Author Topic: Kandahar: "Ich will ihn haengen sehen"  (Read 536 times)

KarlMartell

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Kandahar: "Ich will ihn haengen sehen"
« on: November 04, 2012, 08:41:00 am »
J U S T I Z

Ein unmöglicher Prozess

Nicht nur der Soldat Robert Bales steht jetzt vor Gericht. Sein Verteidiger will einen
Krieg anklagen, der aus Menschen Mörder macht. Mohammed Wazir,
der sechs Kinder verlor, möchte den Täter hängen sehen. Von Guido Mingels

Die 33 Perlen einer Gebetskette gleiten
durch seine Finger, 33-mal
Allahu akbar, Gott ist groß.
„Mein Name ist Mohammed Wazir. Ich
weine nicht. Ich habe zehn Finger an meinen
Händen. So war mein Schmerz an
diesem Tag: als würde man mir alle zehn
Finger abschneiden. Ich hatte sieben Kinder.
Ein Sohn ist mir geblieben.
Es macht die Toten nicht lebendig,
wenn ich weine.“
Grundlos lächelt er. Auf seiner
Hand eine Tätowierung,
zwei gekreuzte Säbel.
„Man fragt Allah nicht: ,War -
um hast du das getan?‘ Ich muss
duldsam sein. Dann wird der
Prophet mich dafür belohnen
im Paradies.“
Mohammed Wazir, 35, den
Turban nach Art der Paschtunen
gebunden, sitzt im Garten einer
Herberge in Kabul und beantwortet
Fragen. Man sucht nach
Spuren der Verzweiflung in seinem
Gesicht. Man sucht die
Trauer in seinen klaren, dunklen
Augen, findet sie nicht. Drei
Männer begleiten ihn, quittieren
mit nickendem Kopf seine langsamen
Sätze. Sie alle wollen
morgen mit dem Flugzeug nach
Mekka aufbrechen, zur großen
Pilgerfahrt, der Hadsch, Pflicht
für jeden Muslim.
In der Nacht auf den 11. März 2012, einen
Sonntag, geht um etwa 2.30 Uhr ein
Mann durch die Dunkelheit auf das Haus
zu, in dem Wazir mit seiner Familie lebt.
Das Haus steht in einem Dorf namens
Najiban, Provinz Kandahar, Afghanistan,
ewiger Krieg. Laut Anklage heißt der
Mann Robert Bales, er ist Angehöriger
der U.S. Army im Rang eines Staff Sergeant,
3. Stryker-Brigade, 2. Infanterie -
division, 39 Jahre alt. Im Haus schlafen
sechs von Wazirs Kindern, seine Frau, seine
Mutter, sein Bruder, dessen Gattin und
ein Neffe. Wazir ist nicht da. Er hat seinen
jüngsten Sohn mitgenommen, um Verwandte
zu besuchen.
„Warum hat der Mörder nicht auf
mich gewartet? Warum tötete er meine
Kinder und hat nicht auf mich gewartet?“
Was in seinem Gehöft und in zwei weiteren
Häusern in den Dörfern Najiban und
Alkozai am 11. März 2012 geschieht, weiß
bald darauf die ganze Welt. Die Tat erhält
einen Namen mit einem dunklen Klang,
das Massaker von Kandahar, und gilt
schon heute als das vielleicht gravierendste
Kriegsverbrechen des jüngsten Afghanistan-
Konflikts. Es gab Haditha im Irak,
es gab My Lai in Vietnam. Und es gibt die
16 Toten in den Dörfern um das US-Camp
Belambay, Distrikt Panjwai, Provinz Kandahar.
Ghamgina Wraz, trauriger Tag, so
nennen die Angehörigen der Opfer diesen
11. März, in afghanischer Zeitrechnung
der 21. Tag im zwölften Monat des Jahres
1390 nach dem Auszug des Propheten.
„Erst mal sehen, wie viel sie beweisen
können“, sagt Anwalt John Henry
Browne. Ein stilisierter Stacheldraht umkreist
seinen Arm, ein Tattoo.
Browne, 66, Löwenmähne, Hippie-Vergangenheit,
sechsmal geschieden, gilt als
Rockstar unter Amerikas Juristen, er hat
ein Leben lang Vergewaltiger und Mörder
vertreten, es waren Fälle, die Kameras
und Mikrofone anlocken. Außerdem mag
er Motorräder und spielte einst in einer
Band, die im Vorprogramm der Doors
auftrat. Einen Namen machte er sich
schon in den siebziger Jahren als einer
der Anwälte des Serienkillers Ted Bundy.
