Author Topic: Rostock 1992  (Read 448 times)

KarlMartell

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 604
    • View Profile
Rostock 1992
« on: March 21, 2013, 02:19:15 pm »
Ein Tag, den man sein Lebtag nicht vergisst, wenn man dabeiwar.

Titel futsch - aber «Lebbe geht weider»

1992: Fotofinish zu Dritt um die Meisterschale, Teil 1 - Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund sind die großen Verlierer. Während die Hessen in Rostock straucheln, wird der BVB punktgleich mit dem VfB Stuttgart nur Vizemeister. Die Eintracht-Legenden Axel Kruse und Dragoslav «Stepi» Stepanovic exklusiv bei arcor.de über verpasste Chancen und einen historischen Tag.

16. Mai 1992. Gegen 17.15 Uhr geht eine Durchsage über die Lautsprecher des Rostocker Ostseestadions, die wenig später wie Hohn klingt. «Wenn es in Rostock eine Meisterehrung geben sollte, bleiben Sie bitte auf den Rängen», so die Order des Stadionsprechers. Dazu kommt es nicht. Niemand jubelt. Tausende von mitgereisten Fans des Titelfavoriten Eintracht Frankfurt verharren nach dem Schlusspfiff wie gelähmt auf den Rängen. Auch die Anhänger des Bundesliga-Neulings FC Hansa Rostock trauern: ihr Team ist abgestiegen. Konkurrent Wattenscheid 09 hat Borussia Mönchengladbach nach 0:2 noch 3:2 geschlagen. Doch das Schicksal der tapferen Rostocker verkommt an diesem legendären Bundesliga-Samstag zur Randnotiz.

Frankfurt, VfB, BVB: der ultimative Titel-Krimi

Bei sommerlicher Hitze mit bis zu 30 Grad spielt sich in den Stadien von Duisburg, Leverkusen und Rostock ein Titeldrama ab, wie es die Liga noch nicht erlebt hat. Das «Fotofinish zu Dritt» mit Eintracht Frankfurt, dem VfB Stuttgart und Borussia Dortmund - in dieser Reihenfolge gehen die Teams mit jeweils 50:24 Zählern in den 38. Spieltag - schreibt Geschichte. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 15. Mai 2012: «Es gibt Tage, da spürt man auch zwanzig Jahre später noch das Gefühl im Bauch, das man damals hatte. Große Tage. Traurige Tage. Rostock! Ein Wort reicht, und alles ist wieder da.»

Die Frage «Wer wird Deutscher Meister?» - nie war sie heißer als in der Saison der sportlichen Wiedervereinigung und der Aufnahme der ehemaligen DDR-Klubs Dynamo Dresden und Hansa Rostock. In einer ZDF-Umfrage unter den Trainern und Kapitänen der 20 Vereine nach dem 37. Spieltag sehen 13 Übungsleiter und 15 Spielführer Eintracht Frankfurt am Ende vorn. Sieben glauben an den BVB, nur drei an den VfB Stuttgart. Der BVB spielt beim MSV Duisburg - ein Heimspiel für 20.000 schwarzgelbe Anhänger im Wedaustadion. Stuttgart tritt in Leverkusen an, Eintracht Frankfurt reist nach Rostock.

Der FC Hansa hat den Liga-Erhalt - wie der MSV - nicht mehr in der eigenen Hand. Hansa-Stürmer Florian Weichert bei arcor.de: «Die Frankfurter waren von der Einstellung her am schlimmsten dran, weil sie gegen ein Team spielten, das schon fast abgestiegen war. Die Party in Frankfurt war vorbereitet, das hat uns zusätzlich motiviert.» Dass die Rostocker das mit jeder Faser wollen, spürt man an der Ostsee in jeder Spielphase gegen den haushohen Favoriten aus Frankfurt mit seinen Stars Uli Stein (37), Uwe Bein (31), Andreas Möller (24) und Anthony Yeboah (25). Sie stehen in Frankfurt für den «Fußball 2000»

