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Author Topic: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"  (Read 2052 times)

KarlMartell

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Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
« on: April 14, 2013, 07:43:27 am »
Wir zogen ins Erdgeschoss einer Bruchbude im Viertel Al-Qa, eingezwängt in eine Gasse, wo sich der Müll auftürmte. Aba war deprimiert. Er redete kaum und hatte völlig den Appetit verloren. Wie konnte ein einfacher Bauer, Analphabet und ohne Schulabschluss, hoffen, in dieser Großstadt, die bereits von Arbeitslosen überschwemmt war, eine Arbeit zu finden, die ihn und seine Familie ernährte? Andere Dorfbewohner vor ihm hatten ihr Glück in der Hauptstadt versucht und sich unüberwindlichen Problemen gegenübergesehen. Manche sahen sich gezwungen, ihre Frauen und Kinder zum Betteln auf die Plätze der Stadt zu schicken. Nachdem mein Vater überall herumgefragt hatte, ergatterte er schließlich einen Job als Straßenkehrer bei der Stadtverwaltung. Das Geld reichte jedoch kaum für die Miete. Sobald er damit in Verzug geriet, fuhr der Vermieter ihn wütend an. Omma weinte dann. Doch niemand konnte ihren Schmerz besänftigen.

Als Fares, der Viertälteste der Familie, zwölf war, kam er ständig mit irgendwelchen für dieses Alter typischen Wünschen an. Jeden Tag verlangte er Geld, um sich Bonbons, modische Hosen und neue Schuhe zu kaufen, wie man sie auf den Werbeplakaten sieht. Schöne, nagelneue Schuhe, die mehr kosteten, als Aba in einem Monat verdiente! In seiner fröhlichen, unbesonnenen Art verlangte er immer mehr. Es kam sogar vor, dass er meinen Eltern drohte, von zu Hause abzuhauen, sollten sie seinen Launen nicht nachgeben. Trotz seiner Großspurigkeit war er mein Lieblingsbruder. Er schlug mich wenigstens nicht, ganz im Gegensatz zu Mohammad, meinem ältesten Bruder, der sich für das Oberhaupt der Familie hielt. Ich bewunderte Fares’ Ehrgeiz, seine ungestüme Art, allen die Stirn zu bieten, ohne sich darum zu scheren, wie seine Umgebung darauf reagierte. Er traf Entscheidungen und stand dazu, auch auf die Gefahr hin, sich die ganze Familie zum Feind zu machen. Eines Tages, nach einem Streit mit meinem Vater, machte er seine Drohung wahr: Er ging endgültig von zu Hause weg, und wir dachten, wir würden ihn nie wiedersehen.

Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Aba weinen. Um seinen Kummer zu vergessen, verschwand er oft stundenlang und ging mit alten Bekannten kath kauen. Schließlich verlor er seine Arbeit. Omma wurde indessen zunehmend von Alpträumen geplagt. Wir Geschwister schliefen mit ihr zusammen im größten Raum der Wohnung auf Matratzen, die direkt auf dem Boden lagen, und ich wurde öfters mitten in der Nacht von ihrem Gejammer wach. Die Arme litt sichtlich.

Fares hatte nur eine einzige Spur hinterlassen: ein farbiges Passfoto, das Mohammad sorgsam in seiner Brieftasche aufbewahrte. Das Foto zeigte Fares, wie wir ihn kannten: In aufrechter Kopfhaltung, mit einem weißen Turban auf seinen braunen Locken – damit wollte er sicher erwachsener wirken – fixierte er mit übermütigem, vor Spottlust sprühendem Blick die Kamera.

Und dann, zwei Jahre nach seiner Flucht, dieser unerwartete Anruf, das erste Lebenszeichen:

»Saudi-Arabien … Alles bestens … Hirte … Ich arbeite als Hirte … Macht euch keine Sorgen um mich …«, konnte man am anderen Ende der Leitung vernehmen.

Er hatte inzwischen den Stimmbruch gehabt. Aber ich habe seine Stimme sofort erkannt. Er schien noch selbstsicherer geworden zu sein. Dann knackte es plötzlich in der Leitung, und das Gespräch war weg. Wie hatte Fares es geschafft, so weit von zu Hause wegzukommen? Wo war er genau, in welcher Stadt? War es ihm gelungen, ein Flugzeug zu nehmen, abzuheben und die Wolken zu durchbrechen? Wo genau lag eigentlich Saudi-Arabien? War dort, wo er war, das Meer? Die Fragen schwirrten mir nur so durch den Kopf. Als ich einmal in ein Gespräch zwischen meinen Eltern und Mohammad platzte, glaubte ich zu verstehen, dass Fares Opfer eines Kinderhändlers geworden sei. Das scheint im Jemen recht häufig vorzukommen. Hieß das, dass er Adoptiveltern gefunden hatte? Vielleicht war er alles in allem glücklich und konnte sich endlich seine heißersehnten Bonbons und Bluejeans kaufen. Ich jedenfalls vermisste ihn schrecklich. Um mich über seine Abwesenheit hinwegzutrösten, schloss ich mich in meiner Traumwelt ein. In Träumen von Wasser! Nicht von Flüssen, sondern vom Meer. Schon immer wollte ich wie eine Schildkröte meinen Kopf ins Wasser tauchen. Ich habe das Meer noch nie gesehen. Mit meinen Buntstiften zeichnete ich Wellen in mein kleines Heft. Ich stellte sie mir grün und blau vor.

»Sie sind blau!«, korrigierte mich eines Tages Malak, während sie einen Blick über meine Schulter warf.

