Arcadia Power

Author Topic: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"  (Read 2052 times)

KarlMartell

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 604
    • View Profile
Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
« Reply #15 on: April 14, 2013, 08:02:51 am »
Epilog
Nojoud trägt ihr hübsches lila Kleid und lächelt nach rechts und links. Es wirkt ein wenig schüchtern, wie sie sich an die Hand von Shada klammert. Doch ihr Blick ist entschlossen.

»Noch ein Foto!«, rufen die Reporter.

Es ist der 10. November 2008, die jüngste Geschiedene der Welt wurde soeben in New York von der amerikanischen Frauenzeitschrift Glamour zur »Frau des Jahres« gekürt. Gerade einmal zehn Jahre alt, teilt sie diese überraschende Auszeichnung mit der Schauspielerin Nicole Kidman, der amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice und Senatorin Hillary Clinton! Ganz schön viel für die tapfere kleine Jemenitin, die so plötzlich vom unbekannten Opfer zur Heldin unserer Zeit geworden ist und die sich nichts sehnlicher wünscht, als wieder ein ganz normales Leben zu führen. Aber diesen Preis hat sie wahrhaftig verdient.

 

Nojoud hat gesiegt. Und sie ist stolz darauf. Das ist mir gleich an ihr aufgefallen, als ich sie im Juni 2008, zwei Jahre nach ihrer Scheidung, zum ersten Mal gesehen habe: ihre große Selbstsicherheit – der schwere Kampf hat sie reifer werden lassen, ihr allerdings auch viel von der Unschuld der Kindheit geraubt.

Wie eine Große hat sie mir am Telefon bis ins kleinste Detail den Weg zu ihrem bescheidenen Haus beschrieben, das mitten im Gewirr der staubigen Gässchen von Dares liegt, einem Viertel am Rand von Sanaa, der Hauptstadt des Jemen.

Sie erwartet mich zwischen den vielen Autos an der Tankstelle, in einen schwarzen Schleier gehüllt und in Begleitung ihrer kleinen Schwester Haïfa. »Ich bin beim Süßigkeitenstand«, hat sie mir gesagt und sich damit als kleines Leckermäulchen verraten. Eines mit Mandelaugen, einem Puppengesicht und einem süßen Lächeln – ein Mädchen wie alle anderen, das gerne Bonbons lutscht, sich einen großen Fernseher wünscht und mit seinen Geschwistern Blindekuh spielt. Aber sie ist auch schon eine richtige Persönlichkeit, gereift durch schwere Erfahrung – und dennoch lächelt sie, wenn die Frauen von Sanaa ihr im Vorübergehen laut und freudig »Mabrouk« zurufen, was so viel heißt wie »Alles Gute!«.


»Die Scheidung von Nojoud hat eine Tür aufgestoßen«, meint Husnia al-Kadri, die Leiterin der Abteilung für Frauenstudien an der Universität Sanaa. Eine von ihr durchgeführte Untersuchung hat vor kurzem ergeben, dass mehr als die Hälfte der Mädchen im Jemen vor ihrem achtzehnten Geburtstag verheiratet werden.[1]

Ja, man muss es so sagen: Nojouds Geschichte ist eine frohe Botschaft. Ihr unglaublicher Bravourakt hat in diesem Land der arabischen Halbinsel, in dem die Zwangsverheiratung kleiner Mädchen bislang als unumstößliche Tradition galt, auch anderen zarten Stimmen Mut gemacht, sich gegen ihre Ehemänner zu erheben. Nach dem Prozess von Nojoud haben zwei weitere Mädchen, Arwa, neun Jahre alt, und Rym, zwölf, es gewagt, sich gegen ihre barbarische Verheiratung zur Wehr zu setzen. Auch in Saudi-Arabien hat ein achtjähriges Mädchen, das von seinem Vater einem Fünfzigjährigen zur Frau gegeben worden war, ein Jahr nach dem Drama von Nojoud eine Scheidung erreicht – eine Sensation in Jemens ultratraditionellem Nachbarstaat!

