Author Topic: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"  (Read 2052 times)

KarlMartell

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Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
« on: April 14, 2013, 07:57:31 am »
8. Der Geburtstag
So fühlt sich das also an, das Glück. In den wenigen Stunden, seit ich das Gerichtsgebäude verlassen habe, ist etwas Erstaunliches mit mir passiert. Noch nie sind mir das Hupen und der Lärm auf den verstopften Straßen so wundervoll erschienen. Gerade eben bin ich an einem Laden vorbeigekommen und habe Lust auf ein großes Eis bekommen. »Und ich esse auch noch eins, und wenn ich will, sogar noch ein drittes.« Ich habe eine Katze gesehen und wollte gleich zu ihr hinlaufen und sie streicheln. Ich muss dauernd blinzeln, so als würde ich zum ersten Mal die kleinen Freuden des Lebens entdecken. Ich fühle mich glücklich. Es ist der schönste Tag in meinem Leben.

»Wie sehe ich aus, Shada?«

»Schön, wunderschön!«

Zur Feier meines Sieges hat mir Shada ganz neue Kleider geschenkt. In meinem neuen rosa Sweatshirt und meiner mit bunten Schmetterlingen bestickten Jeans komme ich mir wie eine ganz neue Nojoud vor. Ich gefalle mir mit meinen langen, lockigen Haaren, die ich mit einem grünen Band zu einem Knoten gebunden habe. Vor allem deshalb, weil ich zur Feier des Tages mein schwarzes Kopftuch ablegen durfte, weshalb mir auch alle Komplimente über meine Frisur machen.

Wir sind mit Hamed von der »Yemen Times« und einigen anderen Journalisten verabredet. Das dreistöckige Gebäude macht großen Eindruck auf mich. Ein uniformierter Portier bewacht den Eingang. Wie vor den Villen in den schicken Vierteln von Sanaa, die ich so gerne zeichne! Noch ganz benommen, steige ich langsam die Stufen der großen Marmortreppe hinauf und halte mich dabei am Holzgeländer fest. Die Fenster sind so blank geputzt, dass die Sonnenstrahlen sich in kleinen gelben Kreisen an den Wänden abzeichnen. Ein angenehmer Geruch von Bohnerwachs hängt in der Luft.

Nadia, die Chefredakteurin der »Yemen Times«, empfängt mich in der zweiten Etage mit offenen Armen. Eine Frau an der Spitze einer Zeitung? Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Und ihr Mann erlaubt ihr das so einfach? Nadia, der meine Verblüffung nicht entgeht, lacht schallend.

»Komm, ich zeige dir etwas«, sagt sie.

Nadia öffnet eine Tür im hinteren Teil ihres großen, hellerleuchteten Büros. Ein Kinderzimmer! Überall liegen kleine Kissen, Spielzeug ist auf dem Boden verstreut.

»Das Zimmer meiner Tochter«, erklärt sie mir. »Manchmal nehme ich sie mit zur Zeitung. So kann ich gleichzeitig Omma sein und arbeiten.«

Ein ganzes Zimmer nur für ihre Tochter! Vor mir tut sich eine völlig unbekannte Welt auf. Mir ist, als käme ich von einem anderen Planeten. Ich fühle mich ein wenig eingeschüchtert, aber es ist auch sehr faszinierend.

Doch damit fangen die Überraschungen erst an. Als Nadia mich in den Redaktionssaal führt, stelle ich zu meinem Erstaunen fest, dass hier in der Mehrzahl Journalistinnen arbeiten, Frauen! Manche sind von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt und lüften ihren niqab nur, wenn sie an ihrem Tee nippen. Andere tragen orangefarbene oder rote Kopftücher, unter denen blonde Haarsträhnen hervorschauen, die gut zu ihren blauen Augen und ihrem milchweißen Teint passen. Sie haben lange, lackierte Fingernägel, und ihr Arabisch hat einen merkwürdigen Akzent. Ob es Ausländerinnen sind – Amerikanerinnen oder Deutsche vielleicht, verheiratet mit jemenitischen Männern? Sicherlich haben sie studiert, um hier arbeiten zu können. Und bestimmt fahren sie auch im eigenen Auto zur Arbeit, so wie Shada.

Ich stelle mir vor, wie sie Kaffee trinken und Zigaretten rauchen, wie im Fernsehen. Vielleicht tragen sie sogar Lippenstift auf, wenn sie in der Stadt essen gehen. Eine von ihnen führt gerade ein intensives Telefongespräch. Ich spitze die Ohren und lasse mich von dieser wohlklingenden Sprache entführen. Englisch, nehme ich an. Eines Tages möchte ich auch Englisch lernen.

Ich werde nicht müde, sie zu betrachten. Besonders beeindruckt bin ich davon, wie sie gleichzeitig tippen und dabei auf die Fernseher schauen, die auf jedem der hellen Holzschreibtische stehen. Arbeiten und dabei »Tom und Jerry« schauen, was für eine artistische Leistung und was für ein Luxus!