Was ihn treibt, beschreibt
Browne so: „Mich zieht juristisch
das Unmögliche an.“
Er faltet seine zwei Meter in
einen Mietwagen, weißer SUV,
und lässt sich zum Gefängnis in
Fort Leavenworth fahren, ein
Termin mit seinem Mandanten.
Auf dem Schoß hält er einen
Laptop, er scrollt durch ein
Dokument mit 5000 Seiten, die
Ergebnisse der militärischen
Ermittlungsbehörden im Fall
U.S. Army gegen Robert Bales.
34 Verstöße gegen das amerikanische
Wehrstrafrecht sind
aufgeführt, darunter 16 Morde,
6 versuchte Morde, mehrere
Fälle von Leichenverbrennung
sowie Missbrauch von Alkohol
und einem Anabolikum namens
Stanozolol.
Brownes Strategie vor Gericht
ist seit Jahrzehnten die
gleiche, und er wandte sie auch
im vergangenen Jahr an, als er
für den als „Barfuß-Banditen“
berühmt gewordenen Flugzeugdieb Colton
Harris-Moore eine milde Strafe erwirkte:
Er lenkt den Blick weg von der
Tat hin zu den widrigen Lebensumständen
des Angeklagten. Kaum hatte er das
Mandat für Staff Sergeant Bales übernommen,
erzählte er Reportern von dessen
zerstörerischen Kriegserfahrungen, von
seinen drei Einsätzen im Irak, von einer
im Dienst erlittenen Gehirnerschütterung,
von Symptomen eines posttraumatischen
Syndroms. Er sagte der „Seattle Times“,
Soldaten wie Bales seien „gebrochen, und
wir haben sie gebrochen“. Er sagte der
„New York Times“: „Nicht die Kreatur
ist das Monster, sondern Dr. Frankenstein,
der sie erschaffen hat.“ Er sagte der NBC:
„Hier steht der Krieg vor Gericht.“ Man
wird solche Sätze bald wieder hören von
ihm, wenn jetzt, am 5. November, in
Seattle und Kandahar die Anhörung in
einem Fall beginnt, den Browne als den
wichtigsten seiner Karriere versteht.
Die Garnisonsstadt Fort Leavenworth,
einst ein Symbol für die militärische Stärke
Amerikas, wird heute vor allem gemeinsam
mit Namen genannt, die Schande
über die Armee und die USA gebracht
haben. Charles Graner, einer der Folterer
von Abu Ghureib, saß hier seine Strafe
ab. Bradley Manning, mutmaßlicher Landesverräter
und Urheber der WikiLeaks-
Datensätze, war lange hier untergebracht.
Hinter einem Hügel liegt die Anstalt,
flach in die Ebene geduckt. Auf den Betonmauern
glitzert der Nato-Draht in der
heißen Sonne von Kansas. Irgendwo da
drin sitzt auch Robert Bales, den sie im
Internet „Kandahar-Killer“ nennen, den
seine Gattin Kari „den besten aller Ehemänner“
nennt.
Einmal, als Kari mit den beiden Kindern
Quincy, 5, und Bobby, 2, zu Besuch
war in Fort Leavenworth, da hat sie mit
ihrem Mann gefeiert, dass der kleine Bobby
das erste Mal aufs Töpfchen ging.
An den zwei jüngsten Leichen in Najiban,
jenen von Nabia, 4, und Palwasha,
1, konnten Zeugen keine Schusswunden
erkennen, der Täter hat sie vermutlich
bei lebendigem Leib verbrannt, oder sie
erstickten, als er seine Opfer auf einen
Haufen schichtete, mit Decken bewarf,
alles in Brand steckte.
Als Wazir seine toten Kinder beschreibt,
zählt er sie von den Fingern ab.
„Esmatullah war mein ältester Sohn. Er
war etwa 15. Er ging in die Koranschule
in der Moschee. Er konnte lesen und
schreiben. Wir hatten Hochzeitspläne für
ihn. Faizullah war etwa 11. Er fuhr gern
Fahrrad. Er brachte uns Tee auf die Felder.
Masooma war 9. Ihr Name bedeutet ,Unschuld‘.