Im Februar 2009 errangen die Frauen im Jemen einen weiteren Sieg: Unter dem Druck örtlicher Frauenrechtsverbände hat das Parlament endlich in eine Reform des Eherechts eingewilligt. Das Mindestalter für die Eheschließung wurde, für Mädchen wie Jungen gleichermaßen, auf 17 Jahre angehoben. Das Gesetz verlangt jetzt auch, unabhängig vom Alter, die Zustimmung der zukünftigen Ehefrau. Und falls doch vom Mindestalter abgewichen wird – die Tradition forderte ihr Recht –, so muss der Ehevertrag zwingend von einem Richter unterzeichnet werden. Für den Fall einer Scheidung ist nun gesetzlich geregelt, dass die Kinder bis zum zwölften Lebensjahr bei der Mutter bleiben. Und nimmt sich ein Mann eine weitere Ehefrau, so ist er fortan verpflichtet, seine erste davon zu informieren. Die Polygamie wurde etwas eingeschränkt, ein Mann darf nur noch dann mehrere Ehefrauen nehmen, wenn er über ein gewisses Vermögen verfügt – damit sollen unübersichtlich verflochtene Familien wie die von Nojoud verhindert werden, in denen oft niemand die Mittel aufbringen kann, für die Kinder zu sorgen. Kleine Fortschritte, gewiss. Und es wird noch einige Zeit brauchen, ehe sie ihre volle Wirkung entfalten und die Verhältnisse sich wirklich ändern.

 

Nojoud ist die Tragweite ihrer Tat vielleicht noch nicht voll bewusst: Sie hat es geschafft, ein Tabuthema ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Die Nachricht von ihrer Scheidung hat sich um die ganze Welt verbreitet und das Schweigen gebrochen, das über dieser Sitte liegt, die leider in vielen Ländern verbreitet ist: Ägypten, Indien, Iran, Mali, Pakistan …

Dass uns Nojouds Schicksal so berührt, liegt aber auch daran, dass wir selbst ebenso betroffen sind. Sosehr es im Westen zum guten Ton gehören mag, sich über das Los der Frauen im Islam zu entrüsten: Die Zwangsverheiratung von Mädchen und Gewalt in der Ehe sind Probleme, die sich nicht auf die islamische Welt beschränken. Noch unsere Urgroßmütter wurden in Ländern wie Frankreich, Spanien oder auch Italien nicht selten sehr jung verheiratet, auch im Westen werden bis heute Frauen von ihren Ehemännern misshandelt. Und in den USA konnte Warren Jeffs, der Führer einer Mormonensekte, noch bis vor kurzem die Trauung von vierzehnjährigen Mädchen durchführen, ehe er 2006 schließlich verhaftet wurde.

 

Doch es ist nicht der Glaube allein, der jemenitische Väter dazu veranlasst, ihre Töchter noch vor der Pubertät zu verheiraten. »Armut, Bildungsmangel und Traditionen spielen ebenfalls eine Rolle«, bemerkt Husnia al-Kadri. Familienehre, Angst vor Ehebruch, Begleichung alter Rechnungen zwischen Clans: die Gründe, die Eltern vorbringen, sind ebenso zahlreich wie verschieden. Und ein jemenitisches Sprichwort besagt: »Heirate ein Mädchen mit neun, und deine Ehe wird glücklich sein.«

Das große Problem ist, dass die Zwangsverheiratung von Kindern für viele Jemeniten einfach etwas ganz Normales ist. »Vor kurzem starb ein neunjähriges jemenitisches Mädchen, das mit einem Saudi verheiratet worden war, drei Tage nach der Hochzeit. Die Eltern hätten entsetzt sein müssen! Stattdessen haben sie sich eiligst bei dem Ehemann entschuldigt und ihm als Ersatz die siebenjährige Schwester des Mädchens angeboten, so als hätten sie ihm schlechte Ware geliefert«, erzählte mir vor kurzem Nadia al-Saqqaf, die Chefredakteurin der Yemen Times. Während uns das Aufbegehren von Nojoud als mutige Tat erscheint, sehen die Traditionalisten darin einen Skandal – und ganz Hartgesottene gar ein Ehrverbrechen.

