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Author Topic: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"  (Read 2052 times)

KarlMartell

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Re: "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden"
« on: April 14, 2013, 08:00:31 am »
10. Fares kommt nach Hause
August 2008

Ich habe eine »Bizza« gegessen. Das war vor einigen Tagen, in einem sehr modernen Restaurant, in dem die Kellner kleine Mützen auf dem Kopf tragen und die Bestellungen in ein Mikrofon rufen.

Komisch hat das geschmeckt! Knusprig, wie ein großer Fladen khobz mit vielen guten Sachen darauf: Tomaten, Mais, Hühnchen und Oliven. Am Tisch nebenan saßen Frauen mit Kopftuch, die jenen aus der »Yemen Times« glichen. Sie sahen sehr elegant aus und haben das Essen mit Messer und Gabel zum Mund geführt.

Ich habe versucht, es ihnen nachzumachen und meine »Bizza« mit meinem Besteck zu zerkleinern. Das war erst gar nicht so leicht. Es ist mir alles vom Teller geflutscht. Haïfa hat eine junge Frau beobachtet, die sich ganz viel Tomatenzeugs aus einer Flasche über ihr Essen gegossen hat. Das wollte sie auch ausprobieren. Aber schon beim ersten Bissen hat es ihr im Hals gebrannt, und ihre Augen sind ganz rot geworden. Zum Glück hat sich einer der Kellner von seinem Mikrofon losgerissen und ihr eine große Flasche Wasser gebracht.

Das ist für uns seitdem ein Spiel geworden. Wenn wir Omma beim Kochen helfen, stellen wir uns vor, dass wir Gäste in einer »Bizzeria« sind, die sich ihr Lieblingsessen aussuchen. So wie heute: »Was darf ich Ihnen bringen?«, fragt mich Haïfa, wenn sie den sofrah im großen Zimmer ausbreitet.

»Hm, heute eine ›Bizza‹ mit Käse«, antworte ich.

Dabei habe ich nur »mit Käse« gesagt, weil ich bei den Vorräten sonst gar nichts mehr anderes gefunden habe. Macht nichts, das wird es schon tun.

»Das Essen ist fertig!«, ruft Haïfa die Familie zusammen. Aber kaum haben wir unsere karge Mahlzeit begonnen, da klopft es energisch.

»Nojoud, erwartest du schon wieder Journalisten?«, fragt Mohammad misstrauisch.

»Nein, heute nicht …«

»Na, dann ist es vielleicht der Wasserwagen, der die Zisterne auffüllt. Kommt der sonst nicht immer am Morgen?«

Mohammad erhebt sich stirnrunzelnd, den Mund voller Brot. Mit raschen Schritten geht er zur Eisentür. Wer will uns um diese Zeit besuchen, im August, in der Mittagshitze? In der heißen Jahreszeit besucht man sich normalerweise erst gegen Abend.

Doch gleich springen wir auf.

»Fares!«, ruft Mohammad. »Fares ist wieder da!«

Ich falle fast in Ohnmacht. Fares, mein geliebter Bruder, den ich seit vier Jahren nicht gesehen habe! Meine Mutter tastet sich mit zitternden Händen an der Wand entlang zur Tür. Wir stürzen ihr alle hinterher, die kleine Rawdha will die Erste sein und drängt sich durch unsere Beine. Noch nie ist mir der kurze Weg zur Tür so weit vorgekommen.

Vor der Tür steht ein junger Mann mit sonnenverbranntem Gesicht und hohlen Wangen. Wie hat er sich verändert! Groß und schmal ist Fares geworden, nicht mehr der Heranwachsende auf dem Foto, das ich so oft betrachtet habe, um mir jedes Detail seiner Züge einzuprägen, aus Angst, sein Gesicht zu vergessen. Nun muss ich den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht schauen zu können. Sein Blick ist härter geworden, auf seiner Stirn zeichnen sich dunkle Linien ab, wie bei Aba. Er ist nun ein Mann.

»Fares! Fares! Fares!«, seufzt meine Mutter und greift nach seiner weißen Tunika, um ihn an sich zu drücken.

»Du hast uns so gefehlt«, sage ich und umarme ihn ebenfalls.

Fares steht stocksteif und stumm da. Erschöpft sieht er aus, sein Blick ist leer, fast traurig. Wo ist all sein Ungestüm hin?

