Author Topic: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"  (Read 2052 times)

KarlMartell

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Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
« on: April 14, 2013, 07:48:00 am »
4. Die Heirat
Februar 2008

Mit Mona verging die Zeit wie im Flug, wenn wir auf der Hayle Avenue flanieren gingen. Manchmal, wenn wir unsere Nasen zu lange an dem Schaufenster unserer Lieblingsboutique plattdrückten, verschwanden die Abendkleider hinter einem feuchten Beschlag, der sich vor unseren Augen bildete. Meine ganze Aufmerksamkeit galt stets einem weißen Hochzeitskleid, das an einer Schaufensterpuppe aus Plastik wie angegossen wirkte. Ein Kleid für eine Dame! Was für ein Gegensatz zu all diesen Frauen auf der Straße, die von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt waren.

»Inch’Allah – so Gott will –, bekommst du so eins am Tag deiner Hochzeit«, flüsterte mir Mona zu, und ihre schelmischen Augen waren umrahmt von ihrem niqab, der ihr restliches Gesicht bedeckte, sobald sie aus dem Haus ging.

Mona lächelte selten. Sie hatte nicht das Glück gehabt, ein fröhliches Hochzeitsfest zu erleben. Auf die Schnelle verheiratet, hatte sie nur ein blaues Kleid bekommen, und abgesehen von dieser einen Auskunft, antwortete sie immer ausweichend auf Fragen über die Umstände ihrer Heirat. Seit ihr Mann verschwunden war, hatte ich nichts mehr über ihn gehört. Ich stellte mir vor, dass er auf Reisen war, irgendwo, weit entfernt vom Jemen, doch hütete ich mich, mehr darüber erfahren zu wollen. Mona hatte es nicht gern, wenn man ihr Fragen darüber stellte. Sie begnügte sich damit, mir zuzuflüstern, sie wünsche mir, glücklich zu werden und einen liebevollen und respektvollen Mann zu bekommen.

Ich hätte nie gedacht, dass dieser Tag so schnell kommen würde.

Von der Heirat hatte ich keine klare Vorstellung. Für mich war es vor allem ein großes Fest mit einer Menge Geschenke, Schokolade und natürlich Schmuck. Ein neues Haus, ein neues Leben! Einige Jahre zuvor hatte ich schon einmal verschiedene Zeremonien von entfernten Vettern und Cousinen miterlebt. Es gab Musik und fröhliche Tänze. Unter ihren balto, den langen schwarzen Mänteln, waren die Frauen sehr elegant. Ihre Gesichter perfekt geschminkt, ihre Haare vom Friseur geglättet. Wie auf den Fotos der Shampoo-Fläschchen. Die Verführerischsten knipsten sich eine kleine schmetterlingsförmige Spange in den Pony. Ich hatte auf diesen Festen immer sehr viel Spaß! Ich erinnere mich an die Hennamuster, die die Hände und Arme der jungen Bräute zierten. Mit Motiven in Form von Blumen. Henna war schön. Ich sagte mir, dass auch ich eines Tages meine Hände mit Henna schmücken würde.

Die Nachricht kam plötzlich und unerwartet. Als Aba mir ankündigte, dass nun ich an der Reihe sei, begriff ich nicht, was auf mich zukam. Anfangs nahm ich die bevorstehende Hochzeit fast erleichtert hin und sah sie als eine Art Notausgang. Zu Hause war das Leben unmöglich geworden. Seit Aba seine Arbeit bei der Stadtverwaltung verloren hatte, war es ihm nie wieder gelungen, eine Vollzeitstelle zu finden. Wir waren immer zu spät mit der Miete, und der Eigentümer drohte regelmäßig, uns hinauszuwerfen.

Um Geld zu sparen, kochte Omma nur Reis mit Gemüseragout. Sie brachte mir neuerdings bei, ihr im Haushalt mitzuhelfen. Mit ihr bereitete ich das shafout zu, eine Art großen Pfannkuchen, auf den man mit Zwiebeln und Knoblauch verfeinerten Joghurt streicht, und den bin-al-sahn, eine köstliche Honignachspeise. Wenn mein Vater genügend Geld nach Hause brachte, schickte sie meine Brüder ein Hühnchen kaufen, das sie dann am Freitag, dem heiligen Wochentag des muslimischen Kalenders, kochte. Rotes Fleisch kam nicht in Frage, das war zu teuer. Das letzte Mal, dass ich mich erinnern kann, fatah, ein Rinderragout, gegessen zu haben, war bei meinem ersten Besuch in einem Restaurant, in das uns unsere Cousins eingeladen hatten, um das Aïdfest zu feiern. Wir durften sogar »Bebsi« trinken, ein schwarzes, kohlensäurehaltiges Getränk aus Amerika. Und als wir gingen, besprühte ein Ober meine Hände mit Parfum, als gehörte ich schon zu den Großen. Wie das duftete!