Verglichen mit dem Glanz und Glamour von New York wirkt die tägliche Realität unserer kleinen jemenitischen Heldin nicht gerade wie eine Märchenwelt.

Nojoud ist ihrem Wunsch entsprechend zu ihren Eltern zurückgekehrt. Ihre großen Brüder betrachten die internationale Aufmerksamkeit, die ihre Scheidung ausgelöst hat, mit Argwohn. Die Nachbarn beschweren sich über die vielen ausländischen Fernsehteams. Nicht alle, die sich nach ihrer Geschichte erkundigen, tun dies in bester Absicht. Ihr früherer Ehemann ist längst nicht mehr im Gefängnis. Die Familie von Nojoud hat alle Verbindungen zu ihm abgebrochen, und niemand weiß, wo er sich derzeit aufhält.

Auch Shada ist vor Misshelligkeiten nicht gefeit. Böse Zungen werfen ihr vor, sie hätte den Jemen in schlechtes Licht gesetzt. Unterdessen bemühen sich Nichtregierungsorganisationen, die Bevölkerung auf dem Land für die Probleme solcher Zwangsehen zu sensibilisieren. Mit Rücksicht auf die vorhandenen Empfindlichkeiten wägt Oxfam, die in dieser Region am stärksten engagierte Organisation, in Workshops zu diesem Thema die Worte sehr genau ab. Statt vom »legalen Heiratsalter« spricht man lieber vom »Schutzalter« und legt den Akzent damit auf die Risiken einer allzu frühen Verheiratung: psychologische Traumata, Kindbettfieber, Schulabbruch. Doch die Aufgabe bleibt schwierig. »Es ist schon mehrfach vorgekommen, dass Scheichs gegen Mitarbeiter vor Ort eine Fatwa ausgesprochen haben, unter dem Vorwurf, sie würden den Islam missachten und westlicher Dekadenz Vorschub zu leisten«, vertraute mir Souha Bashren von Oxfam an. Der Weg zu einer besseren Zukunft bleibt lang und steinig …

 

Das Viertel von Nojoud liegt nachts nicht wie New York im Lichterglanz. Im Winter ist es kalt, Brennmaterial ist teuer. Lange Abendkleider sieht man in Sanaa nur im Schaufenster. Frühmorgens heißt es für Nojoud, aufzustehen und Brot für die ganze Familie zu kaufen. Nicht selten versagt der Wecker den Dienst. Die großen Brüder hingegen schlafen bis zum Frühstück. Nojouds Vater, kränklich und fiebrig, hat selten Arbeit. Ihre Mutter, die nicht lesen kann, vernachlässigt manchmal ihre Pflichten.

Trotz all dieser Schwierigkeiten geht die kleine Geschiedene nun in Begleitung ihrer Schwester Haïfa wieder zur Schule. Während wir hier an dieser Neuausgabe arbeiten, fängt für die beiden bald das dritte Schuljahr an.

Die Tantiemen für dieses Buch, das in zwanzig Sprachen übersetzt wurde, ermöglichen die Schulausbildung und die Unterstützung der Familie: Lebensmittel, Wohnung, Schulhefte und Kleider für die Kinderschar … Später einmal werden sie Nojoud auch helfen, zu studieren und eine Hilfsorganisation für Mädchen in Not zu gründen, wie es ihr Traum ist. Und außerdem möchte sie weiter ihre Familie unterstützen.

Jedes Mal, wenn ich nach Sanaa komme, wünscht sie sich Buntstifte von mir. Dann kauert sie auf dem Fußboden des bescheidenen Wohnraums und zeichnet immer dasselbe: ein buntes Haus mit vielen Fenstern. Einmal habe ich sie gefragt, ob das ein Wohnhaus, eine Schule oder ein Pensionat sei. »Das ist das Glückshaus. Das Haus für glückliche Mädchen«, hat sie mir lächelnd geantwortet.