»Fares! Fares!«, wiederholt Rawdha wie eine sprechende Puppe, ohne dass sie richtig begreift, dass dieser Mann ihr großer Bruder ist, der uns verlassen hat, als sie noch ein ganz kleines Baby war.

Außer dem kurzen Anruf aus Saudi-Arabien, zwei Jahre, nachdem er weggelaufen war, haben wir nichts von ihm gehört. Bis zu dem unerwarteten Anruf eines Abends im letzten Monat. Omma hat vor Freude aufgeschrien, als sie seine Stimme erkannte. Wir haben uns gegenseitig den Hörer aus der Hand gerissen, um ihn für einen kurzen Moment zu hören. Er klang so weit weg, so weit, doch es hat mir das Herz erwärmt, ihn noch am Leben zu wissen.

»Alles in Ordnung bei dir?«, hat mein Vater, den Tränen nahe, ihn mit erstickter Stimme gefragt.

Aba wollte alles von Fares wissen. Für wen er arbeitet. Ob es ihm dort gefällt, er gut verdient. Statt zu antworten, hat mein Bruder nur immer wieder die gleiche Frage wiederholt, eine Frage, die ihn offenbar sehr beschäftigte: »Aber ihr, wie geht es euch?«

Das Wort »euch« hat er dabei stark betont. »Ich mache mir große Sorgen um die Familie. Ich habe da Geschichten gehört … Bitte, sagt mir, dass alles in Ordnung ist.«

Er war besorgt, das hörte man seiner Stimme an. Aber um was? Er erklärte uns, dass ihm dort in der Ferne Gerüchte um unsere Familie zu Ohren gekommen seien. Ganz weit weg, in diesem Saudi-Arabien, das ich noch nicht einmal auf der Karte zeigen konnte.

Offenbar hatten ihm Leute, die aus dem Jemen kamen, berichtet, dass wir Probleme hätten, ohne Genaueres zu wissen. Und dann ist Fares eines Tages auf ein Foto von mir und meinem Vater in einer Zeitung gestoßen. Da er nie richtig zur Schule gegangen ist – er hat es schon im ersten Jahr aufgegeben –, konnte er den Artikel nicht lesen. Desto mehr hat ihn die Geschichte beschäftigt, so sehr, dass sie ihn um den Schlaf gebracht hat.

Ich bin verblüfft. Gerüchte, die von Reisenden verbreitet werden. Ein Foto in einer Zeitung. Sollte das etwa heißen, dass die Nachricht von meiner Scheidung sich über die Grenzen meines Landes verbreitet hatte? Da Fares so drängte, fasste ihm Aba rasch die Ereignisse der letzten Monate zusammen.

»Nun verstehe ich alles etwas besser«, antwortete mein Bruder.

»Fares, mein Sohn, bitte, komm nach Hause zurück!«, bettelte meine Mutter schluchzend.

»Ich kann nicht, ich habe dort Arbeit«, erwiderte er. Und dann war das Gespräch mit einem Mal unterbrochen.

Dieses Telefongespräch hatte vielleicht zehn Minuten gedauert, doch das genügte, um Omma in die tiefste Verzweiflung zu stürzen. In den Tagen danach wurde ihre Stimmung immer trüber. Nachdem sie sich so über meine Scheidung gefreut hatte, regte sie sich nun wieder über jede Kleinigkeit auf. Sie wollte ihren Sohn wiedersehen, ihn um sich haben, ihn berühren. Sie hatte einfach genug davon, dass in unserer Familie ständig jemand weglief, ständig jemand entführt wurde. Warum hatte sich das Schicksal nur so gegen sie verschworen? Hatte nicht auch sie das Recht auf ein kleines bisschen Glück, so wie andere Ommas?

Sie bekam wieder Alpträume und stellte sich vor, Fares nie wiederzusehen. Sie fürchtete, dass er nie mehr zu seiner Familie zurückkehren würde und uns nur angerufen habe, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Nachts konnte sie wieder nicht schlafen. Es brach mir das Herz, sie anzuschauen. Meine Scheidung hatte mir über viele Dinge die Augen geöffnet, seitdem war ich viel empfänglicher für das Unglück der anderen.