Omma hatte mir außerdem beigebracht, wie man Brotfladen backt. Sie entfachte das Feuer, während ich den Brotteig knetete, ihn ausrollte und ihm dabei die Form eines Vollmondes gab, um ihn anschließend an den Seiten des tandour, des traditionellen Ofens, auszulegen. Eines Tages aber verzichtete sie schließlich auf ihren tandour und verdiente sich damit ein paar Scheine auf dem Schwarzmarkt. Immer wenn wir in Not waren, verkaufte sie ein paar ihrer eigenen Habseligkeiten. Sie hatte letztlich gelernt, nicht mehr auf meinen Vater zu zählen.

Und dann kam der Tag, an dem kaum mehr etwas zu verkaufen blieb. Da bei uns aus Geldmangel ständig die Mahlzeiten ausfielen, gesellten sich meine Brüder irgendwann zu den kleinen Straßenhändlern, die an der roten Ampel an die Scheiben der Autos klopfen, in der Hoffnung, etwas Kleingeld für ein Päckchen Kaugummi oder Papiertaschentücher zu bekommen. Mona fing schließlich auch damit an. Doch mit dem Betteln hatte sie kein Glück. Nach vierundzwanzig Stunden wurde sie von der Polizei aufgelesen und für ein paar Tage in ein Heim für Leute gesteckt, die Dummheiten machen. Nach ihrer Rückkehr erzählte sie zu Hause, sie habe Damen kennengelernt, die man bezichtigte, mit mehreren Männern zugleich zu verkehren, und die von den Gefängniswärterinnen an den Haaren gezogen wurden. Als sie sich von ihren Aufregungen wieder erholt hatte, machte sie sich erneut auf, um ein paar Geldstücke zu erbetteln, und wieder sah sie sich unverhofft einer Polizeistreife gegenüber. Nach dieser zweiten Verhaftung gab sie es endgültig auf. Nun waren wir, Haïfa und ich, an der Reihe, unser Glück zu versuchen. Uns an den Händen haltend, kratzten wir mit den Fingernägeln an den Autoscheiben und wagten kaum, unseren Blick zu den Autofahrern zu erheben. Ich machte das gar nicht gern, aber wir hatten keine andere Wahl.

An den Tagen, an denen Aba sich nicht bis spät im Bett verkroch, ging er los und hockte sich wie die anderen Arbeitslosen auf einen der Plätze unseres Viertels, in der Hoffnung, eine Tagesanstellung als Arbeiter, Maurer oder Mann für alles zu ergattern, gegen eine Bezahlung von 1000 Rial. Seine Nachmittage verbrachte er immer häufiger bei Nachbarn zum kath-Kauen. Er sagte, es helfe ihm, seine Probleme zu vergessen. Es war zum Ritual geworden. Im Schneidersitz zwischen den anderen Männern des Viertels fischte er sich die besten grünen Blätter aus einer Plastiktüte und steckte sie sich in den Mundwinkel. Je leerer die Tüte wurde, desto mehr schwoll seine Wange an. Die Blätter bildeten schließlich eine Kugel, auf der er stundenlang herumkaute.

Bei einer dieser kath-Sitzungen war ein junger Mann um die dreißig auf ihn zugegangen.

»Ich möchte, dass unsere beiden Familien einen Bund schließen«, sagte der Mann zu ihm.

Er hieß Faez Ali Thamer, arbeitete als Bote und lieferte mit seinem Motorrad überallhin Pakete aus. Er stammte wie wir aus dem Dorf Khardji und war auf der Suche nach einer Frau. Mein Vater stimmte sofort zu. In der logischen Abfolge war ich diejenige, die nun nach meinen älteren Schwestern Jamila und Mona verheiratet werden musste. Als er nach Hause kam, verkündete er uns seine Entscheidung. Und niemand konnte widersprechen.

Noch am selben Abend hörte ich zufällig ein Gespräch zwischen meinem Vater und Mona.

»Nojoud ist viel zu jung, um zu heiraten«, rief Mona aus.