»Nojoud, das sind Computer!«, ruft Hamed, der meine Verwunderung bemerkt hat.

»Was für Dinger?«

»Computer! Das sind Geräte mit einer Tastatur, mit denen kann man Artikel schreiben und Briefe verschicken. Auch Fotos kann man darauf anschauen.«

Geräte, mit denen man Briefe verschicken und Fotos anschauen kann! Diese Frauen haben nicht nur Stil, sie sind auch sehr modern. Ich versuche, mir vorzustellen, wie ich hier in zehn oder zwanzig Jahren sitze. Mit lackierten Fingernägeln und einem Kugelschreiber. Journalistin, das wäre etwas für mich. Oder vielleicht doch lieber Rechtsanwältin? Warum nicht beides? Mit meinem Computer schicke ich dann Briefe an Hamed und Shada. Jedenfalls würde ich hart arbeiten! In einem Beruf, in dem ich Menschen in Not helfen könnte, ein besseres Leben zu führen.

Die Besichtigung endet im großen Konferenzraum. »Hier treffen wir uns bei großen Anlässen«, erklärt mir Nadia.

»Bravo, Nojoud!«, ruft eine Männerstimme.

»Nojoud hat gewonnen, Nojoud hat gewonnen!«, ruft es im Chor.

Kaum bin ich durch die große Tür getreten, finde ich mich von etwa dreißig Personen umringt, die mich mit großen Augen ansehen. Applaus brandet auf, man zwinkert mir zu, lächelt mich an, Handküsse fliegen durch die Luft. Ich zwicke mich in den Arm, um mich zu vergewissern, dass ich nicht träume. Der »große Anlass«, das bin heute ich!

Nun regnet es von allen Seiten Geschenke! Hamed ist der Erste, er überreicht mir einen riesigen roten Teddybären. Er ist so groß, dass er mir fast bis zu den Schultern reicht. Auf seinem runden Bauch trägt er ein großes Herz, auf dem Buchstaben stehen, die ich nicht entziffern kann.

»Da steht ›I love you‹«, erklärt mir Hamed. »Das ist Englisch und heißt ›Ich liebe dich‹.«

Ich weiß gar nicht, wohin mit den vielen Päckchen, die mir von allen Seiten gereicht werden. Eine nach der anderen öffne ich die Schleifen, jedes enthält eine Überraschung: ein kleines elektrisches Klavier, Malstifte, Zeichenblöcke, eine Fulla-Puppe, wie ich sie beim Richter Abdel Wahed gesehen habe.


Ich suche nach Worten, um meine Dankbarkeit auszudrücken, aber ich finde nur ein einziges:

»Shokran!«, rufe ich lächelnd. »Danke!«

Nun fordert mich Nadia auf, den Kuchen anzuschneiden. Ein Schokoladenkuchen, mein Lieblingskuchen! Er ist mit fünf roten Kirschen dekoriert. Da kommt mir plötzlich die Erinnerung, wie ich mit Mona in Sanaa über die Hayle Avenue gebummelt bin. Wie oft hatte ich, die Nase an die Schaufenster der Läden gepresst, von einer Hochzeitsfeier mit Geschenken und Abendkleidern geträumt? Aber es ist ganz anders gekommen.

Verglichen mit den Träumen, die man hat, kommt einem die Wirklichkeit manchmal sehr grausam vor. Aber sie kann auch schöne Überraschungen bereithalten.

Heute ist ein richtiges Fest. Wäre es ein Nachtisch, so wäre er nicht nur süß, sondern auch noch mit dicker Glasur und dazu innen herrlich weich. Genau wie meine Lieblingsbonbons mit Kokosnussfüllung.

»Die Scheidungsfeier ist ja viel besser als die Hochzeitsfeier!«, rufe ich und schließe meinen großen Teddybären in die Arme.

»Welches Lied sollen wir dir denn zur Feier des Tages singen, Nojoud?«, fragt mich Nadia.

»Ich weiß nicht«, murmele ich unentschieden.

Doch Shada hat eine Idee: »Warum singen wir nicht einfach ›Happy Birthday‹?«, schlägt sie vor.

»›Happy Birthday‹? Was ist das denn?«, frage ich, ein wenig verwundert.

»Nun, das singt man an dem Tag, an dem jemand geboren worden ist.«

»Ach so. Nur …«

»Was denn?«

»Ich weiß ja gar nicht, an welchem Tag ich geboren wurde.«

»Das macht nichts. Dann ist eben ab heute dieser Tag dein Geburtstag!«, ruft sie.

Alle applaudieren.

»Happy Birthday, Nojoud! Happy Birthday!«

Ich lache fröhlich. Es ist so einfach, glücklich zu sein, wenn man unter lauter lieben Menschen ist!