Sie bastelte kleine Puppen und
nähte ihnen Gesichter. Farida war 7. Sie
half ihrer Mutter. Nabia war vielleicht 4.
Palwasha war noch ganz klein.“
Was ist Gerechtigkeit, John Henry
Browne?
„Gleichheit vor dem Gesetz. Darum
verteidige ich jene, die am Rande stehen,
die Unverteidigbaren. Solche wie Bales.
Wenn der Staat sie fallenlässt, sie willkürlich
zum Tod verurteilt, ist unsere gesamte
Verfassung nichts wert.“
Was ist Gerechtigkeit, Mohammed Wazir?
„Wir wollen diesen Mann hängen sehen.
Ich werde seinen Namen nicht aussprechen,
ich möchte meinen Mund nicht beschmutzen.
Ich selbst möchte ihn erhängen.
Ich werde zum Mahkama nach Amerika
gehen, zum großen Gericht, um ihn
hängen zu sehen. Dann wird mein Herz
ruhig sein.“ Seine Begleiter nicken träge.
Mahkama, Paschtu für „Gerichtsversammlung“:
So nennt Mohammed Wazir
das Podium, vor das er treten will.
Article 32 Hearing: So nennen John
Henry Browne und die amerikanische Militärjustiz
die Anhörung, die am 5. November
beginnen wird und bei der überhaupt
erst entschieden wird, ob und zu
welcher Art von Strafverfahren es kommen
wird in der Zukunft. Sie wird gleichzeitig
in Tacoma bei Seattle und in Kandahar
stattfinden, die Anklage wird ihre
Erkenntnisse präsentieren, Zeugenaus -
sagen von Überlebenden werden live in
den Verhandlungssaal an der US-Westküste
gesendet. Staff Sergeant Robert
Bales wird zugegen sein. Am Ende wird
der Vorsitzende entscheiden, ob die Ermittler
genügend belastendes Material
gesammelt haben, um das oberste US-Mi -
litärgericht einzuberufen, General Court-
Martial genannt, und er wird auch entscheiden,
ob es zu einem Prozess mit dem
Antrag auf Todesstrafe kommen wird,
wie es die Anklage zweifellos fordern
wird. Bis zu einem Urteil kann es Jahre
dauern.
Mohammed Wazir räuspert sich, speit
Kautabak zu Boden.
„Das Gericht in Amerika“, so erklärt
er nun, „wird den Mörder schuldig sprechen.“
Anschließend werde man ihn, Wazir,
und die anderen Angehörigen der Opfer
fragen, wie der Täter bestraft werden
soll. Erschießen, sagt Wazir, sei nicht qualvoll
genug. Als wäre nicht längst klar, was
er sich wünscht, verdeutlicht Mohammed
Wazir mit Gesten seinen Wunsch nach
Gerechtigkeit, er legt sich eine unsichtbare
Schlinge um den Hals, zieht sie zu.
John Henry Browne halbiert im Frühstücksraum
des „Q Hotel + Spa“ nahe
Fort Leavenworth einen Bagel. Das Treffen
mit seinem Mandanten sei gut verlaufen,
sagt er, Bales sei bei guter Moral, vermisse
aber seine Familie. Während er
kaut, resümiert Browne die Beweislage.
„Es gibt keine Fingerabdrücke. Es gibt keine
Blutproben. Es gibt keinerlei forensische
Daten. Es gibt kein Geständnis.“ Und
sein Mandant habe keinerlei Erinnerung
an die Tatnacht.
Die Toten wurden, wie es Brauch ist
unter Muslimen, so rasch wie möglich beigesetzt,
es gab keine Obduktionen, es
wurden keine Projektile sichergestellt.
Die amerikanischen Ermittler erhielten
aus Sicherheitsgründen erst mehrere Tage
nach der Mordnacht Zugang zu den Tat-
orten, als alle Spuren längst verwischt
waren. Aus Sicht von Browne ist bis heute
nicht erwiesen, wie viele Menschen gestorben
sind, die Identitäten seien unklar,
er habe keine Totenscheine gesehen. Für
John Henry Browne existiert nur, was bewiesen
werden kann. Für John Henry
Browne sind die Toten von Najiban und
Alkozai nicht mehr als Gerüchte.