 

Delphine Minoui

September 2009

Morena

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 175
    • View Profile
Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
« Reply #16 on: April 14, 2013, 02:20:59 pm »
 was für eine Geschichte. Einj sehr mutiges Mädchen und ich hoffe für sie, dass sie ihr Ziel erreicht, trotz des Islam
und der grausamen Männerwelt dort.

Wobei leider auch die Solidarität der Frauen, bis auf Ausnahmen leider durch die Traditionen nicht sehr stark ausgeprägt ist.

KarlMartell

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 604
    • View Profile
Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
« Reply #17 on: April 14, 2013, 08:11:50 pm »
Woanders hätte sie das vielleicht nicht überlebt, aber im Jemen bremst der ewige Kat-Rausch neben allem anderen wohl auch den religiösen Wahn. Natürlich merkt man, dass die amerikanische Journalistin das Buch geschrieben hat, aber imho gibt es doch ein paar Einblicke.
Hier der aktuelle Wikipedia-Artikelüber die Protagonistin:
----------------------------------------------
Nojoud Ali Muhammed Nasser, auch Nodschud Ali, engl. Nujood Ali, (* 1998 in Khardji, Jemen) ist eine jemenitische Aktivistin und Autorin. Die Scheidung ihrer Zwangsehe mit einem 22 Jahre älteren Mann, die sie im Alter von zehn Jahren durchsetzte, erregte weltweit Aufsehen. Über ihr Schicksal hat sie mit Hilfe einer französischen Journalistin ein Buch geschrieben, das zum Welt-Bestseller wurde.
Leben

Nojoud Ali wurde in dem Dorf Khardji im Norden von Jemen geboren. Ihre Familie lebte in Armut. Ihr Vater, Mohammad Ali Al-Ahdal, der mit seinen zwei legalen Frauen insgesamt 16 Kinder gezeugt hat, war arbeitslos und Nojouds Brüder und Schwestern bettelten. Die Familie Ali zog später in die Umgebung der Hauptstadt Sanaa. Dort besuchte Ali vor ihrer Heirat nur ein Jahr lang eine Klasse mit 40 bis 50 Schülerinnen und wurde dann von ihrem Vater im Januar 2008 gegen eine Zahlung von umgerechnet 1100 Euro mit einem 22 Jahre älteren Mann zwangsverheiratet und mit körperlicher Gewalt zur Einwilligung gezwungen.[1]

Sie wurde von ihrem Ehemann mehrmals körperlich misshandelt und vergewaltigt. Anfang April 2008 suchte sie bei ihrer Familie Hilfe, die sich dazu jedoch aufgrund der gesetzlichen Lage nach der Heirat nicht in der Lage sah. Von der zweiten Ehefrau ihres Vaters kam der Hinweis, dass sie „ja [selbst] zum Gericht gehen könne“. Ali entfloh ihrem Mann und fragte sich zum Bezirksgericht West in Saana durch. Dort fand sie bei dem Richter Muhammed Al-Qathi Unterstützung, der sowohl Nojouds Ehemann wie auch ihren Vater vorübergehend in Untersuchungshaft nehmen ließ. Die Haftgründe waren Kindeshandel und Vergewaltigung Minderjähriger.[1]

In dem nachfolgenden Gerichtsverfahren erhielt Ali kostenlose Hilfe von der jemenitischen Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Shada Nasser, die eine Scheidungsklage einreichte. Unterdessen war Ali eine Zeitlang von dem Richter bei sich zuhause aufgenommen worden. Die Ehe wurde Mitte April 2008 geschieden. Ali musste jedoch ihrem Ex-Mann eine Entschädigung, die sogenannte Khulla (arab. Chul’) in Höhe von umgerechnet 500 Dollar zahlen; der Betrag wurde von Spendern übernommen.[1][2]

