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Author Topic: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"  (Read 2052 times)

KarlMartell

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Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
« on: April 14, 2013, 07:49:41 am »
Verloren war ich auch am Tag nach meiner Hochzeit gewesen, als ich in dem unbequemen Geländewagen saß. Doch nun war die Welt um mich herum pure Wirklichkeit. Vorbei war es mit dem Zauber der Gewürze und den wohlwollenden Blicken der Händler, die den Kindern ihre warmen Krapfen zum Probieren anboten. Mein Leben nahm allmählich eine neue Wendung in dieser Welt der Großen, in der Träume keinen Platz mehr haben, in der alle Gesichter erstarrt sind und kein Mensch sich um mich schert.

Sobald die Hauptstadt hinter uns lag, verwandelte sich die Autobahn in ein langes Asphaltband, das sich zwischen Berg und Tal hindurchschlängelte. In jeder Kurve klammerte ich mich fest an den Haltegriff meines Sitzes. Mein Magen rebellierte und verkrampfte sich. Mehrmals musste ich mich kräftig kneifen, um meine Übelkeit zu unterdrücken. Lieber wäre ich gestorben, als das Monster darum zu bitten, mich am Straßenrand aussteigen zu lassen, um frische Luft zu schnappen. Ich musste durchhalten, also schluckte ich vorsichtig immer wieder und versuchte, dabei so wenige Geräusche wie möglich zu machen.

Um mich von der Umgebung abzukapseln, vertrieb ich mir die Zeit damit, die winzigsten Einzelheiten der Landschaft zu erfassen. Alte, verfallene Ruinen, die sich an Felsvorsprünge krallten. Kleine braune Häuser mit weißen Verzierungen, die mich entfernt an Bab al-Yemen erinnerten. Kakteen am Straßenrand, ausgetrocknete Passhöhen, die mit kleinen Parzellen Ackerland abwechselten, auf denen Ziegen und Kühe weideten. Auch Frauen waren zu sehen, die Gesichter mit Tüchern verhüllt, die sie auf Mundhöhe knoteten. Ich meinte auch, zwei überfahrene Katzen zu erkennen, doch kniff ich schnell die Augen zu, denn sie waren ein trauriger Anblick. Als ich sie wieder aufmachte, war unser Auto umgeben von einem Meer aus kath-Sträuchern. Rechts und links Grün, so weit das Auge reichte. Es war wunderschön! Eine sanfte Frische!

»Der kath, das ist unser Untergang. Der braucht so viel Wasser, dass wir bald alle in diesem Land vor Durst verrecken werden!«, rief der Fahrer.

Das Leben, dachte ich im Stillen, ist schon seltsam. Sogar schöne Dinge können Schaden anrichten. Nicht nur die Bösen säen Böses. Wie soll man da noch durchblicken.

Ein Stück weiter, zu meiner Rechten, erkannte ich schließlich Kokaban, ein kleines Dorf, das hoch oben auf einem Hügel direkt in den Fels gehauen war. Ich erinnerte mich, dass ich als kleines Kind mit meinen Eltern dort vorbeigekommen war, als wir zum Aïdfest in ein anderes Dorf unterwegs waren. Es heißt, die Frauen von Kokaban seien schön und schlank, weil sie jeden Morgen zur Feldarbeit den Berg hinabsteigen. Eine Stunde bergab. Und eine Stunde bergauf. Eine ganz schöne Leistung! Und wie tapfer von ihnen! Eine Stunde bergab. Und eine Stunde bergauf. Eine Stunde bergab. Und eine Stunde bergauf …

Das Brummen des Motors weckte mich und ließ mich aufschrecken. Wie viele Stunden hatte ich geschlafen? Wie viele Kilometer hatten wir schon zurückgelegt? Ich hatte keine Ahnung.

»Eins … zwei … und drei!«

An der Rückseite unseres Geländewagens drängte sich ein halbes Dutzend Männer um den Kofferraum und mühte sich mit voller Kraft, unser Fahrzeug anzuschieben, das in einem Erdloch festhing. Auf einer Tafel, die in eine von den Rädern aufgewirbelte Staubwolke gehüllt war, entzifferte ich mühsam den Namen des ausgetrockneten und öden Dorfes, in dem wir gelandet waren. Arjom. Offenbar hatten wir soeben die Hauptstraße verlassen und einen holprigen Weg voller Schlaglöcher eingeschlagen, der den Abgrund entlang in eine tiefe Schlucht führte. Das Auto saß tatsächlich fest.

