Author Topic: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"  (Read 2052 times)

KarlMartell

  • Administrator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 604
    • View Profile
Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
« on: April 14, 2013, 07:42:38 am »
2. Khardji
In Khardji, dem Dorf, in dem ich geboren bin, bringt man Frauen nicht bei, sich frei zu entscheiden. Dort haben die Männer das letzte Wort. Mit ungefähr sechzehn hat meine Mutter Shoya ohne Murren meinen Vater Ali Mohammad-al-Ahdel geheiratet. Und als er vier Jahre später beschloss, die Familie zu vergrößern, und sich eine zweite Frau nahm, fügte sie sich willig den Wünschen ihres Mannes. Mit der gleichen Ergebenheit nahm ich zunächst meine eigene Heirat hin, ohne ihre Tragweite zu erahnen. In meinem Alter stellt man sich nicht allzu viele Fragen.

»Wie macht man Kinder?«, hatte ich eines Tages Omma unschuldig gefragt.

»Das wirst du schon sehen, wenn du größer bist!«, hatte sie mir geantwortet und mit einer Handbewegung meine Frage beiseitegefegt.

Ich habe mich gefügt, mir meine kindliche Neugier verkniffen und bin in den Garten zurückgegangen, um mit meinen Brüdern und Schwestern zu spielen. Unser liebster Zeitvertreib war das Versteckspielen. Im Tal von Wadi La’a im Bezirk Hajjah, wo ich geboren bin, gibt es unzählige Schlupfwinkel, in denen wir einfach verschwinden konnten: hohle Baumstämme, schmale Felsspalten, von der Zeit ausgehöhlte Grotten. Wenn wir vom vielen Herumtollen außer Atem waren, stürzten wir uns kopfüber ins frische Gras und schmiegten uns in dieses grüne Nest. Die Sonne nutzte die Gelegenheit, unsere Haut zu streicheln und unsere ohnehin schon braunen Gesichter noch mehr zu bräunen. Wenn wir uns genug ausgeruht hatten, vergnügten wir uns damit, die Hühner zu verscheuchen und die Esel mit Ästen zu necken.

 

Meine Mutter hatte siebzehn Kinder. Sie hatte drei Fehlgeburten erlitten, ohne es jemandem zu sagen, und für sie bedeutete jede Schwangerschaft eine Lebensgefahr. Mangels ärztlicher Versorgung verlor sie zudem eines ihrer Babys bei der Geburt. Vier weitere Brüder und Schwestern, die ich nicht gekannt habe, starben ohne jegliche ärztliche Hilfe an unheilbaren Krankheiten. Alle waren zwischen zwei Monaten und vier Jahren alt.

Wie ihre anderen Sprösslinge brachte sie mich zu Hause auf die Welt, ausgestreckt auf einer geflochtenen Matte, schweißgebadet die Qualen erduldend und zu Allah betend, er möge ihr Neugeborenes schützen.

»Du hast lange gebraucht, bis du kamst. Die Wehen begannen mitten in der Nacht, gegen zwei Uhr morgens. Und die Entbindung dauerte einen guten halben Tag, im Hochsommer, bei Gluthitze. Es war ein Freitag, der wöchentliche Feiertag«, so erzählt sie mir von Zeit zu Zeit, um meine Neugier zu stillen.

Aber wäre ich an einem Wochentag zur Welt gekommen, so hätte das nicht viel geändert. Für Omma hatte sich die Frage, im Krankenhaus zu entbinden, nie gestellt. Unser Dorf, eingezwängt an der engsten Stelle des Tals, lag viel zu weit entfernt von jeder medizinischen Einrichtung. Es bestand aus höchstens fünf Steinhäusern und besaß weder ein Rathaus noch ein Lebensmittelgeschäft, weder eine Autowerkstatt noch einen Barbier und noch nicht einmal eine Moschee! Man konnte nur auf dem Rücken eines Maulesels dorthin gelangen.

 

Nur eine Handvoll waghalsiger Pick-up-Fahrer, sofern sie stabile Reifen hatten, trauten sich, den holprigen Weg an der Schlucht entlang zu befahren, aber wegen der schlechten Straße mussten sie alle zwei Monate ihre Reifen auswechseln. Man stelle sich also vor, wie stark die Wehen meiner Mutter hätten sein müssen, wenn sie sich dazu entschieden hätte, sich in die Obhut eines Krankenhauses zu begeben. Womöglich hätte sie mitten auf der Straße entbunden! Omma sagt, selbst mobile Krankenhäuser hätten es niemals riskiert, Khardji anzusteuern!