Malak und ich waren unzertrennlich geworden. Ich hatte sie in der Schule des Al-Qa-Viertels kennengelernt, nachdem meine Eltern endlich eingewilligt hatten, mich dort einzuschreiben. Während der Pause spielten wir häufig mit Murmeln. Von den siebzig Schülern, allesamt Mädchen, die sich in der Klasse drängten, war sie mit Abstand meine beste Freundin. Ich hatte mein erstes Schuljahr erfolgreich abgeschlossen und eben das zweite begonnen. Morgens kam Malak mich abholen, und wir gingen zusammen in die Schule.

»Woher willst du das wissen?«, entgegnete ich.

»In den Ferien fahre ich mit meinen Eltern immer nach Hodeida. Da kann man das Meer sehen.«

»Wie schmeckt es denn?«

»Salzig!«

»Und ist der Sand auch blau?«

»Nein, der ist gelb! Und so weich, wenn du wüsstest …«

»Und was findet man alles im Meer?«

»Boote, Fische und Leute, die baden …«

Malak erzählte mir, dass sie dort schwimmen gelernt habe. Da ich noch nie ein Schwimmbad betreten hatte, fand ich das faszinierend. Sosehr ich mich auch anstrengte, ich konnte einfach nicht verstehen, wie es ihr gelang, auf der Wasseroberfläche zu bleiben, ohne unterzugehen. Ich erinnerte mich nur, dass Omma in Khardji immer mit mir schimpfte, wenn ich zu nahe an den Fluss ging, und mich warnte:

»Vorsicht! Wenn du reinfällst, gehst du unter!«

Malak sagte, ihre Mutter hätte ihr einen hübschen bunten Badeanzug gekauft. Und dass sie sogar Sandburgen bauen könne, mit Türmen und breiten Treppen, die danach unter den Wellen verschwänden. Eines Tages stülpte sie eine große Muschel auf mein Ohr, die sie aus Hodeida mitgebracht hatte.

»Hörst du das Meer rauschen?«

»Ja, die Wellen, ich höre die Wellen. Das ist ja unglaublich!«, rief ich begeistert.

Wasser, das war für mich vor allem der Regen, der heute im Jemen immer seltener fällt. Manchmal wurden wir mitten im Sommer von Hagel überrascht. War das eine Freude! Mit meinen Brüdern und Schwestern stürmte ich auf die Straße und sammelte die kleinen Eiswürfel in einer großen Schüssel auf. Ich zählte sie stolz, denn in der Schule hatte ich gelernt, von eins bis hundert zu zählen. Wenn die Hagelkörner geschmolzen waren, machten wir uns einen Spaß daraus, uns mit dem Eiswasser zu bespritzen. Das war sehr erfrischend. Mona, die seit unserem Umzug nach Sanaa meistens vor sich hin schmollte, schloss sich uns zuweilen sogar an. Nach unserer überstürzten Abreise von Khardji war sie zwei Monate später mit ihrem Mann, den sie von heute auf morgen geheiratet hatte, nach Sanaa nachgekommen.

Im Laufe der Jahre fand Mona allmählich ihr natürliches Lächeln, ihre spöttische Miene und ihren Sinn für schwarzen Humor wieder, der Omma oft irritierte. Sie brachte zwei hübsche Babys zur Welt, Monira und Nasser, und genoss ihr Mutterglück. Unsere Familie und die Familie ihres Mannes kamen sich schließlich sogar näher. Um die Familienbande noch zu verstärken, wurde beschlossen, meinen großen Bruder Mohammad mit einer der Schwestern meines Schwagers nach der Tradition des sighar zu verheiraten.

 

Doch das alles war zu schön, um von Dauer zu sein. Eines Tages verschwand Monas Mann von der Bildfläche und mit ihm meine große Schwester Jamila. Waren sie wie Fares geflohen, in der Hoffnung, ebenfalls in Saudi-Arabien reich zu werden und uns vielleicht elektronisches Spielzeug mitzubringen? Oder einen Fernseher mit bewegten Bildern in Farbe? Im Zimmer der Eltern wurde zunehmend über sie getuschelt. Doch es war den Kindern streng verboten, Fragen zu stellen. Ich erinnere mich nur, dass Mona nach ihrem Verschwinden von neuem unter Stimmungsschwankungen litt. Meistens war sie traurig und melancholisch, doch plötzlich konnte es vorkommen, dass sie in Gelächter ausbrach, was ihre natürliche Schönheit wiederaufleben ließ und ihre großen braunen Augen und ihre feinen Gesichtszüge zur Geltung brachte. Mona hatte viel Charme.

Zu mir war sie immer besonders liebevoll, an guten wie an schlechten Tagen. Irgendwie mütterlich und fürsorglich. Es kam sogar vor, dass sie mich zum Schaufensterbummel auf die Hayle Avenue mitnahm, die für ihre Kleiderboutiquen bekannt war. Das Gesicht an die Scheibe gedrückt, warf ich begehrliche Blicke auf die Abendkleider mit Pailletten, die roten Röcke, die Blusen aus roter, blauer, violetter, gelber und grüner Seide. Ich stellte mir vor, wie ich mich in eine Prinzessin verwandelte. Es gab sogar Hochzeitskleider, die Filmkostümen oder Zaubergewändern für Feen ähnelten. Das war schön. Da konnte man ganz neidisch werden.

Als ich eines Abends, es war im Februar 2008, nach Hause kam, verkündete Aba, er hätte eine gute Nachricht für mich.

»Nojoud, du wirst bald heiraten«, sagte er zu mir.

Ich nickte gehorsam, ohne wirklich zu verstehen, was nun auf mich zukommen würde.