Mohammed Wazir zählt Perlen ab mit
seinen Fingern, 33-mal al-hamdu lillah,
Gott sei gelobt. Die Amerikaner hätten
ihn gefragt, ob man die Leichen seiner
Familie exhumieren dürfe, für Unter -
suchungen. Er sagt: „Niemals würden
wir zulassen, dass unsere Märtyrer geschändet
werden. Ich habe sie gese -
hen. Sie sind tot. Der Mörder ist im Gefängnis.
Was wollen diese Leute noch
beweisen?“
Er bezweifle, sagt Anwalt Browne in Fort
Leavenworth, dass es Zeugen gebe, die seinen
Mandanten identifizieren können, „es
war ja stockdunkle Nacht“. Für die An -
hörung wird er im November nach Kandahar
fliegen, wird im gepanzerten Fahrzeug
zu einem Armee-Camp fahren, um Überlebende
zu verhören, alles synchron übersetzt
und live übertragen nach Seattle. Etliche
Zeugen allerdings, „vor allem die Frauen“,
sagt Browne, würden jede Aussage
verweigern. Was ihm nur recht sein kann.
„Niemals geht eine Frau zum Mahkama“,
sagt Mohammed Wazir. Solange
eine Frau einen männlichen Verwandten
habe, der für sie sprechen könne, werde
sie nicht zum Gericht geschickt. Die Opferfamilien
haben bereits bestimmt, wer
Zeugnis ablegen soll vor dem Gericht, es
sind die Ältesten, die Respektspersonen.
Dass sie nicht dabei waren, spielt keine
Rolle, Wahrheit ist hier nicht abhängig
von Augenzeugenschaft, sondern von
Autorität.
Rafiullah aber war dabei.
Er spielt im Garten des Hotels in Kabul
mit einem Mobiltelefon. Auch er kennt
sein Alter nicht genau, Wazir sagt, er sei
etwa so alt, wie sein Ältester war, als er
starb, also 15. Ein Flaum über der Oberlippe,
pechschwarzes Haar.
„Wir hatten erst eine Seite Schlaf.“ Das
ist die Antwort von Rafiullah, dessen
Haus der Täter wohl zuerst heimsuchte,
auf die Frage, wann er aufgewacht sei
vom Lärm der Schüsse, am 11. März 2012.
Er messe das Verstreichen der Zeit in der
Nacht anhand seiner Schlafposition, erklärt
er. Wache er in derselben Lage auf,
in der er und seine Geschwister sich hingelegt
hätten, seien vielleicht ein paar
Stunden vergangen seit dem Einschlafen.
Klar ist: Als der Täter das Haus von
Rafiullah im Dorf Alkozai wieder verlässt,
hat er vier Menschen umgebracht, die
erste Beute dieser Nacht. Etliche weitere
sind verwundet, darunter Rafiullahs
Schwester Zardana, die eine Hirnverletzung
erleidet und später mehrere Monate
zur Behandlung in den USA verbringt,
sie kann nicht mehr richtig gehen. Rafiullah
selbst überlebt mit einem Durchschuss
am linken Oberschenkel und einem
Streifschuss am rechten. Seit seine
Schwester zurück sei, sagt Rafiullah, würden
sie beide nicht mehr genug Schlaf bekommen,
weil „in fast jeder Nacht einer
von uns schreiend aus einem Traum erwacht
und den anderen weckt“.

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KarlMartell

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Re: Kandahar: "Ich will ihn haengen sehen"
« Reply #1 on: November 04, 2012, 08:41:36 am »
Aufgebrochen war der Mörder ungefähr
um ein Uhr nachts zu Fuß aus dem
nahen Camp Belambay, einem kleinen
Stützpunkt von amerikanischen Special
Forces. Die Festung steht in einem Risiko -
gebiet, über das die Amerikaner die Kontrolle
zu gewinnen hofften, eine Taliban-
Hochburg aus Sicht der Soldaten, Heimat
für Mohammed Wazir.
Nach der Schlacht in Rafiullahs Haus
geht der Täter zurück ins Camp und erzählt
dort angeblich einem Kameraden,
er habe draußen ein paar Zivilisten erschossen.
Der Soldat hält das für Unsinn,
er informiert niemanden. Dann, etwa
eine halbe Stunde später, bricht der Täter
ein zweites Mal auf, in die andere Richtung,
südwärts, nach Najiban. Diesmal
schlägt einer der afghanischen Wachleute
Alarm, die ganze Belegschaft wird geweckt,
alle durchgezählt, bald wird ein
Suchtrupp gebildet, ein Helikopter losgeschickt.