»Drehen Sie besser um! Sie werden auf diesem Weg nie vorankommen, er wird immer schlechter«, rief ein Dorfbewohner, der sich ein rotweißes Tuch um den Kopf gewickelt hatte, das ihn vor dem Staub schützte.

»Aber wir müssen nach Khardji!«, entgegnete der Fahrer.

»Pah, mit so einem Auto, soll das ein Witz sein?«

»Und was nun?«

»Das Beste ist, auf Esel umzusteigen!«

»Auf Esel! Aber wir haben Frauen dabei. Das wird nicht gehen.«

»Hören Sie, ich kann Ihnen die Dienste eines unserer Männer anbieten. Er ist es gewohnt, Leute hin- und herzutransportieren. Und sein Wagen hat die passenden Reifen. Er wechselt sie mindestens alle zwei Monate, so schlecht ist die Straße!«

Also wurde beschlossen, ein anderes Auto zu nehmen. Während sich die Großen damit abmühten, die Bündel in das andere Fahrzeug umzuladen, nutzte ich die kleine Ruhepause und vertrat mir die Beine. Ich atmete tief ein und pumpte meine Lungen, so weit es ging, mit der klaren Bergluft auf. Ich war so verschwitzt, dass mein braunes Kleid, das ich immer noch unter meinem schwarzen Schleier trug, an mir klebte. Ich hob die Falten etwas an und näherte mich dem Abgrund. Wadi La’a! Tief unten, weit, sehr weit entfernt erkannte ich Wadi La’a, das Tal meines Heimatdorfes. Es hatte sich nicht verändert! Doch ich war noch sehr klein gewesen, als wir es verließen. Stiegen da meine Kindheitserinnerungen wieder in mir auf, gespeist von einigen kürzlich mit meinen Eltern unternommenen Reisen in diese Gegend? Oder die Erinnerungen aus den lose in ein Album geworfenen, vergilbten Fotos, die Aba von Zeit zu Zeit mit Tränen in den Augen betrachtete? Das Bild meines Großvaters kam mir in den Sinn. Ich hatte ihn ja so lieb, meinen Jad. Als er im vorigen Jahr gestorben war, hatte ich viel geweint. Er hatte immer einen weißen Turban um seinen Kopf gewickelt. Sein feiner, graumelierter Bart hob sich stark von seinen dunkelbraunen Augenbrauen ab. Zuweilen nahm er mich auf seine Knie und vergnügte sich damit, mich kopfüber nach hinten fallen zu lassen, um mich im letzten Moment aufzufangen. In seinen Armen fühlte ich mich unglaublich wohl. Ich hatte mich an den Gedanken gewöhnt, dass mein Jad, auch wenn die Welt um uns herum untergehen würde, immer an meiner Seite sein würde, um mich zu retten. Doch er musste zu früh gehen.

»Nojoud! Nojoud!«

Ich drehte mich um und fragte mich, wer mich da wohl rief. Es war eine wenig vertraute Stimme. Eine ungewöhnliche Klangfarbe, die sich für meine Ohren fremd anhörte. Nicht wie die von Jad, die ich jederzeit auch mit geschlossenen Augen erkannt hätte.

Als ich den Kopf hob, begriff ich, dass er es war, mein unbekannter Mann, der mich das erste Mal seit unserer Abfahrt aus Sanaa ansprach. Ohne mich richtig anzusehen, verkündete er mir, dass es Zeit war, weiterzufahren. Ich nickte und ging auf unsere neue »Karosse« zu: ein rotweißer, völlig verrosteter Toyota Pick-up. Man ließ mich vorne mit meiner verschleierten Schwägerin einsteigen, zur Rechten des neuen Fahrers. Die Männer stiegen hinten auf die offene Ladefläche mit anderen Fahrgästen, die dieses Verkehrsmittel mitbenutzten.

»Gut festhalten, gleich wird’s schaukeln!«, warnte der Fahrer.

Bevor er losfuhr, stellte er seinen Radiorekorder auf höchste Lautstärke. Eine folkloristische Melodie schmetterte aus den Boxen, die genauso verrostet waren wie der Pick-up. Der wabernde oud und die Stimme des bei uns sehr bekannten Sängers Hussein Moheb verschmolzen bald mit den Stößen, die die riesigen, widerspenstigen Steine unter unserem Pick-up auslösten. Wir schaukelten nicht, wir hüpften in alle Richtungen! Mehrmals prallten Steine an unserer Windschutzscheibe ab. Ich hielt mich verkrampft an einem Griff fest und betete zu Allah, dass alles schön ganz bleibe, bis wir im Dorf ankämen.