 

Und nun, an diesem drückend heißen Tag, ist Fares auf einmal zurückgekommen! Er ist viel stiller und schweigsamer als der Fares, an den ich mich erinnere. Aber seine dichten Wimpern und sein lockiges Haar, das ist ganz mein Bruder. Ich möchte alles von ihm wissen. Hat ihn sein Boss gut behandelt? Hat er neue Freunde gefunden in Saudi-Arabien? Dort unten gibt es doch bestimmt gute »Bizzas«?

Meine Mutter lässt ihn gar nicht mehr los. Sie zerrt ihn am Arm in das kleine Wohnzimmer. Fares ist nicht sehr gesprächig. Langsam zieht er seine Schuhe aus und setzt sich auf ein Kissen. Ich lasse ihn nicht aus den Augen. In Windeseile hat ihm Omma ein Glas chai gebracht, den er hastig in kleinen Schlucken trinkt.

»Nun, jetzt erzähle mal«, drängt mein Vater.

Fares stellt das kleine Glas auf den sofrah.

»Es ist mir nicht gelungen, in den vier Jahren etwas zu sparen. Tut mir leid. Wenn ich nur gewusst hätte«, murmelt er mit gesenktem Kopf.

Auf einmal wird es ganz still im Raum. Da entspannt sich sein Gesicht ein wenig, er lächelt sogar.

»Weißt du noch, Aba? Ich war so wütend auf dich, an dem Tag, als du mich angeschrien hast, weil ich mit leeren Händen vom Bäcker zurückkam. Ich sollte um Brot betteln, und ich habe mich so geschämt, ich war es so leid. Ich habe von einer neuen Hose geträumt, wie sie andere Jungen in meinem Alter hatten. Aber zu Hause hat es allerhöchstens für das Essen gereicht. Am nächsten Tag ist mir der verrückte Gedanke gekommen, von nun ab für mich selbst zu sorgen. Ich wollte es schaffen, richtiges Geld verdienen, mir Kleider kaufen. Also bin ich von hier weggegangen und habe mir geschworen, wenn ich eines Tages zurückkomme, dann nur, wenn ich die Taschen voller Geld habe.«

Er macht eine kleine Pause, um an seinem Tee zu nippen, bevor er fortfährt: »Im Viertel hat man erzählt, dass man in Saudi-Arabien Arbeit finden, dass man dort Geld verdienen könne, genug, um sogar noch etwas an die Familie zu schicken. Das war genau das, was ich brauchte! Ich beschloss, das Abenteuer zu wagen. Ich platzte fast vor Ehrgeiz. Was hatte ich schon zu verlieren? Ich war jung und machte mir keine Sorgen. Nie hätte ich mir vorstellen können, wie schwer das ist.

Vier Tage hat die Reise nach Saudi-Arabien gedauert. Zuerst bin ich mit einem Sammeltaxi Richtung Saada im Nordwesten des Jemen gefahren. Alle paar Kilometer wurden wir von einem Kontrollposten der Armee aufgehalten. Rasch wurde mir klar, dass die Reise lang und beschwerlich werden würde. In Saada habe ich einen Schleuser gefunden, der mir versprochen hat, mich für 5000 Rial über die Grenze zu bringen. Viel Geld, aber nachdem ich einmal so weit gekommen war, wollte ich nicht aufgeben. Immerhin schien er sich auszukennen. Er sagte, er kenne alle Wege und wisse, wie man es anstellen müsse, um an der Grenze nicht geschnappt zu werden. Da ich keinen Ausweis hatte, musste ich auf seine Dienste vertrauen.«

»Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Wir haben gedacht, du bist für immer verschwunden«, unterbricht ihn mein Vater.

Fares, ganz in seine Gedanken versunken, setzt seine Erzählung fort, ohne auf die Bemerkung meines Vaters einzugehen.

»Wir sind in der Nacht zu Fuß über die Grenze gegangen. Nie in meinem Leben habe ich so große Angst gehabt. Unterwegs haben wir andere Jemeniten getroffen, manche waren jünger als ich. Sie wussten genauso wenig wie ich, was sie auf der anderen Seite der Grenze erwartete, sie hatten nur eins im Kopf: Geld verdienen. Erst unterwegs ist mir klargeworden, welches Risiko ich eingehe. Sollten mich die Soldaten erwischen, so würden sie mich sofort nach Sanaa zurückschicken.