Der Mörder ist längst im Haus
von Mohammed Wazir.
Auf seinen Feldern, die direkt an die
Mauern des US-Camps Belambay grenzen,
produzierte der Bauer Mohammed
Wazir Granatäpfel, Maulbeeren und Trauben,
die seine Familie zu Rosinen trocknet,
seit Generationen. Drei Feinde machten
ihm seit langer Zeit das Leben schwer,
sagt er: die Taliban, die afghanische Armee
und die Amerikaner. Fast täglich seien
er und seine Leute von Soldaten kontrolliert
worden. Zwischen Dämmerung
und Sonnenaufgang gilt Ausgangssperre.
Der Distrikt Panjwai ist als Geburtsstätte
der Taliban-Bewegung bekannt, von hier
aus startete Mullah Omar 1994 die Revolution
der Radikalen. Zivilbevölkerung
und Aufständische sind bis heute schwer
zu trennen, oft sind sie identisch.
Er habe ja nicht nur Menschen verloren,
sagt Mohammed Wazir. Auch sein
Haus sei ihm genommen worden und sein
Boden, er könne und wolle nicht zurück,
lebe heute bei seinem Bruder in einer
Stadt namens Spin Boldak. Die Felder in
Najiban lägen brach, die Bäume seien vertrocknet.
Er sagt: „Meine Maulbeeren waren
so süß.“ Nie wird er so laut wie dann,
wenn er von seinen vernachlässigten
Pflanzungen spricht, der Gedanke daran
scheint ihn ähnlich zu schmerzen wie der
an seine verlorenen Kinder.
„Die Amerikaner, sie sprechen immer
von Menschenrechten, die sie uns bringen
wollen. Sind das Menschenrechte, wenn
man Kinder erschießt? Sind das Menschenrechte,
wenn man die Bäume verdorren
lässt? Welche Schuld, frage ich,
trifft den Granatapfelbaum, welche
Schuld trifft den Traubenstock? Meine
Maulbeeren waren so süß.“
In Bonney Lake im US-Bundesstaat Washington
versperrt eine Leine mit der Aufschrift
„Private Property“ den Zugang
zum Haus der Familie Bales. In dieser idyllisch
zwischen Wäldern und Seen gelegenen
Kleinstadt haben die meisten Leute
in der Einfahrt neben dem Auto noch ein
Boot auf einem Anhänger stehen. Bald
werden die Müllmänner kommen, blaue
Tonnen stehen vor allen Häusern am Stra
ßenrand, außer bei den Bales, denn hier
wohnt niemand mehr. Bales’ Frau und die
beiden Kinder sind aus Sicherheitsgründen
im nahen Armeestützpunkt Joint
Base Lewis-McChord untergebracht worden.
Der Mann an der Chevron-Tankstelle
sagt: „Wir fühlen alle mit Bobby. Er ist
ein großartiger Kerl. Es ist schwer zu glauben,
was da drüben passiert sein soll.“
Kari Bales hat bei ihren Besuchen im
Hochsicherheitsgefängnis von Fort Leavenworth
mit ihrem Gatten noch kein
Wort über die Ungeheuerlichkeiten gewechselt,
derentwegen man ihn festhält.
Sie frage nicht nach, hat sie gesagt. Denn
dieser Mörder, von dem alle reden, „das
ist nicht mein Bobby“.
Bales war Captain des Footballteams
seiner Highschool, ein All-American-Boy,
ein Leader-Typ, in elf Jahren bei der Armee
vielfach mit Ehrungen ausgezeichnet.
Er war dreimal im Irak, ehemalige Vorgesetzte
und Untergebene haben ihn als einen
Soldaten geschildert, der an die Sache
glaubte, der die Zivilbevölkerung mit Re -
spekt behandelte, der begriffen habe, dass
man Herz und Kopf dieser Leute gewinnen
müsse, ein strategisches Mot to der USArmee:
„winning hearts and minds“. Dass
Bales auch dunklere Seiten hatte, zeigen
Polizeiakten. 2002 wurde er in einem Hotel
festgenommen, die Anklage betraf eine
Tätlichkeit gegenüber einer Frau. Das Verfahren
wurde eingestellt, doch Bales musste
für 20 Stunden in eine Therapie zur Aggressionsbewältigung.
