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Author Topic: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"  (Read 2052 times)

KarlMartell

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Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
« on: April 14, 2013, 07:53:29 am »
6. Die Flucht
In Khardji war das Leben unmöglich geworden. Hin- und hergerissen zwischen meinem Schmerz und meinem schlechten Gewissen, litt ich im Stillen. Mit wem hätte ich über diese ekligen Dinge, die das Monster mir Tag um Tag, Nacht um Nacht zumutete, schon reden können? Vom ersten Abend an war mir klar, dass nichts mehr sein würde wie zuvor. »Mabrouk! Mabrouk!« – Herzlichen Glückwunsch!

Den Blick auf meinen kleinen nackten Körper geheftet, trommelt mir meine Schwiegermutter aufs Gesicht, um mich zu wecken. Ich sehe sie vor mir, als wäre es gestern gewesen. Das frühe Morgenlicht fällt ins Zimmer. In der Ferne kräht ein Hahn. Über ihre Schulter hinweg erkenne ich meine Schwägerin, die uns auf der Fahrt begleitet hat. Ich bin noch schweißgebadet. Ich reiße die Augen auf und bemerke die Unordnung im Schlafzimmer. Die Öllampe ist bis zur Tür gerollt. Mein braunes Kleid liegt auf dem Boden wie ein alter Putzlappen. Er ist da, auf der Matte, und schläft wie ein Bär. Was für ein walesh – was für ein Monster! Und auf dem vollkommen zerknitterten Leinentuch der kleine frische Blutfleck.

»Mabrouk!«, jubelt die Schwägerin.

Mit hämischem Lächeln beschaut sie sich die rote Spur. Ich bin stumm. Wie gelähmt. Meine Schwiegermutter beugt sich zu mir nieder und nimmt mich in die Arme wie ein Paket. Warum ist sie nicht früher gekommen, als ich ihre Hilfe brauchte? Jetzt ist es zu spät. Aber vielleicht ist sie ja seine Mitwisserin und billigt, was das Monster mir angetan hat? Sie rammt mir die Hände in die Rippen, stößt mit dem Fuß die Tür auf, zieht mich ins Badezimmer, einen engen Raum, in dem ein Waschzuber und ein Eimer stehen, und beginnt, mich mit Wasser zu bespritzen. Brr, ist das kalt!

»Mabrouk!«, rufen die beiden Frauen im Chor.

Ihre Worte dröhnen in meinen erschöpften Ohren. Ich fühle mich klein, winzig klein. Ich habe die Kontrolle über meinen Körper und meine Bewegungen verloren. Außen ist mir kalt, innen aber glühe ich. Mir ist, als sei ich besudelt. Ich habe Durst. Ich koche vor Wut, aber ich kann sie nicht ausdrücken. Omma, du bist zu weit weg, um dich um Hilfe zu rufen. Aba, warum hast du mich verheiratet? Warum? Warum mich? Und warum hat mich niemand gewarnt, was mir da zustoßen würde? Womit habe ich das verdient?

Ich will zurück nach Hause!

Als das Monster an jenem Morgen schließlich aufwachte, drehte ich den Kopf zur Seite, um seinem Blick nicht begegnen zu müssen. Er gab einen lauten Seufzer von sich, frühstückte und verschwand für den ganzen Tag. In einer Ecke zusammengekauert, bat ich Allah den Allmächtigen, er möge kommen und mich retten. Mir tat alles weh. Die Vorstellung, mein Leben an der Seite dieses Monsters verbringen zu müssen, ergriff mich mit Entsetzen. Eine Falle, ich war in eine Falle geraten, und es gab kein Entkommen. Wie konnte es sein, dass mein Leben so plötzlich zu einem Alptraum wurde?

Ich musste mich schnell den neuen Regeln anpassen. Ich durfte nicht aus dem Haus, durfte kein Wasser an der Quelle holen, durfte mich nicht beklagen, durfte nicht »nein« sagen. Und an Schule war nicht einmal zu denken. Wie gern hätte ich mich auf eine Schulbank gesetzt, der Lehrerin zugehört, wie sie uns neue Geschichten beibringt, und dann meinen Namen mit weißer Kreide an die schwarze Tafel geschrieben.