Erstmals an die Öffentlichkeit gebracht wurde der Fall dann von der Yemen Times; eine alle drei Tage erscheinende jemenitische Zeitung, die Missstände offen anprangert und sich für Reformen und Rechtsstaatlichkeit einsetzt; Herausgeberin ist Nadia Abdulaziz Al-Sakkaf. Der Bericht vom 9. April 2009 in der Yemen Times über die Scheidung der minderjährigen Ali[3] wurde rasch von internationalen Massenmedien aufgegriffen und sorgte weltweit für Aufsehen und ein langanhaltendes Medieninteresse.[1]

So berichtete nach einem entsprechenden Artikel der Deutschen Presse-Agentur[4] in Deutschland unter anderem die Süddeutsche Zeitung und die Welt am Sonntag über Alis Schicksal[5], in den USA schrieb die Los Angeles Times im Juni 2008 über Hintergründe der „international headlines story“[6], und in Frankreich befasste sich die französische Ausgabe der Gratiszeitung metro im Januar 2009 zum wiederholten Male mit dem Thema und brachte anlässlich des bevorstehenden Erscheinens des Buches von und über Nojoud Ali ein Interview mit ihr[7]. Darüber hinaus gab es weltweit eine Vielzahl von Berichterstattungen in Printmedien, Hörfunk und Fernsehen sowie im Internet.

Ali wurde von dem US-amerikanischen Magazin Glamour als Frau des Jahres 2008 (Woman of the year 2008) geehrt, die Auszeichnung wurde ihr im November 2008 in New York überreicht.[8]

Die französische Journalistin und Nahost-Korrespondentin des Figaro, Delphine Minoui, die im Libanon lebt, wurde im April 2008 auf den Fall aufmerksam und gewann das Vertrauen von Ali, die ihr ihre Geschichte erzählte. Das autobiografische Buch über die zweieinhalbmonatige Zwangsehe von Ali und die darauffolgende Scheidung erschien zuerst in französischer Sprache und kam beim französischen Verlag Michel Lanfon unter dem Titel Divorcée à dix ans Ende Januar 2009 heraus. Die erste deutschsprachige Ausgabe wurde im Februar 2009 vom Münchener Knaur Verlag herausgegeben. Das Buch von Ali/Minoui erschien mittlerweile in mehr als acht Ländern und entwickelte sich zu einem weltweiten Bestseller. Najoud Ali jedoch beklagt die Tatsache, dass sie selbst bis auf eine anfängliche Abfindung von umgerechnet 3000 Euro keinerlei finanzielle Erträge aus dem Buchverkauf erhält und Delphine Minoui den Kontakt zu ihr nach der Buchveröffentlichung abgebrochen hat.[1]

Inzwischen hat Ali in verschiedenen Ländern weitere Auszeichnungen und Ehrungen erhalten. So wurde sie zum Beispiel im März 2009 in Wien im Rahmen der Women’s World Awards 2009 mit dem World Hope Award gewürdigt, wobei Ali die Auszeichnung nicht persönlich entgegennehmen konnte, da sie nicht aus ihrer Heimat ausreisen durfte.[9]

Nojoud Ali lebt weiterhin in Armut und ist ob der dem Land Jemen wenig willkommenen Medienpräsenz in ihrer Bewegungsfreiheit heute deutlich eingeschränkt. Der Reisepass wurde ihr entzogen, eine Teilnahme am Women’s World Awards 2009 wurde verwehrt. Erziehungsberechtigt ist nach wie vor ihr Vater. Einzige Einkommensquelle der 19-köpfigen Familie Nojoud Alis ist die Bettelei.[1]

Nojoud Ali will sich zusammen mit der Rechtsanwältin Shada Nasser dafür einsetzen, dass andere Mädchen vor einer Zwangsheirat bewahrt werden.

Im März 2010 erschien in der Los Angeles Times [10] ein Artikel über das Leben Alis zwei Jahre nach ihrer Scheidung. Die Situation der Familie verbesserte sich nach dem Umzug in ein neues Haus merklich. Dazu trugen die Erträge durch die Lizenzgebühren des inzwischen in mehreren Sprachen herausgegebenen Buches bei, welche Nojoud Ali und ihren Angehörigen ein Jahr nach der Erstveröffentlichung zuflossen.