2011 war die Familie überzeugt, dass
Robert Bales’ Einsätze in Konfliktgebieten
beendet seien. Kari Bales erstellte in
ihrem Blog bereits eine Liste der Länder,
in denen sie am liebsten leben würde; sie
hoffte, ihr Mann werde bald auf einen
Armeestützpunkt in Europa versetzt. An
erster Stelle stand Deutschland, an zweiter
Italien. Dann kam der Marschbefehl
nach Afghanistan.
Warum tat Bales, was er tat?
Die Frage ist leicht zu parieren für John
Henry Browne. „Wir wissen nicht, was
er getan hat. Aber wir wissen, was der
Krieg ihm angetan hat.“
Wenn es zum Prozess kommt, was als
sicher gilt, wird für Browne nicht Robert
Bales vor Gericht stehen, sondern die ganze
Armeeführung, der ganze Krieg. „War -
um schickt man einen Mann, der am posttraumatischen
Syndrom leidet, der im
Irak bei einem Unfall einen Teil seines
Fußes verlor, zum vierten Mal in den
Krieg?“ Tausenden jungen Amerikanern
ergehe es ebenso wie Bales, man ordere
sie auf ein Schlachtfeld, um dort ihre toten
Freunde aufzusammeln, nach Hause
kämen sie als Wracks. Browne zitiert eine
Schlagzeile dieses Sommers, wonach seit
Beginn des Afghanistan-Kriegs mehr USArmee-
Angehörige Selbstmord begingen,
als im Einsatz zu Tode kamen.
Es gehört zu den Ironien dieses Falls,
dass der mutmaßliche Urheber eines Massakers,
das die Brutalität des Kriegs verkörpert,
von einem erklärten Kriegsgegner
verteidigt wird, und das vor einem Militärtribunal
mit einer Strategie, die aus einem
Killer ein Kriegsopfer machen will.
Für John Henry Browne ist das die Fortsetzung
eines anderen Kampfs: Als junger
Mann war er Teil der amerikanischen Anti-
Kriegs-Bewegung. Dem Vietnam-Einsatz
entkam er wegen seiner Körpergröße,
Männer über 198 Zentimeter wurden nicht
eingezogen. „Ich war zu groß, um kleine
Leute erschießen zu gehen“, sagt Browne.
Er ist kein Pazifist, aber den Einsatz in Af-
ghanistan lehnt er ab, „so wie mittlerweile
70 Prozent meiner Landsleute“. Die
Kriegsmüdigkeit der amerikanischen Öffentlichkeit
nimmt zu, auch wegen Fällen
wie den Morden von Kandahar.
Erst spät fügten die Ankläger ihrer Liste
von Vorwürfen ein für einen Mordfall
ungewöhnliches Vergehen hinzu: Besitz
und Konsum von Stanozolol, einem anabolen
Steroid, wie es Sportler und Bodybuilder
einsetzen. Der Mörder war womöglich
gedopt.
„Wie kam mein Mandant an diese Substanz?“,
fragt John Henry Browne, „steht
da irgendwo ein Medikamentenschrank
im Stützpunkt, woraus sich die Soldaten
bedienen?“ Browne will den Umgang der
Armee mit leistungssteigernden Substanzen
zum Thema machen, wenn es zum
Prozess kommt. Die Diskussion um aufgeputschte
und angstfrei gemachte Soldaten
in der US-Armee ist aktuell. 2008 ergab
eine Untersuchung des US-Verteidigungsdepartements,
dass 2,5 Prozent aller
Armeemitglieder illegal Steroide benutzen.
Mehr als 110 000 aktive Truppen -
angehörige, so meldete die „L.A. Times“
in diesem Jahr, nehmen von Armeeärzten
verschriebene Medikamente ein, Anti -
depressiva, Sedative, Amphetamine.
Browne wird solche Erkenntnisse in einen
Zusammenhang stellen mit der steigenden
Suizidrate in der Armee, mit den
sich häufenden Fällen von Kontrollverlust,
er wird das Bild einer Streitkraft am Rande
des Nervenzusammenbruchs zeichnen.
Mohammed Wazir steckt sich eine Zigarette
an, Pine heißt die Marke, ein
koreanisches Produkt, aber auf der Packung
steht „American Taste“.
Nur zwei Wochen nach der Tat erhielten
die Hinterbliebenen in Kandahar je
50000 Dollar pro Todesopfer und je 10000
Dollar pro Verletzten, in bar. Amerikanisches
Geld, als rasche Nothilfe bezeichnet,
nicht als Kompensation. Mohammed Wazir
wurde eine halbe Million zugesprochen,
für zehn verlorene Blutsverwandte.