Khardji, mein Heimatdorf, war mir fremd geworden. Zu Hause musste ich tagsüber von nun an die Anweisungen meiner Schwiegermutter befolgen: Gemüse schneiden, die Hühner füttern, den Tee für vorbeikommende Gäste zubereiten, den Boden aufwischen, das Geschirr spülen. Sosehr ich mich auch abmühte, die vor schwarzem Fett strotzenden Töpfe zu schrubben, es war mir unmöglich, ihre ursprüngliche Farbe wieder freizulegen. Die Geschirrtücher waren gräulich und stanken. Immer schwirrten Fliegen um mich. Wenn ich eine Pause machte, zog mir meine Schwiegermutter mit fettigen Händen an den Haaren. Schließlich wurde ich genauso klebrig wie die Küche, und unter den Fingernägeln war ich ganz schwarz.

Eines Morgens bat ich sie um Erlaubnis, mit den Kindern meines Alters spielen zu dürfen.

»Du bist hier nicht im Urlaub«, entgegnete sie.

»Bitte! Nur ein paar Minuten.«

»Kommt nicht in Frage! Eine verheiratete Frau kann sich nicht erlauben, mit jedem Dahergelaufenen Umgang zu haben. Es hätte gerade noch gefehlt, dass du uns in Verruf bringst. Wir sind hier nicht in der Hauptstadt! In Khardji weiß jeder, sieht jeder, hört jeder sofort alles. Ich kann dir nur empfehlen, vorsichtig zu sein. Vergiss auf keinen Fall, was ich dir gesagt habe, klar? Sonst werde ich es direkt deinem Mann melden.«

Das Monster brach morgens auf und kam erst kurz vor Sonnenuntergang zurück. Dann ließ er sich seine Mahlzeit auf dem sofrah servieren, aber er half nie beim Abräumen. Wenn ich hörte, dass er kam, spürte ich die immergleiche Furcht in meinem Herzen.

Wenn es dunkel wurde, wusste ich, dass es wieder losgehen würde. Wieder und wieder. Dieselben Schikanen. Derselbe Schmerz. Dieselbe Verzweiflung. Die zuknallende Tür, die Öllampe, die über den Boden rollt, die zerknitterten Leinentücher. Ya beint! – Hey, Mädchen! – rief er mir brutal zu, bevor er sich auf mich stürzte. Er nannte mich nie beim Vornamen.

Ab dem dritten Tag begann er, mich zu schlagen. Er konnte es nicht ertragen, dass ich es wagte, mich gegen ihn aufzulehnen. Als ich versuchte, ihn davon abzuhalten, sich neben mich auf die Matte zu legen, wenn das Licht erloschen war, fing er an, auf mich einzuprügeln. Zuerst mit den Händen. Dann mit einem Stock. Der Donner, der Blitz, wieder und wieder. Seine Mutter ermunterte ihn noch.

»Schlag fester zu! Sie soll auf dich hören! Sie ist deine Frau!«, hämmerte sie ihm mit ihrer rauhen Stimme ein, als er sich über mich beklagte.

»Ya beint!«, schrie er noch lauter und rannte mir hinterher.

»Das dürfen Sie nicht!«, stöhnte ich.

»Du gehst mir auf die Nerven mit deinem Gejammer. Ich habe dich nicht geheiratet, um mir dein andauerndes Geheule anzuhören!«, brüllte er dann und bleckte seine riesigen gelblichen Zähne.

Es tat mir weh, dass er in diesem Ton mit mir sprach. Er machte mich vor allen lächerlich. Er war verächtlich. Ich lebte in der ständigen Angst vor neuen Stockhieben und Ohrfeigen. Es kam sogar vor, dass er mir Fausthiebe gab. Täglich tauchten neue blaue Flecken auf meinem Rücken, neue Blutergüsse an meinen Armen auf. Und dieses kneifende Brennen im Bauch. Mein ganzer Körper fühlte sich dreckig an. Wenn die Nachbarinnen zu meiner Schwiegermutter zu Besuch kamen, hörte ich, wie sie miteinander tuschelten und zuweilen auf mich deuteten. Was erzählten sie sich wohl?