Leider ist die Rechtssicherheit, über diese Einnahmen selbst verfügen zu können, für das Mädchen nach den Gesetzen ihres Heimatlandes nicht festgeschrieben. Ihr Vater als Erziehungsberechtigter verwaltet die finanziellen Zuflüsse und entscheidet über deren Verwendung.[11] Hinzu kommt, dass ihr Engagement gegen die Zwangsheirat in der von Tribalismus und streng durch islamische Lebensvorstellungen geprägten Gesellschaft auf wenig Gegenliebe stößt und sie daher Schikanen und Belästigungen ausgesetzt ist.
Rechtliche Situation

Das gesetzliche Mindestalter für Eheschließungen lag 2008 für jeminitische Mädchen bei 15 Jahren[12] und wurde inzwischen auf 17 Jahre hochgesetzt. Nach Schätzung der Leiterin der Abteilung für Frauenstudien an der Universität von Sanaa, Husnia al-Kadri, wurden bislang jedoch mehr als die Hälfte der Mädchen vor ihrem 15. Lebensjahr verheiratet. Das effektive Alter in dem von archaischen Strukturen geprägten Land ist vielerorts unbekannt, da es in den Dörfern keine Geburtsurkunden und keine Ausweise gibt.[12]

Männer dürfen im Jemen laut Gesetz bis zu vier Ehefrauen haben. Eine Heirat war bisher nicht nur erlaubt, sobald die Braut 15 Jahre alt war, sondern bei Einwilligung des Vaters als gesetzlicher Vormund auch früher. Die traditionelle Regel, wonach der Ehemann mit dem Vollzug der Ehe bis zum Ende der Pubertät warten muss, werde jedoch immer öfter gebrochen, berichtete die Psychologieprofessorin Najat Sajam von der Universität Sanaa im April 2008.[13] Das Schutzalter, welches das Erreichen der Einwilligungsfähigkeit für sexuelle Handlungen festlegt, war in Jemen 1999 von ehemals 15 Jahren auf den Beginn der Pubertät gesenkt worden, wobei man darunter dort meist ein Alter von nur neun Jahren versteht.[14]

Nachdem das jemenitische Parlament noch Anfang 2009 eine Gesetzesänderung abgelehnt hatte, wurde das Mindestalter für Eheschließungen für Mädchen im März 2009 auf 17 Jahre heraufgesetzt. Damit diese Grenze insbesondere auch in ländlichen Gegenden eingehalten wird, muss künftig jeder Heiratsvertrag von einem Richter beglaubigt werden. Das Parlament gab damit dem internationalen Druck nach, der durch den Fall Nojoud Ali und die weltweiten Berichterstattungen darüber entstand.[15]
Buchveröffentlichungen (Auswahl)

    Nojoud Ali (Bearb.: Delphine Minoui): Moi Nojoud, 10 ans, divorcée. Michel Lafon, Neuilly-sur-Seine (Frankreich) 2009, ISBN 978-2-7499-0976-9. (französisch)
    Nojoud Ali (Bearb.: Delphine Minoui): Ich, Nojoud, 10 Jahre, geschieden. Knaur, München 2009, ISBN 978-3-426-65470-5. (Aus dem Französischen von Andreas Riehle und Thomas Wollermann; französischer Originaltitel: Moi, Nojoud, 10 ans, divorcée)
    Nojoud Ali (Bearb.: Delphine Minoui): Ich, Nojoud, 10 Jahre, geschieden. Weltbild, Augsburg 2009 (= Weltbild-Reader), ISBN 978-3-8289-9613-7. (Aus dem Französischen von Andreas Riehle und Thomas Wollermann; Lizenzausgabe des Knaur-Verlags, München)