»Aber wer hat dann zu Hause die Krankenschwester gespielt?«, frage ich gelegentlich beharrlich, wenn Omma, erschöpft von meinen Fragen, vergisst, mir das Ende der Geschichte zu erzählen, wie ich auf die Welt gekommen bin.

»Nun ja, zum Glück war deine große Schwester Jamila da! Wie jedes Mal half sie mir, die Nabelschnur mit einem Küchenmesser durchzutrennen. Dann hat sie dich gebadet und dich anschließend in ein Tuch gewickelt. Dein Großvater Jad hat dann beschlossen, dich Nojoud zu nennen. Man sagt, das sei ein Beduinenname.«

»Omma, bin ich im Juni oder im Juli geboren? Oder vielleicht mitten im August?«

Meistens beginnt Omma in diesem Moment, sich zu ärgern.

»Nojoud, wann hörst du endlich auf, all diese Fragen zu stellen?«, sagt sie dann jedes Mal, um meiner Fragerei Einhalt zu gebieten.

In Wirklichkeit tut sie das, weil sie nicht die geringste Ahnung hat. Weder mein Vorname noch mein Familienname erscheinen in den offiziellen Registern. In der Provinz setzt man haufenweise Kinder in die Welt, ohne eine Geburtsurkunde auszustellen. Mein Geburtsjahr weiß kein Mensch. Meine Mutter nimmt an, dass ich ungefähr zehn sein müsste. Aber es kann gut sein, dass ich erst acht oder neun bin … Wenn ich hartnäckig genug nachfrage, kommt es vor, dass sie überlegt und versucht, die Reihenfolge der Geburt ihrer Kinder auszuklügeln, indem sie sich an den Jahreszeiten, den Todestagen unserer Ahnen, den Hochzeiten bestimmter Cousins oder unseren Umzügen orientiert. Echte Gehirnakrobatik!

Aufgrund von Berechnungen, die weitaus komplizierter sind als die des Lebensmittelhändlers, kommt sie schließlich jedes Mal zu dem Schluss, dass Jamila die Älteste ist, gefolgt von Mohammad, dem ältesten Jungen und »zweiten Mann« im Haus – der die Befugnis hat, Entscheidungen zu treffen, gleich nach meinem Vater. Danach folgen Mona, die Rätselhafte, und Fares, der Hitzkopf. Dann komme ich, gefolgt von meiner Lieblingsschwester Haïfa, die fast so groß ist wie ich. Schließlich Abdo, Morad und die Jüngste, Rawdha, mit ihrem Kraushaar. Dowla, meine »Tante« und zweite Frau meines Vaters, die eigentlich eine entfernte Cousine von ihm ist, hat fünf Kinder.


»Omma ist eine richtige Glucke!«, spottet Mona oft, wenn sie meine Mutter aufziehen will. Ich erinnere mich, dass ich mehrere Male morgens aufgewacht bin und in ihrem Bett ein Neugeborenes entdeckt habe, das sie liebevoll in den Armen wiegte! Sie wird nie damit aufhören.

Omma kann sich jedoch erinnern, dass sie eines Tages Besuch von der Vertreterin eines Hilfswerks bekam, zwecks »Familienplanung«. Man hat ihr Pillen verschrieben, die sie einnehmen sollte, um nicht wieder schwanger zu werden. Ab und zu, wenn sie gerade daran dachte, nahm sie die Pillen auch. Doch einen Monat später begann ihr Bauch zu ihrer großen Überraschung wieder anzuschwellen, und sie sagte sich, dass das Leben eben so sei, und dass man zuweilen nichts gegen die Natur ausrichten könne.

Khardji trägt seinen Namen zu Recht. Auf Arabisch bedeutet er »draußen«. Anders ausgedrückt: am Ende der Welt. Die meisten Geographen machen sich nicht mal mehr die Mühe, diese mikroskopisch kleine Ortschaft auf den Landkarten zu lokalisieren. Um es einfach zu machen, kann man sagen, dass Khardji unweit von Hajjah liegt, einer relativ bekannten Stadt im Nordwestjemen, nördlich von Sanaa. Zwischen diesem kleinen abgelegenen Ort und der Hauptstadt muss man mindestens vier Stunden Asphaltstraße rechnen und mindestens genauso viel auf Sand und Geröll. Wenn meine Brüder morgens zur Schule im größten Dorf des Tales aufbrachen, hatten sie einen zweistündigen Fußmarsch vor sich. Der Schulbesuch war nur ihnen vorbehalten. Mein Vater, ein sehr fürsorglicher Mann, war der Meinung, Mädchen seien zu zart und verletzlich, um ganz allein durch eine fast ausgestorbene Gegend zu laufen, wo hinter jedem Kaktus die Gefahren lauern. Davon abgesehen, konnten weder er noch meine Mutter lesen und schreiben, und er sah auch für seine Kinder keine Notwendigkeit darin.