Sobald ich konnte, verkroch ich mich verloren und hilflos in eine Ecke. Ich klapperte mit den Zähnen und dachte an die Nacht, die mir bevorstand. Ich war allein, ganz allein. Ich konnte mich niemandem anvertrauen, mit niemandem reden. Ich hasste dieses Monster! Ich hasste sie zutiefst! Sie widerten mich alle an! Mussten alle verheirateten Mädchen dieselben Qualen durchmachen? Oder war ich die Einzige, die diese Folter über sich ergehen lassen musste? Ich empfand nichts für diesen Fremden. Empfanden meine Eltern etwas füreinander? Erst durch ihn begriff ich den wahren Sinn des Wortes »Grausamkeit«.

So vergingen Tage und Nächte. Zehn, zwanzig, dreißig? Ich weiß nicht mehr genau. Abends brauchte ich immer länger zum Einschlafen. Nachts, immer wenn er kam und seine ekligen Dinge mit mir machte, konnte ich danach keinen Schlaf mehr finden. Tagsüber dämmerte ich vor mich hin. Verloren. Zerschlagen. Nichts zu machen, ich verlor allmählich das Zeitgefühl. Ich vermisste Sanaa. Die Schule vermisste ich auch. Und meine Brüder und Schwestern: Abdos ewige Akrobatenkunststücke, Morads dumme Späße, Monas Scherze, wenn sie einen guten Tag hatte, die Abzählverse der kleinen Rawdha. Ich dachte immer öfter an Haïfa und hoffte, dass man sie nicht auch noch verheiraten würde. Im Laufe der Zeit begann ich sogar, ihre Gesichtszüge zu vergessen. Mir fiel es schwer, mich an die Farbe ihrer Haut, die Form ihrer Nase, die Einkerbung ihrer Grübchen zu erinnern. Ich musste unbedingt bald wieder zurück, um sie zu sehen!

Jeden Morgen schluchzte ich und flehte, man möge mich zu meinen Eltern zurückschicken. Ich hatte keine Möglichkeit, sie anzurufen. In Khardji gab es keinen elektrischen Strom. Telefon schon gar nicht. Hier sah man kein Flugzeug am Himmel vorbeiziehen, gab es keine Busse, keine Autos. Ich hätte ihnen einen Brief schicken können, doch abgesehen von meinem Vornamen und einigen ganz einfachen Wörtern konnte ich nicht viel schreiben. Ich musste also nach Sanaa zurückfahren. Um jeden Preis. Ich wollte nach Sanaa zurück!

Sollte ich fortlaufen? Ich hatte schon öfter daran gedacht. Aber wohin? Im Dorf kannte ich niemanden. Da war es schwierig für mich, bei jemandem Zuflucht zu suchen oder einen Durchreisenden anzuflehen, mich auf seinem Esel mitzunehmen und zu retten. Khardji, mein Heimatdorf, hatte sich in ein Gefängnis verwandelt.

Eines Morgens hatte er es satt, mein Weinen anzuhören, und teilte mir mit, er würde mir einen Besuch bei meinen Eltern erlauben. Endlich! Er würde mich begleiten und bei seinem Bruder auf mich warten. Aber danach, und darauf bestand er ausdrücklich, würden wir hierher zurückkehren. Ich packte hastig meine Sachen zusammen, damit er es sich nicht noch einmal anders überlegte.

Die Rückfahrt erschien mir schneller als der Hinweg. Doch jedes Mal, wenn ich einnickte, stellten sich dieselben alptraumhaften Bilder ein: der Blutfleck auf dem Leinentuch, das Gesicht meiner Schwiegermutter, die sich über mich beugt, der Eimer Wasser. Plötzlich fuhr ich aus dem Schlaf hoch. Nein! Ich würde nie wieder zurückgehen. Ich würde nie wieder zurückgehen. Niemals! Khardji, das Ende der Welt. Ich wollte dieses Dorf nie wieder betreten!

»Es kommt nicht in Frage, dass du deinen Mann verlässt!«

Die Reaktion meines Vaters nach meiner Ankunft in Sanaa war unerwartet. Und eindeutig. Sie bereitete der Wiedersehensfreude ein rasches Ende. Meine Mutter sagte zunächst kein Wort. Schließlich fiel ihr nichts anderes ein, als mit zum Himmel erhobenen Händen zu murmeln:

»So ist das Leben, Nojoud. Alle Frauen müssen da durch. Wir haben alle das Gleiche erlebt.«

Aber warum hatte sie mir nie etwas gesagt? Warum hatte sie mich nicht gewarnt? Jetzt, da die Heirat besiegelt war, saß ich in der Falle, es war mir unmöglich, alles rückgängig zu machen. Ich konnte meinen Eltern noch so viel erzählen über die nächtlichen Schmerzen, die Prügel, das Brennen und all die persönlichen und grauenvollen Dinge, von denen zu reden ich mich schämte: Sie erklärten mir, dass es meine Pflicht sei, mit diesem Monster zu leben.