Literatur

    Calvin C. Jillson: American Government. Political Development and Institutional Change. 5th ed., Routledge, New York 2009, ISBN 978-0415995702, S. 338. (Englisch)
    Keren Soel: Women. The Status of Women in Islam, Hinduism, and Christianity. CreateSpace, Scotts Valley (Kalifornien/USA) 2008, ISBN 978-1-440-41750-4, S. 97. (Englisch)

Weblinks

    Literatur von und über Nojoud Ali im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Einzelnachweise

    ↑ a b c d e f Kleine große Frau: profil besuchte die zehnjährige Jemenitin Nojoud Ali in Sanaa, Bericht von Emil Bobi beim österreichischen Nachrichtenmagazin profil auf www.profil.at vom 14. März 2009 (aufgerufen am 11. September 2009).
    ↑ Achtjährige im Jemen erwirkt Scheidung. Ein unschuldiges Kind, sonst nichts! (Die ursprüngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.) → Erläuterung, Bericht von Esther Saoub in der ARD-Tagesschau, auf wwww.tagesschau.de vom 16. April 2009 (aufgerufen am 11. September 2009).
    ↑ For the first time in Yemen. 8-year-old girl asks for divorce in court, Artikel von Hamed Thabet vom 9. April 2009, veröffentlicht in der Yemen Times (1145), Ausgabe 18, vom 10. April 2008 bis 13. April 2008 (englisch; aufgerufen am 11. September 2009).
    ↑ Nach Zwangsheirat: Achtjährige Jemenitin erkämpft Scheidung, Artikel von Frederik Obermaier von der Deutschen Presse-Agentur, vom 16. April 2008
    ↑ Wie es einer Achtjährigen im Jemen gelang, sich nach ihrer Zwangsheirat scheiden zu lassen, Artikel von Silke Mertins in der Welt am Sonntag, auf www.welt.de vom 27. April 2008 (aufgerufen am 11. September).
    ↑ Yemen child bride Nujood Ali gets divorce, Artikel von Borzou Daragahi in der Los Angeles Times vom 11. Juni 2008 (englisch; aufgerufen am 11. September 2009).
    ↑ Divorcée à dix ans, Artikel von Alexandra Bogaert in der französischen Ausgabe der metro, auf www.metrofrance.com vom 28. Januar 2009 (französisch; aufgerufen am 11. September 2009).
    ↑ Women of the year 2008. Nujood Ali & Shada Nasser: The Voices for Children, Artikel von Carla Power in dem US-amerikanischen Magazin Glamour vom August 2008 auf www.glamour.com (englisch; aufgerufen am 11. September 2009).
    ↑ Women's World Awards: Auftakt ohne zehnjährige Preisträgerin, APA-Pressemitteilung auf Die Presse.com vom 5. März 2009 (aufgerufen am 11. September 2009).
    ↑ 2 years after divorce
    ↑ RI Yemen seeks help for famous child bride Nojoud
    ↑ a b „Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden“, Artikel von Olga Grimm-Weissert in der österreichischen Tageszeitung Der Standard vom 4. Februar 2009 (aufgerufen am 11. September 2009).
    ↑ Zwangsehen im Jemen. Acht Jahre alt und geschieden, Artikel in der Süddeutschen Zeitung, auf www.sueddeutsche.de vom 16. April 2008 (aufgerufen am 11. September 2009).
    ↑ Human Rights Watch: World Report 2000 – Yemen: Human Rights Developments (englisch; aufgerufen am 11. September 2009).
    ↑ Kinder, die sich scheiden lassen. Eine Zehnjährige bewirkt Gesetzesänderung im Jemen, Bericht von Sabine Bitter beim österreichischen Hörfunksender Ö1, auf oe1.orf.at vom Juli 2009 (aufgerufen am 11. September 2009).

2 years after divorce 9. März 2010, Artikel von Meris Lutz in der Los Angeles Times in englischer Sprache

RI Yemen seeks help for famous child bride Nojoud 6. August 2012, Artikel von Mohammed Al Kibsi in englischer Sprache in einer Onlineausgabe der Zeitung Yemen Observer

http://de.wikipedia.org/wiki/Nojoud_Ali