Nervenschlacht in Rostock

Eintracht-Stürmer Axel Kruse (damals 24) im Rückblick bei arcor.de: «Die Chance, den Titel zu holen, war in Frankfurt nie größer. Vom Potenzial her hätten wir Meister werden müssen, ganz klar.» Torwartlegende Uli Stein dazu in einer WDR-Dokumentation (2003): «Man war auf dem Weg, Bayern München Paroli zu bieten, wäre mit einem Titelgewinn in der Champions League gewesen.» Doch die Mannschaft des serbischen Kult-Trainers Dragoslav «Stepi» Stepanovic (43) ruft in Rostock ihr großes Können nicht ab, zeigt Nerven. Nur «Stepi» bleibt cool. Mit getönter Brille, Anzug und Zigarillo dirigiert er am Spielfeldrand. «Ich war ziemlich ruhig», erinnert sich Stepanovic bei arcor.de. «Mein Puls wurde vorm Spiel gemessen und ging nicht über 110.»
Die Eintracht, ein Elfer und jede Menge Wut
0:0 zur Pause in Rostock, Dortmund führt in Duisburg mit 1:0. Die Stuttgarter sind nach 45 Minuten nur Dritter: 1:1 in Leverkusen. An die Schwaben glauben aber weder die fast an den Taschenradios klebenden Dortmunder Fans noch die Frankfurter oder die Millionen an den Fernsehschirmen bei premiere. «Wir müssen die Brechstange auspacken», greift Hansa-Trainer Erich Rutemöller im ARD-Pausen-Interview zum letzten Mittel.

Die Situation spitzt sich zu. Es sind bereits 65 Minuten gespielt, als Rostocks Jens Dowe nach Rechtsflanke von Heiko März zum 1:0 trifft. Axel Kruse gelingt nach Linksflanke von Ralf Weber zwei Minuten später der Ausgleich. Jetzt fehlt Frankfurt noch ein Tor zur Meisterschaft. Und dann kommt die 76. Minute. Der Moment, in dem Frankfurt der Titel gestohlen wird. Sechs Meter vor dem Tor bringt Stefan Böger Frankfurts Weber zu Fall - Schiedsrichter Alfons Berg aus Konz gibt zum Entsetzen der Hessen keinen Elfmeter. «Stepi» nimmt diese spielentscheidende Szene anschließend mit bitterem Humor: «Stellt Euch vor, es gibt Elfmeter und dann schießen wir daneben.» Mit Lothar Sippel und Edgar Schmitt bringt er neben Yeboah noch zwei weitere Stürmer. Ein Eintracht-Treffer von Weber, der nach dem Spiel vor Wut eine Fernsehkamera zertrümmert, wird nach Handspiel von Uwe Bein abgepfiffen und in der 88. Minute trifft Schmitt nur den Pfosten. «Man hält sich im Nachhinein an diesem Elfmeter fest, aber wir hatten genügend Chancen, um auch so zu gewinnen», stellt Axel Kruse bei arcor.de klar. «Stepi» dazu: «Es war ein historischer Tag und die große Chance, mit der Eintracht nach 1959 wieder Meister zu werden. Aber meine Spieler waren zu angespannt. Sie wollten wie ein Boxer alles mit einem Schlag erledigen.»