Obwohl ein afghanischer Mitarbeiter der
BBC vor Ort war und US-Stellen die Zahlungen
bestätigten, lügt Wazir beim Gespräch
in Kabul, er habe niemals Geld
von den Amerikanern bekommen. Wer
Geld annimmt vom Feind, wird zur Zielscheibe
für die Taliban.
Morgen wird er nach Mekka gehen,
drei Männer begleiten ihn, eine Reise, die
ein Bauer aus Najiban sich nicht leisten
kann. Wegen der Pilgerfahrt wird er
wahrscheinlich die Anhörung in Kandahar
verpassen, aber er glaubt, dass man
ohne ihn nicht anfangen kann. Unter seinen
Begleitern ist sein neuer Schwiegervater.
Zwei Monate nach dem traurigen
Tag, Ghamgina Wraz, hat sich Mohammed
Wazir eine neue Frau genommen.
Er sagt, es sei keine Musik gespielt worden
auf der Hochzeit und man habe nur
hundert Gäste eingeladen.
11. März 2012, halb vier nachts. Als der
Suchtrupp aus Camp Belambay aufbricht,
sehen die Männer nach wenigen Metern
eine Gestalt auf sie zukommen, Sicherheitskameras
halten das Geschehen fest.
Der Mann, Bales, trägt einen afghanischen
Schal über seiner Uniform, er sinkt in die
Knie, legt seine Waffen nieder, streckt seine
Arme in die Luft. Fünf Tage später wird
er ausgeflogen nach Fort Leavenworth.
Dass es so lange dauern wird, bis der
Fall abgeschlossen ist, hat auch politische
Gründe. 2014 wollen die Vereinigten Staaten
ihre Truppen aus Afghanistan abziehen,
Diplomaten verhandeln aber mit der
Regierung Karzai über die Bedingungen
des Verbleibs bestimmter Kontingente
über diesen Zeitpunkt hinaus. Ein wichtiger
Diskussionspunkt ist die militärische
Rechtsprechung. Afghanistan möchte
Kriegsverbrecher wie den Killer von Kandahar
künftig selbst aburteilen, Amerikaner
wollen ihre Soldaten auf keinen Fall
afghanischen Gerichten aussetzen. Jeder
baldige Richtspruch eines US-Militär -
tribunals, das Robert Bales nicht mit dem
Tod bestraft, würde in Kabul als Skandal
aufgenommen und die Verhandlungen
gefährden.
Drei Uhr nachts in Najiban am 11. März
2012, am 21. Tag des zwölften Monats im
Jahr 1390, der Mörder hat sein Werk im
Haus von Mohammed Wazir vollendet,
niemand ist mehr am Leben. Auch der
Hund ist erschossen und sogar der Singvogel,
den Mohammeds Frau Zarah in einem
Käfig hielt, ist im Rauch der brennenden
Leichen verendet. Doch die Wut
des Täters hält an. Er pocht und tritt an
weitere Türen im Dorf, wahllos, diejenige
zum Haus von Mohammed Dawood lässt
sich öffnen. Was hier geschieht, in den
letzten Minuten des Amoklaufs, erzählt
der zehnjährige Hikmatullah, der zusah,
wie sein Vater erschossen wurde.
Der Soldat, immer wieder das Wort
„Taliban“ rufend, trampelt über schlafende
Kinder, weckt Mohammed Dawood
und dessen Frau, die zwei Töchter, die
vier Söhne. Der jüngste, Hasratullah, weniger
als ein Jahr alt, liegt in einer Krippe.
Die Mutter schreit, alle schreien, und der
Vater fleht um Gnade, der Eindringling
richtet ihn mit einem Kopfschuss. Er
könnte jetzt weitermachen, er könnte
mehr Kinder erschießen, weitere Frauen.
Er tritt an die Krippe und hält den Lauf
seiner Pistole in den Mund des Säuglings.
Als Robert Bales seinen Sohn, Bobby,
zum letzten Mal sah, bevor er nach Afghanistan
aufbrach, in den ewigen Krieg, war
der Junge ungefähr so alt wie dieses Kind.
Der Mörder lässt ab und geht zurück
in die Nacht.

SPIEGEL 45/2012, S. 54-59