Meine Schule war also die Natur, und im Übrigen sah ich Omma bei der Hausarbeit zu. Wenn sich meine beiden großen Schwestern Jamila und Mona mit zwei kleinen gelben Kanistern aufmachten, an der Quelle Wasser zu holen, trampelte ich ungeduldig hin und her, weil ich noch nicht mitdurfte. Im Jemen ist das Klima so trocken, dass man täglich mehrere Liter Wasser trinken muss, um nicht auszutrocknen. Sobald ich laufen konnte, steuerte ich am liebsten den Fluss an. Er lag nur wenige Meter unterhalb des Hauses und war uns sehr nützlich. In seinem kristallklaren Wasser wusch Omma die Wäsche und spülte die Töpfe nach jeder Mahlzeit aus. Morgens, nachdem die Männer zur Feldarbeit gegangen waren, wuschen sich die Frauen dort im Schatten hoher Bäume. An Gewittertagen suchten wir im Haus Schutz vor den Blitzen und dem Regen. Doch sobald sich die Sonne wieder zeigte und die Wolken durchbrach, eilten wir erneut zum Fluss, wo das Wasser jetzt so hoch stand, dass es mir bis zum Hals reichte. Um zu vermeiden, dass der Fluss über die Ufer trat, vergnügten sich meine Brüder damit, kleine Stauwerke zu bauen, die seinen Lauf umleiteten. Wir hatten viel Spaß.

Wenn sie von der Schule nach Hause kamen, sammelten die Jungen Äste auf, um damit den tandour anzuheizen, den traditionellen Ofen, der zur Zubereitung von khobz, unserem jemenitischen Brot, dient. Meine Schwestern waren Expertinnen in der Zubereitung dieser knusprigen Fladen. Manchmal bestrichen wir sie mit Honig, dem »jemenitischen Gold«, wie die Erwachsenen sagen. Der Honig aus unserer Gegend ist besonders berühmt, und mein Vater besaß einige Bienenstöcke, die er mit erstaunlicher Sorgsamkeit hegte und pflegte. Omma hat uns immer gesagt, dass Honig sehr gut für die Gesundheit und außerdem ein Energiespender sei.

Abends nahmen wir die Mahlzeit traditionsgemäß rings um den sofrah ein, eine Decke, die auf dem blanken Boden ausgebreitet wird. Sobald Omma den großen heißen Kochtopf daraufgestellt hatte, gefüllt mit salta, einem Rinder- oder Schafsragout in Bockshornkleesoße, tauchten wir unsere Finger hinein und formten dann aus Reis und Fleisch kleine Bällchen, die blitzschnell in unseren Mündern verschwanden. Wir machten es wie unsere Eltern und aßen direkt aus dem Kochgeschirr. Ohne Teller, Gabeln oder Messer. So isst man in den jemenitischen Dörfern.

Ab und an nahm uns Omma mit auf den Samstagsmarkt, der wöchentlich in der Mitte des Tals abgehalten wurde. Für uns war das ein großer Ausflug. Wir legten den Weg auf dem Maulesel zurück und kauften Vorräte für die nächsten Tage ein. Wenn die Sonne besonders heiß brannte, setzte Omma einen Strohhut auf ihren schwarzen Schleier, der den Großteil ihres Gesichts bedeckte. Damit sah sie aus wie eine Sonnenblume.

Wir verlebten recht glückliche Tage, deren Rhythmus von der Sonne bestimmt wurde. Ein einfaches, doch friedliches Leben ohne elektrischen Strom, ohne fließendes Wasser. Die hinter einem Strauch verborgenen Toiletten bestanden aus einem einfachen Loch, umrahmt von Ziegelsteinen. Nach Einbruch der Dunkelheit verwandelte sich das große Wohnzimmer, dessen einzige Dekoration aus ein paar auf den Boden geworfenen Kissen bestand, in unser Schlafzimmer. Um von einem Zimmer ins andere zu gelangen, mussten wir den Innenhof überqueren. Dieser wurde während des Sommers zum wichtigsten Ort unseres Familienlebens. Omma richtete sich eine Küche unter freiem Himmel ein, und während ihre salta auf einem Holzfeuer köchelte, stillte sie die Kleinsten. Meine Brüder büffelten dort ihr Alphabet. Und die Mädchen hielten auf einem Bett aus Stroh ihren Mittagsschlaf.