»Ich liebe ihn nicht! Er tut mir weh. Er zwingt mich, unangenehme Dinge zu tun, die mir nicht gefallen. Er ist nicht nett zu mir!«, erwiderte ich beharrlich.

»Nojoud, du bist jetzt eine verheiratete Frau. Du musst bei deinem Mann bleiben«, herrschte mein Vater mich an.

»Nein, ich will nicht! Ich will zurück nach Hause!«

»Unmöglich!«, ging er dazwischen.

»Nein! Bitte. Bitte!«

»Es ist eine Frage des sharaf, hörst du?«

»Aber …«

»Du hast zu tun, was ich dir sage!«

»Aba, ich …«

»Wenn du dich von deinem Mann scheiden lässt, werden mich meine Brüder und Cousins umbringen! Die Ehre geht über alles. Die Ehre! Hast du verstanden?«

Nein, ich hatte nicht verstanden, und ich konnte es nicht verstehen. Nicht nur hatte das Monster mir weh getan, sondern nun verteidigte meine Familie, meine eigene Familie ihn auch noch. Und zwar nur wegen der … der … Weswegen noch mal? Wegen der Ehre. Was sollte das eigentlich heißen, dieses Wort, das sie andauernd gebrauchten? Ich war ratlos.

Haïfa, die Augen weit aufgerissen, verstand noch weniger als ich, was da gerade mit mir geschah. Als sie sah, dass ich in Tränen ausbrach, schob sie ihre Hand in meine. Das war ihre Art, mir zu sagen, dass sie auf meiner Seite war. Plötzlich durchfuhr mich wieder die grässliche Vorstellung: Was, wenn sie vorhatten, auch sie zu verheiraten? Haïfa, meine kleine Schwester, meine süße kleine Schwester. Hoffentlich würde sie das Glück haben, von diesem Alptraum verschont zu bleiben …

Mona setzte mehrmals dazu an, für mich einzutreten. Doch ihre Schüchternheit siegte. Wer hätte sie auch schon angehört? Hier sind es immer die Großen und unter ihnen die Männer, die das letzte Wort haben. Arme Mona. Mir wurde klar, dass ich, um aus alldem herauszukommen, nur auf mich selbst zählen konnte.

Die Zeit drängte. Ich musste unbedingt eine Lösung finden, bevor das Monster mich wieder abholen kam. Mir war es gelungen, ihm die Erlaubnis abzuringen, noch etwas länger bei meinen Eltern zu bleiben. Doch ich drehte mich im Kreis, und es zeichnete sich kein wirklicher Ausweg aus meiner Notlage ab. »Nojoud muss bei ihrem Mann bleiben«, wiederholte mein Vater immer wieder. Sobald Aba einmal nicht in der Nähe war, sprach ich meine Mutter wieder darauf an. Sie begann zu weinen. Sie sagte mir, sie vermisse mich, aber sie könne nichts tun, um mich aus meiner Not zu befreien.

Meine Befürchtungen erwiesen sich als berechtigt. Schon am nächsten Tag kam das Monster bei uns vorbei und erinnerte mich an meine ehelichen Pflichten. Ich versuchte, mich zu wehren. Vergeblich. Da ich nicht lockerließ, wurde schließlich ein scheinbarer Kompromiss gefunden. Er akzeptierte, dass ich noch ein paar Wochen in Sanaa blieb, jedoch, da er mir nicht vertraute, nur unter der Bedingung, mit ihm mitzukommen und vorübergehend bei seinem Onkel zu wohnen. Doch über einen Monat lang wurde die Hölle nur noch schlimmer.

»Wann hörst du endlich auf, ständig zu flennen? Das geht mir auf die Nerven!«, schimpfte er eines Tages mit rasendem Blick und drohender Faust.

»Wenn du mich nach Hause zu meinen Eltern lässt!«, antwortete ich hilflos und vergrub das Gesicht in meinen Händen.

Ob meiner Hartnäckigkeit gewährte er mir erneut eine Atempause.

»Aber das ist das letzte Mal«, warnte er mich.