»Hör der Musik zu! Dann vergeht dir die Angst!«, meinte der Fahrer.

Wenn der wüsste, was für eine Angst mich wirklich erfüllte …

Wir fuhren stundenlang im Rhythmus von Hussein Mohebs Liebesklagen. Ich hätte zählen sollen, wie oft der Fahrer die Kassette wieder zurückspulte. Er war wie trunken von dieser Musik, und sie half ihm sicher, der Kraft der Natur standzuhalten. Wie ein Reiter an sein Pferd war er an sein Lenkrad geklammert und trotzte der kleinsten Kurve, indem er den Blick starr auf den gewundenen Weg heftete. Als kenne er alle Gefahren auswendig.

»Die Natur, die Allah schuf, ist unerbittlich, aber zum Glück hat er Menschen geschaffen, die noch widerstandsfähiger sind!«, sagte er.

Na ja, dachte ich, wenn er recht hatte, dann musste Allah mich vergessen haben.

Je tiefer wir in das Tal hineinfuhren, desto dicker wurde der Angstkloß in meinem Hals. Ich war müde. Mir war schlecht, ich hatte Hunger und Durst. Aber vor allem hatte ich Angst. In meinem Kopf hatte ich alle möglichen Spielideen erschöpft, um mein Unglück zu vergessen. Je näher wir Wadi La’a kamen, desto ungewisser wurde mein Schicksal. Und mein letzter Hoffungsschimmer, noch zu entkommen, war vollkommen erloschen.

Khardji hatte sich nicht verändert. Das Ende der Welt. Kaum angekommen, wie gerädert von den vielen Stößen, erkannte ich sofort die fünf Steinhäuser, den kleinen Bach, der durch das Dorf fließt, die Bienen, die Nektar von den Blüten sammeln, die Bäume, so weit das Auge reicht. Und die Kinder der Umgebung, die an der Quelle mit ihren kleinen gelben Kanistern Wasser holen. Auf der Türschwelle eines der Häuser erwartete uns eine Dame. Von Anfang an spürte ich, wie sie mich musterte. Sie gab mir keinen Kuss. Nicht einmal ein Küsschen, nicht mal ein Streicheln. Sie war seine Mutter. Meine neue Schwiegermutter. Sie war alt und hässlich. Ihre Haut war runzlig wie die einer alten Eidechse. Ihr fehlten die beiden Vorderzähne. Alle anderen waren von Fäulnis verdorben und von Tabak geschwärzt. Ein schwarzgraues Tuch bedeckte ihr Haar. Mit einer Handbewegung winkte sie mich herein. Innen war das Haus einfach und kaum möbliert. Es besaß vier Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und eine winzige Küche. Aufs Klo ging man im Freien, hinter die Büsche.

Ohne mich zu zieren, verschlang ich den Reis und das Fleisch, das seine Schwestern zubereitet hatten. Ich starb beinahe vor Hunger. Ich hatte seit unserer Abfahrt aus Sanaa nichts gegessen. Nach der Mahlzeit versammelten sich die Großen zu einer kath-Sitzung. Schon wieder! Gäste aus der Nachbarschaft schlossen sich der Runde an. In einer Ecke zusammengekauert, schaute ich ihnen stumm zu. Zu meiner großen Überraschung schien sich niemand über mein niedriges Alter zu wundern. Später erfuhr ich, dass eine Heirat mit kleinen Mädchen in der Provinz gang und gäbe war. Für sie stellte ich also keine besondere Ausnahme dar. »Wenn du ein neunjähriges Mädchen heiratest, ist dir eine glückliche Ehe sicher«, besagt sogar ein altes Stammessprichwort.

Zwischen den Großen wurde die Unterhaltung immer lebhafter.

»Das Leben in Sanaa ist sehr teuer geworden«, klagte meine Schwägerin.

»Ab morgen zeige ich der Kleinen, was sie hier für Aufgaben hat«, fügte meine Schwiegermutter hinzu, ohne mich direkt beim Namen zu nennen. »Übrigens hoffe ich, dass sie Geld mitgebracht hat.«

»Die Kinderspiele sind vorbei. Wir zeigen ihr, was eine richtige Frau ist!«

Als mir nach Aufbruch der Gäste bei Sonnenuntergang mein Zimmer zugewiesen wurde, erinnere ich mich, wie erleichtert ich war. Endlich konnte ich diese braune Tunika abstreifen, die ich seit dem Vortag trug und die inzwischen ganz schön stank. Sobald sich die Tür hinter mir schloss, stieß ich einen lauten Seufzer aus und zog mir sofort ein kurzes rotes Baumwollhemd an, das ich aus Sanaa mitgebracht hatte. Es roch nach meinem alten Zuhause, einem muffigen Geruch mit leichtem Oud-Duft. Ein vertrauter Geruch, der beruhigend wirkte. Auf dem Boden lag eine lange Matte. Mein Bett. Daneben eine alte Öllampe als Beleuchtung, deren Flammenschein an der Wand flackerte. Ich kam nicht einmal dazu, sie zu löschen, so schnell schlief ich ein. Endlich!