Generöse Frankfurter, bewegende Worte von Hitzfeld

Für den Knock-out sorgen die Rostocker. 90. Minute, Frankfurt zu weit aufgerückt, Böger trifft zum 2:1, alles vorbei. «Stepi» schnappt seinen Trenchcoat und geht. Dass Stuttgart 2:1 in Leverkusen gewonnen und damit auch den BVB ins Tal der Tränen geschickt hat, interessiert in Rostock niemanden. Die Eintracht-Stars liegen fassungslos am Boden. Uwe Bein ist den Tränen nahe. Stepanovic liefert in der Pressekonferenz ein bewegendes Statement: «Es tut mir leid für die Hansa, weil sie abgestiegen ist und es tut mir leid für uns. Aber es ist gut für den Sport, wenn so gekämpft wird und die Zuschauer zufrieden nach Hause gehen. Lebbe geht weider.» Beinahe selbstredend trägt Stepis Autobiografie (Verlag DIE WERKSTATT/mit Peter C. Moschinski und Martin Thein) von 2013 diesen Titel: Lebbe geht weider - das Leben geht weiter.

Auch 520 Kilometer südwestlich in Duisburg, wo die Anhänger des MSV nach dem Abstieg trauern. Die Meister-Sause des BVB wird innerhalb von Sekunden zur Frust-Party. Um 17.16 Uhr blickt BVB-Trainer Ottmar Hitzfeld (43), dessen Ankunft in Dortmund 1991 für eine entscheidende Wende sorgt, hilflos zu seinem Informanten. «Drücken die Leverkusener?», fragt er mit verkniffenem Gesicht. «Drücken, ja», sagt der Mann mit dem Radio. «Wie lange geht's da noch?» - «Eine Minute.» Der Fast-Meistercoach wendet sich ab. «Das ist sehr enttäuschend, Glückwunsch an Stuttgart, mehr kann ich nicht sagen», ringt BVB-Kapitän Michael Zorc nach Abpfiff um Fassung. Das Schlusswort bei den Dortmundern, die dennoch mit 30.000 Anhängern am heimischen Friedensplatz feiern, hat Hitzfeld: «Unsere Fans sind Deutscher Meister. Wir wollen nächste Saison versuchen, es ihnen gleich zu tun.»

Das gelingt 1995 - und ist eine andere, dramatische Geschichte aus 50 Jahren Bundesliga.

Die Fußball-Promis: Axel Kruse, 45, spielte bis 1989 beim FC Hansa Rostock. Für Hertha BSC Berlin, Eintracht Frankfurt und den VfB Stuttgart bestritt er von 1990 bis 1998 insgesamt 141 Spiele (30 Tore) in der Fußball-Bundesliga. Nach seiner Bundesliga-Karriere startete Axel Kruse einen Neuanfang als American Footballer bei Berlin Thunder und holte als Kicker zwischen 1999 und 2003 mit den Berlinern zwei World-Bowl-Titel. Axel Kruse ist Geschäftsführer der Film- und Fernseh-Produktionsfirma farbfilm media in Berlin und arbeitet zudem als Experte und Reporter für SPORT1. (Stand: März 2013).

Dragoslav «Stepi» Stepanovic, 64, spielte bis 1976 für OFK und Roter Stern Belgrad und galt als einer der besten Außenverteidiger der Welt. Eintracht Frankfurt holte den 34-fachen jugoslawischen Nationalspieler in die Fußball-Bundesliga. Von 1976 bis 1978 machte Stepanovic 49 BL-Spiele (3 Tore), danach spielte «Stepi» für Wormatia Worms und Manchester City (1979-81). Im April 1991 wurde er Trainer bei Eintracht Frankfurt. Seine freundliche Art und sein lockerer Umgangston machten ihn bei Spielern, Fans und Medien schnell beliebt. Legendär: Nach dem Pokal-Halbfinale 1993 gegen Bayer Leverkusen (0:3) erklärte «Stepi» in einem Live-Interview seinen Rücktritt als Eintracht-Coach («Das war‘s.»). Er wechselte zu Bayer und betreute die «Werkself» im Finale gegen Hertha BSC Amateure (1:0). (Stand: März 2013).

Share on Facebook Share on Twitter


Ben

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 108
    • View Profile
Re: Rostock 1992
« Reply #1 on: March 21, 2013, 03:10:23 pm »
Schöner Bericht. Danke.