Mein Vater war selten zu Hause. Normalerweise stand er bei Sonnenaufgang auf, um seine Herde auf die Weide zu treiben. Er besaß achtzig Schafe und vier Kühe. Diese gaben ausreichend Milch, um Butter, Joghurt und Quark herzustellen. Wenn mein Vater aus dem Haus ging, um den Bewohnern des Nachbardorfes einen Besuch abzustatten, zog er immer eine braune Jacke über seine zanna und band seinen jambia an den Gürtel. Man sagt, dieser scharfe Dolch, der von Hand verziert ist und von den Männern meines Landes getragen wird, sei ein Symbol für Macht, Männlichkeit und Ansehen in der jemenitischen Gesellschaft. In der Tat verlieh er meinem Vater eine gewisse Würde und eine beeindruckende Eleganz. Ich war stolz auf meinen Aba. Doch offenbar dient der Dolch eher als Zierde denn als wirkliche Waffe. Jeder wetteifert darin, den schönsten jambia zu tragen. Die Preise sind übrigens sehr unterschiedlich, je nachdem, aus welchem Material der Schaft gefertigt ist, aus Plastik, Elfenbein oder echtem Rhinozeroshorn. Die Gesetze unserer Stammeskultur verbieten anscheinend, ihn dafür zu benutzen, sich gewaltsam zu verteidigen oder den Gegner bei einem Streit anzugreifen. Dagegen kann ein jambia als Hilfsmittel bei der Schlichtung eines Konflikts dienen. Er ist vor allem ein Symbol für die Stammesjustiz. Niemals hätte mein Vater gedacht, dass er sich einmal seiner bedienen müsste, bis zu jenem Unglückstag, an dem wir innerhalb von vierundzwanzig Stunden aus dem Dorf fliehen mussten.

Ich war zwei oder drei Jahre alt, als sich der »Skandal« ereignete. Omma war wegen Gesundheitsbeschwerden ausnahmsweise unterwegs in die Hauptstadt Sanaa. Aus einem Grunde, der sicher mit ihrer Abwesenheit zusammenhing, doch dessen Einzelheiten mir damals entgingen, kam es zu einem gewaltsamen Streit zwischen meinem Vater und den anderen Dorfbewohnern von Khardji. In den Gesprächen fiel häufig der Name von Mona, meiner zweitältesten Schwester. Es wurde damals entschieden, das Problem nach Stammestradition zu regeln, indem man die jambias und Rial-Bündel zwischen den gegnerischen Parteien aufhäufte. Doch die Diskussion eskalierte, und entgegen den üblichen Regeln wurden die scharfen Klingen aus den Futteralen gezogen. Die Einwohner von Khardji bezichtigten meinen Vater, die Ehre des Dorfes mit Füßen getreten und sein Ansehen geschädigt zu haben. Mein Vater war außer sich. Er fühlte sich von all denen, die er für seine Freunde hielt, hintergangen und gedemütigt. Mona wurde von heute auf morgen verheiratet. Sie dürfte kaum dreizehn Jahre alt gewesen sein. Was war genau vorgefallen? Das sollte ich erst später erfahren. Wir mussten uns Hals über Kopf auf den Weg machen und ließen alles zurück: Schafe, Kühe, Hühner, Bienen und die Erinnerungen an das, was mir als ein Stück vom Paradies erschienen war.

Die Ankunft in Sanaa war schrecklich. Es war schwer, sich an die staubige, laute Hauptstadt zu gewöhnen.

Der Übergang von dem satten Grün des Wadi- La’a-Tals zu dieser ausgedorrten, in alle Richtungen ausufernden Stadt war brutal. Sobald man den ehemaligen Stadtkern und seine hübschen traditionellen Lehmhäuser mit ihrem weißen, wie Klöppelspitzen wirkenden Fensterschmuck hinter sich ließ, wandelte sich die Stadtlandschaft in ein monströses Gewirr von unförmigen Betonbauten. Auf der Straße war ich praktisch auf Augenhöhe mit den Auspuffen, und die Dieselschwaden brannten mir im Hals. Öffentliche Gärten, wo man ein bisschen Auslauf gehabt hätte, gab es kaum. Der Zugang zu den meisten Vergnügungsparks kostete Geld und war damit den Reicheren vorbehalten.