Ich wäre am liebsten nie wieder aufgewacht. Als plötzlich polternd die Tür aufging, schreckte ich auf und wunderte mich über den starken Wind in dieser Nacht. Kaum hatte ich die Augen geöffnet, spürte ich, wie sich ein verschwitzter, haariger Körper an mich drückte. Jemand hatte die Lampe ausgeblasen, und nun war es stockdunkel. Ich zitterte. Das war er, das Monster! Ich erkannte ihn sofort an dem aufdringlichen Zigaretten- und kath-Geruch. Er stank! Er roch bestialisch!

Ohne ein Wort zu sagen, begann er, sich an mir zu reiben.

»Ich flehe Sie an, lassen Sie mich in Ruhe!«, keuchte ich bibbernd.

»Du bist meine Frau! Von heute an entscheide ich. Wir müssen in einem Bett schlafen.«

Mit einem Satz war ich aufgestanden und wollte fliehen. Aber wohin? Ganz egal! Ich musste dieser Falle entrinnen. Er stand ebenfalls auf. Im Dunkeln bemerkte ich einen Lichtspalt an der angelehnten Tür. Wohl der Glanz der Sterne und des Mondes. Ohne eine Sekunde zu zögern, entwischte ich in den Hof. Doch das Monster rannte mir hinterher.

»Hilfe! Hilfe!«, brüllte ich schluchzend.

Meine Stimme hallte durch die Nacht. Doch es war, als würde ich ins Leere rufen. Ich rannte atemlos hin und her. Ich stürzte ins erste Zimmer, flitzte jedoch sogleich wieder hinaus, als er eintrat. Ich rannte weiter, ohne mich umzudrehen. Ich stolperte über etwas, vielleicht eine Glasscherbe, richtete mich wieder auf und wollte weiterrennen. Zwei Arme bremsten meinen Lauf, umklammerten mich mit ganzer Kraft und schleppten mich zurück ins Schlafzimmer, wo sie mich auf die Matte niederdrückten. Ich lag wie festgenagelt auf dem Boden, ich war wie gelähmt.

»Amma! Amma!«, flehte ich, in der vagen Hoffnung auf einen Anflug weiblicher Solidarität.

Keine Antwort. Ich rief erneut:

»Hilfe! Hilfe!«

Er zog seine weiße Tunika aus. Ich rollte mich schutzsuchend zusammen. Doch er begann, an meinem Nachthemd zu zerren, und verlangte, dass ich mich auszog. Dann ließ das Monster seine rauhen Hände über meinen Körper gleiten und presste seine Lippen auf meine. Er stank widerlich. Eine Mischung aus Tabak und Zwiebeln.

»Gehen Sie! Oder ich sage es meinem Vater!«, stöhnte ich und versuchte, mich erneut loszureißen.

»Du kannst deinem Vater erzählen, was du willst. Er hat einen Heiratsvertrag unterschrieben. Er hat mir seine Einwilligung gegeben, dass ich dich heirate.«

»Das dürfen Sie nicht!«

»Nojoud, du bist meine Frau!«

»Hilfe! Hilfe!«

Dann fing er an, höhnisch zu lachen:

»Hör doch: Du bist meine Frau. Und jetzt musst du tun, was ich will! Kapiert?«

Ich fühlte mich plötzlich wie von einem Orkan erfasst, von einem Wirbel in den nächsten gerissen. Der Blitz brach über mich herein, und mir fehlte die Kraft, mich zu wehren. Ein Donnergrollen. Noch eines und noch eines. Der Himmel fiel mir auf den Kopf. Dann erfüllte ein Brennen das Innerste meines Körpers. Ein Brennen, das ich nie zuvor empfunden hatte. Sosehr ich auch schrie, niemand kam mir zu Hilfe. Es tat weh, sehr weh, und ich war ganz allein mit dem Schmerz.

»Aua!«, stieß ich in einem letzten Seufzer aus.

Ich glaube, in diesem Augenblick wurde ich halb ohnmächtig.