Meine Erleichterung, über die Grenze gekommen zu sein, wurde bald von Ratlosigkeit abgelöst. Wohin nun? Ich war noch nie im Ausland gewesen. Todmüde bin ich immer weiter marschiert, bis ich nach Khamiss Mousheid gekommen bin. Was für eine Enttäuschung! Dieser Teil von Saudi-Arabien ist nicht besser dran als Sanaa. Ein Mann, den ich nach dem Weg fragte, bot mir an, die Nacht bei ihm zu verbringen. Er wohnte mit seiner Frau und seinen Kindern auf dem Land.

Am nächsten Morgen hat er mich gefragt, ob ich für ihn arbeiten will, und ich habe sofort »ja« gesagt. Ich hatte keine andere Wahl. Er war Schafzüchter und übertrug mir eine Herde von sechshundert Tieren, die ich täglich mit Hilfe eines zweiten Schäfers, eines Sudanesen, auf die Weide führte. So habe ich zwölf Stunden am Tag gearbeitet, von sechs bis achtzehn Uhr. Zusammen mit dem Sudanesen habe ich in einem winzigen Häuschen gelebt, das irgendwo ganz einsam stand. Die ganze Einrichtung bestand aus zwei kleinen Matratzen. Es gab keinen Fernseher, keinen Kühlschrank, keine Toilette, keine Klimaanlage. Ich war enttäuscht.«

Fares hält inne und schluckt. Seine Stimme droht ihm zu versagen. Sicher die Müdigkeit von der langen Reise.

»Und das waren noch lange nicht alle Enttäuschungen«, fährt er fort. »Mit jedem Tag wurde unser Boss anspruchsvoller. Wir mussten die Tiere füttern, sie tränken, sie auf die Weide führen. Der Arbeitstag wurde immer länger. Am Ende des Monats wurde mir klar, in welche Lage ich geraten war: Ich erhielt 200 Rial für dreißig Tage Arbeit, davon konnte ich mir gerade einmal ein paar Bonbons im Laden kaufen. Und der gehörte natürlich auch noch unserem Boss!

Ich war ratlos. Es war nicht schwierig auszurechnen, dass ich zwei Jahre arbeiten müsste, um mir überhaupt nur die Rückreise nach Sanaa zu verdienen. Ich hatte nicht einmal Geld, um euch anzurufen. Außerdem war ich zu stolz, mir mein Scheitern einzugestehen. Das erste Mal, als ich euch angerufen habe, wollte ich euch nur glauben machen, dass alles in Ordnung ist. Beim zweiten Mal, zwei Jahre später, habe ich mir wirklich Sorgen gemacht.«

Er senkt den Kopf, atmet tief durch und stößt einen Seufzer aus.

»Doch kaum hatte ich aufgelegt, da musste ich immer an die Tränen von Omma denken. Ich konnte nachts nicht mehr schlafen. Also habe ich mein Geld gezählt. Es war gerade so viel, um die Rückkehr nach Sanaa zu bezahlen. So habe ich mich letzte Woche von meinem Boss verabschiedet. Ich war entschlossen: Die Zeit war gekommen, nach Hause zurückzukehren.«

»Und was willst du jetzt machen?«, fragt ihn Mohammad.

»Nun, ich mache es wie alle anderen, ich verkaufe kath auf der Straße«, antwortet er mutlos. Wie er sich verändert hat! Fares, der so ehrgeizig war, ist nun bereit, sich bei den Verlierern einzureihen. Ich sehe ihn immer noch vor mir, wie er meinem Vater die Stirn geboten hat, ein Bild, das ich mir unauslöschlich eingeprägt habe. Ich erinnere mich auch an all den Unsinn, den er angestellt, über den sich Aba aufgeregt hat, der mich aber zum Lachen brachte. Wenn wir zusammen in der »Bizzeria« waren, hat er immer Papierflugzeuge aus den Servietten gefaltet und sie zu den Nachbartischen segeln lassen. Der Gedanke an ihn hat mir im April die Kraft gegeben, mich an das Gericht zu wenden. Dass er weggelaufen ist, hat mir den Mut gegeben, es ebenso zu versuchen. Ich glaube, in seiner Schuld zu stehen.

Fares besiegt, nein, das kann nicht sein. Dass er aufgibt, das hätte ich mir nie vorstellen können. Niemals. Ich fühle mich ganz elend. Eines Tages muss ich eine Möglichkeit finden, ihm zu helfen. Ich weiß zwar nicht, wie, aber irgendeine Lösung finde ich schon.