»Zu jung? Als der Prophet Mohammed Aischa heiratete, war sie erst neun Jahre alt«, entgegnete ihr mein Vater.

»Ja, aber das war zur Zeit des Propheten. Heute ist das anders.«

»Hör zu, diese Hochzeit ist die beste Möglichkeit, sie zu schützen!«

»Wie meinst du das?«

»Das weißt du genau. Wir ersparen ihr damit den Ärger, den du und Jamila gehabt habt. Wir ersparen ihr, von einem Unbekannten mitgenommen zu werden und böse Gerüchte über sich hören zu müssen. Dieser Mann macht wenigstens einen anständigen Eindruck. Er ist im Viertel bekannt. Er kommt aus unserem Dorf. Und er hat versprochen, Nojoud nicht anzurühren, bevor sie nicht größer ist.«

»Aber …«

»Ich habe meinen Entschluss gefasst! Außerdem weißt du ganz genau, dass wir nicht genügend Geld haben, um die ganze Familie zu ernähren. So haben wir ein Maul weniger zu stopfen.«

Meine Mutter schwieg zu alldem. Sie wirkte traurig, doch sie schien sich damit abzufinden. Schließlich hatte auch meine Mutter eine arrangierte Heirat hinnehmen müssen, wie die meisten jemenitischen Frauen. Sie musste es also wissen, dass in unserem Land die Frauen alles erdulden, während die Männer die Befehle erteilen. Mich zu verteidigen, wäre zwecklos gewesen.

Abas Worte gingen mir durch den Kopf: »Ein Maul weniger zu stopfen«. Ich war also in seinen Augen nur eine Last, die er sich bei der ersten Gelegenheit vom Halse schaffen wollte. Es stimmt, dass ich nicht immer das brave Mädchen gewesen war, das er gerne gehabt hätte. Aber es liegt doch in der Natur von Kindern, dass sie Dummheiten machen, oder nicht? Und ich liebte ihn, trotz seiner Fehler, trotz des kath-Gestanks, trotz der Beharrlichkeit, mit der er uns auf die Straße schickte, um ein paar Stücke Brot zu erbetteln.

»Wir ersparen ihr den Ärger, den du und Jamila gehabt habt.« Was genau meinte er mit diesem Satz? Das Einzige, das ich wusste, war, dass eine Woche vergangen war, dann eine weitere und dann noch eine, ohne dass Jamila wiederkam. Ich hatte am Ende sogar aufgegeben, die Tage zu zählen, die mich immer weiter von ihr trennten. Ausgerechnet sie, die uns so oft besucht hatte, war nun endgültig verschwunden. Ich mochte Jamila sehr. Sie war zurückhaltend und redete nicht viel. Doch sie war großzügig und aufmerksam. Manchmal brachte sie mir Süßigkeiten. Monas Mann war seit dieser rätselhaften Abreise ebenfalls nicht mehr zurückgekommen. Wo steckte er nur? Zu kompliziert für mich, diese Erwachsenengeschichten.

In seiner Abwesenheit stellte Monas Schwiegermutter die Forderung, das Sorgerecht für ihre Enkel zu bekommen. Monira war nun drei Jahre und Nasser anderthalb Jahre alt. Mona brach es fast das Herz, und sie legte eine unglaubliche Energie an den Tag, um nicht von ihren Kindern getrennt zu werden. Ihr Kampf endete mit einem halben Sieg. Da sie hartnäckig blieb, gelang es ihr schließlich, den Kleinen bei sich zu behalten, unter dem Vorwand, er müsse von ihr gestillt werden. Wie besessen von der Angst, ihn zu verlieren, ließ sie ihn keine Sekunde aus den Augen. Sobald er sich von ihr entfernte, rannte sie ihm nach und schloss ihn fest in die Arme, wie einen Schatz, den man zu verbergen sucht.

 

Die Heiratsvorbereitungen folgten Schlag auf Schlag. Und mein Unglück wurde mir nun sehr schnell klar. Auf Beschluss der Familie meines künftigen Mannes durfte ich einen Monat vor der Hochzeitsnacht nicht mehr zur Schule gehen. Schweren Herzens gab ich Malak einen Abschiedskuss und sagte ihr, ich würde bald wiederkommen, versprochen.

»Irgendwann fahren wir mal zusammen ans Meer«, flüsterte sie mir zu und schloss mich fest in die Arme.

Ich sollte sie nie wiedersehen.