NSA-Leute selbst. Nehmen wir das
Tempora-Programm des britischen Geheimdienstes
GCHQ. Tempora ist der erste
„Ich speichere alles“-Ansatz („Full
take“) in der Geheimdienstwelt. Es saugt
alle Daten auf, egal worum es geht und
welche Rechte dadurch verletzt werden.
Dieser Zwischenspeicher macht nachträgliche
Überwachung möglich, ihm entgeht
kein einziges Bit. Jetzt im Moment kann
er den Datenverkehr von drei Tagen speichern,
aber das wird noch optimiert. Drei
Tage, das mag vielleicht nicht nach viel
klingen, aber es geht eben nicht nur um
Verbindungsdaten. „Full take“ heißt, dass
der Speicher alles aufnimmt. Wenn Sie
ein Datenpaket verschicken und wenn
das seinen Weg durch Großbritannien
nimmt, werden wir es kriegen. Wenn Sie
irgendetwas herunterladen, und der Server
steht in Großbritannien, dann werden
wir es kriegen. Und wenn die Daten Ihrer
kranken Tochter in einem Londoner Call
Center verarbeitet werden, dann … Ach,
ich glaube, Sie haben verstanden.
Frage: Kann man dem entgehen?
Snowden: Na ja, wenn man die Wahl hat,
sollte man niemals Informationen durch
britische Leitungen oder über britische Server
schicken. Sogar Selfies (meist mit dem
Handy fotografierte Selbstporträts –Red.)
der Königin für ihre Bademeister würden
mitgeschnitten, wenn es sie gäbe.
Frage: Arbeiten die NSA und ihre Partner
mit einer Art Schleppnetz-Methode, um
Telefonate, Texte und Daten abzufangen?
Snowden: Ja, aber wie viel sie mitschneiden
können, hängt von den Möglichkeiten
der jeweiligen Anzapfstellen ab. Es
gibt Daten, die für ergiebiger gehalten
werden und deshalb häufiger mitgeschnitten
werden können. Aber all das ist eher
ein Problem bei ausländischen Anzapf-
Knotenpunkten, weniger bei US-amerikanischen.
Das macht die Überwachung
auf eigenem Gebiet so erschreckend. Die
Möglichkeiten der NSA sind praktisch
grenzenlos – was die Rechenleistung angeht,
was den Platz oder die Kühlkapazitäten
für die Computer angeht.
Frage: Die NSA baut ein neues Datenzentrum
in Utah. Wozu dient es?
Snowden: Das sind die neuen Massendatenspeicher.
Frage: Für wie lange werden die gesammelten
Daten aufbewahrt?
Snowden: Jetzt im Moment ist es noch so,
dass im Volltext gesammeltes Material
sehr schnell altert, innerhalb von ein paar
Tagen, vor allem durch seine gewaltige
Masse. Es sei denn, ein Analytiker markiert
ein Ziel oder eine bestimmte Kommunikation.
In dem Fall wird die Kommunikation
bis in alle Ewigkeit gespeichert,
eine Berechtigung dafür bekommt
man immer. Die Metadaten (also Verbindungsdaten,
die verraten, wer wann mit
wem kommuniziert hat –Red.) altern weniger
schnell. Die NSA will, dass wenigstens
alle Metadaten für immer gespeichert
werden können. Meistens sind die
Metadaten wertvoller als der Inhalt der
Kommunikation. Denn in den meisten
Fällen kann man den Inhalt wiederbesorgen,
wenn man die Metadaten hat. Und
falls nicht, kann man alle künftige Kommunikation,
die zu diesen Metadaten
passt und einen interessiert, so markieren,
dass sie komplett aufgezeichnet wird.
Die Metadaten sagen einem, was man
vom breiten Datenstrom tatsächlich haben
will.
Frage: Helfen Privatunternehmen der
NSA?
Snowden: Ja. Aber es ist schwer, das nachzuweisen.
Die Namen der kooperie -
renden Telekom-Firmen sind die Kronjuwelen
der NSA … Generell kann man
sagen, dass man multinationalen Konzernen
mit Sitz in den USA nicht trauen
sollte, bis sie das Gegenteil bewiesen haben.
Das ist bedauerlich, denn diese Unternehmen
hätten die Fähigkeiten, den
weltweit besten und zuverlässigsten Service
zu liefern – wenn sie es denn wollten.
Um das zu erleichtern, sollten Bürgerrechtsbewegungen
diese Enthüllungen
jetzt nutzen, um sie anzutreiben. Die
Unternehmen sollten einklagbare Klauseln
in ihre Nutzungsbedingungen schreiben,
die ihren Kunden garantieren, dass
sie nicht ausspioniert werden. Und sie
müssen technische Sicherungen einbauen.
Wenn man auch nur eine einzige
Firma zu so etwas bewegen könnte, würde
das die Sicherheit der weltweiten
Kommunikation verbessern. Und wenn
das nicht zu schaffen ist, sollte man sich
überlegen, selbst eine solche Firma zu
gründen.
Frage: Gibt es Unternehmen, die sich weigern,
mit der NSA zu kooperieren?
Snowden: Ja, aber ich weiß nichts von einer
entsprechenden Liste. Es würde jedoch
sicher mehr Firmen dieser Art geben,
wenn die kollaborierenden Konzerne
von den Kunden abgestraft würden.
Das sollte höchste Priorität aller Computernutzer
sein, die an die Freiheit der
Gedanken glauben.
Frage: Vor welchen Websites sollte man
sich hüten, wenn man nicht ins Visier der
NSA geraten will?
Snowden: Normalerweise wird man aufgrund
etwa des Facebook-Profils oder
der eigenen E-Mails als Zielobjekt markiert.
Der einzige Ort, von dem ich
persönlich weiß, dass man ohne diese
spezifische Markierung zum Ziel wer -
den kann, sind die Foren von Dschihadisten.
Frage: Was passiert, wenn die NSA einen
Nutzer im Visier hat?
Snowden: Die Zielperson wird komplett
überwacht. Ein Analytiker wird täglich
einen Report über das bekommen, was
sich im Computersystem der Zielperson
geändert hat. Es wird auch … Pakete
jener Daten geben, die die automatischen
Analysesysteme nicht verstanden
haben, und so weiter. Der Analytiker
kann entscheiden, was er tun will – der
Computer der Zielperson gehört nicht
mehr ihr, er gehört dann quasi der USRegierung.

JACOB APPELBAUM,
LAURA POITRAS

DER SPIEGEL 28/2013, S. 22-24